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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Buchtipp zum Wochenende

Muslime = Migranten oder Ausländer?

„Muslimbilder in Deutschland – Wahrnehmungen und Ausgrenzungen in der Integrationsdebatte“. Das ist der Titel einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen und von der Soziologin Naika Foroutan verfassten Publikation. Sie streitet für eine stärkere sachliche Fundierung der Debatten.

VONThilo Scholle

Der Verfasser ist Jurist. Er engagiert sich u.a. als Vorsitzender des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit e.V. (IDA), und arbeitet als Referent in einem Landesministerium in NRW.

DATUM21. Dezember 2012

KOMMENTARE25

RESSORTAktuell, Rezension

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Die Debatte über „den“ Islam und seine „Integrationsfähigkeit“ in Deutschland reißt nicht ab. Erschreckend ist dabei, wie sehr die öffentlichen Debatten nach wie vor von Vorurteilen und Rassismen geprägt sind. Ausgelassen wird dabei oftmals nicht nur, dass eine Religion immer auch das ist, was Menschen daraus im Alltag machen, sondern auch die Tatsache, dass persönliche Einstellungen und Lebenskonzepte immer von diversen Einflüssen geprägt sind, zu denen religiöse Prägungen gehören können, aber nicht müssen.

Unter das Label „Muslim“ werden daher meist alle Menschen mit einem Migrationshintergrund aus mehrheitlich muslimischen Ländern gefasst, unabhängig davon ob sie selbst sich über ihren Glauben definieren oder nicht. Darüber hinaus wird zwar gerne über „die“ Muslime diskutiert, nur selten aber darüber, welches Bild sich eigentlich die Mehrheitsgesellschaft von Muslimen macht und welche Auswirkungen dies auf Chancengleichheit und gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen hat.

Die Berliner Soziologin Naika Foroutan streitet für eine stärkere sachliche Fundierung der Debatten. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung hat sie in der vorliegenden Studie „Muslimbilder in Deutschland“ einige der wichtigsten Daten zu den Lebenslagen von Muslimen in Deutschland zusammengefasst. Der Untertitel des Textes macht bereits deutlich, worum es eigentlich geht: „Wahrnehmungen und Ausgrenzungen in der Integrationsdebatte“. Verdichtet wird dies in einer Zwischenüberschrift mit dem Titel „Muslime = Migranten oder Ausländer ≠ Deutsche“. Foroutan gibt einen knappen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Muslimen in Deutschland, und ordnet dann – gestützt auf verschiedene aktuelle Studien und Erhebungen – souverän und gut lesbar gängige Vorurteile vor dem Hintergrund der empirischen Forschung ein.

Für diejenigen, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen, bergen die vorgestellten Fakten wenig Neues: Vergleiche über Bildungserfolg und soziale Teilhabe von Muslimen hinken, wenn nicht auch die wirtschaftliche Situation der Regionen und Städte, die verglichen werden, mit in den Blick genommen werden. Der Rückzug in abgeschottete Parallelwelten spielt eine kaum messbare Rolle, der Wille zu gesellschaftlicher Teilhabe ist groß.

Download:
Naika Foroutan
Muslimbilder in Deutschland
Wahrnehmungen und Ausgrenzungen in der Integrationsdebatte

Gesprächskreis Migration und Integration der Friedrich-Ebert-Stiftung, 68 Seiten, Bonn, November 2012

Wichtig ist eine doppelte Erkenntnis: Zum einen ist die Benachteiligung von Muslimen im Bildungswesen nach wie vor nachweisbar: Während bei Personen ohne Migrationshintergrund im Jahr 2010 etwa 45 % der Personen zwischen 20 und 24 Jahren über die (Fach)Hochschulreife verfügten, waren dies bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund etwa 25 %. Innerhalb des Generationenverlaufs holen die benachteiligten Gruppen allerdings langsam auf, und erreichen im Vergleich zur Elterngeneration in Schnitt bessere Bildungsabschlüsse. Thesen von der angeblichen „bildungsferne“ von Muslimen entbehren also jeglicher Grundlage.

