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TV-Spot

Die Welt braucht bessere Technik – oder bessere Werbung?

Seit einigen Wochen läuft im deutschen TV ein Werbespot des Elektronik- und Technikriesens Saturn, der überraschend wenig Kritik hervor rief – und doch ist diese berechtigt.

VONKatharina Pfannkuch

 Die Welt braucht bessere Technik – oder bessere Werbung?
Die Verfasserin hat in Kiel Islamwissenschaft (B.A.) sowie in Leipzig Arabistik (M.A.) studiert und Berufserfahrung u.a. in einer internationalen Kanzlei in Dubai/VAE gesammelt. Seit 2008 arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für Zeitschriften wie die afrikapost, Africa Positive und Arab Forum (v.a. zum Thema Islamic Finance) und hat während ihrer Zeit in Leipzig in der Redaktion der Zeitschrift des Orientalischen Instituts, al-Ain, mitgearbeitet. Momentan promoviert sie zum Thema Islamische Versicherungen im deutschen Rechtsraum.

DATUM20. November 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Der TV-Spot fängt harmlos an: In einer gewöhnlichen Kneipe irgendwo in einer Großstadt der westlichen Welt wird ein Fußballspiel über einen alten Röhrenfernseher übertragen, die Gäste verfolgen das Speil gespannt. Plötzlich streikt das Gerät, die Übertragung wird während eines entscheidenden Spielzuges unterbrochen. Die Gäste reagieren wütend, eine Prügelei entsteht – erst in der Kneipe, dann in den umliegenden Straßen. Eine Kettenreaktion breitet sich über die ganze Stadt aus, Straßenschlachten lassen die Stadt im Chaos versinken, Rauch steigt auf, Verletzte sind zu sehen.

Am Ende des Spots hat der Kneipenbesitzer seinen alten Fernseher wieder zum Laufen gebracht und blickt sich zufrieden lächelnd um. Erst jetzt bemerkt er, was passiert ist – und sieht draußen vor seiner Kneipe einen Panzer durch die verwüstete Straße rollen. „Die Welt braucht bessere Technik“, so die Botschaft des Spots: Hätte der Barbesitzer das Spiel über einen digital übertragenden Plasmabildschirm in seiner Kneipe gezeigt, dann wäre es nie zu dem gewalttätigen Flächenbrand gekommen, der schließlich die ganze Stadt überzieht.

Es ist eine hollywoodreife und aufwendig produzierte Inszenierung, die den Zuschauer rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft animieren soll, sich auf den Weg in eine der Saturn-Filialen zu machen, um dort Produkte auf dem neuesten Stand der Technik zu erwerben. Der Spot rücke auf emotionale und gleichzeitig humorvolle Weise die Kernkompetenz von Saturn in den Mittelpunkt, ist in einer Pressemitteilung des Unternehmens zu lesen. Mit Dramatik und Gewalt werde bewusst auf realistische Bilder gesetzt, um anschließend die Pointe augenzwinkernd betonen zu können: „Mit besserer Technik wäre das nicht passiert“.

Humorvoll oder geschmacklos? Paradox oder augenzwinkernd? Hollywoodreif oder überheblich? Vieles kann man diesem Werbespot attestieren, einiges muss man anmerken – und es überrascht, dass dies nicht bereits in der Öffentlichkeit geschah. Während in sozialen Netzwerken etwa aufgeregt darüber diskutiert wurde, ob Kaya Yanar in seinem Edeka-Werbespot nun Klischees über Migranten bestätigt oder nicht und sogar zu einem Boykott der Edeka-Kette aufgerufen wurde, scheint sich niemand daran zu stören, dass ein Unternehmen Smartphones, Fernseher oder Staubsauger mit kriegsähnlichen Szenen bewirbt, während auf der Welt gegenwärtig mindestens 34 Kriege und bewaffnete Konflikte ausgetragen werden. Es scheint sich auch niemand daran zu stören, dass ausgerechnet ein Unternehmen, das einen beachtlichen Anteil seines Umsatzes mit Produkten macht, die einen Internetzugang schaffen und optimieren, Szenen von Straßenschlachten und Gewalt werbewirksam einsetzt, nachdem gerade das Internet in den vergangenen zwei Jahren als Katalysator für den so genannten Arabischen Frühling gelobt wurde. Tausende Menschen setzten ihr Leben aufs Spiel, um diktatorische Regierungen zu stürzen und ließen die Welt via Facebook, Twitter und Blogs daran teilhaben – das Publikum seinerseits postete und bloggte begeistert Solidaritätsbekundungen und sprach den Aktivisten virtuell Mut zu.

