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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Kısmet

Zwischen zwei Welten

Mich machte es nachdenklich, als meine Freundin auf die Frage, ob sie Türkin sei mit „ja“ antwortete. Obwohl sie eigentlich die Heimat ihrer Eltern nur aus dem Urlaub kennt. Das beschäftigte mich am nächsten Tag weiter…

VONFlorian Schrodt

 Zwischen zwei Welten
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM10. Oktober 2012

KOMMENTARE9

RESSORTAktuell, Meinung

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Herrlich! Endlich Urlaub. Eine Woche Bodrum. Unser Blick haftet an den Sonnenstrahlen, die auf der Oberfläche des glasklaren Wassers tanzen und es in ein riesiges Panoptikum gebrochenen Lichts verwandeln. Ein silhouettenhaftes, schachbrettartiges Muster, das illuminierend in der seichten Brandung wiegt. Der Himmel liegt glasklar und in einem wolkenlosen türkisen Blau friedlich über uns.

Ummalt wird das Panorama von einem rot-weißen Meer aus türkischen Fahnen. Wenn wir die pittoreske Anlage verlassen, verlässt meine Freundin die maritime Romantik und wird ersetzt durch die deutsche Vorstadtromantik ordentlichen Lebens. Nicht nur meine Freundin schimpft über die Unordnung abseits der Straßen. Auch die Mitarbeiter der Anlage und einige Einheimische können keine Erklärung dafür finden. Mehrfach haben wir das Argument gehört, das doch Steuern gezahlt würden, der Staat bzw. die Stadt sollten sich daher darum kümmern, dass Ordnung hergestellt wird.

Eine Begegnung ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Wir streifen durch das nächtliche Gümbet. Das Hämmern der Bässe schallt uns in den Ohren, die grellen, bunten Lichter der Bars brennen in den übermüdeten Augen. Die Verkäufer der Stände können einem leidtun. Wir haben das Nachtleben hinter uns gelassen, meine Freundin hat aber den spontanen Einfall, sich von ihren Absätzen zu verabschieden und ihren Füßen statt den Heels ein Paar Terlik (Pantoffeln) zu gönnen.

Wir halten bei einem jungen Verkäufer, der wie im Land üblich sofort in Plauderlaune ist. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie neugierig, zuvorkommend und offen die Menschen hier sind. Unser Gespräch wird durch einen dumpfen Schlag unterbrochen. Wir drehen uns um und sehen einen anderen Jungen, der mit den Füßen gegen eine Laterne hämmert. Unser Verkäufer zuckt nur mit den Schultern und sagt emotionslos: „Stressabbau. Den ganzen Tag Arbeit. Und noch viel wichtiger, das ist unser stiller Protest.“ Für uns hat das mit Stille wenig zu tun, dennoch fragen wir nach, gegen wen oder was denn hier protestiert wird. „Glaubt nicht, dass uns die Unordnung an den Straßenecken gefällt. Wir hauen gegen die Laterne in der Hoffnung, dass sie umfällt. Dann würde die Stadt wenigstens mal herkommen und etwas tun.“

Irgendwie komisch. Auf der einen Seite wunderschöne Landschaften, gepflegte Straßenecken und Anlagen, auf der anderen Seite nur ein wenig fernab der belebten Kulissen zerfallende Straßen, angehäufter Müll und Improvisationen in verschiedenster zweckoptimierter Kreativität. Immer wieder Baustellen, die verlassen erscheinen.

Das Land scheint mir nicht nur in dieser Hinsicht zerrissen. West und Ost, Stadt und Land, Moderne und Tradition, atatürkische Säkularität und Religion. In einem Punkt aber sind offensichtlich alle Türken gleich. Der gemeinsame Fixpunkt ist der Stolz auf ihr Land – ich erinnere nur an das Fahnenmeer. Das kann ich nicht nur hier erfahren, sondern erlebe es auch zu Hause. Anne würde nicht nur ihre deutsche Heimat mit der Waffe verteidigen (wie sie einst sagte), sondern auch die türkische Muttersprache mit tadelnden Blicken, wenn ich mich mal zu einem blödelnden Wortspiel mit meinen wenigen türkischen Vokabeln hinreißen lasse. Baba veranlasst das zum Grinsen, Anne nehme ich dann lieber schnell in den Arm, um ihren strafenden Gesichtsausdruck in ein mütterliches Lächeln zu verwandeln. Aber zurück vom deutschen-türkischen Wohnzimmer in die türkische Ägäis.

