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Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Anti-Islam-Film

Schweigen, Provokation, Radikalität

Daniel ärgert, mobbt, schikaniert und provoziert seinen Klassenkameraden Peter mit Worten. Und das seit Wochen und Monaten. Irgendwann platzt Peter der Kragen und im Klassenzimmer wirft er ein Buch gegen Daniel.

VONCemil Şahinöz

Der Verfassser ist ein deutsch türkischer Diplom-Soziologe, Journalist, Autor und Doktorand der Theologie, Philosophie und Islamwissenschaften. Er ist Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift „Ayasofya“ und Betreiber der Webseite www.misawa.de.

DATUM2. Oktober 2012

KOMMENTARE30

RESSORTAktuell, Meinung

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Unser modernes Rechtssystem würde in den meisten Fällen Peter für schuldig erklären, da Daniels Verhalten nicht “handfest“ erfassbar ist. Nicht alles ist aber juristisch zu klären. Es gibt auch ein immaterielles Rechtssystem: das Gewissen. Unser Gewissen würde uns sagen, dass Daniel mindestens 50%, wenn nicht sogar viel mehr der Schuld trägt.

Übertragen wir dieses Beispiel auf die letzten 10 Jahre, dann sehen wir, dass weltweit Muslime unter dem Deckmantel der “Meinungs- und Pressefreiheit“ ständig gedemütigt und diskriminiert werden. Dieser psychologische Krieg führt dazu, dass Muslime sich wie Peter verhalten.

Dieses Verhalten – Proteste mit Gewalt oder Anzünden von Staatsflaggen – soll gar nicht verschönt oder verharmlost werden. Jedoch müssen die Ursachen gewissenhaft und unparteiisch analysiert werden.

So führt die ständige Bloßstellung der muslimischen Kultur zu Radikalisierungen und Ausgrenzungen. Differenzierte Islam- und Integrationsdebatten finden nicht statt. Die Integrationsdebatten sind zu reinen Islamdebatten geworden. Die Islamophobie hat längst zur Islamfeindlichkeit gewechselt.

„Die Diener des Gnadenreichen sind diejenigen, die in würdiger Weise auf Erden wandeln, und wenn die Unwissenden sie anreden, sprechen sie: «Frieden»“. Koran, 25:63

Dabei sind Presse- und Meinungsfreiheit Werte, die uns allen wichtig sind. Darauf kann nicht verzichtet werden. Auch in Form von Satire, Humor oder anderer Kunst. Sachliche und kritische Äußerungen sind willkommen. Persönliche Beleidigungen jedoch, die darauf abzielen, andere Kulturen oder Gruppen zu schikanieren, und keine Kritiken oder Meinungen beinhalten, die einen Gegenstand sachlich betrachten, sind nicht konstruktiv, sondern führen nur zu Bloßstellungen und eben Auseinandersetzungen.

Wenn Daniel Peter beleidigt oder auf eine perverse Art und Weise darstellt, ist das keine Meinungsfreiheit. Eine Ungerechtigkeit lässt sich nicht hinter dieser Freiheit verstecken.

Letztendlich führen Blasphemie, Demütigungen und Bloßstellungen zu Wut und Ausschreitungen weltweit. Denn jeder Mensch hat eine Geduldsgrenze. Die ist irgendwann auch bei dem Geduldigsten erreicht. Das kann jeder an sich selbst nachvollziehen.

Daher muss sich auch Daniel an der eigenen Nase fassen. Den Peter monatelang zu schikanieren und sich dann aufzuregen, dass er ein Buch nach ihm geworfen hat, ist ein höchst barbarisches und mittelalterliches Verhalten und hat nichts mit Vernunft zu tun.

Daher braucht die Gesellschaft mehr Gewissen. Mehr gewissenhafte Menschen. Personen und Gruppen, die sich von jeglicher Art von Demütigung, Bloßstellung und Radikalität distanzieren und sich für mehr Gerechtigkeit, Gewissen, Vernunft und Verständnis einsetzen.

Nur wenn gewissenhaften Menschen diese Arten der Bloßstellungen und Diskriminierungen verurteilen – auch öffentlich – können Volksverhetzungen vorgebeugt werden. Je mehr Schweigen, desto mehr Provokationen, desto mehr Radikalität. Dies ist die Folge fehlenden Gewissens.

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30 Kommentare
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  1. Waldemar sagt:

    “ Unser Gewissen würde uns sagen, dass Daniel mindestens 50%, wenn nicht sogar viel mehr der Schuld trägt.“

    Nein, ganz gewiss nicht.

    Selten so ein unverhohlen die Gewalt rechtfertigendes Traktat hier bei migazin gelesen. Auch wenn der Autor noch bemüht ist, das eine oder andere Feigenblatt zu formulieren.

  2. Sigmar sagt:

    Werfen Sie Bücher so viel Sie wollen, Herr Sahinöz. Werfen Sie das Buch allerdings in meine Richtung werde ich alles unternehmen im Sie daran zu hindern.

  3. Thorsten sagt:

    Es sind Menschen bei diesen unsäglichen „Demonstrationen“ ums leben gekommen die nichts mit einem schlechten, billigen und geschmaklosen Anti-Islamfilm zu tun hatten. Sollte Peter am besten Bücher gegen alle Jungs werfen die Daniel heißen? Wie sich hoch gebildetet Menschen dazu hinreissen lassen können gewaltätige Ausschreitungen zu verharmlosen erschreckt mich. Der bloße Satz das es hier nicht um Verharmlosungen geht hilft dabei gar nicht wenn der Inhalt es dann doch tut. Dies ist nur eine beliebte Methode von Politikern.

