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Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Kısmet

Fabelhafte Stimmung

Neuerdings schmückt unseren Hausflur ein grelles Plakat mit sachdienlichen Bildern. Es soll auf die Mülltrennung hinweisen. Man könnte es als Resultat eines cholerischen Anfalls meiner Freundin betrachten, die sich bei der Hausverwaltung beklagte, dass mit den neuen Mietern die Hausordnung, oder zumindest deren Umsetzung, verschwand.

VONFlorian Schrodt

 Fabelhafte Stimmung
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM24. Oktober 2012

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Meinung

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Eigentlich sind es sogar zwei Plakate. Und das ist das Komische. Eines ist, wie man es erwarten könnte, in deutscher Sprache gehalten, ein weiteres, vor allem zur großen Verwunderung meiner Freundin, in Türkisch. Die Hausverwaltung wird sich etwas gedacht haben dabei, könnte man meinen. Welch ein netter Hinweis. Aber letzten Endes ist es am Ziel vorbei, weil meine Freundin die einzige Bewohnerin ist, die es versteht.

Vielleicht hat sich in der Hausverwaltung aber auch gedacht, dass unsere liebe, aber schweigsame jemenitische Nachbarin etwas damit anfangen könnte, oder die Nette pakistanische. Immerhin tragen sie beide Kopftuch. Nun dient eines der beiden Plakate nun also als Blickfang, jedoch auch als Muster ohne Wert.

Wenigstens mein Schwiegervater hat sich darüber köstlich amüsiert, auch wenn er meinte, dass das Plakat vor 50 Jahren hilfreicher gewesen wäre, als er und andere Einwanderer solche Hinweise hätten gebrauchen können. Wobei die Deutschen sich damals auch schwer mit dem Hochdeutschen getan hätten, fügt er grinsend hinzu. Und hat natürlich gleich die passende Anekdote parat.

Er habe einmal in einem Restaurant gesessen und großen Appetit auf Tavuk gehabt. Das Wort fiel ihm nicht gleich ein, weshalb er es in seinem stets griffbereiten Wörterbuch nachschlug. Tavuk bedeutet Huhn, stand dort zu lesen. Also bestellte er bei der Bedienung in seiner galanten Art mit einem verschmitzten Lächeln ein „Uhn“. Statt ihm charmant zurückzulächeln und dem adretten Herrn, der er damals wie heute war, seinen Wunsch zu erfüllen, habe sie ihn nur verwundert angeschaut, sodass er seine Bestellung wiederholte. Hilflos blickte sie zum Wirt, der herbeieilte, aber auch nicht helfen konnte. Baba setzte sich verzweifelt auf und schaffte es pantomimisch und mit einem Fingerzeig auf den Teller eines entfernt sitzenden Pärchens deutlich zu machen, was er denn nun haben wolle. „Achso, ein halbes Hähnchen“, murrte der Wirt. Heute kann Baba darüber lachen, seinerzeit war es ihm peinlich, weil er die Aufmerksamkeit des halben Restaurants – und nicht gerade die angenehmsten Blicke – auf sich zog.

Gackernd wie Huhn, oder eher wie ein alberner Gockel, steht er nun vor unserem Wohnzimmertisch und versucht die rege Diskussion vom eingangs erwähnten Plakat zu sabotieren. Vielleicht wird auch schon wieder über etwas anderes geschimpft. Dafür findet sich in unserer Familie immer ein Grund. Ich habe jedoch das Gefühl, dass es dabei so etwas wie stets populäre Themen gibt, die bei allen türkisch(stämmigen) Familien ähnlich sind. Diese sind: Familienmitglieder (weil alle eigentlich immer alles mitbekommen), die Türkei (weil man eigentlich vor Stolz platzt, aber immer wieder dieselben Makel bemängelt), oder andere Türken (die aufgrund ihres Verhaltens dem gesamten Volk schaden).

