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Partiziano

Überweisungs for Mullah

Grammatik-Nachhilfe kann sich bezahlt machen, vor allem dann, wenn man sich überlegt, eine Hotline zu allen Fragen des deutschen Kasus-Systems anzubieten. Schnell jedoch erreicht man seine Grenzen, wenn es plötzlich heißt: Zappzerapp hat wieder zugeschlagen. Der Abessiv ist weg! Da helfen auch keine Numerale mehr, um Eins und Eins wegzulassen.

Mein Telefon vibriert. Es meldet sich mein alter Freund K. Er ist Kaufmann und Perser und seiner Meinung nach passt das gut zusammen. Ich finde das übrigens auch und frage immer wieder, wann denn endlich Teppich-Schlussverkauf sei. Aber K. verkauft überhaupt keine Teppiche, sondern Schmuck und Designer-Klamotten. Immer freundlich. Sehr erfolgreich. Immer kompetent. Deswegen nimmt er mir das mit den Teppichen auch nicht übel. Und weil er seit gut 30 Jahren mein Freund ist. Da er sowohl dies weiß, als eben auch ein guter Kaufmann und sich bewusst ist, dass ich mehr von Grammatik als von Krämern verstehe, fällt seine Einleitung entsprechend kurz aus: „Und, Kanake, wie geht’s?“ „Gut, Mullah, und dir?“ Dann seine Fragen: „Hier, sag mal, was sind denn Numerale?“ „Zahl- oder Zählworter!“ „Also, bei fünfmal, ist die Numerale jetzt fünf oder mal?“ „Beides!“ „Aha. Und was sind Präpositionen?“ „Vorsilben!“ „Halt’s Maul und erklär’s mir anständig!“ Ich lasse mich zu plastischeren Beispielen herab: „Na ja, so etwas wie an, ab, bei, usw.!“ „Also, normale Vorsilben?“ „Willst du mich verarschen?“ frage ich ihn. Nein, sagt er, nicht mehr als sonst. Seine älteste Tochter sei doch jetzt auf dem Gymnasium und jetzt müsse er auch noch bei den Deutsch-Hausis helfen. Höchststrafe für ihn.

Wie gesagt, K. ist Perser. Kein Iraner. So weit ich das verstehe, hängt es damit zusammen, dass seine Familie und er kurz nach der Machtergreifung Ayatollah Khomeinis und dem Golfkrieg zwischen Irak und Iran aus Teheran flohen. Kann mich auch irren. Was ich auf jeden Fall weiß: K. spricht exzellentes Türkisch, was uns damals Anfang der 90er in einem Parkhaus in Amsterdam überaus behilflich war: Pardon, nereden bir bilet alabilirim? Wo kann ich bitte ein Ticket kaufen? Man muss dazu sagen, dass der Holländer mit türkischem Migrationshintergrund dieses Bild erst einmal verkraften musste: Ein dunkler Türke, der eigentlich Iraner ist, ein Koreaner in schwarzer Bomberjacke, der seine misanthropische Einstellung immer auch noch außen trug, und ich, ein unrasierter Spaghetti mit einer weinroten Chevignon-Jacke. So standen wir hinter dem freundlichen Mann, der uns auch gerne Auskunft gab. Wir bedankten uns alle drei artig: Teşekkür! Und dann kam die Pflicht. Worin die in Amsterdam für drei junge Männer bestand, war klar: Den billigen Campingplatz finden und mitten im April bei ungemütlichen fünf Grad in der Nacht nicht im Schlafsack erfrieren.

Dativ- Hier hoch!
Aber ja, wir haben es überlebt. Auch die Rückfahrt im schmucken Honda Civic. K. hat aber schon viel mehr als Amsterdam im April überlebt. Zum Beispiel einen Dezember in Deutschland oder einen Sommer in Side. Oder auch die Grammatik in der Grundstufe des Gymnasiums. Irgenwann stand er da, mitten im Klassenraum. Und dann saß er neben mir. Einige Jahre half ich ihm dabei, dieses Chaos an Kasus-Korrelationen zu verstehen. Dativ – hier hoch! Das bewegt ihn wohl immer dazu mich anzurufen, wenn grammtische Expertise gefragt ist. Zugegeben, was den Numeralis angeht, musste ich mich auch des Internets als verlässlichere Quelle als mein eingestaubtes Wissen bedienen. Doch gerade dort entdeckte ich dann mindestens zwei Fälle, welche die deutsche Grammatik und auch mein Freund K. unbedingt noch brauchen.

