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Anti-Islam-Film

Barmherzigkeit für alle Welten

In einem Gastbeitrag plädiert Publizistin Khola Maryam Hübsch dafür, muslimischen Fanatikern nicht auf den Leim zu gehen. Die Trennlinie, sagt sie, verläuft schon längst nicht mehr zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen, sondern zwischen vernünftigen Humanisten und totalitär denkenden Radikalen.

VONKhola Maryam Hübsch

 Barmherzigkeit für alle Welten
Die Autorin ist in Frankfurt geborene Muslima. Sie hält Vorträge und veröffentlichte zahlreiche Beiträge in diversen Medien u. a. zu den Themen Islam und Toleranz, Islam und Aufklärung.

DATUM26. September 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Nassauische Neue Presse

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Proteste gegen das Mohammed-Video eines Amerikaners in Malaysia: Proteste gegen das Mohammed-Video eines Amerikaners in Malaysia: „Die Freiheit der Meinung schließt nicht die Verbreitung von Hass-Botschaften ein“, steht auf Transparenten muslimischer Demonstranten. Foto: afpBrennende Flaggen, eine wütende Masse, die Parolen skandierend vor amerikanische Einrichtungen pöbelt und immer wieder beleidigte Muslime – diese Bilder aktivieren mittlerweile automatisch das Schema eines gewaltbereiten Islam, der keine Toleranz kennt. Sie gehen wieder um die Welt und suggerieren, die gesamte muslimische Welt sei in Aufruhr wegen eines Schmähfilms über den Propheten.

Den wenigsten dürfte bewusst sein, dass es sich trotz der Übermacht an Bildern nur um einen kleinen Ausschnitt einer komplexen Realität handelt. Die Bilder zeigen eine Minderheit von aufgestachelten Radikalen, nicht aber die Mehrheit der vernünftigen Muslime, die Gewalt ablehnt. Besonders grotesk ist, dass der Mob, der nun meint, die Ehre des Propheten im Namen des Islams verteidigen zu müssen, sich völlig entgegen der Lehre dieses Propheten verhält.

Verspottet und beleidigt
Der Prophet Muhammad wurde so wie alle Propheten sein Leben lang verspottet, beleidigt und verfolgt. Es gibt unzählige Koranverse und Überlieferungen, die die Gläubigen immer wieder zur Geduld und Besonnenheit ermahnen, so heißt es etwa im Koran: „Wehre das Böse mit dem ab, was das Beste ist. Und siehe, der zwischen dem und dir Feindschaft war, wird wie ein warmer Freund werden“ (41:35).

Doch wie kommt es, dass es Muslime sind, die auf die Beleidigung ihrer Religion so empfindlich reagieren, und nicht etwa Christen? Sicherlich hat Religion in der sogenannten islamischen Welt einen anderen Stellenwert als im säkularen Europa. Viele Menschen lieben den Propheten des Islams mehr als ihre eigenen Eltern und Kinder. Er gilt als „Barmherzigkeit für alle Welten“, wie es im Koran heißt, als Mensch mit den höchsten moralischen Eigenschaften.

Muslime demonstrieren auch, wenn andere Propheten, wie Abraham, Noah, Moses oder Jesus, die für sie ebenfalls heilig sind, verunglimpft werden. Der Koran ermahnt Muslime, das Heilige anderer zu achten, es wird jedoch an keiner Stelle eine weltliche Strafe für Blasphemie erwähnt. Dennoch reagiert ein extremistischer Mob mit Gewalt. Die Ursache dafür ist jedoch nicht der Islam, sondern komplexe soziale und politische Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Scharfmacher jede Gelegenheit ausschlachten, um sich wichtig zu machen und von außen- oder innenpolitischen Problemen abzulenken. Fundamentalisten wie Salafisten oder die Hisbollah haben in den letzten Monaten an Einfluss verloren. Das Schmähvideo bietet einen willkommenen Anlass, sich in den Mittelpunkt zu rücken.

Ebenso hatte das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“, das jüngst auflagenstark neue Muhammad-Karikaturen druckte, in den vergangenen Jahren an Ansehen und Auflage eingebüßt, finanzielle Schwierigkeiten waren die Folge. Scharfmacher auf beiden Seiten bilden somit eine unheilige Allianz, in dem sie sich gegenseitig den Ball zuwerfen. Sie brauchen einander im Kampf um Einfluss, Aufmerksamkeit und nicht zuletzt aus marktwirtschaftlichem Kalkül heraus. Und das ist die große Gemeinsamkeit der Unfriedenstifter auf beiden Seiten: Während die radikalen Islamisten vorgeben, den Islam zu verteidigen, treten sie fundamental islamische Werte mit den Füßen und instrumentalisieren die Religion, um ihre eigenen egoistischen Interessen zu bedienen.

