Brückenbauer - Jahresrückblick Integration 2012 - MiGAZIN

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Wenn Ausländer [...] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze [...] und als Bedrohung der Sicherheit [...] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl [...] Forschungsverbund “Probleme der Ausländerbeschäftigung” / 1979 1979

Brückenbauer

Jahresrückblick Integration 2012

Jahresrückblicke für Politik, Sport, Musik, TV-Highlights und Wirtschaft sind gang und gäbe, warum nicht auch mal einen Jahresrückblick für Integration. Welche Debatten haben uns „Integrations-Nerds“ (mein Integrations-Wort des Jahres 2012 – abgehört von Uli Kober, Bertelsmann-Stiftung) im letzten Jahr bewegt und aufgeregt?

VONRoman Lietz

 Jahresrückblick Integration 2012
Der Autor ist Projektorganisator für Integrationsprojekte und Interkultureller Trainer. Er lebt und arbeitet in Berlin. Seit Ende 2011 engagiert er sich im Forum der Brückenbauer, ein multiethnisches und multikonfessionelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundesebene für Integration engagieren. Hervorgegangen ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspektivischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM21. Dezember 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Auch wenn die „Dönermorde“ schon 2011 zum Unwort gewählt wurden, bleibt das Klammerthema des Jahres 2012 der NSU-Terror. Kaum eine Woche ohne teils haarsträubende Neuigkeiten. Eine bewegende und irgendwie auch versöhnliche Gedenkfeier fand Anfang des Jahres statt. Ein Untersuchungsausschuss wurde gegründet. Vieles wurde gesagt, diskutiert und aufgeschrieben. Papier ist ja bekanntlich geduldig, geduldiger als so mancher Beteiligter, denn auch das geduldigste Papier kann mitunter in säuberliche Längsstreifen verwandelt und der Geschichte überantwortet werden…

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Natürlich gibt es keine ernstzunehmende Stimme in Deutschland, die sich fremdenfeindliche Straftaten wünscht. Entsprechende Organisationen wurden aufmerksamkeitswirksam verboten, wie in Nordrhein-Westfalen. Oder es wird ein Verbot geprüft, wie bei der NPD.

Aber auch 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen und Mölln ist der Diskurs um Migration und Integration hitzig wie ehedem. Fragen um das Thema Asyl bleiben brisant: Stehen einem Asylbewerber die gleichen Leistungen wie einem Hartz-IV-Empfänger zu? Woher dürfen Asylbewerber kommen? Wo müssen sie sich aufhalten? Was ist der bequemere Schlafplatz: Die Isomatte am Pariser Platz oder lieber das Séparée am neuen Berliner Flughafen?

Verbessert hat sich andererseits die Situation zumindest für einige Personen mit ausländischen Berufsabschlüssen, dank des Anerkennungsgesetzes, das am 1. April in Kraft trat und dem Fachkräftemangel in Deutschland etwas entgegensetzen soll.

Dass Fremdheit aber nach wie vor verstörend wirkt und unser Zusammenlebens-Mix aus Freiheit und Sicherheit immer wieder vor neue Aushandlung gestellt ist, dass wir lernen müssen, Ambiguitäten auszuhalten, zeigen zwei kontrovers geführte Debatten: Jene über polizeiliche Personenkontrollen auf Grund der Hautfarbe, das so genannte Racial Profiling, und eine zweite, teils groteske Züge annehmende Diskussion um zwei Zentimeter männlicher Haut. Was hat uns das den Sommer kurzweilig gemacht…!

Zumindest hat diese durchs Dorf getriebene Sau andere Säue vertrieben: Die Koran-verteilenden Salafisten und die Öl ins Feuer gießenden Demonstranten der PRO-Bewegung, vielleicht das Thema des Frühlings.

Doch auch danach wurde es nicht ruhig, denn auch der Herbst hatte seine Debatte, die man sich gerne gespart hätte: jene der „Sicherheitspartnerschaft“ über „vermisste“ Jugendliche.

Vergleichsweise sachlich ging es dagegen in Norwegen zu, wo Anders Breivik zu mindestens 21 Jahren Haft verurteilt wurde. Hoffentlich müssen wir seinen Namen nie wieder in einem Jahresrückblick erwähnen.

Richtig unsachlich war dagegen der „Film des Jahres“ oder eher gesagt „Un-Film des Jahres“: “Die Unschuld der Muslime“. Auf diesen substanzlosen Beitrag und auf die dazugehörige nervöse Diskussion hätte man gerne verzichten können.

Unverzichtbar für einen Jahresrückblick Integration sind natürlich Uwe Schünemann („Arbeitgeber sollen verdächtige Muslime melden“), Heinz Buschkowsky („Neukölln ist eine No-Go-Area“) und, was hier mal gesagt werden muss, Günther Grass.

Auch der Sport spielt in jedem Jahresrückblick eine große Rolle. Nein, kein Jubelgesang mit unserer interkulturellen Fußball-Nationalmannschaft, denn wir mussten lernen: Singen oder Nicht-Singen, das ist hier die Frage. Viel Lärm um nichts. Aber auch in London gehen die Chancen des Olympiateams auf den Integrations-Gewinner-Preis 2012 mit Nadya Drygalla sprichwörtlich den Bach runter.

Eigentlich würde ich als Gewinner des Jahres stattdessen gerne das MiGAZIN ausrufen, das gegen namhafte Konkurrenz den Grimme-Online-Award in der Kategorie Information gewonnen hat. Aber eine zu große Nähe zu den Medien kann auch nachteilig sein…

Das durfte auch Innenminister Friedrich erfahren, dessen Studie „Lebenswelten Junger Muslime“ auf mysteriöse Weise vorab der BILD-Zeitung zugespielt wurde und – im Übrigen methodisch zweifelhaft – interpretiert wurde. Und auch Christian Wulffs Verhältnis zu den Medien hat uns schließlich eine neue Diskussion darüber beschert, ob Joachim Gauck wirklich „unser“ Präsident werden kann.

Da fällt es mir leichter, den Verlierer des Jahres auszurufen: Das geschredderte Vertrauen in die Sicherheitsorgane. Vor allem geprägt durch das Chaos um die Aufklärung der NSU-Morde, wie gesagt, das Klammerthema des Jahres.

Das war also 2012. Es ist zu befürchten, dass wir auch nächstes Jahr noch genug Stoff zum Diskutieren kriegen. Die Affären rund um die NSU sind sicher noch nicht durch und auch die Hintergründe zur Bombe am Bonner Bahnhof sind noch nicht geklärt. Glaubt man der jüngsten Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, sind Ausländerfeindlichkeit und Antiislamismus weiter verbreitet als man wahrhaben möchte. Auch Angriffe auf Juden, wie dieses Jahr in Toulouse oder Berlin-Friedenau, bleiben womöglich keine Einzelfälle, sofern wir dem nicht klar unser Plädoyer für ein gesellschaftliches Miteinander entgegensetzen.

Allen Integrations-Nerds also alles Gute, viel Erfolg und standhafte Überzeugungsarbeit für 2013!

PS: Nicht in diesen Jahresrückblick schafft es übrigens ein Event, von dem man es eigentlich hätte erwarten können: Der 5. Integrationsgipfel mit Nationalem Aktionsplan. Aber kann sich noch irgendjemand daran erinnern?

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Ein Kommentar
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  1. [...] Jahr zusammenzufassen. Unser Brückenbauer-Kolumnist Roman Lietz hat es dennoch geschafft, den „Jahresrückblick Integration“ zu schreiben. Viel Spaß beim Revuepassieren des Jahres [...]



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