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Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Ein Fremdwoerterbuch

Ab in die Wutbox mit euch!

Ganz ehrlich? Ihr könnt mir mal den Buckel runterrutschen, ihr hasserfüllten Paukenhauer, globalen Klassenclowns und mediengeilen Störenfriede. Ihr lauten Menschen. Kauft euch ’ne schalldichte Wutbox und tobt euch dort aus, haut euch gegenseitig die Köppe ein. Aber das würdet ihr niemals alleine machen. Ihr funktioniert nämlich nicht ohne uns, die Moderaten dieser Welt. Ihr braucht uns.

VONKübra Gümüşay

 Ab in die Wutbox mit euch!
Die Autorin ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM12. Oktober 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Was wäre eine Demonstration muslimischer Extremisten ohne Publikum? Was wären die islamischen Hassprediger auf der einen Seite und Ayaan Hirsi Ali plus Henryk M. Broder auf der anderen ohne uns? Nichts. Sie brauchen uns, damit wir über sie diskutieren. Darüber, ob sie recht haben oder nicht. Ob es in Ordnung ist, wie sie sind, was sie tun und was das für Folgen haben könnte.

Wir verhelfen ihnen damit zu noch mehr Prominenz und noch mehr Aufmerksamkeit. Wir holzen Hunderte von Bäumen ab, nur um in Zeitungen darüber zu grübeln, wie wir ihren Anliegen gerecht werden, ihren Vorwürfen begegnen, ihr Geschrei beruhigen. Und schon während ich diesen Text schreibe, tut es mir leid um die Bäume. Aber einmal muss es raus.

Was wären die Extremisten ohne einander? Wie Nietzsche richtig sagte: „Wer davon lebt, einen Feind zu bekämpfen, hat ein Interesse daran, dass er am Leben bleibt.“ Nur so kommen die Autoren der Extremen zu ihren Titelseiten, zu ihren Medienauftritten, zu ihrer Aufmerksamkeit und letztendlich zu Geld. Politisch passt es manchem Regierenden auch sehr gut in den Kram. Schön, wenn sich die Beherrschten eher über einen angeblichen Feind, den ihnen Extremisten immer willig zeigen, aufregen als über den Mist, den die Machthaber bauen.

Extreme erklären
Und während die Moderaten von der einen Seite zur anderen hoppeln, in dem Bemühen, den Extremen die anderen Extremen zu erklären, stilisieren die sich als mutige Heroen, die endlich ansprechen, was sich niemand anders traut.

An sich selbst als an das Gute und Hehre zu glauben, während der Feind durch und durch böse ist – komfortabler lässt es sich im eigenen Oberstübchen nicht einrichten. Dabei sind die wahren Helden die Moderaten. Es braucht Mut, moderat zu sein. Es braucht Kraft, nicht ins verlockend simple Schwarz-Weiß abzudriften und selbst im vermeintlichen Feind noch einen Menschen zu sehen.

Und einfach ist es wahrlich nicht, um das herauszufinden, braucht es keine berühmten Hetzer aus der Presse. Was macht man zum Beispiel, wenn sich der Mann neben einem im Flugzeug als amerikanischer Waffenlobbyist entpuppt? Als er mir seinen Beruf beschrieb, wusste er sehr schnell, wie ich das fand. Übel. Den Rest des Flugs sprachen wir über unsere Familien.

Er, Ende vierzig, polnisch-italienischer Herkunft, erzählte von seiner Kindheit, dem frühen Tod seiner Mutter und wie er nun versucht, seinen Kindern das zu geben, was er niemals hatte: eine große Familie mit viel Leben und Geborgenheit. Zwischendurch schob ich Gewissensfragen ein. Er wich aus.

Wir entdeckten unsere gemeinsame Leidenschaft für gute Küche. Wir tauschten Filmtipps aus und luden uns gegenseitig nach Hause ein, wohl wissend, dass wir uns niemals besuchen werden. Wir mochten nicht, was der jeweils andere tat, aber wir waren deshalb keine Feinde. Wir haben uns wunderbar unterhalten.

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14 Kommentare
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  1. AI sagt:

    Sehr schöner Text. Noch besserer Zusammenhang. Aber das Beste, Sie stellen den Medienkrieg besonders anschaulich dar.

  2. Tim B. sagt:

    @Kübra
    Guter Artikel! Die erste Hälfte des Artikels könnte von mir selbst stammen und spricht mir aus der Seele.

    Im zweiten Teil gibt es nur ein Satz der mich stört:
    „Zwischendurch schob ich Gewissensfragen ein. Er wich aus.“

    Warum schieben Sie dem Mann Gewissensfragen ein? Wollen Sie ihm ein schlechtes Gewissen machen, weil er sein Job macht und seine Familie ernährt? Oder haben Sie den Fehler gemacht und in Schubläden gedacht? Ein Waffenlobbyist bringt keine Menschen um, nur mal so zur Erinnerung!