Während die radikalen Anti-Islamhetzer vorgeben, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, nehmen sie es in Kauf, das Heiligste anderer Menschen zu beleidigen, um mit diesem billigen Marketingtrick Auflagen zu steigern, und konterkarieren damit die ursprüngliche Idee der Meinungsfreiheit. Denn welchen Zweck sollte der Abdruck provokanter Karikaturen und die Verbreitung geschmackloser Filme sonst haben? Ginge es um eine fundierte Kritik, wäre eine inhaltliche, konstruktive Auseinandersetzung zielführender als zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen. Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit sind nicht in einem sinnfreien Raum entstanden. Die ursprüngliche Idee hinter der Stärkung des Individuums im Zuge der Aufklärung war die humanistische Idee, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Religion das Recht auf ein selbstbestimmtest, freies Leben haben müssen. Es ging darum, die Würde des Menschen und sein Recht auf ein integres Leben zu schützen.

Wenn genau diese Meinungsfreiheit dazu missbraucht wird, die Würde anderer Menschen zu verletzen und den öffentlichen Frieden zu gefährden, dann führt das die ursprüngliche Idee ad absurdum. Wir dürfen nicht vergessen, dass Muslime ihren Propheten derart lieben, dass seine Schmähung einer persönlichen Beleidigung gleichkommt.

Natürlich rechtfertigt dies nicht die gewaltsame Reaktion fanatischer Islamisten. Ideen widerlegt man nicht dadurch, dass man ihre Urheber tötet. Aber es ist falsch, wenn wir den Fanatikern auf beiden Seiten auf den Leim gehen, die sich zu Helden in einem vorgeblichen Kulturkampf stilisieren, den sie selbst inszeniert haben. Es geht nicht um einen Kampf der Kulturen. Die Trennlinie verläuft schon längst nicht mehr zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen, sondern zwischen vernünftigen Humanisten und totalitär denkenden Radikalen.

Herablassender Ton
Es gibt auch die antireligiösen Fanatiker, die Säkularfundamentlisten, die vergessen haben, dass es eine wichtige Erkenntnis der Aufklärung ist, seine eigene begrenzte Sicht der Dinge in Frage zu stellen und zu relativieren. Der paternalistisch herablassende Ton, der nun wieder einmal die Debatte prägt, spielt den Spaltern in die Hände. Es gehörte schon immer zum anti-muslimischen Ressentiment, den Islam als irrational und unaufgeklärt zu stigmatisieren, um sich vor dieser Negativfolie seiner eigenen Überlegenheit zu versichern.

Wenn wir auf das Feindbild, das die Islamisten vom Westen pflegen mit dem Feindbild Islam antworten, waren die radikalen Agitatoren auf beiden Seiten erfolgreich. Im Koran heißt es dazu: „O die ihr glaubt! Lasset nicht ein Volk über das andere spotten, vielleicht sind diese besser als jene“. Und es heißt auch – und das wird sowohl von den Islamhetzern, als auch von den Islamisten häufig vergessen –: „Und hätte dein Herr Seinen Willen erzwungen, wahrlich, alle, die auf der Erde sind, würden geglaubt haben insgesamt. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie Gläubige werden?“ (Sure 10:100).

Der Friede wird deshalb nicht durch einen intoleranten Islam gefährdet, sondern durch den Egoismus von Menschen, die meinen Gott spielen zu müssen, weil ihnen die demütige Einsicht über die menschliche Begrenztheit abhandengekommen ist.

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4 Kommentare
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  1. Couperinist sagt:

    Die islamische Welt hat mit einem youth bulge (überschüssige Söhne) zu kämpfen, der auf ein erstarrtes Sozialsystem, ohne Aufstiegschancen, trifft. Das sind keine guten Bedingungen für Frieden. Revolution, Krieg, Bürgerkrieg, Genozid, oder eben Terrorismus, sind oft die Folgen eines youth bulge.

    Extremismus, ob religiöser oder politischer Natur, ist auch eine notwendige Folge dieses Positionenkampfes. Die wütende Jugend braucht ja einen Grund, eine militante Ideologie, um den Kampf aufzunehmen.
    Und wenn es nicht gerade der Westen ist, der zum Objekt der Wut wird (was den Machthabern dort natürlich am angenehmsten ist), dann herrscht eben Bürgerkrieg.

    Der Islam ist nur ein Vorwand. Vor 30/ 40 Jahren wäre die wütende Jugend dort vll mit kommunistischen Fahnen und Parolen in die Schlacht gezogen. Ich glaube, die Ideologie ist austauschbar, es ist die tatsächliche Gewalt an sich, die eine Rechtfertigung braucht.

  2. Mo sagt:

    Frau Hübsch, Sie gehören zu den wenigen, die sich klar und lautstark für Gelassenheit angesichts des Videos ausgesprochen haben. Ich hoffe, dass Ihre Stimme mehr Einfluss gewinnt, denn im Moment sind Sie eher eine Ausnahmeerscheinung und nicht typische Repräsentantin.

    Im übrigen ist es heikel zu schreiben, dass Meinungsfreiheit missbraucht wird. Ein Grundrecht wie die Meinungsfreiheit schließt den Missbrauch per se mit ein, da die Einschätzung einer missbräuchlichen Verwendung subjektiv und damit selbst eine Meinungsäußerung ist. Gerade dadurch werden aber Auseinandersetzungen in eine gewaltlose Sphäre übertragen.
    Respekt ist eine individuelle Haltung, die man einfordern kann, die aber nicht staatlicherseits garantiert werden kann.