Die Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur empirischen Unterfütterung der öffentlichen Debatten. Sie kann damit einen Beitrag dazu leisten, den Fokus der Debatten ein wenig zu drehen: weg von einer Diskussion über „die“ Muslime, hin zu einer Diskussion, die vor allem Ausgrenzung und den Kampf um Chancengleichheit und Teilhabe – unabhängig von Herkunft oder Religion – in den Blick nimmt. Dies setzt aber auch voraus, dass sich mehr politische und gesellschaftliche Akteure positiv auf diese Forschungsergebnisse beziehen, und diese in den Auseinandersetzungen stark machen.

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25 Kommentare
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  1. Gast sagt:

    Sehr interessant ist auch die von Frau Foroutan erstellte Literaturübersicht der in Deutschland zum Themenkomplex Islam/Muslime erschienenen Publikationen zwischen 1961 und 2012. Die Liste ist downloadbar auf der Seite des Heymat-Projekts der HU Berlin.

  2. Lothar Schmidt sagt:

    „Wichtig ist eine doppelte Erkenntnis: Zum einen ist die Benachteiligung von Muslimen im Bildungswesen nach wie vor nachweisbar: Während bei Personen ohne Migrationshintergrund im Jahr 2010 etwa 45 % der Personen zwischen 20 und 24 Jahren über die (Fach)Hochschulreife verfügten, waren dies bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund etwa 25 %.“

    Ein Milchmädchennachweis. Warum sollte der nicht erreichte höhere Schulabschluss bei Migranten etwas mit Benachteiligung zu tun haben? Könnte nicht auch andere Faktoren eine Rolle spielen, wie zum Beispiel kulturell bedingte Bildungsferne oder kulturell bedingtes Bildungsdesinteresse? Die Schuld immer nur auf die Mehrheitsgesellschaft bzw. die Institutionen zu schieben, ist bisschen platt, wie ich finde.

  3. gast sagt:

    Wo genau befindet sich die Literaturübersicht zum download? Danke

  4. Gast sagt:

    @ gast:
    Die Liste ist hier abrufbar:
    http://www.heymat.hu-berlin.de/dossiers

    Es ist der unterste Link auf der Seite mit dem Titel:
    „Zusammenstellung der Publikationen mit Bezugnahme auf Islam und Muslime in Deutschland seit Beginn des Einwanderungsabkommens mit der Türkei 1961 (pdf)“

  5. Brandt sagt:

    @Lothar Schmidt

    Da fassen Sie sich einmal an die eigene Nase, was die Plattheit betrifft. Kultur ist keine operationalisierbare Variable. Bildungsforschung macht man am besten mit randomisierten Feldstudien. Aber es gibt noch etwas besseres:

    Im Jahr 1991 sind in Israel 15 000 äthiopische Juden mit ihren Kindern von Addis Abeba augeflogen und auf Gemeinden in ganz Israel veteilt worden. Wir haben sozusagen ein natürliches Experiment. Die Eltern der Kinder sind im Schnitt ein bis zwei Jahre zur Schule gegangen, während die Eltern der israelischen Kinder 11,5 Jahre hinter sich hatten.

    Von den äthiopischen Kindern hatten 65% die 12.Klasse erreicht, bei den Kindern der russischen Immigranten waren es 75%.

    Wenn die Bedingungen stimmen, dann kann man selbst die größten Unterschiede weg machen. Aus diesem Grund kann man den Institutionen sehr wohl Vorwürfe machen. Denn Bildung ist keine normale renditetragende Investition. Bildung hat neben Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit, Lebenserwartung, Einkommen auch Folgewirkungen auf die nächste Generation.

