Buchtipp zum Wochenende - Suche nach Glück: Leben mit der zerrinnenden Zeit - MiGAZIN

Der große Wert der Ausländerbeschäftigung liegt darin, dass wir hiermit über ein mobiles Arbeitskräftepotential verfügen. Es wäre gefährlich, diese Mobilität durch eine Ansiedlungspolitik größeren Stils einzuschränken. Ulrich Freiherr von Gienanth Der Arbeitgeber, 1966

Buchtipp zum Wochenende

Suche nach Glück – Leben mit der zerrinnenden Zeit

Heute vor zwei Wochen stellte Murat Ham in Berlin sein neues Buch „Suche nach Glück: Leben mit der zerrinnenden Zeit“ vor. Darin beschäftigt sich der Autor in 56 Kapiteln mit verschiedenen Illustrationen und Grafiken über unser Denken in Raum und Zeit. MiGAZIN bringt das Vorwort in voller Länge:

 Suche nach Glück – Leben mit der zerrinnenden Zeit

"Suche nach Glück" von Murat Ham © Tredition, bearb. MiG

DATUM30. November 2012

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Wie finden wir den Schlüssel zum Glück? Wer oder was stiftet Sinn? Und wann und wo? Kinder? Liebe? Arbeit? Geld? Reisen? Kultur? Fragen, die auch zu anderer Zeit vermutlich andere gestellt haben. Meine Antworten sind nicht besser oder schlechter. Dabei will ich auch keine Ähnlichkeiten oder Parallelen ausschließen zu anderen Autoren und Journalisten. Wir suchen ab einem bestimmten Alter nach Wahrhaftigkeit, nach einem Sinn.

Das Denken ist ein Raum, der sich in der Zeit abspielt. Denn wir alle unterliegen zahlreichen Einflüssen, die uns alle individuell formen. Für mich steht fest: Viele tausend hochkarätige Diamanten warten an verschiedenen Orten, die im Einzelfall eine Pracht bilden können. Das könnte gestern sein. Heute oder morgen. Mit offenen Augen durch Zeit und Raum schreiten. Das ist wichtig. Nicht nur für meine Geschichten, sondern generell Eigenschaften, die uns lebendig halten.

Die Geschichten basieren auf wahren Gegebenheiten. Ein Leben zwischen verschiedenen Welten. Manches wirkt sicher für den Leser fast wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Von traurig bis lustig ist alles dabei. Es sind nicht nur persönliche Lebenserinnerungen, sondern es ist gleichzeitig auch ein geschichtliches Lese-Buch über die kulturellen, sozialen und politischen Ereignisse und Verwerfungen unserer Zeit.

Murat Ham ist gebürtiger Braunschweiger, Diplom-Politikwissenschaftler und ausgebildeter Journalist, besitzt langjährige Berufserfahrung als Redakteur bei namhaften Print-, Online- und Funkmedien sowie als Redaktionsleiter in der Unternehmenskommunikation. Er hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht – unter anderem erschien im Jahr 2009 sein Buch „Jung, erfolgreich, türkisch“ mit einem Vorwort vom Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble. Im Jahr 2011 ist sein für den Karlsruher Buchpreis 2012 nominiertes Werk „Fremde Heimat Deutschland – Leben zwischen Ankommen und Abschied“ mit einem Grußwort von Klaus Wowereit erschienen.

Wann ist ein Tagebuch spannend? Welche Inhalte kommen rein? Manche meinen, wenn Geheimnisse ausgeplaudert und Geständnisse abgelegt werden. Andere wiederum wollen ein schonungsloses Buch über die bezahlten und unbezahlten Rechnungen des Lebens. Mein Buch bietet vielleicht für den einen oder anderen lehrreiche Innenansichten aus dem Leben eines Journalisten und Autors. Mein zum Teil umtriebiger Alltag.

Die Geschichten sind aus verschiedenen Welten. Eine Art Dechiffrierarbeit gehört dabei zum Handwerkszeug. Ein Gesamtbild im Leben setzt sich stets aus ganz vielen unterschiedlichen -auch teils widersprüchlichen Teilen zusammen, die im Zusammenspiel einen Sinn ergeben. Komplexität des Lebens mit ihren Widersprüchlichkeiten abzubilden in kurzen Tagebucheintragungen zeichnet auch dieses Werk aus.

