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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Evi Rejeki

Ich bin Schauspielerin aus Schleswig-Holstein

Schauspieler, die nicht deutsch sind, füllen nicht selten Klischeerollen, sollen gebrochenes Deutsch sprechen, obwohl sie es akzentfrei können. Auch Evi Rejeki hat schon viele solcher Rollen angeboten bekommen. Sie hat gelernt, „nein“ zu sagen – ein Plädoyer von ihr.

Auch ich werde für Klischeerollen angefragt. In einer Folge bei Aktenzeichen XY, bei der ich mitwirkte, waren alle Schauspieler asiatischen Aussehens deutschsprachig und wir mussten so tun, als ob wir kein deutsch konnten. Ein Hohn, nicht nur für die Zuschauer. Dabei ist falsches deutsch zu sprechen, wie eine Fremdsprache für mich -gerade was die Melodie, die Wortwahl, die Intonation betrifft.

Wichtige Caster, die teilweise Preise gewonnen haben, rufen an und möchten mich zu einem Casting einladen und ich würde die Rolle einer Putze, etc. spielen, bitte in der Ficki-Ficki Sprache. Bravo! Meine damalige Agentur wäre stinksauer gewesen, wenn ich Einladungen/Rollen abgelehnt hätte. So etwas tut man nicht, erst recht nicht bei wichtigen Leuten. Lange hat es mich geärgert. Aber jetzt reicht es.

Ich habe die Wahl – und das betrifft Schauspieler aller Herkunft. Und zum ersten Mal habe ich bei einer renommierten Casterin auf gut deutsch dankend abgelehnt. Was ist mir dadurch entgangen? Wichtige Kontakte? Meine Karriere? Gage? Alles, aber auch ein zweiter Anruf? Noch einmal wird sie mir so eine Rolle nicht anbieten. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar sehr hoch, dass sie mich nie wieder anrufen wird. Vielleicht spricht sich meine Absage sogar rum. Und? Dies gilt auch wieder für alle: seid aktiv und jammert nicht rum!

„Filmstudenten, die gerade aus dem Ausland in einer der besten Filmschulen Deutschlands gelandet sind, bieten mir in ihrem schlechten deutsch Klischeerollen an. Und ich sage mir, spiel´s doch selber, du kannst viel besser schlechtes deutsch sprechen als ich.“

Ich bin in die Produktion gegangen und entwickele Drehbücher. Ganz legitim, dass ich mir selber Rollen reinschreibe. Vielleicht sogar die einer Anästhesistin, die an der Charité praktiziert. So wie in der Realität. Da ist es meine älteste Schwester. Oder die Rolle einer Studentin, die Wirtschaftsinformatik studiert, nebenbei in einer Firma arbeitet und dort neue Software kontrolliert. Meine zweite Schwester.

Caster, Regisseure, Redakteure und andere Filmemacher wagen nur etwas, wenn sie damit keine Schäden beim Publikum anrichten. Das gilt sowohl für Schauspieler mit und ohne (?) Migrationsgeschichte/background/Herkunft (was für Unsinnswörter, nur um politisch korrekt zu bleiben). Gegen bestehenden, bequemen, arroganten, verängstigten, veralteten, von Vorurteilen geprägten Denkweisen und Systemen anzukämpfen, ist nerven aufreibend. Ich tue es jetzt auf meine Weise.

Aber es stimmt schon, dass ich mich frage, wann ein/e Schauspieler/in mit anderer Hautfarbe oder mit Handycap eine Hauptrolle im Kinofilm oder einen wichtigen Preis erhält. Das wird noch lange dauern. Es gibt einen unsichtbaren Ring, wo nur die 20 üblich verdächtigen Schauspieler drin sind, da möchte man gerne auch unter sich bleiben. Man schiebt sich gegenseitig die Rollen, Preise, etc. zu. Alle anderen bleiben außen vor. Das gilt für alle Schauschi´s mit und ohne bunter Hautfarbe.

Linktipp: Mehr über Evi Rejeki unter evi-rejeki.blogspot.de und auf Facebook.

Aber manchmal ist es ganz nützlich, wenn man so aussieht, als ob man kein deutsch spricht. Dann hat man seine Ruhe. Zum Beispiel bei zwei älteren Damen, die vor meiner Tür standen und mir was von ihrem Wachturm erzählen wollten. Ich gab den Reisfresser, sie lächelten ganz lieb (wahrscheinlich tat ich ihnen leid, “is nich sie dürfe leinlasse, klige älgel von meihne heheman”), bedankten sich und kehrten ganz schnell um.