Ganz wichtig: Der Abessiv, ein Kasus, der besagt, das etwas nicht da ist. Man stelle sich vor, das ginge auch im Deutschen und man könnte sagen: Ahnungnull oder Wohnungnull. Stattdessen muss man kompliziert auseinanderpflücken oder ein Fugen-S als Integrationsbeauftragten zwischen Wohnung; Ahnung und los bemühen. Da machen es sich die finno-ugrischen- und Turksprachen einfacher. Sie hängen Endungen an Nomen oder Verben und schon ist nichts, was eigentlich mal Seiendes war. Ähnlich zu behandeln ist der Absentiv. Der existiert im Deutschen, beispielsweise in der Konstruktion: Ich bin mal weg. Das Subjekt der Handlung (weg sein) ist nicht da. Klar, sonst wäre er ja nicht weg.

Absentiv ist nicht ubiquitär
Studien zufolge gibt es den Absentiv in 29 Sprachen und in zwei Varianten: 21 Sprachen haben die Vollversion (also Absentiv als Vollkategorie), 8 Sprachen hingegen kenne ihn nur in Teilkategorie. Bei diesen kann der Absentiv ausschließlich in Vergangenheitsformen benutzt werden: Ich bin nach Hause gefahren. Auch logisch, denn wenn du davon erzählst, dass du nach Hause gefahren bist, konntest du zu diesem Zeitpunkt ja nicht hier sein. Alles klar, Ubiquität ist also doch nur dem Lateinischen des Vatikans eigen.

Nicht zu vergessen sei aber auch der Nezessitativ. Er beschreibt eine objektive Notwendigkeit und ist beispielsweise im Lettischen zu beobachten. Wie objektiv Notwendigkeiten sind, ist natürlich schwerer zu sagen als die Tatsache, dass es sich beim Nezessitativ um einen Modus handelt, also um die unterschiedlichen Erscheinungsformen eines Verbs: Vergangenheit, Befehl, Möglichkeit, Wunsch. Kurz gesagt: Sowohl der Abessiv, wie auch der Absentiv und der Nezessitativ hätten meine Freund K. bei besagtem Anruf hilfreich sein können. Er hätte einfach ausdrücken können, dass er von Grammatik weder heute noch damals (siehe Abessiv und Absentiv) Ahnung bzw. Lust dazu hatte und ich ihm helfen muss (vgl. Nezessitativ). Natürlich habe ich das gerne getan.

Genauso gerne wie jenen Artikel über ihn, den ich für ein anderes ethnisches Magazin geschrieben habe. Als dieser Artikel dann von der Homepage der Iranischen Gemeinde in Deutschland aufgegriffen wurde, war seine Reaktion: Oh je! Ich nahm das als Kompliment für meine PR-Arbeit im Sinne der Steigerung seines Bekanntheitsgrades und wollte ihm schon scherzhaft eine Mail schreiben, in der ich ihn um Honorar in Form eines Bieres bat. Überschrift: Anbei das Überweisungs for Mullah – sprich Überweisungsformular. Klar, denn Mullahs geben sich nicht nur mit einer Überweisung zufrieden, daher Überweisungs.

Grammatik trifft Leben
Ich ließ dies aber bleiben. K. führt nämlich auch einen Laden im Flughafen Frankfurt, unweit des schrecklichen Schauplatzes, an dem am 02. März 2011 zwei amerikanische Soldaten von dem damals 21-jährigen Kosovo-Albaner Arid Uka kaltblütig erschossen und zwei weitere schwer verletzt wurden. Die Angst von K. um seine Angestellten und deren Unsicherheit, ob sie nach dem Anschlag den Laden schließen sollten, weil vielleicht noch ein zweiter Attentäter unterwegs sei, ließ sich in einem auf einem englischsprachigen Newsportal veröffentlichten Wortlaut von ihm förmlich ablesen.

Manchmal finden dann Grammatik und wirkliches Leben doch noch zueinander, wenn man sich nämlich einen Abessiv wünscht, damit dieser Hass einfach nicht mehr vorhanden ist. Oder einen Ausweg. So wie damals im Sommer 1994. Eigentlich wollte ich mir nur Fußballschuhe kaufen. Es war Mittag auf einer der belebtesten Einkaufsstraßen Deutschlands, der Zeil. Als ich jedoch die Treppe aus dem U-Bahnhof nahm, war die Einkaufsmeile leer. Die Geschäfte waren geschlossen, ein Polizist kauerte mit einem Maschinengewehr im Anschlag hinter einem Streifenwagen.

Safet Azemaj würde an diesem Juni-Tag insgesamt 36 Schuss aus seiner Maschinenpistole abfeuern, einen Menschen töten und zwei andere schwer verletzen. Ich stand plötzlich vor Ladentüren, die verängstigte Angestellte mir vor der Nase zugeschlagen hatten und fand schließlich, zusammen mit anderen vom Schock gezeichneten Passanten und Angestellten, Schutz in einem Treppenhaus. Um es mit einem negativen Nezzesitativ zu sagen: Das braucht kein Mensch mehr.