Besonders imposant finde ich das Verhalten meiner Schwiegermutter: Sie ist sehr auf akkurates und höfliches Auftreten und auch Feinsinnigkeit bedacht, fast schon manchmal schüchtern, aber wenn sie so richtig in Fahrt kommt, poltert sie wie ein Seemann, wobei sie diese Art nicht exklusiv hat. Um es vorwegzunehmen, sie läuft dann rot an, zunächst vor Zorn, später, weil sie peinlich berührt ist wegen ihres eigenen Ausfalls. Sobald sie zu Hause ankommt, ruft sie umgehend bei uns an, um sicherzugehen, dass ich auch kein schlechtes Bild von ihr habe und entschuldigt sich vielfach. Irgendwie ein omnipräsenter Drang in dieser Familie, immerzu darauf zu achten, dass auch niemand beleidigt sein könnte. Wenn meine Freundin mal meiner Mutter nicht noch eine dritte Tasse Kaffee angeboten hat, fragt sie mich wenig später, ob das nun unhöflich gewesen sein könnte. Aber zurück zur eigentlichen Szene.

Als sich Anne beruhigt hat und sich mit verschränkten Armen, als schmolle sie über sich selbst, auf die Couch zurücklehnt, versuche ich ihr im Spaß deutlich zu machen, dass ihr eben losgelassener Fluch „Eşoğl Eşek“ (klingt im Deutschen fast niedlich: „Sohn eines Esels“, ist im Türkischen aber ziemlich heftig) beim Gebrauch gegenüber Familienmitgliedern ziemlich unangebracht ist. Damit diffamiert sie sich doch ein Stück selbst, da der Esel zwangsläufig ein nahes Familienmitglied von ihr ist (übrigens auch eine sehr amüsante Szene im Film Almanya). Vor lauter Scham versteht sie mich aber nicht ganz, sondern echauffiert sich über Baba, der gerade wieder gackernd aus der Küche zurückkommt.

Aufgrund der Häufigkeit bin ich in türkischen Schimpfworten recht fit. Die weiteren Sprachkenntnisse gehen jedoch nicht über alltägliche Banalitäten hinaus. Es kommt vor, dass ich Diskussionsverläufen nicht ganz folgen kann, obwohl mir zuliebe zumeist Wert darauf gelegt wird, Deutsch zu sprechen. Auch wenn das ab und an erst nach einigen Minuten auffällt, aber dann mit einem deutlichen Hinweis.

Wie dem auch sei: Animiert von seinem Ausflug ins Tierreich kommt Baba auf eine tierische Fabel, bei der er sich zuerst auf Deutsch versucht, aber auf halber Strecke merkt, dass er die die Pointe versauen würde, weil es sich nicht so leicht übersetzen lässt, sodass er sie auf Türkisch erzählt. Meine Freundin versucht sie mir dann auf Deutsch zu übersetzen, was wiederum zur allgemeinen Erheiterung beiträgt, weil sich herausstellt, dass sie die Pointe ebenso wenig auf Türkisch verstanden hat. Im Gegensatz zum Rest der Familie, die schallend lacht. Meine Freundin nimmt nun die Haltung ihrer Mutter an und auch ihre Gesichtsfarbe.

Meine Mutter, die mittlerweile zu unserer geselligen Runde gestoßen ist, erklärt es mir dann anhand einer ähnlichen Fabel, die es im Deutschen gibt, nur mit anderen Tieren. Animiert von der „fabelhaften Stimmung“ will Anne wissen, wie denn die Geschichte mit den Tieren gleich hieß. Plötzlich fällt es ihr wieder ein: „Bremer Müsiceler“. Mir liegt dazu ein Wortspiel auf der Zunge, das ich nicht zurückhalten kann. Ich kenne in Bremen auch einen guten Musikkeller, platzt es aus mir heraus. Anne sieht ihre Muttersprache verunglimpft, da kennt sie keinen Spaß, sodass ich sie ihn den Arm nehme und sogleich beschwichtige, auch wenn sie mich niemals in Seemannsmanier anfahren würde. Aber beleidigt wäre sie. Alle anderen haben meinen Kalauer ohnehin nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil sie gerade die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten rekonstruieren.