  4. Mo sagt:

    Ihr Beispiel hinkt gewaltig. Erstens fallen persönliche Beleidigungen und Volksverhetzung gerade NICHT unter Meinungsfreiheit und werden gerade NICHT toleriert. Zweitens wird auch Mobbingopfern nicht zugemutet, Mobbing widerstandslos hinnehmen zu müssen. Und drittens ist es ein Unterschied, ob der Peter nach Daniel ein Buch wirft, ihm den Kopf abschneidet oder ob der Peter das Buch auf den Egon schmeißt, weil der die gleiche Jeans trägt wie der Daniel.

    Das Beispiel mit der Schule ist aber dennoch gut gewählt, weil in Schulen eben so was stattfindet und dann auch keine Gerichte entscheiden. Aber es entscheiden auch nicht Opfer oder Täter, sondern in dem Fall sollte sich Peter an den Lehrer wenden und der würde, wenn er ein guter Lehrer ist, Eskalation vermeiden und Streit schlichten.

    Ein gutes Beispiel wären auch Fußballfans, die sich kloppen, weil die Emotionen hoch schäumen. Nicht immer nur wegen Provokationen der anderen Fans, sondern weil sie z.B. die Entscheidung des Schiris nicht akzeptieren. Verstehen kann man das auch irgendwie. Aber verhindern, dass die Wut hoch schäumt? Wie? Man kann ja nicht die Entscheidung des Schiris revidieren, nur weil welche randalieren, oder? Oder einem Schiri zumuten, dass er ein Spiel pfeift, bei dem, wenn Mannschaft A verliert, er gelyncht wird. Wie solche Spiele ausgehen würden, kann man sich wohl denken und der Fußball wäre tot.

    Um auf den Film zurück zu kommen. Wie schätzen Sie denn die Mitschuld der Salafisten für die Eskalation ein, die den Film erst verbreitet haben, nachdem er wochenlang unbeachtet bei Youtube lag?

  5. Albert sagt:

    Die Kommentare zu diesem Artikel zeigen eigentlich nur, was im Text steht. Es wird nur bestätigt. Wo sind also die Menschen, die sagen: „Hört auf die Muslime zu mobben?“. So viel Blindheit kann doch nicht sein.

  6. Hans sagt:

    @Albert

    Wo genau werden Muslime denn gemobbt? Bzw. mehr als andere gemobbt? Ich wurde meine ganze Grundschulzeit von muslimischen Türken gemobbt. Und später von christlichen Ministranten.

    Der Autor versucht, die Morde, die Demonstrationen, das Chaos zu relativieren und die Ursache dafür bei anderen zu suchen. Darüber regen sich die Kommentatoren zu recht auf.

  7. Mercks sagt:

    Dem Artikel mangelt es an Objektivität und das Beispiel von Daniel und Peter hinkt gewaltig, da ein Buch zu schmeißen immer noch schlimmer ist, als jemanden zu mobben. Der Autor sollte lernen, dass man Feuer mit Feuer bekämpft und nicht mit einer Atombombe. Wer gemobbt wird, meldet sich beim Chef oder beim Lehrer.

    Meines Erachtens nach sollte die muslimische Community sich ein Beispiel an den Juden und Christen nehmen (ist schwer, ich weiß), aber diese beiden Religionsgruppen leben schon etwas länger in aufgeklärten Staaten und haben gelernt damit umzugehen. Ihre Methode: Ignoranz gegen über den Belustigungen oder mitlachen. Sich beleidigt fühlen und dagegen auf die Straße zu gehen hat bis Heute nur das Gegenteil von dem erreicht was erreicht werden wollte.

    Würde man tatsächlich auf das Beleidigt-sein der muslimischen Community eingehen, dann müsste man anfangen mindestens die hälfte aller Rock- und Metalbands einzustampfen, ganz zu schweigen von Marilyn Manson, der mit dem beleidigen des Christentums so viel Geld gemacht hat, dass er darin baden kann. Dies gehört zu unserer aufklärersichen Kultur. Wem es nicht passt, soll weggucken oder wegziehen.

  8. Klaus sagt:

    Immer wieder wird hier veröffentlicht, dass „die Muslime“ gedemütigt werden.
    Auf der anderen Seite werden Juden im muslimischen Fernsehen, sogar im Kinderfernsehen, täglich beleidigt und verhöhnt.
    Sind „die Muslime“ nun Opfer oder Täter?

  9. Susi sagt:

    Mir zeigt dieser Artikel vorallem eines, dass Islam und praktizierende Anhänger des Islam noch mehr Aufklärung brauchen. In Wahrheit wird in diesem Artikel nämlich genau gegen diese Aufklärung und Kritik am Islam gewettert. Der Autor nennt es aber nicht Aufklärung oder berechtigte Kritik, sondern er spricht von „Beleidigungen“, „Demütigungen“, „Blasphemie“, „Diskriminierung“ etc.
    Dabei bezieht sich der Autor ja ausdrücklich nicht nur auf den aktuellen Mohammedfilm, der vermutlich tatsächlich etwas grenzwertig ist, sondern auch auf viele Jahre davor. Vermutlich war Salman Rushdis Buch „Die Satarnische Verse“ auch schon eine Beleidigung, Diskriminierung, Demütigung etc., die unterbunden werden muss.
    Aber diese Auffassung kann ich nicht teilen, ja als aufgeklärte Demokratin muss ich sie sogar entschieden zurückweisen. Solange Artikel wie dieser geschrieben werden, brauchen wir noch viel mehr aufklärerische Kritik am Islam!


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