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Migration und Integration in Deutschland

Die Wirtschaft entschied über die Anzahl der angeworbenen Gastarbeiter wie über deren Verteilung innerhalb der Bundesrepublik.

Ursula Mehrländer, Ausländerpolitik im Konflikt, 1978

Umfrage

Jeder Zweite Türke möchte zurück in ihre Heimat – Tendenz steigend

Der Wille zur Integration und Zugehörigkeit ist unter Türken gestiegen. Dennoch plant fast jeder Zweite eine Auswanderung in die Türkei. Grund könnten die vielen Diskriminierungserfahrungen sein.

Insgesamt leben in Deutschland gegenwärtig ca. 2,7 Millionen Menschen, die einen türkischen Migrationshintergrund haben. Etwa ein Viertel davon hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Jeder vierte der Türkeistämmigen (27%) ist in Deutschland geboren und 39% leben schon seit mindestens 30 Jahren in Deutschland. Dennoch betrachten nur noch 15% eher Deutschland als ihre Heimat. 2009 waren dies noch 21% und im Jahr 2010 immerhin noch 18%. Weitere 45% empfinden Deutschland und die Türkei gleichermaßen als Heimat und 39% eher die Türkei, eine Minderheit von 2% fühlt sich in keinem dieser Länder beheimatet.

„Die eigentliche Arbeitsmigration als Zuwanderungsgrund spielt heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Lediglich jeder fünfte Befragte ist nach Deutschland gekommen, um hier selbst eine Arbeit zu suchen“, sagt Holger Liljeberg, Geschäftsführer der Info GmbH, die die Studie gmeinsam mit Liljeberg Research International durchgeführt hat. Erwartungsgemäß betrifft dies fast die Hälfte der älteren Befragten. Der wichtigste Zuwanderungsgrund ist die Eheschließung mit einem in Deutschland lebenden Partner. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen mit Geburtsland außerhalb Deutschlands sind aus diesem Grund in die Bundesrepublik gekommen.

Rückkehr in die Türkei
Dem fehlenden Heimatgefühl entsprechend planen 45% der Befragten eine Rückkehr in die Türkei, allerdings nur 5% in den nächsten 2 Jahren und weitere 12% in den nächsten 10 Jahren. Die häufigsten Rückkehrabsichten finden sich inzwischen in der Altersgruppe 30‐49 Jahre (55%). Insgesamt sind die Rückkehrabsichten gegenüber den Vorjahren tendenziell angestiegen.

Als Rückkehrgründe werden vor allem der Heimataspekt, das Genießen des Ruhestandes und das bessere Wetter dort genannt. Nur 10% der „Rückkehrwilligen“ geben als Grund an, dass sie mit Deutschland und den Deutschen nicht zurechtkommen, 6% wollen in der Türkei eine Arbeit suchen.

Einstellungen zu gesellschaftlichen Themen
Die überwiegende Mehrheit der Türkeistämmigen ist nach wie vor davon überzeugt, dass es richtig war, nach Deutschland zu kommen und dass es in diesem weltoffenen Land jeder, unabhängig von der Herkunft, zu etwas bringen kann. Für 84% ist klar, dass dabei nur die deutsche Sprache zum Erfolg führen kann (89 % im Jahr 2010). Auffallend gestiegen sind der unbedingte Wunsch, ohne Abstriche zur deutschen Gesellschaft dazuzugehören und der Integrationswille.

Aber gleichzeitig meinen inzwischen 87% auch, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen sollte. Der Geschäftsführer der Info GmbH analysiert: „Für das Empfinden eines Lebens zwischen den Welten und ein nach wie vor problematisches Verhältnis der Aufnahmegesellschaft zum Thema Integration spricht z.B. die Tatsache, dass sich 63% der Befragten in Deutschland als Türke und in der Türkei als Deutscher fühlen. Im Jahr 2010 sagten das lediglich 58%.“ 47% fühlen sich in Deutschland unerwünscht, nur 62% glauben, dass Deutsche und Türken in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben.

Türkische Kultur und Religion
Entsprechend trotzig kommen die Antworten in Bezug auf die türkische Kultur und Religion. 95% meinen, dass die Türkeistämmigen in Deutschland unbedingt ihre türkische Kultur bewahren müssten. 84% sind der Meinung, dass man gleichzeitig ein guter Deutscher und ein guter Moslem sein kann. Gerne mit Türken zusammen sind 62% gegenüber 40% im Jahr 2010 und 46% wünschen sich, dass in Deutschland irgendwann mehr Muslime als Christen wohnen. Vor knapp zwei Jahren war das lediglich jeder Dritte.