Die individuelle Suche nach dem Selbst steht manchmal der Gemeinschaftlichkeit gegenüber. Ich will mit meinen Texten auch zeigen, dass es sich um nichts Heiliges handelt. Texte sind menschlich geprägt und können gedreht und verändert werden. Die verschiedenen Geschichten zeigen ebenso, dass es Liebe, Wärme, Intimität, Akzeptanz gibt- irgendwo in der Welt, zu irgendeinem Zeitpunkt.

Zeit lässt unsere Haut ablegen und wieder anziehen. Sie lässt die Dinge verändern oder auch nicht, sie gewährt den plötzlich Zugang in eine Welt aus Sinnlichkeit und Intimität. Spuren zu hinterlassen, die außerhalb von Zeit und Raum stehen, ist für viele Menschen ein Lebensmotor.

ln der Terra incognita unseres Ichs forschen wir nach den Quellen, die wir in unserer Vergangenheit vermuten. Warum empfinden so viele Menschen ein Gefühl der inneren Leere bei saturierten Verhältnissen -wie beispielsweise in Deutschland oder der Schweiz? Gründe sind -wie so oft- vielseitig. Für den einen sind es die Lebenslügen in Zeiten des Friedens, die sich unter der Oberfläche im menschlichen Zusammenleben verbergen.

Das triste und überkommene Familienbild aus den 6oer- und 70er-Jahren versuchen Menschen heute häufig abzulegen. Es muss kein Haus mehr sein, das sie zu Gefangenen macht, zu Opfern einer Wohnkultur, einer Lebensideologie. Geschichten wirbeln oft irgendwelche Wahrheiten auf, die wie Staub an den Gesichtern der Menschen hängen bleiben.

Menschen im Westen sind zwar vom Wohlstand umgeben, aber Glückseligkeiten scheinen oft in den Seelen nicht zu liegen. In Beziehungen oder Familien wird niemand absichtlich in der Regel böse, es sind kleine Unachtsamkeiten, die das emotionale Gleichgewicht gefährden.

Vorteilhaft bleibt, sich die Paradoxien dieser Subjektivität klarzumachen. Alle Menschen sind auch Kinder der Verhältnisse, und fügen sich in die jeweiligen sozialen Muster. Gleichzeitig wollen viele Menschen unverwechselbar und einzigartig sein. Diese Klarheit verschafft uns, innerlich Abstand zu dieser empfundenen Zwickmühle herzustellen und gelassener mit der Realität umzugehen.

Die Suche nach Glück ist entfesselt, sie treibt uns endlos an. Sie kann uns helfen, den Zwiespalt besser auszuhalten. Das Gefühl der Verletzlichkeit und der Wunsch nach Authentizität können mit dem Verlust unserer Handlungsfähigkeit einhergehen. Gibt es überhaupt eine konstante Wahrhaftigkeit, die niemanden- das Ich inklusive- betrügt? Sind wir nicht alle auch gefangen in der Wahrheitsfalle? Wie frei sind wir wirklich? Das Buch kann mögliche Antworten geben. Sicher werden manche Leser sich in den Kapiteln oder Kommentaren wiedererkennen und das bestimmte Modell von Gesellschaft und Geselligkeit reanimiert sehen.

Heiterkeit ist ein knappes Gut- insbesondere in der Literatur. Verschiedene Tonarten zeichnen die Kapitel und Kommentare im Buch aus. Wie auch das Wetter unterschiedlich ist, das mal heiß und mal kalt, mal schwül und mal eisig ist- so geht die Schreibe auch über Kapitel und Kommentare hinweg. Kein grauer Alltag. Alltägliches, das wir zu kennen glauben, neu und bewusst anders zu realisieren. Dinge sichtbar machen, die unter der alltagsverkrusteten Oberfläche scheinbar untergehen. Das genau bilden die Geschichten ebenso ab.

Berlin, Oktober 2012
Murat Ham

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4 Kommentare
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  1. Sibilla Hoffmann sagt:

    Das neue Buch ist hervorragend!

  2. Markus Schulze sagt:

    Das Vorwort ist sehr schön – wie auch die Buchpremiere …

  3. AI sagt:

    “Geschichten wirbeln oft irgendwelche Wahrheiten auf, die wie Staub an den Gesichtern der Menschen hängen bleiben.”

  4. Manfred Heister sagt:

    Sehr schönes Buch. Großes Lob an den Journalisten und Autor Murat Ham. Freue mich auf weitere Bücher.



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