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Ich kam, ich saß, ich ging – Islamverbände in Erklärungsnöte

Eine Schmierenkomödie – die sich da abzeichnet: Empört haben die großen Islamverbände auf die Vorstellung der „Vermisst-Kampagne“ durch das Bundesinnenministerium reagiert. Mit viel Tamtam wurde kurz darauf die „Initiative Sicherheitspartnerschaft“ beendet.

Und jetzt stellt sich heraus: Alles nur populistisches Theater? Wie MiGAZIN unter Berufung auf eine ausführliche Stellungnahme des Bundesinnenministeriums berichtet, waren die Verbände nicht nur frühzeitig über die Kampagne informiert, sondern sogar in die Erarbeitung involviert. Selbst einer der Vorsitzenden hat demnach die Plakat-Motive zunächst abgesegnet.

Zweifel an der ministeriellen Darstellung der Dinge sind sicherlich erlaubt. Angesichts der Details, mit denen hier der Ablauf des Verfahrens und das Verhalten der involvierten Verbandsvertreter geschildert werden, wär es aber schon ein merkwürdiger Skandal, sollte das alles falsch sein.

Mangelndes Interesse. Fehlen bei Sitzungen. Teilnahmsloses Abnicken von Papieren. Keine Reaktion auf Emails – so schildert es das Ministerium und ich kann sagen, das kommt mir aus meiner inzwischen auch schon längeren persönlichen Erfahrung im Umgang mit manchen der großen Verbände bzw. ihrer Vertreter durchaus bekannt vor.

Jenseits des peinlichen Verhaltens stellen sich allerdings auch grundsätzliche Fragen – etwa nach dem Selbstverständnis der hier in Erklärungsnot geratenen Verbände. Wie ernst nehmen sie ihren Vertretungsanspruch – jenseits großer öffentlichkeitswirksamer Auftritte? Was bezwecken sie eigentlich mit ihrer Arbeit? Welche Kompetenzen halten sie angesichts ihrer Größe und ihrer 40-jährigen Erfahrung vor?

Als Muslim bleibt man ratlos zurück. Da schauen Spitzenvertreter der großen Lobbyorganisationen auf ein Plakat. Es zeigt eine muslimische Frau mit Kopftuch. Darunter stehen die Worte einer imaginären Freundin: „Ich erkenne sie nicht mehr. Sie zieht sich immer mehr zurück und wird jeden Tag radikaler.“ Obwohl die Verbandsvertreter, die sich gerade das Bild anschauen, öffentlich stets die Bedeutung des Kampfes gegen antimuslimische Vorurteile und Islamfeindlichkeit betonen, kommt keiner auf den Gedanken zu intervenieren. Niemand erkennt, was später – als die Kritik an den Plakaten bereits hochkocht – von Seiten der Verbände lautstark herausposaunt wird: „Die Motive vermitteln den Eindruck, lächelnde Muslime wären gefährlich und müssten beobachtet werden.“

Solange die Verbandsvertreter keine überzeugende Stellung beziehen, kann man über die Hintergründe dieses Verhaltens nur spekulieren. Vermutlich können sich einige auf der langen Liste der Kritiker schon mal bei ihnen bedanken. Die jetzigen Erkenntnisse dürften sie nämlich bestätigen. Die Spitzenvertreter der großen Islamverbände treten seit Jahren auf die politische Bühne, und rechnen ihre Mitgliedszahlen hoch, um möglichst unbestritten ihren gewünschten Alleinvertretungsanspruch für die Muslime in Deutschland zu untermauern. Wenn sie aber Zusammenhänge nicht erkennen, die kurz nach Veröffentlichung sofort von fast allen Seiten Kritik auf sich ziehen, haben die Führungskräfte entweder den Kontakt zur Basis längst verloren oder, was noch schlimmer wäre, es interessiert sie nicht, was dort geschieht.

Möglicherweise zeigt das Verhalten dieser Verbandsvertreter aber auch, dass es manchen gar nicht um Inhalte geht, sondern allein um Machtbelange, um die Nähe zur oberen politischen Klasse. Oder es geht um Inhalte, aber nur in die eine, von ihnen primär gewünschte Richtung. Stichwort: Anerkennung als Religionsgemeinschaft, Einfluss auf universitäre Islamlehrstühle etc. Mit Anfragen, die an sie herangetragen werden, beschäftigen sie sich hingegen nur unzureichend. Das ist ein unverantwortlicher Umgang mit dem politischen Zeitgeschehen. Das eigentliche Anliegen der „Vermisst-Kampagne“ beispielsweise ist durchaus berechtigt und wichtig. Man kann als Islamverband nicht ernsthaft darüber hinweggehen, wenn sich Menschen aus den eigenen Reihen radikalisieren und somit möglicherweise zur Gefahr werden – für Nicht-Muslime ebenso wie für Muslime.

Ich kam, ich saß, ich ging! Man weiß nicht, was schlimmer ist: Dass einige Verbandsvertreter, nachdem sie sich in die Sicherheitspartnerschaft begeben haben, nicht mehr rühren, wenn es um die konkrete Arbeit geht, oder dass diejenigen, die mitarbeiten, zentrale Belange der Muslime in Deutschland nicht erkennen oder vertreten.

Erstaunlich sind am Ende aber auch die ersten Reaktionen auf die neuen Erkenntnisse über die „Vermisst-Kampagne“. Muslime, die sich an anderer Stelle nicht scheuen, ihre Stimmen gegenüber Andersdenkenden zu erheben, und zumindest öffentlich für eine offene Diskussionskultur plädieren, schweigen auffallend deutlich, während einigen anderen nichts Besseres einfällt, als zuallererst die Kritiker dieses Verhaltens der Verbandsvertreter als „Islamophobe“ oder „Nestbeschmutzer“ zu brandmarken.