Besonders die jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund befürworten die kostenfreie Koranverteilung in deutscher Sprache. 63% der 15 bis 29‐Jährigen finden die Aktion „Lies!“ sehr gut bzw. eher gut. „Dies könnte auf eine verstärkte Rückbesinnung gerade der jungen Generation auf religiöse Werte der Heimat ihrer Eltern zurückzuführen sein ‐ ohne dass sich daraus bereits ein unmittelbarer Trend zum politischen Islamismus ableiten ließe“, kommentier Liljeberg diese Ergebnisse und ergänzt: „Bei den älteren Türken in Deutschland, die ja überwiegend selbst eingewandert und daher politisch von Laizismus und Kemalismus in der Türkei geprägt sind, stößt die Aktion „Lies!“ dagegen überwiegend auf Ablehnung. Knapp 70 Prozent der über 50‐Jährigen sprechen sich dagegen aus.“ Den Bau von noch mehr Moscheen in Deutschland wünschen sich inzwischen 55% der Befragten, im Jahr 2010 waren es noch 49%.

Bedeutung der Sprache unumstritten
In Punkto Sprachen scheint die klare Mehrheit keine Schwierigkeiten zu haben. 78% der Befragten sagen, dass sie keine Sprachschwierigkeiten beim Einkaufen hätten, bei 69% ist die Verständigung mit Nachbarn und Kollegen problemlos. Immerhin 63% berichten nicht überraschend über zumindest geringe Probleme beim Ausfüllen von amtlichen Formularen, 47% bei Gesprächen mit Ämtern und Behörden und 46% beim Ansehen von deutschen Fernsehfilmen. Gegenüber 2010 haben sich die berichteten Sprachschwierigkeiten aber insgesamt etwas reduziert.

Download: Die vollständige Studie „Deutsch-Türkische Lebens und Wertewelten 2012“ steht unter www.infogmbh.de zum Download bereit. Für die Studie wurden insgesamt 1.011 Personen mit türkischem Migrationshintergrund zu ihrer Einstellung gegenüber Deutschland, ihren Werten und Lebenseinstellungen befragt.

Dass das Thema Sprache auch im Hinblick auf die Perspektive der Kinder in Deutschland eine herausragende Rolle spielt, zeigt sich darin, dass 95% der Befragten der Meinung sind, dass türkischstämmige Kinder vor der Schule eine Kita besuchen sollen, um bei Schulbeginn gut Deutsch sprechen zu können. 91% sind der Meinung, dass die Kinder von klein auf Deutsch lernen müssen. Mehr als jeder Vierte stimmt der Forderung zu, dass alle türkischstämmigen Kinder mit Schulbeginn mehrere Stunden pro Woche zusätzlichen Deutschunterricht erhalten sollten.

Gleichzeitig wird jedoch auch der türkischen Sprache eine unverändert hohe Bedeutung zugemessen. Fast 90% sind der Meinung, dass die Kinder unbedingt Türkisch beherrschen müssen, damit sie irgendwann einmal in das Land ihrer Eltern zurückkehren können. Eine wachsende Zustimmung finden auch die Ideen, dass die Lehrer türkischstämmiger Kinder selbst die türkische Sprache beherrschen sollten, um Kindern mit Sprachschwierigkeiten helfen zu können (53%) bzw. das Unterrichten auf Türkisch in der Grundschule, damit alle Kinder dem Unterricht folgen können (48%). Die Ideen rein türkischer Schulklassen oder Schulen stoßen dagegen kaum auf Resonanz.

Diskriminierung
Viele Befragte haben bereits irgendwelche Diskriminierungen wegen ihrer Herkunft und ihres Aussehens erfahren. Allerdings hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren offenbar Einiges zum Besseren geändert. Während 2010 noch 42% von Beschimpfungen in der Öffentlichkeit aufgrund ihres türkischen Aussehens berichtet haben, ist dieser Anteil jetzt auf 29% gesunken. Gesunken sind auch die erlebten Ablehnungen bei Bewerbungen um einen Arbeits‐ oder Ausbildungsplatz.

