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Kısmet

Familienbande

Ich habe neulich ein neues Gericht kreiert, es nennt sich Florians Börek. Den Zusatz hat es erhalten, weil ich die exzellente türkische Küche nicht beleidigen will. Ich hatte einen Anflug von Heißhunger auf den leckeren Blätterteig und auch alle Zutaten dafür im Haus. Nur leider in Rohform.

VONFlorian Schrodt

 Familienbande
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM21. November 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Eigentlich klang es ganz simpel, weshalb ich tatkräftig anfing, Blätterteig in Schichten auszulegen. Leider war ich etwas großzügig, weshalb ich die oberste Schicht mit Käse bedeckte, so dass es einer Blätterteigpizza ähnelte. Geschmacklich gab es dafür Bestnoten. Optisch war leider nur auf den zweiten Blick ein Börek zu erkennen.

Das Gute: es disqualifizierte mich für die Bereitstellung von Speisen zum Geburtstag meiner Freundin. Die Idee, interkulturell mit einer Familienfete zu feiern, war ohnehin spontan genug. Aber der Perfektionismus türkischer Gastfreundschaft ist meines Erachtens unübertroffen, weshalb die wenigen Tage der Organisation bestens genutzt werden mussten. Das gilt nicht nur für die Küche.

In der Regel müssen sich türkische Frauen besonders rausputzen, unbedingt zum Friseur, eigentlich auch noch andere kosmetische Feinheiten vornehmen und perfekt gestylt erscheinen, was oftmals negative Konsequenzen für den Zeitplan hat. In Reinform erlebt man dies, wenn man zu Zeiten einer türkischen Hochzeit versucht, einen Friseurtermin zu erhalten. Da ist jegliche Ressource in türkischen Friseurläden der Umgebung den Hochsteckfrisuren vorbehalten sind. Daher hat meine Freundin auch zu ihrem Missfallen darauf verzichtet und sich eher dem organisatorischen Stress in Form der Zubereitung von Köstlichkeiten hingegeben.

Die Feier war ausgelegt für gut 30 Personen. Nur die engste türkische Familie, wie einige Arbeitskollegen scherzten. Ganz und gar nicht. 3/4 der Gäste waren meine Familie, die mehr der Tradition nachhängen, Feste zu feiern, wie sie fallen. Also die Geburtstagsfeier meiner Freundin, die meine Familie voll und ganz in ihr Herz geschlossen hat.

So langsam stellt sich in unserer Küche hektische Betriebsamkeit ein. Die Standleitung zwischen meiner besseren Hälfte und ihrer Mutter, die in der Regel ohnehin mehrfach täglich aktiviert wird, um sich jeweils auf den neuesten Stand der vergangenen letzten Stunden zu halten, ist nun im Dauerbetrieb. Schnell noch einmal ein Rezept abgreifen, Zeitpläne synchronisieren und nebenbei auch noch einmal das Weltgeschehen kommentieren.

Um den Zeitplan zu verschärfen, steht nun auch noch unser iranischer Nachbar vor der Tür. Er bringt aus seinem Heimaturlaub leckere Köstlichkeiten, Çekirdek (Kürbiskerne) wie man im Türkischen sagt. Und frischen Çay (Tee). Am anderen Ende der Telefonleitung hat nun Baba das Gespräch übernommen, da er sehr bedauert, sich nicht mit unserem Nachbarn kurzschließen zu können. Sie haben sich einmal spontan in unserem Garten getroffen und sofort einen Draht zueinander gefunden, mit Händen und Füßen über jegliche Sprachbarrieren hinweg, wenn es sein musste. Außerdem sind sie ziemlich im gleichen Alter, haben beide eine Leidenschaft für Kaffee und sind auch dem Glücksspiel nicht abgeneigt. Bei Baba ist dies Lotto, verbunden mit einer steten Rüge seiner Frau, bei meinem Nachbarn ist dies gelegentlich die Spielhalle, mit dem wohl selben Tenor dazu seitens seiner Gattin. Darüber hinaus leiden beide Männer unter einer latenten Einsamkeit, da alle Freunde (im Fall meines Schwiegervaters) entweder verstorben, oder (wie bei beiden) in die Heimat zurückgekehrt sind.

Eigentlich wollten beide in ihren früheren Lebensentwürfen längst selbst wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sein, aber die engste Familie ist eben hier, die Kinder haben sich etwas aufgebaut und die Enkel sind ohnehin heimisch. Also sitzen sie hier und erfreuen sich der familiären Besuche, die sich regelmäßig, aber dennoch nicht tagesfüllend bieten. Oder einem Kurzbesuch beim Nachbarn.

Ein Familienfest ist dann wohl quasi ein Highlight. Auch wenn es Baba wohl insgeheim etwas Unbehagen verschafft, da er seinen Gesundheitszustand nicht so richtig einschätzen kann. Und sicherlich Menschenmengen etwas ungewohnt sind mittlerweile.

