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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Interview mit Kapucu

Weil auch die Gastarbeiter „One Way“ gekommen sind

„One Way“ heißt ihre Frühjahr-/Sommerkollektion 2013, weil auch die „Gastarbeiter“ ohne Rückfahrticket gekommen sind. Im Gespräch mit MiGAZIN verrät Fashion-Designerin Neslihan Kapucu unter anderem, was sie Menschen rät, die ein Problem mit Koptüchern haben.

DATUM9. Oktober 2012

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RESSORTFeuilleton, Interview, Leitartikel

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Neslihan Kapucu ist Absolventin des Düsseldorfer Fashion Design Instituts, eine renommierte Modeschule für den Nachwuchs. Ihr Studium hat sie mit einer Show während der Berlin Fashion Week als eine der besten abgeschlossen. Ihre Abschlusskollektion heißt „One Way“. Im Gespräch mit dem MiGAZIN redet Sie über über ihre Kollektion, wovon sie sich inspirieren lässt, wie der Migrationshintergrund in der Modebranche macht und wieso man einen Türken nicht selten schon an der Kleidung erkennt.

MiGAZIN: Frau Kapucu, wieso heißt Ihre Kollektion „One Way“?

Neslihan Kapucu: „One Way“ bedeutet, „die Hinfahrt“, oder „die Fahrt in eine Richtung“. Ich habe meine Kollektion so benannt, da sie von der Gastarbeitergeneration inspiriert ist. Diese Menschen sind ohne ein Rückfahrtsticket, also „One Way“ nach Deutschland gekommen.

MiG: Im Video zu Ihrer Kollektion ist ein Mann am Bahnhof mit einem Koffer zu sehen. Er hält ein Stück Stoff in der Hand. Was ist das und was hat das mit Ihrer Kollektion zu tun?

Kapucu: Ich habe mir versucht vorzustellen, wie die Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind. Und die Szene mit dem Koffer und dem handgehäkelten Kopftuch seiner Ehefrau dienten mir dabei als Inspirationsquelle. Sie verdeutlicht, dass diese Menschen weitaus mehr als nur Kleidung mitgenommen haben; die Sprache, Religion, Küche, Denkweise und vor allem Erinnerungen an Menschen, die sie in der Heimat gelassen haben, kurz: ihre eigene Welt.

MiG: Es fällt auf, dass in Ihren Kleidern anatolische und orientalische Muster dominieren. Inwiefern lassen Sie sich von Ihrer Herkunft inspirieren?

Kapucu: Bei „One Way“ bilden orientalische Muster den Kernpunkt. Beispielsweise gibt es Ohrringe, die wie die Unterteller für türkische Teegläser aussehen. Aber nicht immer ist meine Herkunft prägnant. Das ist auch das Schöne an der Sache: einerseits total schlichte und klassische Kleidung designen zu können, und andererseits dann zu kunterbunt gepatchten Stoffen umzuswitchen. Die Herkunft ist ein praktischer Joker, den ich einsetze, wann ich möchte.

MiG: Wie haben Sie „One Way“ kreiert? Erzählen Sie uns doch ein bisschen über die Arbeit einer Designerin?

Kapucu: „One Way“ ist für mich eine sehr persönliche Kollektion. Ich habe sie an alle Gastarbeiter, deren nachfolgenden Generationen und meinen Eltern gewidmet. Um dieser Widmung gerecht zu werden, habe ich teilweise dreimal hingeguckt, damit alles perfekt passt.

Jeder Designer arbeitet anders. Bei mir beginnt es mit dem Thema und der Recherche. In diesem Abschnitt lasse ich mich inspirieren, es kommt zu Zeichnungen, Schnitten und Stoffauswahl, letztendlich zum Nähen etc. Das ist der erste Part. Im zweiten Part kommt es dann zur Planung und Organisation des Shootings.

MiG: Wie kommt Ihre Mode – inspiriert aus einer „fremden“ Kultur – hier in Deutschland an?

Kapucu: Bis jetzt habe ich nur positives Feedback bekommen. Menschen mögen den Mix aus Altem und Neuem. Es kann aber auch daran liegen, dass das Fremde gar nicht mehr so fremd ist. Denn die Türken sind schon seit einem halben Jahrhundert hier in Deutschland und inzwischen ist jeder in Deutschland irgendwo mit der türkischen Kultur konfrontiert gewesen.

MiG: Gibt es Vor- bzw. Nachteile in der Modebranche, wenn man einen sogenannten Migrationshintergrund hat?

Kapucu: Es gibt meines Erachtens sehr viele Vorteile. Ich finde sogar, in je mehr Kulturen man aufgewachsen ist, desto besser ist es für einen Designer. Denn die Kultur ist Herausforderung und Reichtum zugleich, aus der man immer wieder Neues entdecken und kreieren kann.

