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MediAwareness

Gefährliches Spiel mit Stereotypen

Eine Plakat-Aktion für mehr Zivilcourage in Bussen und Bahnen in NRW geht provokativ gegen Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln vor – dazu wird auf gängige Klischees zurückgegriffen.

VONKim-Carina Hebben

 Gefährliches Spiel mit Stereotypen
Die Autorin, geboren 1989, studiert an der Ruhr-Universität Bochum Medienwissenschaft und Germanistik im Master. Neben dem Studium arbeitet sie als Studentische Hilfskraft in der Professional School of Education in Bochum. Zusammen mit weiteren Kommilitonen betreibt sie den Blog "MediAwareness", der die Tonalität in der deutschen Medienlandschaft kritisch beäugt. Entstanden ist der Watchblog im Rahmen eines Seminars über Migration und Vielfalt in den Medien und wird inzwischen ehrenamtlich von Studierenden weitergeführt.

DATUM12. November 2012

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Meinung

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Ein an einer U-Bahn-Haltestelle hängendes Plakat zeigt einen (aufgrund seiner dunklen Haut, Haare und Augen) südländisch-aussehenden Jugendlichen. Sein Konterfei steht im Vordergrund, mit leicht gesenktem Kopf ist sein Blick zum Betrachter gerichtet. Im Hintergrund sieht man eine menschenleere Bus- oder Bahnhaltestelle mit einem überdimensionalen Einschussloch in der Scheibe sowie ein nur sporadisch beleuchtetes tristes Hochhaus. In einer Sprechblase werden dem Jungen die Worte „Gewalt? Da misch ich mich ein! Ich wähle sofort 110!“ in den Mund gelegt.

Der denotierte Inhalt dieses Plakats ist absolut positiv: Der Jugendliche hat Zivilcourage, er sieht nicht weg, sondern mischt sich ein, indem er unverzüglich die Polizei verständigt.

Hier wurde bewusst mit Stereotypen gespielt. Ohne den Zusatz „Ich wähle sofort 110“ wäre die Botschaft unmissverständlich, der Jungendliche sofort als krimineller, gewalttätiger Ausländer abgestempelt, der darauf aus ist Streit zu suchen.

Durch dieses mehrdeutige Plakat wird mit dem gängigen Klischee des kriminellen Ausländers aufgeräumt. Der auf den ersten Blick bedrohlich wirkende Jugendliche hilft mit seiner Zivilcourage Gewalt auf den Straßen zu vermeiden.

Dennoch kann das Plakat auch anders gelesen werden: Allein das Referieren auf dieses Vorurteil beweist das Vorhandensein einer Stereotypisierung gegenüber muslimischen oder generell südländischen Menschen. Die Verbindung der Begriffe ‚muslimischer Jugendlicher‘ und ‚Gewalt‘ können ebenso Fremdenfeindlichkeit bestärken.

Diese Plakat-Aktion erinnert an einen sehr ähnlichen Vorfall. Bereits Anfang Oktober habe ich im MediAwareness-Blog einen Beitrag über eine solche Kampagne verfasst. Auf diese Plakat-Kampagne aufmerksam wurde ich wiederum durch den Artikel des Germanistik-Professors Dr. Friedemann Vogel, der in seinem Blog „SpeechAct!“ einen offenen Brief an das Innenministerium veröffentlichte.

Anlass zu seinem Brief waren sogenannte „‚Vermisst‘-Plakate“, die u.a. im Spiegel erschienen und auf eine „‚drohende Radikalisierung türkischer Migranten‘ aufmerksam machen“ sollen. Auf diesen Plakaten sind die Gesichter junger südländischer Menschen zu sehen, welche durch zusätzliche Symbole wie ein Kopftuch mit dem Konnotat „muslimisch“ aufgeladen sind. Im selben Kontext ist von Attributen wie „radikal“, „Angst“ oder „religiöse Fanatiker und Terrorgruppen“ die Rede. Darüber hinaus unterstütze die Grauzeichnung des Plakats „Konzepte des ‚Dunklen‘ und ‚Bedrohlichen‘“. Zu allem Überfluss sind diese Plakate als Vermisstenanzeige aufgemacht und erregen so zusätzliche Aufmerksamkeit.