Wir haben wieder begonnen mit dem jungen Verkäufer zu plaudern, als uns einfällt, dass wir doch meinem Schwager auch gleich sein gewünschtes Bodrum Souvenir, ein T-Shirt, mitbringen können. Leider hat der Junge hierzu nichts im Sortiment, doch trotz unserer beschwichtigten Worte eilt er sogleich von Nachbarstand zu Nachbarstand, um dort zu erfragen, wer diesbezüglich helfen könne. Diese Hilfsbereitschaft ist Teil des besonderen Charmes der Türkei, den ich so zu schätzen gelernt habe. Dies beschwichtigt auch wieder etwas das Temperament meiner Freundin, sodass sie sich auf der Rückfahrt im Dolmuş wieder auf die positiven Aspekte des Landes konzentriert. Apropos Dolmuş. Für mich sind diese Busse der Inbegriff des türkischen Pragmatismus. Mich erstaunt immer wieder, dass wohl jeder Wartende Zutritt zum Dolmuş bekommt, obwohl Haltestellen zumindest für mich nicht erkennbar sind. Ist der Fahrgast dann eingestiegen, wird nicht gleich ein Ticket gekauft, sondern bei nächster Gelegenheit der Fahrpreis beglichen. Ein Ticket wird erst gar nicht ausgehändigt. Erstaunlich ist dann auch die Gelenkigkeit türkischer Busfahrer, wie sie es schaffen, ihre Arme während voller Fahrt dem Geldgeber entgegenzustrecken, während sie sich mehr oder weniger auf die Straße konzentrieren, aber eigentlich noch mehr den Erzählungen des Beifahrers lauschen. Bei großen Scheinen wird das Wechselgeld auch nicht direkt zurückgegeben, sondern aus etlichen Behältern, Kassen habe ich noch nicht gesehen, zusammengesucht (während der Fahrt) und reihdurch von allen Fahrgästen an den Bezahlenden durchgereicht. Wichtigstes Utensil der Fahrer sind meines Erachtens jedoch Fernlicht und Hupe. Das System ist erstaunlich, aber funktioniert. Vielleich bin ich jetzt etwas unwissend: Trotz dieser unorthodoxen Art habe ich noch nie einen „Zechpreller“ erlebt.

Cahil (unwissend) entgegnet uns auch der junge Hotelfotograf, als wir ihm nach unserem Stadtausflug beim Flanieren auf der Hotelanlage begegnen und ihm kichernd die Geschichte mit der Straßenlaterne erzählt haben. Die Türken seien eben mit dem Herzen dabei, verstünden aber nichts von Ordnung und Organisation, meint er. Auch er zeigt sich in landestypischer Manier freundlich und neugierig zugleich. Er will wissen, wo wir herkommen. „Almanya güzel“ (Deutschland ist schön), lautet sein Fazit, das wir mittlerweile schon oft gehört haben. Mit einem Strahlen packt er seine erstaunlich guten Deutschkenntnisse aus und fragt uns nach noch mehr Vokabeln, da er schließlich auch bald nach Deutschland will, um seine deutsch-türkische Freundin zu heiraten und mit ihr dort etwas aufzubauen. Dann fängt er an zu schwärmen. Deutsche und Türken müssten mal ihr Land tauschen, dann würde die Türkei durch den Fleiß der Deutschen der paradiesischste Ort der Welt. Oder besser wäre noch, wenn Deutsche und Türken ein Land zusammen hätten, das wäre mit den jeweiligen Tugenden eine Supermacht. Ob man sich hierzulande diesem Kommentar anschließen würde?

Mich machte es schon nachdenklich, als meine Freundin auf seine Frage, ob sie Türkin sei mit „ja“ antwortete, sie sei allerdings in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern kämen aus Istanbul. Wieso schaffen wir es nicht, einen nationalen Stolz zu vermitteln? Obwohl sie eigentlich die Heimat ihrer Eltern auch nur aus dem Urlaub kennt, hat ihr Herz wohl eine eindeutige Antwort gegeben. Oder nicht? Die Frage beschäftigte mich am nächsten Tag weiter, als wir am Strand liegen und die Sonne genießen.

Ich beobachte die neuen Gesichter und sehe türkische Eltern, die ihren Kindern etwas zurufen. Ich kann ein paar Brocken raushören. Sie sollen nicht soweit weglaufen. „Wir holen nur ein Eis“, antworten die Kinder in perfektem Deutsch. (Türkisches Dondurma (Eis) ist übrigens köstlich). Dieses deutsch-türkische Sprachwirrwarr kenne ich von meiner Nichte, die oftmals ebensolche bilinguale Dialoge mit ihren Eltern führt.

Früher war es immer niedlich, als sie in kindlicher Selbstverständlichkeit auf die Frage nach ihrer Nationalität mit „Deutsch“ antwortete. Mittlerweile bin ich mir nicht sicher, ob sie nach wie vor so antworten würde. Wenn sie aus dem Türkeiurlaub mit ihren Eltern zurückkommt, gerät sie geradezu ins Schwärmen für das türkische Leben.