MiG: In Europa werden Kopftücher als konservativ empfunden. Sehen Sie als International Fashion-Designerin und selbst Kopftuchträgerin eine Chance, dieses Vorurteil aufzubrechen?

Kapucu: Ich bin ein lebensfreudiger Mensch und akzeptiere mich, wie ich bin. Das ist das Wichtigste. Man muss sich kennen, zufrieden sein und sich selbst treu bleiben. Wenn man das schafft, hat man quasi das High Level erreicht und hat nicht mehr die Absicht, sich irgendjemanden zu beweisen oder Vorurteile aufzubrechen. Zumindest ist das bei mir der Fall. Ich habe so tolle Menschen kennenlernen dürfen. Dabei habe ich folgende Erfahrung gemacht: Menschen, die sich bilden, weiterentwickeln und sich mit viel wichtigeren Dingen im Leben beschäftigen, haben gar nichts gegen das Kopftuch. Diese Menschen reduzieren mich und mein Können nicht auf ein Tuch.

Und gegenüber denen, die etwas gegen mein Kopftuch haben, empfinde ich Toleranz und empfehle Aufklärung.

MiG: Was würden Sie sagen, wenn ich einfach mal folgende Behauptung aufstelle: Einen Türkeistämmigen mit eigenem Migrationshintergrund erkenne ich schon an seiner Kleidung aus 100 Meter Entfernung?

Kapucu: Definitiv. Aber jeder, der sich zu einer Gruppe zugehörig fühlt, nimmt auch bewusst oder unbewusst diesen Kleidungsstil an. Oder kennen sie einen Punk, der – außer beruflich vielleicht – im Business-Look herumläuft?! Ich nicht.

Die Deutsch-Türken versuchen es beiden Seiten gerecht zu machen und entwickeln in der Folge ihren eigenen Lifestyle. Das spiegelt sich in allen Lebenslagen wieder; von der Frisur bis hin zur Sprache und Kleidung. Sie machen ihre eigene Mode, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei von den Anderen zu unterscheiden ist.

MiG: Woran liegt es, dass bestimmte Migranten – obwohl sie teilweise schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben – sich immer noch „anders“ kleiden? Fällt es Menschen generell schwer, sich von ihrem Stil zu lösen oder ist das nur ein Phänomen der Migranten?

Kapucu: „Mode ist vergänglich, Stil bleibt“, sagte Coco Chanel einmal. So ist es auch generell bei Menschen, egal ob mit oder ohne Migrationserfahrung. Es ist schwer, sich von den bekannten Sachen zu trennen. Denn das Unbekannte ist unheimlich. Dabei spielt die Umgebung eine wichtige Rolle.

Die Gastarbeiter sind in einem sehr fein gekleideten Stil nach Deutschland gekommen- mit Anzug, Hemd und gelackten Schuhen. Ich denke dieser Stil, der in der Türkei immer noch fortläufig ist, wird auch hier weiterhin noch vertreten sein. Um das zu brechen, muss sich entweder der Stil in der Türkei ändern, oder sie müssen sich selbst eingestehen, dass ein Zurück nicht mehr geben wird.

MiG: Modedesignerin ist für viele sicherlich ein Traumberuf, den aber die wenigsten realisieren können. Wollen Sie den modebegeisterten MiGAZIN Leserinnen und Lesern zum Abschluss noch einen Tipp geben?

Kapucu: Die Modebranche ist ein sehr harter Brocken, der mit viel Geduld, Power und Selbstbewusstsein erfordert und die viel mehr, als nur das Zeichnen zu bieten hat. Aber wenn man die eigene Formel findet, ist jede Gleichung zu lösen und jeder Brocken wird zu einem Genuss.

MiG: Wo kann man ihre Projekte weiterhin verfolgen? Haben sie einen Blog oder Website?

Kapucu: Meine Arbeit kann man in meinem Blog: nkapucu.tumblr.com sehen oder auf www.facebook.com/NesbyNeslihanKapucu verfolgen.

MiG: Frau Kapucu, vielen Dank für das Gespräch!

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15 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Mo sagt:

    Anwerbeabkommen der Bundesrepublik hat es unter anderem auch mit Italien, Jugoslawien und Spanien gegeben. Unter den vielen „Gastarbeitern“ sind die türkischen nur ein Teil. Und unter diesen gibt es viele, die das Kopftuch ablehnen und zwar viel entschiedener als Deutsche.

    Wenn man diese nette Fashion-Idee mit dem Begriff „Gastarbeiter“ verbindet, wäre das eventuell für ein Land wie Frankreich angebrachter, wo in der Tat die Immigration aus Nordafrika und damit Kopftuch-anteilsmäßig sehr viel höher lag.