Wie auch im aktuellen Beispiel der „Busse & Bahnen NRW“-Plakate fördert diese Kampagne die Bildung von fremdenfeindlichen Stereotypen. In beiden Fällen steckt hinter den Plakaten eine durchweg gut gemeinte Absicht, die Umsetzung lädt jedoch zur Festigung negativer Vorurteile ein.

Prof. Dr. Friedemann Vogel geht in seinem Beitrag sogar so weit, dass er dem Innenmister vorwirft junge muslimische Menschen zu gefährden und zur Zielscheibe von Fremdenfeindlichkeit zu machen:

„Wer ‚jung‘ und ‚arabisch‘ aussieht, ist mit Ihren Plakaten bereits eine wandelnde Zeitbombe. Dass die abgebildeten Personen auf den Plakaten überwiegend lächeln und einen sympathischen Eindruck machen, dürfte das Ganze nur noch schlimmer machen: in Ihrem Kontext wird damit jede türkisch-arabische Freundlichkeit zum ‚Schein‘, zur ‚lauernden Gefahr eines terroristischen Schläfers‘.“

Aus diesem Grund bittet Prof. Vogel um den sofortigen Abbruch der Plakat-Kampagne und um eine öffentliche Entschuldigung gegenüber unseren türkisch-arabischen Mitmenschen.

Auch wenn ich Prof. Dr. Vogel im Falle der von ihm kritisierten Plakat-Kampagne recht gebe, kann ich die „Mehr Zivilcourage in Bus und Bahn“-Kampagne trotz ihres Spiels mit dem Feuer im Ganzen nur gutheißen. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das Plakat an einer U-Bahn-Station an der sich viele Jugendliche aufhielten – meine ersten Gedanken bildeten keine negativen Stereotype, sondern sahen den jungen Mann als Vorbild für die vielen Schulkinder, die an der Haltestelle tobten.

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6 Kommentare
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  1. Lynx sagt:

    Selbst, wenn die Plakate unverfänglich gestaltet wären, muß man sich nach deren praktischem Nutzen fragen. Im 19. Jh. ließ die britische Verwaltung auf der zu Australien gehörenden Insel Tasmanien Schilder aufstellen, auf denen Ureinwohner abgebildet waren, die weißen Siedlern die Hand geben, um den des Lesens und Schreibens unkundigen Unreinwohnern zu sagen, daß die britischen Siedler nicht ihre Feinde seien. Diese Schilder hatten nicht die gewünschte Wirkung, und die Ureinwohner dieser Insel wurden ausgerottet, da die Weißen es nicht unterließen, ihre Schafherden mit Waffengewalt zu verteidigen und den Ureinwohnern ihre Jagdgründe wegzunehmen.

  2. MiTho sagt:

    Tut mir leid – aber ich kann am gezeigten Plakat leider so gar nichts Positives erkennen.

    Die Medienmacher haben wie ihre Entsprechungen in der Politik ihre Göbbelslehre gut verinnerlicht, ja sogar weiterentwickelt. Göbbels brauchte zum Bild noch den Text, damit man Juden auch ganz bestimmt mit „Ungeziefer“ assoziierte.
    Betrachtet man sich allerdings das Plakat, so ist der abgebildete Kopf kurzgeschoren, befindet sich vor eher dunklem bis schwarzem Hintergrund und lächelt NICHT.
    Da spielt die komische Sprechblase keine Rolle (mehr); jeder gute Fotograf kennt die automatische „Leserichtung“ des betrachtenden Auges, und die beginnt nunmal rechts oben, zieht nach links, ungefähr auf halbe höhe und driftet dann wieder nach rechts in die untere Ecke.
    Damit erfasst man auf dem Plakat zunächst die helle Gebäudezeile, dann den eher finster dreinschauenden „Migrantenkopf“ (und KEINESFALLS die Sprechblase!) und zum Schluss „Misch Dich ein. Wähl 110“.

