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Glosse

Binsenweisheit

Mit Binsenweisheiten kommt man meiner Erfahrung nach ziemlich weit. Sofern man sie befolgt. Eine Binsenweisheit ist ein Stück Wissen, das jedem bekannt ist, und nach dem sich praktisch niemand richtet.

Eine Binsenweisheit ist ein kluger Spruch, bei dem man innerlich mit den Augen rollt. Weil er meist moralinsauer daher kommt und man ihn tausend Mal gehört hat. Der Augenroller übersieht dabei allerdings, dass es sehr unterschiedliche Formen gibt, kluge Sprüche zu rezipieren. Etwas tausend Mal gehört zu haben, besagt gar nichts. Außer, dass man imstande ist, den Spruch fehlerfrei zu wiederholen. Zweifellos wird man das meistens auch tun – viel später. Wenn man sich irgendwie an die Binsenweisheit gewöhnt hat und sie nicht mehr nervig findet.

Das ist in der Regel dann der Fall, wenn man selbst Kinder hat. Ohne es zu merken, plappert man Binsenweisheiten irgendwann nach. Warum, weiß der liebe Himmel. Vielleicht, weil man sich dann erwachsen vorkommen kann. Man plappert sie also nach, und zwar ohne sie je verstanden, geschweige dann umgesetzt zu haben. Die kommende Generation wird diesen Spruch dann genauso nervig finden und genauso wenig verstehen. Indem man seine Kinder mit Binsenweisheiten indoktriniert, während man selbige selbst weder verstanden hat noch sie im eigenen Leben verwirklicht, lehrt man die Kinder nur zwei Dinge: Erzogenwerden ist scheiße und das ganze Leben ist ein Fake. Das beginnt übrigens mit dem Weihnachtsmann, mit dem ich ein besonderes Hühnchen zu rupfen habe. So nett und kinderfreundlich der Weihnachtsmann sein mag: In erster Linie ist er eine dicke, fette Kommerzlüge. Der Nikolaus ist mir viel sympathischer.

Erich Fromm erklärt in „Die Furcht vor der Freiheit“, wie kleinen Kindern die Spontaneität und der Sinn für die Wahrheit ausgetrieben wird. Unter „Spontaneität austreiben“ verstehe ich nicht, wie die 68-er, den plötzlichen Impuls, ein rohes Ei an die Wohnzimmerwand zu werfen oder den Wecker mit einem Hämmerchen zu zertrümmern (Was man nichtsdestoweniger unbedingt mal ausprobiert haben sollte). Sondern die Fähigkeit, eigene Gedanken und Empfindungen zu haben und auch wahrzunehmen. Ob man sie anschließend auch aussprechen und umsetzen muss, ist eine andere Frage.

Das heißt – die Frage ist eigentlich, ob man sich zutraut, mit der Reaktion der Umwelt darauf zurecht zu kommen. Begeistert ist die nämlich höchst selten. Kleine Kinder haben in der Regel einen Sinn für Authentizität. Dieser wird ihnen jedoch auf verschiedene Weise aberzogen. Wenn Mutti täglich Wasser predigt und Wein trinkt, verliert das Kind diesen Sinn. „Du kannst die Schaufel doch auch mal abgeben! Sei nicht immer so egoistisch!“ sagt Mutti vielleicht auf dem Spielplatz. Während sie in gelangweiltem Leierton predigt, steckt sie sich eine ins Gesicht. Und selbst gibt sie keine Schaufeln ab. Beziehungsweise Zigaretten, Autos oder irgendwelche anderen Erwachsenengegenstände. Bekanntermaßen regt man sich bei anderen mit Vorliebe über jene Eigenschaften auf, wo man selbst einen Schwachpunkt hat. Da sich das Kind mit den Eltern identifiziert, nimmt es solche Widersprüche irgendwann nicht mehr wahr. „Es dauert nicht lange, bis das Kind die ‚Reife’ des durchschnittlichen Erwachsenen erreicht und sein Vermögen verliert, zwischen einem anständigen Menschen und einem Schuft zu unterscheiden“ heißt es in „Die Furcht vor der Freiheit“.