  2. Hypokraten sagt:

    „Und unter diesen gibt es viele, die das Kopftuch ablehnen und zwar viel entschiedener als Deutsche.“

    Und was jetzt?

  3. Mo sagt:

    „Und was jetzt?“

    Vielleicht mal ein ehrlicherer Umgang, nämlich statt ausschließlicher Pro-Propaganda auch der Hinweis, dass für viele muslimische Frauen das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung ist. Das ist Ihnen aber doch nicht wirklich neu, oder?
    Kleidungsstücke sind oft eben nicht ausschließlich Mode. Wenn Ihnen jemand mit Springerstiefeln begegnet, denken Sie doch auch nicht, oh wie schick, der junge Mann, oder?
    Das Kopftuch als ein Kleidungsstück zu verkaufen, das vollkommen diskursfrei sei und für „das Fremde“ stehe, ist ja charmant, aber falsch.

  4. Blitza sagt:

    Frauen tragen das Kopftuch freiwillig. Im Islam ist jeglicher religiöser Zwang verboten, weil der Glaube an Gott und die Überzeugung an Seine Existenz eine private Sache zwischen jedem einzelnen Menschen und Gott ist, alles andere ist wertlos. Ja ihr Kopftuch-Nörgler, redet mal mit einer Frau, wer sie angeblich dazu gezwungen habe. Ich wette, ihr werdet nicht eine einzige Muslima finden, die euch sagt, ihr Vater oder sonstwer habe sie dazu gezwungen. Vereinzelte Ausreisser mag es natürlich wie überall auch geben, die den Sinn nicht ganz kapiert haben.

    Zum Vergleich der Springerstiefel mit Kopftuch: Also wenn einem abends eine Frau mit Kopftuch begegnet, muss man im Gegensatz zu Chaoten mit Springerstiefeln sicher nicht gleich um seine Gesundheit fürchten oder im überzogenen Sinne dass man bekehrt wird. Von den einen geht eine potentielle Gefahr aus, die anderen bekunden mit ihrer Kleidung, dass sie an Gott glauben, so wie Nonnen auch.

  5. Mo sagt:

    Blitza, darüber, ob und inwiefern das Tragen (oder Ablegen) freiwillig geschieht oder nicht, habe ich nicht geschrieben, sondern dass es für viele muslimische Frauen ein Symbol der Unterdrückung ist.
    An der Art, wie sie schreiben, vermute ich, dass Sie nicht aus einer „Gastarbeiter“-Familie stammen.

  6. Blitza sagt:

    Mo

    Wie kann denn etwas, das mit freiem Willen zu tun hat, nichts mit Unterdrückung zu tun haben? Natürlich steht das im direkten Zusammenhang. Wie kann denn sonst eine Frau „freiweillig“ ein Kopftuch tragen, wenn sie unterdrückt wird? Dann wäre es ja nicht mehr freiwillig, sondern eben, weil ihre eigenen Interessen unterdrückt werden. Im Übrigen weiss ich von vielen Beispielen, dass nicht wenige Frauen zu Hause das Sagen haben, sie organisieren, verwalten das Geld, kümmern sich um viele Dinge für die Familie. Der Mann ist meist nur das Aushängeschild nach draussen und der Versorger.

    Wer oder was ich bin tut nichts zur Sache, es geht hier um das Thema Kopftuch. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich keine Frau bin und kein Kopftuch trage.

  7. epze sagt:

    @Blitza

    „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.”
    Marie von Ebner-Eschenbach

    🙂

  8. aloo masala sagt:

    @Mo


    Blitza, darüber, ob und inwiefern das Tragen (oder Ablegen) freiwillig geschieht oder nicht, habe ich nicht geschrieben, sondern dass es für viele muslimische Frauen ein Symbol der Unterdrückung ist.
    —-

    Für viele (linksgerichtete) Deutsche ist das Zeigen der deutsche Fahne Symbol einer nationalistischen Gesinnung. So what?

  9. Mo sagt:

    @aloo masala
    So whatwhat? Ginge es um Fahnen wäre der Hinweis doch auch berechtigt. Ich würde aus dem Grunde auch niemals eine deutsche Fahne raushängen. Und ich würde in einem Artikel über Schwarz-Rot-Goldene Kleidung, die die Bedeutung verschweigt oder idealisiert, mir ebenfalls erlauben, darauf hinzuweisen.

  10. aloo masala sagt:

    @Mo

    Sicher Sie können Ihre Meinung frei äußern. Viele Menschen, viele verschiedene Meinungen. Normal, oder? Deswegen, so what?

    Mit „so what“ will ich erfahren, was nun die Schlussfolgerung sein soll, wenn einem die Meinung von Privatperson X über Sachverhalt Y so wichtig ist, dass sie ausdrücklich erwähnt wird.


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