Liebe Caster, Regisseure, Redakteure, Sender und weitere Filmemacher, ich habe schon Schiss, diesen Beitrag zu schreiben. Aber das war deutschlich genug, ja? Ich bin keine Bedarfsasiatin, sondern Schauspielerin aus Schleswig-Holstein und werde ab sofort neue deutsche Filme drehen.

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12 Kommentare
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  1. MiTho sagt:

    Liebe Frau Rejeki,
    Sie haben meinen ungeteilten Respekt nebst meines Herzenswunsches, sehr viel mehr Mitbürger „mit etwas anderen Wurzeln“ besäßen Ihr Selbstbewusstsein – auch wenn es wohl aus einer verzweifelten Flucht nach vorn besteht.
    Dieses Land kastriert sich freiwillig um wertvolle und produktive Beiträge auf allen erdenklichen Ebenen des Daseins, weil es sich aufgrund obskurer Ressentiments selbst verbietet, Qualitäten und Kompetenzen von Migranten (oftmals in zweiter oder gar dritter Generation!) in Anspruch zu nehmen.
    Ich respektiere, ja bewundere Ihren Mut und bitte Sie inständigst, diesen nie sinken zu lassen – obschon vielleicht klein, aber es GIBT tatsächlich noch ein „anderes“ Deutschland. Und das weiß Beiträge wie Ihre zu schätzen.
    Darüberhinaus wünsche ich mir, dass sich Ihr Mut multiplizieren möge; nur so erhalten wir eines Tages ein Land, das in die Zeit und zu Menschen passt!
    Gruß
    M.Thomas

  2. Krupunder sagt:

    „Auch ich werde für Klischeerollen angefragt. In einer Folge bei Aktenzeichen XY, bei der ich mitwirkte, waren alle Schauspieler asiatischen Aussehens deutschsprachig und wir mussten so tun, als ob wir kein deutsch konnten. Ein Hohn, nicht nur für die Zuschauer. “

    Bei Aktenzeichen XY werden Verbrechen nachgestellt in der Hoffnung, dass der Zuschauer zur Aufklärung beitragen kann.

    Wenn dort nun beteiligte Personen nicht deutschsprachig gewesen sind, dann verändern wir einfach mal den tatsächlichen Ablauf des Verbrechens? Denn andernfalls ist es ein Hohn?

    Ein wenig dünn, wie ich meine. Können Sie das mal näher erläutern?

  3. Klaus Wussow der Zweite sagt:

    „Aber das war deutschlich genug, ja?“

    Deutschlich, war das Absicht? Lustige Wortschöfpung…

    Ansonsten, Gegenfrage: was spielt ein weißer Europäer in asiatischen Filmen? Einen einheimischen Reisbauern oder einen weißen Europäer/Nordamerikaner?

  4. Cengiz K sagt:

    …Einen einheimischen Reisbauern oder einen weißen Europäer/Nordamerikaner?…

    Ich vermute mal, dass wenn die Analogie zu Ende gedacht würde, dieser einen weißen amerikanischen/nordeuropäischen Reisbauern spielen würde?

  5. Hyper On Experience sagt:

    „Aber manchmal ist es ganz nützlich, wenn man so aussieht, als ob man kein deutsch spricht. Dann hat man seine Ruhe. Zum Beispiel bei zwei älteren Damen, die vor meiner Tür standen und mir was von ihrem Wachturm erzählen wollten. Ich gab den Reisfresser, sie lächelten ganz lieb […], bedankten sich und kehrten ganz schnell um.“

    Na, ick weeß nich … Wenn das Asiatinnen-Klischee gerade passt, wird es genutzt, bei den Rollenangeboten stört es dann aber auf einmal. Klingt recht unglaubwürdig. Ent- oder weder; sie müssen sich schon mal entscheiden, Frau Rejeki.

