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Arm durch Arbeit

Zusatzqualifizierung in Alphabetisierungskursen

Die prekäre Situation der Lehrkräfte in Integrationskursen ist seit Jahren bekannt. Nun setzt das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf eine Verbesserung der Situation. Allerdings nicht der finanziellen Lage der Lehrkräfte, sondern auf eine Verbesserung der Lehrqualität.

Es geht um die Alphabetisierungskurse. Lehrkräfte, die seit Jahren in diesem Bereich arbeiten, müssen nun eine Zusatzqualifizierung im Umfang von 80 Stunden absolvieren, damit sie weiterhin in Alphabetisierungskursen unterrichten dürfen. Die Kosten liegen zwischen 750 € und 850 € (DIALOG-Institut Dr. Kilian, Kassel). Sie werden vom BAMF übernommen. Das BAMF hat für die Alphabetisierungskurse extra ein 196 Seiten starkes Konzept vorgelegt, in dem sich nicht weniger als vier Curriculare Vorschläge für die verschiedenen Kurse, sowie eine Liste mit Lehrwerken befindet, die sich jedoch nur als „Vorschlag“ versteht. Dieser Hinweis ist wichtig, weil sonst der Verdacht entstehen könnte, das BAMF sei gegenüber den Lehrkräften weisungsgebunden.

Die Lehrkräfte sind nicht verpflichtet, die Zusatzqualifizierung zu machen, sie können jedoch vom Träger ab dem 1.1.2014 nur noch dann „beauftragt“ werden, wenn sie die Zusatzqualifizierung haben. So wird die Weisungsgebundenheit umgangen, die auf ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis schließen lassen würde. Dies hätte für die Träger zur Folge, dass sie die lästigen Sozialversicherungsbeiträge für ihre Lehrkräfte an die Rentenversicherung abführen müssten. Während das BAMF den Trägern zwar auferlegen kann, dass nur noch Lehrkräfte mit Zusatzqualifikation unterrichten dürfen, kann das BAMF den Trägern nicht auferlegen, ein bestimmtes Mindesthonorar an die Lehrkräfte zu zahlen, denn das verstieße gegen die Vertragsfreiheit, die zwischen Träger und Lehrkraft bestehe.

Für die Lehrkräfte ist mit der Zusatzqualifikation leider kein höheres Einkommen zu erzielen. Das BAMF erhöht zwar die Pauschale pro Unterrichtseinheit pro Teilnehmer auf 2,94 €, und schreibt: „Die Vergütungsgrenze für Lehrkräfte wird von 18 € auf 20 € angehoben.“ Das bedeutet vom Behördendeutsch ins Hochdeutsche übersetzt, dass die Träger auch weiterhin 10, 12 oder 15 € zahlen dürfen. Ihnen wird nicht die Zulassung entzogen, sondern sie müssen die Zulassung jedes Jahr neu beantragen. Diejenigen Träger, die 20 € zahlen, müssen die Zulassung nur alle drei Jahre beantragen. Wenn ein Träger also an 300 Tagen 2 Kurse zu je 5 Stunden laufen hat, und nur 15 € bezahlt, dann spart er gegenüber einem Träger, der 20 € zahlt, ganze 15.000 € ein. Dafür muss er aber, quasi als „Sanktion“, zwei Mal ein Fax an das BAMF schicken, um die erneute Zulassung zu beantragen. Die 15.000 € Steuergelder werden dem Dumpinglohnanbieter geschenkt.

Für die Lehrkräfte bedeutet die Zusatzqualifizierung einen enormen Verdienstausfall. Zwar werden die 750 bis 850 €, die der Träger pro Lehrkraft verdient, vom BAMF bezahlt. Die Kurse finden aber oftmals dann statt, wenn die Lehrkräfte ihr eigenes Geld verdienen, nämlich an Wochentagen. Wer seine Zusatzqualifizierung z.B. im Januar oder Februar 2013 im Sprachhaus in Köln macht, verliert acht Arbeitstage. Das sind 800 €, wenn man die 20 € „Vergütungsgrenze“ und 5 Stunden pro Tag zu Grunde legt. Bei DIALOG fällt zum Glück nur der Freitag und der Samstag aus, allerdings sollte man für die Zeit zwischen Freitag um 19.00 und Samstag um 8:30 eine Übernachtungsmöglichkeit im schönen Kassel suchen, wenn man nicht aus der Nähe kommt. Solche Nebenkosten, wie auch Fahrtkosten und Verpflegungskosten werden vom BAMF nicht übernommen, schließlich ist man ja „selbstständig“.

