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Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

NDR

Der Tag der (deutschen) Norddeutschen

„Wie lebt und liebt, wie lacht und weint, wie arbeitet und feiert man im Norden?“ – das NDR Fernsehen strahlte einen 18-stündigen Doku-Marathon aus, der die Lebensgeschichten von 121 Norddeutschen zeigte. Nur die Migranten fehlten – fast.

VONKim-Carina Hebben

 Der Tag der (deutschen) Norddeutschen
Die Autorin, geboren 1989, studiert an der Ruhr-Universität Bochum Medienwissenschaft und Germanistik im Master. Neben dem Studium arbeitet sie als Studentische Hilfskraft in der Professional School of Education in Bochum. Zusammen mit weiteren Kommilitonen betreibt sie den Blog "MediAwareness", der die Tonalität in der deutschen Medienlandschaft kritisch beäugt. Entstanden ist der Watchblog im Rahmen eines Seminars über Migration und Vielfalt in den Medien und wird inzwischen ehrenamtlich von Studierenden weitergeführt.

DATUM15. November 2012

KOMMENTARE7

RESSORTAktuell, Meinung

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Am 10. November hat das NDR Fernsehen einen 18-stündigen Doku-Marathon ausgestrahlt, der die Lebensgeschichten von 121 Norddeutschen zeigte. Nach eigener Angabe wollte das NDR in dieser „größte[n] Doku des Nordens“ durch die Vorstellung der 121 Protagonisten einen hautnahen Einblick in den Alltag der Norddeutschen geben – ein typisches Porträt Norddeutschlands erstellen. Zusätzlich wurde dieses „außergewöhnliche Medienereignis“ durch einen interaktiven Livestream begleitet, der Usern die Möglichkeit bot sich einzu-mischen, mitzufühlen und live zu kommentieren.

Die Resonanz der 26 User-Kommentare auf der offiziellen NDR-Website ist bis auf eine be-scheidene Kritik durchweg positiv ausgefallen. Vor allem auf Facebook sind hunderte Loblie-der auf der Fanpage des NDR zu finden. So schreibt Torben Brandt „Endlich werden mal die täglichen Helden beziehungsweise die ‚Normalos‘ gezeigt“. Diana Stapelfeldt freut sich „Mein Abend ist gerettet. Nah dran am Leben, am Menschen, an den Geschichten des Alltags hier im Norden. Super!“ und Christopher Schwoch ist begeistert „die Heimat aus so vielen Blick-winkeln zu sehen“.

Nur die Userin Elbperle bemängelt „[s]tatt der ganzen Promis hätte ich lieber Einblick in das Leben einer Putzfrau aus Afrika, eines Dönerbudenbesitzers, et cetera – auch das ist Nord-deutschland.“

Genau diese Unterrepräsentation von Norddeutschen mit Migrationshintergrund wird in einem offenen Brief an den NDR kritisiert. Unter der Verantwortung von Dr. Andreas Hieronymus, dem Leiter des Instituts für Migrations- und Rassismusforschung (iMiR), melden sich 12 Menschen durch ihre Unterschrift zu Wort, die von der NDR-Reportage enttäuscht sind:

„Ihr schafft es, unter 121 Menschen, die ihr uns vorstellt, (mit Ausnahme eines Bremer Bä-ckers, eines Hannoveraner Musikers und eines Hamburger Kaffeeverkäufers aus der Karibik (‚eine Frohnatur aus Barbardos‘ [NDR-O-Ton]) nicht eine Person mit erkennbar außer-europäischen Migrationshintergrund zu zeigen. Das muss man erst mal schaffen!“

Des Weiteren wird in dem offenen Brief darauf hingewiesen, dass „etwa jeder fünfte in Nord-deutschland einen Migrationshintergrund hat“, sprich 20 Prozent aller Norddeutschen! Dem-nach wäre es also angemessen gewesen, wenn von den 121 vorgestellten Protagonisten etwa 24 Menschen mit Migrationshintergrund gezeigt worden wären. Oder dass von den 18 Stunden Sendezeit 20 Prozent, das heißt knapp vier Stunden lang, norddeutsche Migrantin-nen und Migranten hätten präsentiert werden sollen.

Dabei hätte die Doku sogar der Kritik der Userin Elbperle gerecht werden können, die wenig Interesse an den Porträts der deutschen Promis fand. Denn die norddeutschen Promis mit Migrationshintergrund wurden völlig außer Acht gelassen. So erinnern die Verfasser des of-fenen Briefes an den Schriftsteller Feridun Zaimoglu oder den türkisch-stämmigen, vielfach ausgezeichneten Regisseur Fatih Akin, die es leider nicht in die Reportage schafften.