Ich frage erstaunt, woher sie das denn alle kennen. Mein Schwager schaut mich verwundert an und entgegnet mir, ob ich diese Geschichte denn nicht in der Schule gelesen hätte. Ich kann mich nicht daran erinnern, habe sie nur privat gelesen. Anne sowie mein Schwager hatten sie in der Türkei in der Schule gelernt und noch viele weitere deutsche Geschichten. Obendrein hatten sie Deutsch als zweite Fremdsprache.

Ich muss unwillkürlich an das Plakat in unserem Hausflur denken. Bevor ich es ansprechen kann, muss Baba noch einmal seine Witzigkeit unter Beweis stellen und erkundigt sich nach unserem Urlaub. Ob wir den Ring des Hodschas in Bodrum (Keller) gefunden haben, will er wissen. Wie aus dem Nichts schießt Annes Hand aus der verschränkten Stellung gegen den Kopf von Baba auf seine schon kahle Stelle. Sie mag eben keine Albernheiten und Verunglimpfungen und sonstigen Unsinn.

Als solchen sieht sie auch das Plakat in unserem Hausflur, dass sie beim Rausgehen ausgiebig kommentiert. Sie könne zwar nicht akzentfrei Deutsch, aber zum Lesen reiche es, weswegen man in Deutschland keine türkischen Plakate brauche, betont sie und ist fast schon wieder am schimpfen, hält sich aber im letzten Moment zurück. Dafür bräuchte man größere Statuen in Deutschland, wendet Baba wieder einmal vollkommen am Thema vorbei ein, da er die Stadtmusikanten in Bremen zu winzig findet. In der Türkei seien doch auch überall riesige Monumente. Das könnten die Deutschen ausnahmsweise mal von den Türken lernen. Diesbezüglich sind sich Anne und Baba einig. Sie harkt sich bei ihm ein und gemeinsam trotten sie zum Wagen. Ne güzel.1

  1. Übers. aus dem türk.: Wie schön  []
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6 Kommentare
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  1. Songül sagt:

    Hallo Florian,

    wieder mal herzerfrischend, danke dafür. Würde mich mal brennend interesieren, ob ihre Schwiegereltern ihre Kolumne lesen und wie ihre Reaktionen ausfallen …
    Der gute Bremer Musikkeller dürfte die Lila Eule sein, oder ?! ;-))

  2. Florian Schrodt sagt:

    Hallo Songül,

    Wieder einmal lieben Dank 🙂 Meine Schwiegereltern haben leider keine so grosse Affinität zum Internet, so dass wir ihnen die Artikel vorlesen. Sie amüsieren sich meist recht köstlich, haben aber auch gerne mal kontroverse Diskussionen ob mancher Details 😉
    An den Namen des Bremer Musikkellers kann ich mich leider gar nicht mehr erinnern, ich werde Ihren Tipp aber gerne mal ins Auge fassen, wenn ich wieder da bin…
    Viele Grüße
    Florian

  3. Mika sagt:

    Ihre Schwiegereltern scheinen sehr gesellig und lustig zu sein! Wieder mal ein gelungener Artikel 🙂 Weiter so!

  4. Florian Schrodt sagt:

    @Mika Danke, das sind sie auf jeden Fall. Manchmal ist es zugegeben anstrengend (selten), aber unterhaltsam und herzensgut in jedem Fall 😉
    Viele Grüße
    Florian

  5. Hans sagt:

    @Mika

    Das schreiben Sie aber nur, weil es sich um Türken dreht, oder? Sie verfahren nach folgendem Muster:

    alles islamische: gut
    alles türkische: gut
    alles deutsche, dass das Türkisch/Islamische lobt: gut
    alles deutsche: schlecht

    oder täusche ich mich?

  6. Mika sagt:

    Hans, da denken Sie aber viel zu schwarz-weiß, viel zu viel in Schubladen!



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