Imageproblem, das Buch von Anja Hilscher, erscheint am 23. April 2012.

Äußern Kinder spontan irgend etwas, so wird es entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder in Frage gestellt. Vielleicht möchten sie die Jacke ausziehen, weil ihnen warm ist. „Heute ist es kalt! Guck, da ist ein Thermometer! Nur fünf Grad!“ lautet dann die Antwort. Möglicherweise gesteht man dem Kind auch zu, dass es tatsächlich schwitzt. Trotzdem darf es die Jacke nicht ausziehen, weil man es gewohnt ist, den Signalen des Körpers zu misstrauen. Das heißt: Wir sind es gewohnt. Und bald auch die Kinder. Wozu gibt es Experten? Die sagen uns, was wir sehen, hören, wollen und fühlen müssen. Ärzte, Wissenschaftler, Imame. „Folge der Natur, die Allah geschaffen!“ ist eine klassische Binsenweisheit. Zu finden im Koran.

Man kann diesen Vers, mit ein wenig kranker Phantasie, wunderbar vermurksen und pervertieren. Etwa kann man daraus ableiten, dass Homosexuelle verfolgt werden müssen. Man kann ihn allerdings auch genau so verstehen, wie er da steht. Ich plädiere für Letzteres. Wenngleich man mit einer solch unerhörten Auslegung zuweilen auf Unverständnis stoßen wird. Zumal, wenn man sich zur Rechtfertigung auf Gewissen und gesunden Menschenverstand beruft. „Haben wir euch nicht zwei Augen und zwei Ohren gegeben?“ lautet, glaube ich, ein anderer Vers. Beim Kauf von Kleidung lässt sich immer wieder Folgendes beobachten: Der Kunde dreht und wendet das Kleidungsstück und beäugt es misstrauisch. Schließlich geht er zur Verkäuferin und fragt: „Entschuldigung – können Sie mir sagen, welche Größe das ist?“ Nun weiß jeder, dass Größen verschieden ausfallen. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Kunde in der Regel zwei funktionierende Augen im Kopf hat. Er sieht ja, wie groß das Teil ist, es sei denn, er hat Makuladegeneration. Das ist eine Augenkrankheit. Übrigens spricht man das Makula-Degeneration, nicht Makulade-Generation, wie ich früher immer dachte. Man hat keine Ruhe, so lange man die Zahlenkombination nicht kennt, die auf diesem Etikett steht. Ich kenne das.

Es ist ja tatsächlich kaum möglich, sich von solchem wahnsinnigen Verhalten zu befreien, das heutzutage als psychisch vollkommen gesund gilt. Sind wir nicht alle mit Drohungen oder Tricksereien und Lügen aufgewachsen? Sind wir nicht alle der Natur in jeder Hinsicht vollkommen entfremdet? Erich Fromm vertritt deshalb, sofern ich ihn richtig verstanden habe, die Ansicht: Lieber ein kleines, wohlgehegtes Neuröschen als nach heutigen Standards als „psychisch gesund“ zu gelten. Das ist tödlich. Es besagt lediglich, dass wir uns vollkommen an den Wahnsinn und die Kommerzlügen gewöhnt haben, und wiegt uns zudem in trügerischer Zufriedenheit. Es widerspricht den heeren islamischen und buddhistischen Idealen des Einsseins mit sich selbst vielleicht etwas, aber ich meine: Eins sein? Schön und gut – aber bin ich Buddha? Nein! Es kommt nämlich ziemlich darauf an, womit ich eins bin. Angesichts der gestörten Welt, in der wir leben, ist es sicher nicht schädlich, wenn wir gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit kultivieren. In Maßen natürlich. Alles immer in Maßen – das ist eine weitere islamische Binsenweisheit, mit der man sehr weit kommt. Eine dicht über uns schwebende Instanz, die uns beim Kaufen von Winterunterwäsche, die unbedingt Größe 38 sein muss, beobachtet, und uns durch selbstironische Kommentare auf den „Sirat-al-Mustaqim“, den „geraden Weg“ zurück führt – was soll daran schlimm sein? Natürlich meine ich das nicht ganz ernst. Trotzdem. Es ist was dran.