Auch für uns geht der Urlaub nun langsam wieder vorüber. Ein großer Teil der Erholung geht jedoch nicht nur auf strahlenden Sonnenschein und gutes Essen zurück (das man ja auch schon von zu Hause gewohnt ist), sondern ist eng mit der Herzlichkeit und Lebendigkeit der türkischen Mentalität verbunden. Canlı, wie man sagt. Vielleicht ist auch das ein Grund für die Unentschlossenheit des Herzens meiner Freundin (und anderer?). In der letzten Nacht kann sie nicht richtig schlafen. Sie ist aufgeregt und kontrolliert noch drei Mal, ob unsere Koffer auch ordentlich gepackt sind und wir unsere Dokumente beisammen haben. Sie legt sich zu mir ins Bett und zuckt noch einmal nervös mit dem Bein. „Ich freue mich auf zu Hause“, sagt sie und schläft irgendwann ein.

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9 Kommentare
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  1. Roger Rabbit sagt:

    hallo, vielen dank für den Artikel. Hat mir gut gefallen, vor allem das mit der Laterne! Ein Satz hat mich stutzig gemacht

    „Mich machte es nachdenklich, als meine Freundin auf die Frage, ob sie Türkin sei mit „ja“ antwortete“

    ________________________________________________

    Beschwert sich Ihre Freundin manchmal, dass man sie nicht wie eine Deutsche behandelt?

  2. Mika sagt:

    Toller und interessanter Beitrag….mehr davon!!! 🙂

  3. Florian Schrodt sagt:

    @Roger Rabbit vielen Dank für Ihr Feedback. Zu dem Satz, der Sie stutzig machte (fällt mir schwer eine knappe Antwort zu finden): ich finde es gut, kulturell auch mehrfach verwurzelt zu sein, fand es aber in dem Moment erstaunlich, als meine Freundin wie selbstverständlich antwortete, Türkin zu sein, obwohl sie nie in dem Land lebte und durchaus auch deutsch geprägt ist. Ich glaube, es war für sie nie einfach, sich deutsch zu fühlen, weil man „fremden Einflüssen“ hier oft plump und ablehnend begegnete und das finde ich sehr schade. Hoffe, das klärt Ihre Frage?
    Grüße
    Florian

  4. Florian Schrodt sagt:

    @Mika danke, gerne doch – jeden 2. Mittwoch 🙂
    Grüße
    Florian

  5. Roger Rabbit sagt:

    Hallo Florian,

    danke für Ihr Feedback. Leider klärt es meine Frage nicht hinreichend genug 🙂
    Es geht mir nur darum, ob sich Ihre Freundin von der deutschen Gesellschaft in irgendeiner Form ausgeschlossen fühlt, sich also nicht als richtiges Mitglied derselben fühlt?

    Aber so wie Sie es schildern, wäre die Aussage, „ich bin Türkin“ also eher als Trotz auf die Gesellschaft zu verstehen…?

    grüße
    Roger R.

  6. Florian Schrodt sagt:

    @Roger Rabbit würde nicht sagen, dass sie sich ausgeschlossen fühlt, es wurde ihr eher nicht leicht gemacht, sich mit der deutschen Lebensart zu identifizieren. Im Deutschen fehlt ihr, glaube ich, die Herzlichkeit und Lebensfreude und Offenheit, stattdessen wurde sie immer nur auf entweder oder reduziert. Ein Beispiel: Sie würde sicher nicht als Türkin (auf den ersten Blick) auffallen (zumidest wie es den Klischees entspricht) und wenn sie von ihren türkischen Wurzeln erzählt (so war es zumindest in ihrer Kindheit) wurde sie auf das Deutsche reduziert, während mehr türkisch aussehende Kinder neben ihr gehänselt wurden. Auch ich bekomme des öfteren mit, mit welch blöden Vorurteilen sie sich auseinandersetzen muss. Ich glaube daher, dass es vielleicht etwas Trotz ist, aber vielmehr die mangelnde Geborgenheit, die sie mehr im Türkischen gefunden hat (auch wenn dort nicht immer alles reibungslos lief).

  7. Florian Schrodt sagt:

    Ps: vielleicht ist es wenn dann auch eher Frustration als Trotz…

  8. Roger Rabbit sagt:

    Hallo Florian,

    Danke für Ihr Feedback. Abschließend noch, hätten Sie vielleicht hierfür noch ein Beispiel?

    „Auch ich bekomme des öfteren mit, mit welch blöden Vorurteilen sie sich auseinandersetzen muss.“

    Grüße
    Roger R.

  9. Florian Schrodt sagt:

    @Roger klar. Ein Besipiel hatte ich in einem vorherigen Artikel genannt. Meine Freundin schaute sich mit ihren Eltern eine Wohnung an, der Vertrag sollte unterschrieben werden, als die Frau des Vermieters fragte, ob sie denn Türken seien…denen will sie keine Wohnung geben, da sei ständig nur die laute Sippschaft im Haus. Ein weiteres Beispiel, aber eher ein Schmunzler, folgt im nächsten Artikel. Mich freut übrigens, dass Sie Interesse haben, ist es reine Neugier oder hat es einen anderen Hintergrund?
    Grüße
    Florian



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