Trotz Zwischenstopp unseres Nachbarn, haben wir alles rechtzeitig fertig bekommen, obwohl ich noch einmal genüsslich mit ihm Fußball geschaut habe. Ich war immer davon ausgegangen, dass alle Türken fasziniert vom Thema Fußball sind. Bei meiner Familie Fehlanzeige. Meine Freundin wurde zwar etwas nervös, aber ich musste einfach ausnutzen, dass sich spontan ein weiterer Fußballzuschauer eingefunden hatte und ich nicht allein auf der Couch saß. Auch wenn mein Nachbar aufgrund unserer etwas stressigen Lage mehrfach versucht hatte, sich abzusetzen. Mit einer Hand auf meiner Schulter, eine sehr väterliche Geste, die auch Baba immer bei wichtigen Aussagen praktiziert, die so viel Altersweisheit verbreitet und die ich immer sehr wertschätzend finde, versucht er mir zu erklären, weshalb er nicht bleiben könne. Mit einem Argument, das auch von meinem Schwiegervater hätte sein können. Er wolle seine Frau nicht allein lassen, da sie müde zu Hause sei.

Baba würde auch nie etwas ohne Anne unternehmen. Einer der Gründe, weshalb wir nie gemeinsam ins Kino gehen, obwohl Baba bekanntlich total besessen ist von Filmen. Anne mag kein Kino, also geht auch Baba nicht. Irgendwie süß die beiden, denn Anne bleibt ebenfalls stets an der Seite ihres Mannes. Faszinierend wie eng eine Lebensgemeinschaft sein kann. Und sicherlich macht das auch nachvollziehbar, warum sie auf Neckigkeiten nicht verzichten können. Aber diesmal bot sich ihnen eine abwechslungsreiche Unterhaltung.

Wir hatten zum familiären Geburtstagsbrunch eingeladen. Irgendwann waren alle eingetrottet und das große Herzen begann, da sich beide Familienteile immer noch größtenteils nur zu Feierlichkeiten sehen. Baba und Anne saßen zunächst etwas abseits und genossen sichtlich die Szenerie. Bis mein Schwager auf die Idee kam, die Partie mittels Karaoke einzuheizen. Die Stimmung begann langsam südländische Züge anzunehmen. Zu meiner großen Überraschung stand plötzlich meine Großmutter auf der Tanzfläche und übte sich nach Einweisung meines Schwagers im Hüftschwung. Meine Cousinen zogen nach. Wirklich schön zu sehen, wie gut sich alle verstehen. Nun wagte sich auch Anne auf die Tanzfläche und startete eine Tanzgemeinschaft mit meiner Oma. Baba hielt sich auch nicht mehr zurück und setzt sich zum Rest der Familie. Gemeinsam mit dem Lebensgefährten meiner Oma schwelgten sie in Erinnerungen der prädigitalisierten Zeit, als sich Arbeitskräfte tatsächlich noch durch Kraft und harte Arbeit auszeichneten.

Und so zeigten sich auch manche Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel, dass beide Herren ihr Wissen in denselben Nachwuchsprogrammen weitergaben. Bei den Damen werden eher Rezepte ausgetauscht und heitere Gespräche geführt. Ich habe nicht allzu genau zugehört, weil ich mein Börekrezept niemanden zumuten wollte. Genau hingehört habe ich allerdings als Baba dann doch noch einmal in den Mittelpunkt des Geschehens rückte, weil er eine Fabel zum Besten gab:

„Eine Froschfamilie feiert, nur die Großmutter fehlt. Daher wird dem Jüngsten aufgetragen, diese aus dem etwas entfernten Froschdorf zu holen. Er sagt, dass er es tun würde, wenn sie mit dem Essen auf sie warten würden. Nach Stunden sind die beiden immer noch nicht zurück. Zunächst denkt man, dass der Kleine getrödelt hat. Als es langsam dunkel wird, nimmt man an, dass die beiden wohl erst am nächsten Morgen kommen würden, um nicht in der Dunkelheit zu reisen und sie beginnen zu essen. Da kommt der Jüngste aus dem Gebüsch geschossen und echauffiert sich, dass sie ihr Versprechen gebrochen haben, mit dem Essen bis zu seiner Wiederkehr zu warten.“

Baba brauchte zwar hier und da Übersetzungshilfe, genoss aber das Gelächter, da die Pointe trotzdem ankam, weil es die Geschichte wohl auch im Deutschen gibt, wie meine Oma anmerkte. Nicht die einzige deutsch-türksiche Gemeinsamkeit am Ende des Tages. Und am meisten überraschte mich der Abgang meiner Familie, als sich auf einmal alle anfingen, Küsschen links und rechts auf die Wangen zu drücken, sogar unter den Herren. Die Familienbanden wachsen zusammen. Es hat wohl allen gefallen. Hoffentlich bald wieder. Inşallah (Hoffentlich).

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2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Mika sagt:

    Mal wieder sehr unterhaltsam 🙂

  2. Florian Schrodt sagt:

    @Mika lieben Dank, das freut mich 🙂
    Grüße
    Florian



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