Die Verfasser des Briefes verweisen weiter auf die ‚Charta der Vielfalt‘, die vom NDR unter-zeichnet wurde. Durch die Unterschrift habe das NDR Fernsehen sich eigentlich dazu ver-pflichtet „‚die ethnische und kulturelle Vielfalt der Gesellschaft‘ in den NDR Programmange-boten stärker [abzubilden]“. Darüber hinaus solle der NDR seine Provinzialität überwinden und mehr dem Vorbild des Senders BBC folgen, welcher seit Jahrzehnten an einem „‚öffentlich-rechtlichem‘ Rundfunk in einer offenen Gesellschaft“ arbeite.

Die Kritik wird noch konkreter, wenn die Verfasser des Briefes die Überrepräsentation der nicht-migrierten Norddeutschen auf die Zusammensetzung des Rundfunkrats des NDR zu-rückführen – „dort ‚repräsentieren 58 Frauen und Männer die norddeutsche Öffentlichkeit‘ (O-Ton NDR), von denen nur eine einzige Person erkennbar Migrationshintergrund hat“.

Auf der anderen Seite zeigen Hunderte positive Kommentare auf Facebook und der NDR-Website, dass den ca. 80 Prozent der Zuschauer ohne Migrationshintergrund (wenn man davon ausgeht, dass jeder fünfte norddeutsche Zuschauer einen Migrationshintergrund hat) nicht aufgefallen ist, dass ein Teil von Norddeutschland nicht genügend vorgestellt wurde. Diese 80 Prozent der Norddeutschen empfanden die Reportage als „gelungen“ und „preis-verdächtig“.

Mit 8,5 Prozent Marktanteil und teilweise 710.000 Zuschauern hat das NDR Fernsehen die Chance verpasst, durch eine angemessene Repräsentation der norddeutschen Einwohner mit Migrationshintergrund ein offenes, multikulturelles Gesellschaftsbild zu fördern. So war es eine 18-stündige Unterrepräsentation, die gerade dann kritisch betrachtet werden kann, wenn man bedenkt, dass im deutschen Fernsehen tendenziell dann „Ausländer“ überrepräsentiert werden, wenn es um Themen wie ‚Kriminalität‘, ‚Gewalt‘ oder ‚Arbeitslosigkeit‘ geht.

Der offene Brief des iMiR wurde u.a. auf den Portalen newsroom.de oder faz.de kommen-tiert, der NDR hat auf seiner Website jedoch keine öffentliche Stellung zu der Kritik genom-men. Auch die aktuelle Pressemitteilung des NDR spiegelt nur das positive Feedback der Zuschauer und User. Dort heißt es, man sei begeistert von der positiven Resonanz und dem Erfolg des Medienereignisses. Auf Anfrage habe ich jedoch sofort die offizielle Stellungnahme des NDR zum offenen Brief des iMiR erhalten. Darin sieht der NDR die Kritik nicht ge-rechtfertigt und betont:

„Mindestens zwölf der insgesamt 121 für den Tag begleiteten Menschen haben einen Migra-tionshintergrund – sei es, dass sie oder ihre Eltern türkische Wurzeln haben wie Bäcker Riza Torsun, dänische wie Gesangslehrerin Lene Krämer, polnische wie Burlesque-Tänzerin Eve Champagne oder italienische wie KFZ-Mechaniker Luciano Favaron.“ Des Weiteren haben Sängerin Oceana, die den Song zum „Tag der Norddeutschen“ singt, und Mousse T., der den Soundtrack für das TV-Ereignis komponiert hat, beide einen Migrationshintergrund.

Weiter verweist der NDR darauf, dass Menschen mit vielfältigen Hintergründen gezeigt wur-den, die sich für die Teilnahme beworben hatten und dass die Protagonisten zur Hälfte von Zuschauern, Hörern und Usern ausgewählt wurden. In diesem Sinne übergibt das NDR Fernsehen einen Teil der Verantwortung an seine Zuschauer – die wiederum „begeistert“ waren vom „spannende[n] Fernsehabend“, wie man auf Facebook lesen kann.

