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Migration und Integration in Deutschland

Niemand lässt sich so gut ausbeuten wie Mitglieder einer Gemeinschaft, die ohne Hilfe der anderen in Deutschland nicht überleben können – illegal und ohne Sprachkenntnisse.

Neske/Heckmann/Rühl, Menschenschmuggel, 2004

MediAwareness

Bravo – alles andere als super!

Auch diesen Monat kann ein Fall von Diskriminierung gegen die türkischstämmige Mitbevölkerung verbucht werden. Dieses Mal jedoch nicht in Form von fragwürdiger Berichterstattung in der täglichen Presse, sondern – vielleicht fataler – in einer zu gewissem Grade mit Erziehung betrauten Zeitschrift – der schon häufig kritisierten BRAVO GiRL!.

VONAndronike Matkares

 Bravo – alles andere als super!
Die Autorin, geb. 1987, studiert Medienwissenschaft und Hispanistik an der Ruhr-Universität Bochum. Als Tochter einer Deutschen und eines griechischen Mazedoniers hat sie ein persönliches Anliegen an ‘korrekter’ medialer Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Studienjahr in Sevilla (Spanien) und ihr multikulturelles privates Umfeld schärften ihr Bewusstsein für interkulturelle Angelegenheiten. Sie beteiligt sich ehrenamtlich am von ihren Kommilitonen gegründeten Blog MediAwareness.

DATUM10. September 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Jüngere Geschwister zu haben, ist toll. Der Gründe gibt es da viele und sie sind von Familie zu Familie sicherlich auch unterschiedlich. Wohl kaum von der Hand zu weisen ist aber, dass sich die Älteren bei entsprechendem Altersunterschied immer auch ein bisschen verantwortlich für die Entwicklung der Jüngsten fühlen. Dieses Interesse (Verantwortungbewusstsein will ich es mal nicht nennen) ließ sich mir vor ein paar Tagen die Haare sträuben…

Die 18. BRAVO GiRL!-Ausgabe 2012 findet man seit dem 15. August in allen Kiosks – und (zumindest in diesem Fall) zu meinem Bedauern auch auf dem Schreibtisch meiner jüngsten Schwester. Als ich selbst in ihrem Alter war, hatte ich wenig Kontakt mit der Zeitschrift. Dafür schaue ich heutzutage immer mal wieder in die Magazin-Lektüre der „Kleinen“.

Diskriminierender Fotoroman
Der Fotoroman war zufällig das Erste, was ich aufschlug – und nach meiner Empörung auch vorläufig das Letzte. „Na, das nenne ich fortschrittlich“, dachte ich mir zunächst bei Betrachtung zweier Fotos inmitten der Geschichte. Gemeint war das bikulturelle Paar, das sich zu bilden schien: ein türkischstämmiger Junge, ein deutsches Mädchen. Toll, ein Beispiel für die Anerkennung der Tatsache, dass Deutschland längst ein multikulturelles Land ist, in dem die Kulturen sich untereinander mischen, anstatt sich feindselig gegenüberzustehen!, dachte ich. Doch als ich die Geschichte vollständig gelesen hatte, war ich angesichts der klischeehaften und Stereotypen aufgreifenden Darstellung entsetzt.

Damit alle wissen, wovon die Rede ist: In der Fotostory wird das Single-Mädchen Jana von Emre, dem Aufreißer der Schule, angebaggert. Sie wäre die letzte auf seiner Liste von weiblichen Eroberungen. Aber Jana lehnt ab, denn sie lässt sich vor allem vom Charakter eines Jungen beeindrucken, und Emre ist ihr offenbar zu oberflächlich. Emres Nebenbuhler ist der blonde und wortgewandte Gabriel, der schon lange in Jana verliebt ist, sich allerdings nicht traut, sie anzusprechen. Emre bedroht ihn nach dem Motto „Hilf mir, Jana zu erobern – oder ich mach‘ dich fertig!“ Als Emre dank der von Gabriel verfassten SMS ein Date mit Jana bekommt, bei dem es bald zur Sache gehen soll, erträgt Gabriel die Ungerechtigkeit nicht mehr und taucht am Ort der Verabredung auf, um alles aufzuklären. Emre schlägt ihn, nennt ihn „Du Opfer!“ – und Jana gehen die Augen auf…

Man fragt sich, was hier ausgesagt werden soll: Etwa „Und die Moral von der Geschicht – Mädchen, traue einem Türken nicht“?! Die Schwarz-Weiß-Malerei des Fotoromans ist mit rassistischen Stereotypen unterfüttert, denn der türkische Junge wird mit Frauenfeindlichkeit, Kriminalität und Unbildung in Verbindung gebracht. Er sieht Jana nur als Sexobjekt, bedroht und verprügelt Gabriel und ist überhaupt ungehobelt und grob. Ist diese Rollenverteilung notwendig? Suggeriert sie nicht, dass „Türken“ so sind, wie die Vorurteile (über Türken und andere Muslime) behaupten?

Schon öfter in der Kritik
Rassistische Inhalte haben der BRAVO GiRL! schon einmal scharfe Kritik eingeheimst. Damals ging es um sexistische Witze, die die Redaktion in einer November-Ausgabe von 2007 veröffentlicht hatte. Die Grüne Astrid Rothe-Beinlich verfasste damals einen Protestbrief gegen die Verbreitung von Witzen, die sexuelle Gewalt verharmlosen und ein „objekthaftes“ und somit menschenverachtendes Frauenbild vermitteln. Damit, dass es doch nur ein Witz sei, solle man sich nicht herausreden, schreibt die Politikerin. Denn: „Sexismus ist nicht witzig!“. Dasselbe gilt, finde ich, für den Fotoroman der zitierten August-Edition. Es mag sich „nur“ um einen Fotoroman handeln und keineswegs wird das „Kollektiv der Türken“ angegriffen. Aber auch eine einfache Rollenbesetzung kann Stereotypen verewigen und Feindseligkeit fördern.

Als Zeitschrift, die junge Mädchen ein Stück weit in ihrer Entwicklung unterstützen will, sollte die BRAVO GiRL! eine antirassistische Haltung einnehmen und sowohl frauenfeindliche als auch Menschen mit Migrationshintergrund diskriminierende und anderweitige rassistische Inhalte explizit ablehnen. Ein leichtfertiger Umgang mit Stereotypen ist da der falsche Weg.

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