  6. Lothar Schmidt sagt:

    @Brandt

    Sie schreiben hier von Juden. Richtig, Juden sind weder bekanntermaßen schwer- bis nicht-integrierbar noch kulturell bedingt bildungsfern. Ein Beleg für meine These:

    Kulturell bedingte Bildungsferne oder kulturell bedingtes Bildungsdesinteresse sind sehr häufig die Ursache für späteres Versagen im Arbeitsleben und damit einhergehend Armut, Isolation, Rückzug. Meine Frau arbeitet im Arbeitsamt im Jugendprogramm für Menschen unter 25… Bildungsdesinteresse ist vor allem bei türkisch-arabischen männlichen(!) Jugendlichen zu finden. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus der Schulzeit. Wie gesagt, wichtig, nur bei einem Teil, nicht bei allen.

    „Wenn die Bedingungen stimmen, dann kann man selbst die größten Unterschiede weg machen.“

    Richtig. Die Bedingungen sind aber NICHT ausschließlich Parameter der Mehrheitsgesellschaft, sonder VOR ALLEM auch der Immigranten. Hätte Ihr Beispiel mit syrischen Muslimen genauso funktioniert? Wie hätten Sie ein eventuelles Versagen dieser gedeutet? Rassismus?

    Gott zum Gruße

  7. aloo masala sagt:

    @Lothar Schmidt

    Was ist „kulturell bedingte Bildungsferne“ oder „kulturell bedingtes Bildungsdesinteresse“? Ist das eine Bildungsferne, die durch die Kultur begründet ist? Bedeutet das, dass die Mehrheit der Angehörigen einer Kultur bildungsfern und folglich ungebildet sind? Ist das nicht etwas zu viel des guten Rassismus, den Sie heir verzapfen?

    Warum trifft dann paar Sätze später die kulturell bedingte Eigenart nur noch auf einen Teil zu und nicht auf dem überwiegenden Teil? Ich dachte, Bildungsferne wird kulturell von den dummen Hinterwäldlern gehegt und gepflegt? Ist das nicht etwas widersprüchlich, was Sie hier verzapfen?

    Aus statistischen Erhebungen weiß ich, dass Männer ab Schuhgröße 39 gewalttätiger als der Rest der deutschen Bevölkerung ist. Folgt daraus, dass große Füße bei Männern eine kriminelle Energie erzeugen? Ein bildungsferner Naivling wird vielleicht solche hanebüchenen, kausalen Zusammenhänge zu konstruieren versuchen.

    Von Bildungsferne zeugt es auf jeden Fall, wenn man beharrlich auf Scheinkorrelationen vertraut, weil sie so gut in das eigene rassistische Denkmuster passen und anders lautende Informationen ignoriert. Seit Jahren ist bekannt, dass das deutsche Bildungssystem vor allem Schüler der unteren sozialen Schichten, egal aus welchen Kulturkreises sie stammen, mehr benachteiligt als jedes andere Industrieland. Der kulturell bedingt (ein)gebildete Lothar Schmidt hat offenbar noch nie etwas davon gehört.

  8. Lothar Schmidt sagt:

    @massala

    Erstens: lassen Sie doch mal bitte Ihre Frechheiten. Ich weiß, es fällt Ihnen sicher schwer, sachlich zu argumentieren, aber etwas bemühen könnte man sich ja schon.

    Zweitens: Egal, was SIE verzapfen, Fakt ist: nicht-bildungsferne Einwanderer aus Ostasien sind (sogar per Studie belegt) erfolgreicher in der Schule als einheimische Kindern. Bei Asiaten steht Bildung hoch im Kurs, ebenso bei Juden und Osteuropäern. Also, nix mit Benachteiligung, weil arm. Das ist Ihre simplifizierte Sicht der Dinge, weil sie in Ihr Denkmuster passt: böse deutsche Rassisten benachteiligen arme ausländische Kinder.

    Aber schon lustig, wie man versucht, die Schuld auf die Mehrheitsgesellschaft zu schieben, anstatt mal bei sich selbst zu suchen. Die anderen sind schuld, wir können nichts dafür. Das zieht aber langsam nicht mehr.