    Mehr ist von einer Gesellschaft, die offen (!) die „mögliche Existenz“ eines „Verblödungsgens“ bei Arabern diskutiert, wohl kaum zu erwarten – und noch weniger von einem Land, welches sich einen solchen Bundesinnenminister leistet, der demonstrativ (!) Ausgewogenheit vermissen lässt und sich aufrichtig Mühe gibt, als rechtslastig bekannt zu sein.

  3. Soli sagt:

    Ich frage mich warum die Autorin des Beitrages hier versucht eine „Islamophobie“ zu konstruieren.
    Auf dem Plakat ist weder ein Minarett, noc hein Kopftuch noch sonst ein religöses Symbol zu erkennen.
    Der junge Mann könnte genauso gut Atheist, Christ oder Buddhist sein. Ich habe jedenfalls nicht gleich gedacht „der böse Muslim“.

    Merke – die Welt dreht sich nicht nur um Muslime, nicht jeder „Südländer“ ist einer!
    Das „Türkisch-Arabisch“ Stämmige bei der Anzahl der Gewaltdelikte deutlich überrepräsentiert sind ist allerdings fakt, insofern – hätten sie sich besser gefühlt es wären ein blonder Deutscher, oder rothaariger Däne abgebildet gewesen? Entspräche das dann aber nicht deutlich weniger der Realität und soll das Plakat nicht -vor allem- diejenigen in der Migrantencommunity ansprechen die eben gerade NICHT kriminell sind und zeigen „Es sind nicht alle so!“ ?

  4. Thoms Baader sagt:

    @ MinTho

    Sie schrieben:
    „Mehr ist von einer Gesellschaft, die offen (!) die “mögliche Existenz” eines “Verblödungsgens” bei Arabern diskutiert, wohl kaum zu erwarten“

    Wann soll das passiert sein? (Und sagen Sie jetzt bitte nicht „Sarrazin“, dem kann man zu Recht einiges vorwerfen, aber es war nicht von einem Verblödungsgen bei Arabern die Rede.)

  5. Jochen Pacholke sagt:

    @Soli

    „hätten sie sich besser gefühlt es wären ein blonder Deutscher, oder rothaariger Däne abgebildet gewesen? “

    Was meinen Sie, was dann los gewesen wäre? Klar, nur die Weissen rufen die Polizei, die Muslime sind ja die Bösen, etc .pp. Man KANN es den Muslimen nicht recht machen.

    Allerdings, wenn ich so einen Typen in der U-Bahn sehe, denke ich weniger, dass dieser die Polizei ruft… so gesehen…. ganz so provokant hätte man es also nicht machen müssen. Es gibt auch viele Migranten bzw. Muslime(*), die weniger martialisch und gewaltaffin aussehen.

    (*) um die geht es hier bei Migazin ja mehrheitlich

  6. MiTho sagt:

    @ Baader:

    Das vorauseilende „und nun ersparen Sie mir Sarrazin!“ geht natürlich nach hinten los.
    Zum einen, weil der Einwand vollkommen substanzlos ist und zum anderen, weil es seit vielen Generationen in dieser Gesellschaft hier abgemacht scheint, dass „gewisse Rassen“ (erb-)biologisch zu „uns“ unterschiedlich sind – weil wohl sein MÜSSEN.
    Sarrazin hat lediglich das laut ausgesprochen, was zumindest hinter vorgehaltener Hand nicht erst seit dem Dritten Reich unverblümt kommuniziert wird: „Die sind irgendwie weniger wert.“

    In der Tat -und die letzte Untersuchung durch die Friedrich-Ebert-Stiftung bestätigt dies eindrucksvoll!- hat die deutsche Gesellschaft ein ebenso massives wie latentes Problem mit Xenophobie und Rechtslastigkeit; da kann es wohl kaum noch „Zufall!“ (den es ohnehin gar nicht gibt) sein, wenn sich solche „Gedanken“ wie der ans „Verblödungsgen“ immer wieder mal halb- bis ganz laut an die Oberfläche dringen.



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