    Darüber hinaus finde ich, sollte man die verschiedenen Dimensionen berücksichtigen, nämlich zuerst und vor allem, die Gewalt verurteilen, und zwar nicht nur diejenige, die stattgefunden hat, sondern auch die per Todesfatwa angekündigte. Worte (und Bilder) mögen vielleicht verletzen, aber solche Verletzungen finden auf einer vollkommen anderen Ebene statt. Meinungsäußerungen, selbst wenn darin Respekt mangelt und Mordaufrufe sind nicht Abstufungen gleicher Art, sondern unterschiedliche Dimensionen. Und deshalb muss jeder vernünftige Mensch sich zuallererst für das Recht auf Leben – auch von Menschen, die man persönlich verurteilen mag – einsetzen und sich vor Personen wie Westergaard oder Salman Rushdie und auch den Videoproduzenten in der Hinsicht stellen, dass es nie, niemals und auf gar keinen Fall gerechtfertigt ist, gegen diese Personen Mordfatwas zu erlassen. Wenn Sie also eine Trennlinie ziehen, dann wäre auf der humaistischen Seite auch von Seiten der Muslime eine Solidarität mit den mit dem Tode bedrohten dringend erforderlich.

  3. Cengiz K sagt:

    Sehr guter Beitrag von Frau Hübsch wieder mal..

    …Ein Grundrecht wie die Meinungsfreiheit schließt den Missbrauch per se mit ein, da die Einschätzung einer missbräuchlichen Verwendung subjektiv und damit selbst eine Meinungsäußerung ist….

    das ist doch so ein Schmarrn, was Sie da von sich geben.. Mißbrauch ist strafbar, das gilt auch für die Meinungsfreiheit.. Einschränkungen der Meinungsfreiheit gibt es zu Hauf.. Entweder kennen Sie Ihre Grundrechte nicht, oder Sie versuchen hier ein X für ein U zu machen..
    M.E. geht es hier eher darum, was man/frau mit solchen geständigen Hetzern macht.. Der Mechanismus solcher Aufwiegelungen, besonders in Krisengebieten, sollte wohl auch mittlerweile bei Ihnen in der allerletzten Reihe angekommen sein..

    Und deshalb muss jeder vernünftige Mensch sich zuallererst für das Recht auf Leben – auch von Menschen […], gegen diese Personen Mordfatwas zu erlassen…
    das zum Beispiel ist Ihre Meinung, und die sei Ihnen unbenommen.. Ich setze mich beispielsweise lieber für wichtige Menschen ein, nicht für solche Clowns der Öffentlichkeit.. Jeder Mensch trägt selbst die Konsequenzen für seine Handlungen, deswegen helfe ich nicht solchen lowlives dabei noch mehr Geld mit dem Schaden anderer Menschen zu verdienen.. Was haben benannte Menschen geleistet? 0! Geschnackelt?

  4. Mo sagt:

    „Mißbrauch ist strafbar, das gilt auch für die Meinungsfreiheit..“

    Strafbar ist, wenn Sie gleichzeitig gegen andere Rechte verstoßen, das heißt, neben der Meinungsebene eine Ebene betreten, auf der sie gegen Gesetze verstoßen. Dass der „Missbrauch“ der Meinungsfreiheit strafbar ist oder überhaupt geregelt wäre, was das sein soll, wäre mir neu.

    Ich wüsste auch nicht, wie man Meinungen fälschlich gebrauchen kann. Was Hübsch meint ist doch, dass nicht alles, was erlaubt ist, auch gut und richtig und erwünscht ist und da stimme ich vollkommen zu. Dennoch sind gerade Freiheitsrechte dadurch gekennzeichnet, dass man dies nicht bis in den letzten Winkel derart regeln kann, dass damit alle zufrieden wären oder dass erlaubte und unerlaubte Meinungen per Mehrheitsbeschluss verboten würden. Rechte wie die Meinungsfreiheit sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass sich regulierende Instanzen zurück nehmen und die Ausfüllung dieses Rechts weitgehend dem Individuum überlassen. Den Schranken der Meinungsfreiheit sind sogar grundgesetzlich widerum Schranken auferlegt, so dass sie nur durch Gesetze eingeschränkt werden kann, die an der Bedeutung der Meinungsfreiheit gemessen werden.

    Wenn gewählt wird, wählen ja auch Dumme, Uninformierte, Manipulierte mit. Das könnte man subjektiv auch als Missbrauch auslegen oder kritisieren, ist aber so angelegt, weil jede Einschränkung, sofern man sie regelbar machen würde, ein viel größerer Missbrauch wäre.

    Im übrigen ist das Recht auf Leben auch nicht durch Missbrauch eingeschränkt. Weder muss man dazu etwas geleistet haben, noch wichtig sein.



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