Durch das Internet, durch soziale Netzwerke wachse die Welt zusammen, sagte vor Kurzem Claus Kleber im Westdeutschen Rundfunk. Vor allem die jungen Menschen auf der Welt fühlten sich ihren Altersgenossen in krisengebeutelten Regionen verbunden, die Empathie und das Zusammengehörigkeitsgefühl steige. Angesichts der Ignoranz, die sich im Fall des Saturn-Spots zeigt, muss die optimistische Sicht Klebers leider bezweifelt werden. Wer auch nur einen Funken Empathie besitzt, wer sich auch nur oberflächlich mit dem beschäftigt hat, was in den Straßen von Tunis, Kairo und Tripolis geschah und was noch immer in Syrien und an vielen anderen Orten auf der Welt tagtäglich geschieht, der schüttelt unweigerlich ungläubig mit dem Kopf, wenn er den aktuellen Saturn-Spot sieht. Der fragt sich, ob so ein Spot auch in einem jener Länder ausgestrahlt werden würde, in denen tagtäglich bewaffnete Konflikte Opfer fordern – Konflikte, in denen es um viel mehr geht als um einen verpassten Spielzug während eines Fußballspiels. Konflikte, die zwar bisweilen auch durch vermeintlich banale Ereignisse ausgelöst werden, die aber innerhalb kürzester Zeit nichts mehr mit einer Inszenierung à la Hollywood zu tun haben, sondern mit Angst, Schmerz, Verlust und Tod. Konflikte, an deren Ende leider keine Pointe steht, über die der Zuschauer lächeln kann.

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4 Kommentare
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  1. SuLin sagt:

    Wie recht du hast!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Danke fürs erschreckende Augenöffnen, ich habe kein Fernsehen und habe den Spot bisher nicht gekannt…

  2. Hyper On Experience sagt:

    Also echt …

    … Frau Pfannkuch,

    der Artikel klingt sehr nach der Rubrik „Ich hab‘ sonst nichts gefunden, worüber ich mich aufregen kann“. Dementsprechend haarsträubend ist die Argumentation, die sehr an den typischen Totschlagspruch angelehnt ist, den Moralapostel gerne anbringen, wenn Kinder ihr Essen nicht aufessen wollen oder wenn Essen weggeworfen wird: „Die armen Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen und müssen hungern“. Dieser Spruch ist zwar sachlich richtig, verwechselt aber Ursache und Wirkung. Ob ich mein Essen aufesse oder wegschmeiße, macht die Kinder in Afrika auch nicht satt. Genauso ist es im Fall des Saturn-Werbespots: Ob Saturn einen militaristisch angehauchten Werbespot dreht oder nicht macht weder die Toten in Syrien und anderswo wieder lebendig noch wird es zukünftige Opfer verhindern.

    Diese manipulative Technik, bei der beim Gegenüber durch Ansprechen der Empathieebene ein schlechtes Gewissen erzeugt werden soll, kann man häufig bei Eltern im Umgang mit ihren Kindern beobachten:
    Wenn Du X nicht tust, bin ich traurig.
    Man nennt das emotionale Erpressung und mit dieser Technik lässt sich so ziemlich alles in ein schlechtes Licht rücken. Plastik-Bausätze von Kriegsschiffen ebenso wie die eigene Geburtstagsparty: denn wie kann man nur allen Ernstes Kriegsschiffe im Maßstab 1:100 zusammenbauen, wenn anderswo mit diesen Waffen Menschen getötet werden und wie kann man um Himmels willen seinen Geburtstag feiern, wo doch alle drei Sekunden ein Mensch verhungert?

    Denkt man diese verquere Logik weiter, gelangt man recht schnell zu der Frage, wann Saturn denn nun einen solchen Werbespot drehen dürfte, ohne dass der moralische Zeigefinger erhoben wird. Die Antwort liegt auf der Hand: erst dann, wenn es keinen der momentan 34 bewaffneten Konflikte mehr gibt. Also in den nächsten 50 Jahren schon mal nicht und möglicherweise nie. Aha. Und obwohl es mich auch sehr betroffen macht, wenn ich sehe, was in Syrien und an anderen Orten der Welt tagtäglich für Grausamkeiten verübt werden, schüttele ich angesichts dieses Werbespots dennoch nicht ungläubig den Kopf, weil ich zu etwas fähig bin, wozu die meisten Menschen fähig sind, was sie ihnen aber absprechen: nämlich zu differenzieren.

  3. No Problem sagt:

    Ich habe ziemlich vergnüglich gelacht, als ich die Werbung das erste mal sah. Ist auch ein genialer Einfall. Sie haben aber Recht mit dem was sie sagen. Die Botschaft ist ganz und gar nicht koscher. Bessere Technik heißt heute leider auch Drohnen, Satellitengesteurte „Präzisions“bomben usw. Danke für den Hinweis.

  4. Songül sagt:

    Und ich dachte schon, ich wäre zu sensibel.
    Wenn ich auch nicht an die unzähligen Kriege und das damit verbundene Leid der Menschen gedacht habe, so war ich doch erschüttert über die Brutalität der Bilder. Zum Lachen war mir gar nicht zumute, als ich den Spot zum ersten Mal sah …



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