  6. MiTho sagt:

    @ Hyper:

    „Wenn das Asiatinnen-Klischee gerade passt, wird es genutzt, bei den Rollenangeboten stört es dann aber auf einmal. Klingt recht unglaubwürdig.“

    Frau Rejeki kommt es, wenn ich sie richtig verstehe, schwerpunktmäßig auf die spontane Wahrnehmung an. Was sie nicht schätzt, ist soetwas wie eine Anekdote, die sich vor vielen Jahren tatsächlich bei meinem Arbeitgeber so abgespielt hat:

    Eine Delegation deutscher Wirtschaftler traf auf eine aus einem zentralafrikanischen Staat, es wurde zu Tisch geladen und ein Grußwort von einem deutschen Vertreter gesprochen; der Vertreter der Gäste sollte nach dem Dessert noch ein, zwei Worte sagen.
    Einer der Deutschen kam neben einem der Afrikaner zu sitzen und bemühte sich, irgendwie Informationen, Fragen und Stellungnahmen zu transportieren. Der Afrikaner zeigte sich ob des bizarren Baby-Sprachgebrauchs konsterniert und antwortete so gut wie gar nicht. Das kulminierte sich nach dem Hauptgang in der Frage: „Gutes Fressi-Fressi, wie?“ – er war sich keiner Schuld bewusst.
    Nach dem Dessert steht der so Angesprochene auf, gab sich als Vertreter des Wirtschaftsministeriums zu verstehen und ging mit einigen, akzentfreien, deutschen Sätzen auf die Zukunft der Kooperation zwischen beiden Staaten ein.
    Als er zu seinem Platz zurückging und den völlig verdutzten Deutschen zur Salzsäule erstarrt vorfand, sagte er, breit lächelnd: „Gutes Bla-Bla, wie?“

    Wir sollten hier schon mal anfangen, Migranten im Speziellen und Ausländer im Allgemeinen nicht für behindert zu halten und zunächst einmal Kenntnisse hiesiger Kultur und Sprache zu unterstellen – auf ein hilfloses Babygestammel kann man zum Schluss noch immer verfallen, wenn nichts anderes mehr geht.
    Hat was mit Wertschätzung, Akzeptanz und Respekt (!) zu tun.

  7. safdsf sagt:

    Ethnische Rollenklischees.

    Wissen Sie, dass bei James Bond die Bösewichter traditionell immer mit deutschen Schauspielern besetzt wurden.
    Der berühmteste James-Bond-Bösewicht war Gerd Fröbe in Goldfinger, aber auch Klaus Kinsky und Brandauer hatten schon die Ehre.
    Das machte den Schauspielern auch gar nichts. Eine Rolle bei bei James Bond war das Karrieresprungbrett schlechthin.

    Und auch sonst ist der „eiskalte Blonde“ ein klassisches Stereotyp eines Filmbösewichts. Man denke nur an „der Schakal“ mit Bruce Willis.

    Grundsätzlich möchte ich sagen, lieber ein Stereotyp in einem guten Film, als ein Unikat in einem schlechten.

  8. Tai Fei sagt:

    „safdsf sagt:
    23. Oktober 2012 um 18:44
    …Wissen Sie, dass bei James Bond die Bösewichter traditionell immer mit deutschen Schauspielern besetzt wurden.
    Der berühmteste James-Bond-Bösewicht war Gerd Fröbe in Goldfinger, aber auch Klaus Kinsky und Brandauer hatten schon die Ehre…“
    Also meines Wissens hat Gerd Fröbe in GOLDFINGER aber kein rudimentäres English ins Mikro gestammelt. Zwar ist ein Rollenklischee für dt. Schauspieler durchaus gegeben, den NIX-Verstehen-Trottel geben die aber höchstens in Filmen der C- und D-Ware ab oder bei besch… dt. Synchros.

  9. Hans sagt:

    Tai Fei, wollen Sie jetzt Anfänger-Schauspieler mit Gerd Fröbe vergleichen, oder wie? Chackie Chan spielt auch keine Nebenrolle als Asylant.

  10. Tai Fei sagt:

    @Hans
    Also erstens habe ich den Vergleich ja nur aufgegriffen, der kam nicht von mir und zweitens hat JACKIE Chan in den 80ern gerade deswegen Hollywood den Rücken gekehrt, weil diese ihm das Rollenklichee des brabelnden Asiaten (er konnte damals nicht besonders English) aufdrängten.

    Gerade in DE bedienen wir leider dieses Klischee auch sehr oft. Nehmen wir nur man Pat Morita in der Karate Kid-Reihe. Speziell der zweite Teil ist wirklich übel in der dt. Synchro, wo ständig in den Okinawa-Parts nur Yoda-like gequatscht wird.


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