Gerade ein so positives und viel gesehenes Fernseh-Ereignis, das verspricht hautnah zu zeigen wie man im Norden lebt, liebt, lacht, weint, arbeitet und feiert hätte durch die richtige Präsentation des Gesellschaftsspiegels Norddeutschlands einen großen Schritt in Richtung offener, integrationsfördernder Berichterstattung vorlegen können. Das NDR Fernsehen nimmt diese Gelegenheit leider nicht wahr, da es in der Stellungnahme ferner heißt:

„Die Dokumentation erhebt nicht den Anspruch, eine vollständig repräsentative demographi-sche Abbildung der in Norddeutschland lebenden Berufs- und Altersgruppen, der Geschlech-ter oder z. B. der regionalen Verteilung zu sein.“

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7 Kommentare
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  1. Einspruch sagt:

    „Ihr schafft es, unter 121 Menschen, die ihr uns vorstellt, (mit Ausnahme eines Bremer Bä-ckers, eines Hannoveraner Musikers und eines Hamburger Kaffeeverkäufers aus der Karibik (‚eine Frohnatur aus Barbardos‘ [NDR-O-Ton]) nicht eine Person mit erkennbar außer-europäischen Migrationshintergrund zu zeigen. Das muss man erst mal schaffen!“

    Wenn man in Afrika oder Asien eine ähnliche Reportage machen würde, wären wohl auch Europäer so gut wie nicht zu finden. Die 24 Stunden eines Tages bieten den Menschen scheinbar immer noch viel zu viel Zeit um sich über solch einen Schmarrn aufzuregen.

  2. Mo sagt:

    Interessant ist die Unterteilung der Autorin in „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „erkennbaren Migrationshintergrund“. Interessant würde es auch, wenn man mal fragen würde, wie sich die Autorin die Erreichung der Quote vorstellt. Soll man die Teilnehmer auf Migrationshintergründe hin überprüfen? Bis zu welcher Generation sollte dann der Migrationshintergrund nachgewiesen werden?

  3. pepe sagt:

    Der Herr „Einspruch“ vergisst, dass in Afrika oder Asien nicht viele Europäer leben.

    Zum Artikel an sich: die „Putzfrau aus Afrika“… ich finde es erbämlich, dass diejenige, die nach mehr Vielfalt in der Reportage fordert, Klischees bedient. Afrika ist zunächst kein Staat, sondern ein großer Kontinent mit einer beeindruckenden Vielfalt, auch in ethnischer Hinsicht. Die Frau wollte vermutlich so etwas sagen wie „die schwarze Putzfrau aus dem armen afrikanischen Land“.

  4. Sinan A. sagt:

    Pepe,
    lohnt gar nicht, sich damit zu beschäftigen. Die Beiträge vom MediAwareness sind alle so substanzlos wie dieser. Ich versteh gar nicht, warum sowas hier veröffentlicht wird.

  5. schwesteringeborg sagt:

    Zielgruppenorientierung:

    wieviel Prozent der „erkennbaren“ Migranten, schauen denn überhaupt öffentlich rechtliche Sender?

    Auch ein ÖR-Sender wie das NDR muss zielgruppenorientiert arbeiten und ÖR-Sender werden eben bevorzugt von älteren Ethnodeutschen gesehen.

  6. schwesteringeborg sagt:

    Zielgruppenorierntierung die Zweite:

    Da ich ja auch zur Nutzergruppe der Regionalsender gehöre, habe ich mir mal kurz überlegt was ich von so einer Reportage erwarten würde:

    Als Süddeutsche würde ich mir gerne aus dem Alltag eines Leuchturmwärters, Halligbewohners oder eines der letzten Kleinfischer erzählen lassen.
    Keinesfalls würde ich eine Weinkönigin, geschweige denn eine Kuckucksuhren-Schnitzerin in so einer Sendung vermissen.

  7. Roman sagt:

    Auch wenn Personen mit Migrationshintergrund in den Medien insgesamt unterrepräsentiert sind, muss man der NDR-Reportage zugute halten, dass es Ihnen anscheinend gelungen ist, ein vielfältiges Norddeutschlandbild zu illustrieren, welches zahlreiche Facetten aufgreift und nicht einfach nur Klischees bedient. Diese norddeutsche Vielfalt ist statistisch zwar nicht ausgewogen sind, aber das ist vermutlich, auch nicht die Absicht bzw. Ziel eines derartigen Beitrags.

    Für Journalisten auf der Suche nach mehr Vielfalt in ihren Medien, für Diskussionsrunden, Beiträge, Porträts usw. empfehle ich die neue Datenbank: http://www.vielfaltfinder.de , die auch hier im MiGAZIN schon genannt wurde: http://www.migazin.de/2012/11/21/unser-geschenk-zum-uno-welttag-des-fernsehens-der-vielfaltfinder/



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