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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben unsere Behörden über Jahrzehnte in eine Abschottungskultur hineinentwickelt. Man hat gesagt: Haltet uns die Leute vom Hals, die wollen alle nur in unsere Sozialsysteme einwandern. Jetzt müssen wir deutlich machen, dass wir Fachkräfte brauchen, dass wir um sie werben müssen.

Peter Clever, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, April 2013

Ginkgo Biloba

Ein Migrantenkind am Nikolaustag

“Es hat braune Augen und schwarzes Haar”, lautet diesmal die erste Zeile. Neşe Tüfekçiler appelliert auf ihre Art – poetisch und Weise.

VONNeşe Tüfekҫiler

 Ein Migrantenkind am Nikolaustag
Die Autorin (geb. 15.09.1972) ist das zweite Kind türkischer Gastarbeiter und in Bremen groß geworden. Nach ihrer Ausbildung im kaufmännischen Bereich und dem Abitur, studierte Sie Betriebswirtschaften. Sie ist Frauenmentorin und ehrenamtlich im Vorstand der UETD Bremen. Die MiGAZIN Kolumnistin schreibt an einem Deutsch-Türkischen Lyrikband und veröffentlicht ihre Gedichte in der Zeitschrift „Im Labertal“.

DATUM6. Dezember 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Es hat braune Augen und schwarzes Haar,
ist gesund und munter, ja neugierig sogar.
Vorerst, ist die Welt sehr bunt und fröhlich,
nur bis jemand fremdelt, wie gewöhnlich.

Nun ist es gerade im fünften Lebensjahr,
wie jedes andere Kind lebhaft, wunderbar.
Läuft mit viel Stolz auch am Nikolaustag;
Freude auf Geschenke, wie jeder sie mag.

Es tummeln sich viele Kinder in der Stadt;
Im Kopf das Gedicht, das es gelernt hat.
Viele sind geschminkt, verkleidet, famos;
Aufregend, wo bleibt der Nikolaus bloß?

Unser Migrantenkind ist nun an der Reihe,
beginnt fröhlich den Vers; es folgt Geschreie:
„Hau ab du stinkendes Türkenkind!“
Was fühlt denn nun ein Migrantenkind?

Zum Glück war vorher die Schwester dran,
die nahm die Geschenke nicht mehr an.
Gab alles zurück, sagte nur folgenden Satz:
„Wie gemein, Kinder sind der größte Schatz!“

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12 Kommentare
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  1. burak sagt:

    ja, dieses gefühls kenne ich zugut, bei mir war es damals als ich zu weihnachten halleluja sang, kinder schauten mich an und sagten“ schau mal der türk singt halleluja“ ich verstand die welt nicht mehr, dabei war ich so glücklich als ich sang. solche erlebnisse hinterlassen tiefe narben und wunden.

  2. Kolcek sagt:

    Kommt der Nikolaus nicht ursprünglich aus dem Gebiet der heutigen Türkei?

  3. Hosenmatz sagt:

    Hallo Kolcek,

    richtig, der Nikolaus bzw. Nikolaus von Myra (heute: Demre in der Nähe von Antalya) stammt aus dem Gebiet der heutigen Türkei und war dort Bischof. Myra war zu dieser Zeit Bischofssitz.

    Er starb an einem 6.Dezember, dem heutigen Sankt Nikolaustag. Sein Begleiter, der Knecht Ruprecht oder u.a. auch Krampus (das gezähmte Böse) genannt, sind wohl eher eine mittelaltlerliche, deutsche Erfindung.

  4. Lionel sagt:

    „Viele sind geschminkt, verkleidet, famos“ – mich irritiert diese Zeile.

    Kinder schminken und verkleiden sich nicht am Nikolaustag .
    Gibt es da eine Verwechselung mit Karneval – oder neuerdings Halloween?