    Gott zum Gruße

  9. aloo masala sagt:

    @Lothar Schmidt

    +++
    lassen Sie doch mal bitte Ihre Frechheiten.
    +++

    Eine Frechheit ist, wenn Sie Türken und Araber kulturbedingt Bildungsverweigerung vorwerfen, obwohl Sie als gebildeter Deutscher inzwischen wissen müssten, dass gerade Kinder/Jugendliche aus strukturell-sozialen Unterschichten vom deutschen Bildungssystem benachteiligt werden, wie in keinem zweiten Industrieland. Das komplette Versagen der deutschen Bildungspolitik gleich ganzen Kulturen mit dem Verweis auf Bildungsferne in die Schuhe zu schieben ist ein, rassistischer Unsinn, den Sie vielleicht ungestört beim Kaffee mit Ihrer Frau absondern können, aber hier in diesem speziellen Forum zu einer entsprechend scharfen Antwort führt. Das müssen Sie schon aushalten, wenn Sie Ihre menschenfeindlichen Gesinnungen hemmungslos Gassi führen.

    +++
    nicht-bildungsferne Einwanderer aus Ostasien sind (sogar per Studie belegt) erfolgreicher in der Schule als einheimische Kindern. Bei Asiaten steht Bildung hoch im Kurs, ebenso bei Juden und Osteuropäern.
    +++

    Sie wiederholen den gleichen Fehlschluss, den ich im letzten Kommentar erwähnt hatte: Studien belegen auch, dass Männer ab Schuhgröße 39 gewalttätiger als der Rest der deutschen Bevölkerung ist. Folgt daraus, dass große Füße bei Männern eine kriminelle Energie erzeugen?

    Ihre Studien kann ich bestätigen. Folgt jedoch daraus, dass Türken und Araber bildungsferner als Osteuropäer und Vietnamesen sind? Oder besteht eine Korrelation bezüglich Bildungserfolg und sozio-strukturellen Merkmalen?

    Werden die Milieuunterschiede in Studien herausgerechnet, so sind Kinder mit Migrationshintergrund mindestens so erfolgreich wie ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund – oder sogar erfolgreicher.

  10. Kolcek sagt:

    @aloo masala

    Ich finds Schade, dass sie nicht versuchen den Kommentar von Lothar Schmidt ein bisschen ernster zu nehmen. Man kann durchaus behaupten, dass „Türken und Araber“ meist bildungsferner oder weniger Bildungsinteressiert, als Osteuropäer oder Vietnamesen. Wenn dann noch das Problem hinzukommt, dass die Eltern kein Wort Deutsch sprechen können und ihren Kindern somit auch nicht die Sprache des Landes in dem sie zur Schule gehen wollen, beibringen können, dann hat man schon 2 Probleme. Vor allem türkische Eltern, geben einem oft das Gefühl, dass das beherrschen der türkischen Sprache in Deutschland notwendiger wäre als Deutsch. Wer so denkt, darf sich nicht wundern, wenn das Kind in der Schule gegenüber den Einheimischen Kindern benachteiligt sind. Die Kinder sind nicht Schuld, es sind die Eltern, die durch ihre Bildungsferne nicht wissen wie man ein Kind in einem Industrieland erziehen müssen, um erfolgreich zu sein.

    Die Theorie, dass die Lehrer sich die Türken und Araber herauspicken und sie absichtlich durchfallen lässt bzw. benachteiligen, ist nicht besonders kreativ, aber typisch für die betroffene Gruppe. Am Ende war es halt der Lehrer und nicht das eigene Versagen. Das kenne ich auch noch so aus meiner Schulzeit. Hab ich auch jedesmal behauptet, wenn ich eine schlechte Prüfung mit nach Hause gebracht habe. Dass ich während dem Unterricht nicht aufgepasst habe und lieber mit meinem Banknachbarn dummheiten gemacht habe, verheimlichte ich und konnte ja auch keiner mir nachweisen.
    Also sorry, aber geh doch mal in Schulen wo Araber und Türken die Mehrheit stellen, da geht es doch meist nur noch darum, wer der krasseste Gangster ist und den Lehrer am wenigsten Respekt entgegen gebracht hat. Da darf man sich nicht wundern und Ursache und Wirkung verwechseln.


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