  3. Man Co sagt:

    „Ein Waffenlobbyist bringt keine Menschen um, nur mal so zur Erinnerung!“

    Stimmt, er liefert nur die Waffen, damit jemand einen umbringt.

  4. Klaus Wussow der Zweite sagt:

    „Zwischendurch schob ich Gewissensfragen ein. Er wich aus.“

    Hmm, schwierige Aussage. Machen Sie das bei radikalen Moslemen auch?

  5. andreask sagt:

    ..also ich glaube Breivik ist auch ein netter smalltalker, allein im smalltalk scheiden sich selten Wahrheiten voneinander. ‚Jesus‘ war auch Extremist, aber er war kein Breivik, Gandhi war in vielfacher Hinsicht Extremist. Das diskursive Motiv ‚Extremist‘ kommt aus der konservativen Presse und wird meist benutzt, um den Extremismus des Konformismus, der ‚Moderaten‘ zu verdecken: seht die Extremisten sind es, die unsere Gesellschaft in den Ruin treiben. Aber der Horror lauert in der Normalitaet. Dazu muss ich nur an meine Grundschule denken. Mich wundert es wirklich, dass Kübra ploetzlich solcherart Diskurse aufzaeumt. Tribut an den gesellschaftlichen mainstream-Diskurs im schoenen D.?

  6. Sigmar sagt:

    Ich freue mich sehr darüber das wir mit Broder einen Polemiker allererster Güte in Deutschland haben, weiß auch nach der Lektüre des Artikels nicht so recht was an seinen Artikeln „extremistisch“ sein soll und wäre mit 22 Jahren auch gerne Business-Klasse geflogen!

    Schönes WE!

  7. Wilhelm sagt:

    Hallo Kübra!
    Ich habe neulich die Klub-Konkret-Sendung gesehen, wo Du zu Gast warst. Da hast du mokiert, dass du in in Deutschland am Flughafen „natürlich mal wieder“ von einem „blonden, blauäugigen Mann“ kontrolliert wurdest, wohingegen das in London am Flughafen eine Frau mit Kopftuch gemacht hat. Deine Schlussfolgerung aus diesem, für dich Negativerlebnis, war, dass der Staat in Sachen „Multikulti doch Vorbild sein muss“. Soll er blonde Menschen kastrieren? Oder denen keine Arbeit mehr geben? Solche Aussagen sind doch unverhohlen rassistisch. Blaue Augen sind keine Entscheidungen, wie das Tragen eines Kopftuches, sondern ein genetisches Merkmal. Ich bin sicher, dass hast Du nicht so gemeint, aber ich habe mich sehr darüber erschrocken. Stell dir mal vor, das hätte ein, wie Du ihn nennst, „Bio-Deutscher“ (Ich bevorzuge die Bezeichnung Deutscher) gesagt, mit umgekehrten Vorzeichen. Dann wäre, zu Recht, einiges losgewesen. Grüße!

  8. andreask sagt:

    natuerlich erwarten Menschen wie ‚Wilhelm‘ niemals, dass sich ihnen an deutschen Flughaefen eine egalitaere Beschaeftigungssituation praesentierte, im Gegenteil wuerde sie diese Frau mit Kopftuch auf das aeusserste befremden. Die Bevorzugung von ‚Ariern‘ auf ’sicherheitsrelevanten‘ Positionen und das geht von den Flughaefen bis zur Hochenergiephysik, ist so offensichtlich, dass niemand in Deutschland jemals daran Anstoss nehmen wuerde und waere diese Bevorzugung nicht, ja dann, dann waere tatsaechlich etwas los im schoenen D.

  9. Cengiz K sagt:

    ….Ich freue mich sehr darüber das wir mit Broder einen Polemiker allererster Güte in Deutschland haben…
    Broder gehört wohl eher zur Gattung „dirty old man“! Ein Plagiat! Der schreibt doch nur Transfer und Schablonen.. Wenn er ein Beispiel für „allererste Güte in Deutschland“ dar stellen würde, dann hätten wir in der Tat in der BRD entweder ein Problem mit Qualität, oder wüssten nicht, was Qualität aus macht! Ach, moment mal…

  10. Klaus Wussow der Zweite sagt:

    @andreask

    Auch ich würde in sicherheitsrelevanten Positionen keine fanatischen Gläubigen einstellen. Ein Restrisiko bleibt immer. Das betrifft aber keine Gläubigen (Muslime) im Allgmeinen, nur Personen, die Ihren Glauben übertrieben und für alle sichtlich, gegen unseren Wertekonsens, zur Schau stellen. Eine Person, von der ich nicht das ganze Gesicht wahrnehmen kann, ist für mich eine Person, die etwas zu verbergen hat. So jemanden vertraue ich nicht. Punkt.


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