  5. Hosenmatz sagt:

    @Lionel

    mich stört ein bisschen die Aussage des Textes. Migrantenkinder, die Guten. Einheimischenkinder (oder westlich, christlich aussehende) Kinder die Bösen. Was will uns der Text sagen? In meiner Kindheit durften die Türkenkinder von ihren Eltern aus gar nicht mitlaufen an diesen Tagen. Das ist halt einfach so, wir waren dafür nicht an den Schönheiten des Zuckerfestes beteiligt. Aber auch wenn Türkenkinder heute mitlaufen, ich glaube nicht, dass es üblich ist, sie als „stinkende Türken“ zu beschimpfen und zu verjagen. Solch eine Unterstellung ist für mich persönlich Rassismus, und zwar den Einheimischen gegenüber. Einseitige Schuldzuweisung, so kommen wir einfach nicht weiter.
    Denken Sie mal darüber nach, liebe Frau Autorin. Mit solchen Gedichten schüren Sie noch mehr Hass auf beiden Seiten.

  6. Hosenmatz sagt:

    „ja, dieses gefühls kenne ich zugut, bei mir war es damals als ich zu weihnachten halleluja sang, kinder schauten mich an und sagten” schau mal der türk singt halleluja” ich verstand die welt nicht mehr, dabei war ich so glücklich als ich sang. solche erlebnisse hinterlassen tiefe narben und wunden.“

    Und sowas machen natürlich nur deutsche Kinder muslimischen Minderheiten gegenüber oder wie? Ich war auch mal in einer kleinen Moschee, ein Freund hatte mich mitgenommen zum Fastenbrechen. Ich war ebenfalls so froh, mal sowas wirklich kennenzulernen. Dort waren auch Leute, die gesagt haben, was wir hier wollen und zu suchen haben. Ab diesem Tag hat sich mein Verhältnis zu Türken nicht mehr richtig gebessert. Ich wusste instinktiv: Religionen separieren. Leider.

  7. Neşe Tüfekçiler sagt:

    @ Lionel
    Vor 35 Jahren hat man die Kinder als kleiner König, Engel oder Nikolaus verkleidet und geschminkt, ob das heute noch überall praktiziert wird, kann ich nicht sagen 😀

  8. Lionel sagt:

    @Hosenmatz

    Sie sollten sich von der Illusion verabschieden, dass von bestimmter Seite irgendetwas sachlich-neutrales (von positiv will ich gar nicht sprechen) kommt.
    Die Aussage ist klar: Die Deutschen hassen kleine Türkenkinder.
    Die finden zwar Karneval toll und stehen für Kamelle in der ersten Reihe, während die Eltern, vorsichtig ausgedrückt, etwas distanziert sind.
    Sei’s drum.

    @Nese Tüfekciler

    Kinder wurden am Nikolaustag als Engel, König oder Nikolaus verkleidet?
    Sorry, wo soll das stattgefunden haben, ein solches Brauchtum ist mir unbekannt.

  9. Wolfram Obermanns sagt:

    @ Lionel
    In Kindergärten und Grundschulen, die z. B. ein Licherfest feiern statt Martin, mag es solche verdisneyte, innhaltsleere Veranstaltungen gegeben haben und immer noch geben.

    Das Resultat war/ist dann auch entsprechend.

  10. Torgey sagt:

    @ Hosenmatz und Lionel: Ich finde das Gedicht auch etwas plakativ. Aber: In Ihren beiden Kommentaren scheint schon soviel Ressentiment durch, völlig ohne Begründung ist es vielleicht doch nicht. Die Aussage darauf zu verkürzen „Migrantenkinder gut – „Einheimische“Kinder schlecht“ geht fehl. Eher: Auch gut integrierte Migrantenkinder werden oft als „Fremdkörper“ empfunden und diskriminiert. Was die anekdotische Beweisführung mit der Moschee angeht, dazu zwei Bemerkungen, 1) Ich glaube niemand bestreitet: Idioten gibts es überall 2) Und wenn man Sie netter behandelt hätte, fänden Sie jetzt alle „Türken“ super, oder wie? Diese Art des Schubladendenkens ist doch das eigentliche Problem an der ganzen Geschichte.


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