Einen tendenziellen Anstieg gibt es dagegen bei körperlichen Übergriffen, bei Beschimpfungen am Arbeitsplatz und wegen der Religionszugehörigkeit. Die Ergebnisse zeigen, dass eine aktive oder auch nur vermutete Ausgrenzung von der Teilhabe am Berufsleben offensichtlich einer der Haupttreiber für die Abwanderung qualifizierter Deutsch‐Türken in die Türkei ist, die genau diese Menschen vor dem Hintergrund ihrer schnellen wirtschaftlichen Entwicklung und des dortigen akuten Mangels an Fachkräften gern willkommen heißt. (bk)

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19 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. aloo masala sagt:

    @Aha
    Ich kenne die Studie nicht, finde aber nichts außergewöhnliches, wenn eine Gruppe die eigene Religion/Weltanschauung in der Mehrheit sehen möchte. Anhänger der CDU sehen möglicherweise am liebsten die Christen in der Mehrheit. So what?

    @ Jan Sobiesky:
    Für einen Christen ist das Christentum die einzig wahre Religion, für einen Jude das Judentum und für ein Muslim der Islam. So what?

    Wer sind denn Ihrer Meinung nach die PC Wächter und Gesinnungspolizisten, die Studien verschwinden lassen. Welche Studien sind auf diese Weise verschwunden?

    @Thomas Hoffmann:
    Zeigen Sie doch bitte die entsprechenden Artikel und Passagen, dass Deutschland von Nazis bewohnt/regiert wird.

    @Zensus: Sie schreiben: „Ich dachte Zwangsehen sind eine rassistisch-deutsche Erfindung?“ Da haben Sie falsch gedacht. Zwangsehen ist das westliche Verständnis von arrangierten Hochzeiten, so wie Nutten das Verständnis einiger Inder von westlichen Frauen ist.

    Unter dem Strich: Beurteile eine fremde Kultur niemals mit den Maßstäben deiner eigenen Kultur.

  2. gleich sagt:

    Hier sind ja fast nur Kommentare, die nur von Rassismus strotzen. Und da fragt ihr euch ernsthaft, ob diese Studie stimmt? Ich habe die Diskriminierung und diese Diskussionen satt und auch diese Menschen, die so denken wie ihr. Wenn eine Studie euch nicht passt, kommt ihr mit der Lügenkeule. Aber andere Studien glaubt ihr sofort, solange Türken und Muslime, die bösen sind, sind die Studien ganz gut ne?

    Ich kenne viele in meinem Umkreis, die sehr gut integriert sind, aber erst neu nach Türkei ausgewandert sind. Und wisst ihr was? Ich habe das auch vor! Und viele mit mir. Denn dort wissen die Menschen wenigstens, was Menschlichkeit bedeutet. Wenn ihr nicht mal aus euren eigenen Kommentaren schlau werden könnt und nicht versteht, wie super integrierte aber auch langsam eigentlich alle hier wegwollen, dann kann euch niemand mehr helfen. Wir haben keinen Bock mehr so behandelt zu werden und lassen es uns auch nicht gefallen. Irgendwann werdet ihr noch uns zurückbetteln, aber ne ne wir werden nicht nach eurer Pfeife tanzen. Goethe würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen könnte, was aus den humanistischen Werten, denen er viel Wert gelegt hat, in seinem Land geworden sind. Armer Goethe. Armes Deutschland. Glückliche Deutsche, die nach Türkei auswandern. Denn Deutschland hat es nicht anders verdient!

  3. Udo sagt:

    @Zensus
    Rund 30000 Menschen wandern jährlich im Rahmen des Ehegattennachzugs nach Deutschland ein, davon sind nur rund 7000 Türken. Das ist weder ein Hauptgrund für die Zuwanderung (auch wenn die Zahl der türkischen Zuwanderung sehr gering ist) noch ein Indiz für massenhafte Zwangsverheiratung. Schließlich leben mehrere Millionen türkischstämmige Menschen in Deutschland.

    Quelle: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/057/1705732.pdf
    Seite 14.

    .

  4. Optimist sagt:

    @ Johann Hartmann

    „Schließlich leben sie seit Jahrzehnten in selbstgewählten Ghettos, in Stadtteilen, die eine Miniaturausgabe der Türkei sind. Verlassen sie dieseGhettos, dann betreten sie “Feindesland”.“