Bei dieser „additiven Zusatzqualifizierung“ hat man den Eindruck, als ob einige lobbystarke Firmen wie die Volkshochschulen und der Internationale Bund mal wieder einen Großauftrag brauchten. Gemäß dem Motto „Bildung ist immer gut“ werden Gelder in die Weiterbildungsindustrie gepumpt, und als Vorwand dient dem BAMF die fixe Idee, „dass die dortigen curricularen und methodischen Vorschläge nur dann optimal umgesetzt werden können, wenn die in Alphabetisierungskursen des Bundes tätigen Lehrkräfte entsprechende spezifische Kenntnisse besitzen.“ Dass dabei halbe Monatslöhne draufgehen ist dem BAMF total egal, da es ja, wie es selbst immer sagt, keine arbeitsvertraglichen Verbindungen zu den Lehrkräften hat. Es handelt sich schließlich nur um methodische und curriculare „Vorschläge“, und die Arbeit in Alphabetisierungskursen ist zum Glück freiwillig.

Folgenden Brief haben wir an die Damen und Herren des BAMF geschrieben:

An das
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Herrn Dr. Manfred Schmidt,
Frau Regina Jordan
Nürnberg

Sehr geehrter Herr Dr. Manfred Schmidt,

sehr geehrte Frau Regina Jordan,

die Initiative Bildung Prekär ist ein Bündnis von bundesweit über 500 freiberuflichen DaF/DaZ-Lehrkräften in Integrationskursen, die sich für eine Verbesserung der Situation der freiberuflichen Dozenten einsetzt und von der GEW unterstützt wird.

Wir haben die zweite Verordnung zur Änderung des §15 Abs. 3 Satz 2 der IntV zur Kenntnis genommen. Hier heißt es, dass ab dem 01.01.2014 Lehrkräfte, die vom BAMF anerkannte Alphabetisierungskurse bei Sprachkursträgern anbieten, eine Zusatzqualifikation für diese Kurse nachweisen müssen.

Die überwiegend freiberuflichen Lehrkräfte in Integrationskursen sind angesichts ihrer prekären Einkommenssituation nicht in der Lage, steigende Anforderungen an Qualifikation und Qualität Folge zu leisten.

Die Teilnahme an Maßnahmen zur Zusatzqualifikation ist trotz der derzeit noch gewährten 750 Euro Förderungsmittel unzumutbar. Die Qualifizierung findet zu einem erheblichen Anteil an Arbeitstagen statt, was für die Lehrkräfte sowohl einen 100%igen Verdienstausfall als auch eine Eigenbeteiligung von 50,- € sowie Fahrtkosten und gegebenenfalls Unterbringungs- und Verpflegungskosten bedeutet. Zudem wird uns nicht verbindlich in Aussicht gestellt, dass diese vom BAMF geforderte Leistungs- und Qualitätssteigerung endlich auch eine Verbesserung der Situation der Lehrkräfte nach sich ziehen wird. Dies betrifft sowohl den rechtlichen Status (Festanstellung) als auch eine angemessene Vergütung der Arbeit in den Integrationskursen.

Die Initiative Bildung Prekär bestärkt bundesweit freiberufliche Lehrkräfte für Integrations- und Alphabetisierungskurse darin, nicht an der Zusatzqualifikation teilzunehmen, solange sich die unerträgliche prekäre Beschäftigungssituation der Lehrkräfte nicht signifikant verbessert.

Der Erfolg der Integrationskurse darf sich nicht auf die Ausbeutung der Lehrkräfte stützen!

Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass die zuständigen Stellen im Innenministerium von der Forderung nach Zusatzqualifikation in Alphabatisierungskursen abrücken oder verbindlich eine Besserstellung der freiberuflichen Lehrkräfte zusagen.

Mit freundlichen Grüßen

Initiative Bildung Prekär
Stephan Pabel, Georg Niedermüller, Marion Bergmann
und 500 weitere Lehrkräfte

Am 8. Februar berichten wir hier über Sinn und Unsinn der Orientierungskurse, die Teil des Integrationskurses sind. Über Rückmeldungen freuen wir uns.