    Es fehlt in diesem Zusammenhang nur noch das übliche Wort, die „Bringschuld“. Sie offenbaren ganz deutlich Ihre Unkenntnis und Vorurteile. Schon mal was davon gehört, daß viele Ausländer Probleme haben, überhaupt Wohnungen zu finden, insbesondere in den „feineren“ Gegenden? Schon mal was davon gehört, daß viele Städte diese Ghettos selbst und bewusst gebildet haben, damit die Ausländer eben unter sich bleiben (oder umgekehrt, die genuin Deutschen unter sich bleiben können)? Schon mal was davon gehört, daß viele Ausländer in Sachen Lebenshaltungskosten und Miete in Deutschland lieber Abstriche machen, um ihren zT hungernden oder überhaupt ärmlichst lebenden Verwandten im Ausland finanziell helfen zu können? Schon mal in Erwägung gezogen, daß nur die wenigsten Ausländer in gutbezahlte hohe Positionen kommen, sich stattdessen mit Putzen und derlei niederen Tätigkeiten finanziell die besseren Wohngegenden gar nicht leisten können?

    Ihrem Kommentar entnehme ich, daß Sie in ihrer bedingungslosen Schuldzuweisung nicht im Entferntesten solcherlei Hintergründe nachvollziehen können, noch etwas derartiges überhaupt in Erwägung ziehen können. Für Sie ist alles der Türke selber schuld, ist schon klar. Ersparen Sie uns bitte ihren überflüssigen Gehirndurchfall, diese kranke geistige Haltung kennen wir spätestens seit Sarrazin zur Genüge. Konstruktiv vollkommen wertlos.

  5. MKA sagt:

    @AHA
    Wenn man Studien nicht nachvollziehen kann und einem die Kapazitäten hinsichtlich Abstraktionsniveau nicht gegeben ist, respektive das Wissen über empirische Methoden nicht verfügt, dann sollte man sich nicht mit solchen niveaulosen Bemerkungen wie, „und Tschüss“, wie ein besoffener um sich schlagen.
    Wir haben eine Heimat, der Sonne, freundliche Mitmenschen und eine Zukunft bietet. Ich hoffe, Du und deines gleichen kommen nicht auf die Idee und kommt uns nicht hinterher gekrochen. Bleib mal schön in deinem verregneten, zukunftslosen, deprimierten und stets mit rassistischen Gefühlen agierenden Mitmenschen, mit Bier und Bockwurst in Deutschland. Seit Jahren muss man sich als nicht genuin Deutscher diese faschistischen und rassistischen Kommentare, Berichterstattungen, politische Statements, Erniedrigungen, Hetze und Hass „gefallen lassen“. Jetzt ist Schluss.

  6. Ayse Musterfrau sagt:

    Ich kann „gleich“, „Optimist“ und „MKA“ nur beipflichten. Ich habe als promovierte Physikerin (Hochenergie-Physik) auch vor demnächst aus Deutschland weg zu ziehen. Solange sich hier in den Köpfen nichts ändert (wie man an einigen Beiträgen sieht) habe ich nicht vor, mich hier weiter schickanieren zu lassen. Wenn sich hier sehr schnell nichts ändert werden die einzigen florierenden Geschäftszweige nur noch aus Altenpflege und Bestattung sein. Wer allen Ernstes will denn freiwillig in so einem Land leben, wo wir doch in der Türkei Sonne, Menschlichkeit und Lebensfreude in Fülle haben?
    Deutschland hat es noch nie verstanden, den wertvollen Beitrag von Menschen anderer Kultur und Religion wert zu schätzen, mit der Folge dass während und nach dem 2. Weltkrieg viele kluge Köpfe ausgewandert sind, darunter viele jüdische Intellektuelle und Wissenschaftler, sowie kritische deutsche Künstler wie Bertold Brecht, Herrrmann Hesse, Marlene Dietrich um einige zu nennen. Das Land der Dichter und Denker verkommt zuhends zum Land der Richter und Henker.

  7. Auf den Frühling sagt:

    Da wollen wir aber hoffen das sie ihre ‚Drohung‘ auch war machen und es nicht nur bei Absichtserklärungen bleibt wie bspw. bei dieser jungen Dame:

    http://www.tagesspiegel.de/meinung/kolumne-meine-heimat-zum-glueck-wollen-wir-weniger/7131602.html 😉

    Alles Gute – wie auch immer Sie sich entscheiden!

  8. AHA sagt:

    @Ayse Musterfrau
    Das Land der Dichter und Denker verkommt zuhends zum Land der Richter und Henker.

    Sie wollen also sagen das sich Deutschland langsam aber sicher dem Niveau der Türkei nähert? Mit Ihrer Liebe zur Meinungsfreiheit sollten Sie aber gut aufpassen in der Türkei!! Erdo mag das gar nicht 😉

  9. […] zitiere einen alten Artikel des MiGAZIN […]


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