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Spanisch im Aufwind

Spanisch im Aufwind – Hispanistik unter Druck

Traditionell steht das Studium der spanischen Sprache im Schatten der französischen. Das hat historisch-politische und kulturwissenschaftliche Gründe. Während Spanisch als Weltsprache wächst, nimmt auch die Bedeutung des Spanischunterrichts zu. Doch es mangelt an Lehrern.

VONArnd Zickgraf

DATUM20. August 2012

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„Das Fach Spanisch ist völlig überlaufen“, sagt Desirée Cremer, Dozentin für Synchrone Sprachwissenschaft an der Universität Bonn. Cremers Proseminar in spanischer Linguistik platzt mit 75 Teilnehmern aus den Nähten. Ob in Schule, Universität oder Volkshochschule, die Bereitschaft, Spanisch zu lernen, sei hierzulande deutlich angestiegen, erläutert Óscar Loureda, Professor für Übersetzungswissenschaft von der Universität Heidelberg. In der Volkshochschule (VHS) sei Spanisch nach Englisch die am meisten gewählte Sprache. Von den insgesamt rund 327 000 Fremdsprachenschülern an der VHS lernten etwa 30 000 Spanisch – rund 28 Prozent der VHS-Fremdsprachenschüler zöge es zur englischen, rund 12 Prozent zur spanischen Sprache und rund 11 Prozent zum französischen Idiom.

Weltweit wächst die Bedeutung der spanischen Sprache deutlich. Insgesamt gibt es Loureda zufolge rund 515 Mio. Sprecher dieses Idioms, 431 Mio. davon seien Muttersprachler oder haben eine entsprechende Kompetenz. Gab es nach Angaben des Linguisten im Jahr 2000 allein in den USA noch 35 Mio. Sprecher, so sind es heute bereits mehr als 50 Mio. Verantwortlich dafür sind, so Loureda: ­Migration, Kinderreichtum und der Umstand, dass Spanisch in den USA erste Fremdsprache ist. Damit ist Spanisch nach Chinesisch, Hindi und Urdu sowie Englisch die Sprache, die am häufigsten auf der Welt gesprochen wird.

Selbst in Deutschland mit seinen rund 82 Millionen Einwohnern, erklärt Loureda, leben rund 178 000 Menschen, die Spanisch als Muttersprache beherrschen. Rechnet man die Muttersprachler und diejenigen Sprecher zusammen, die Spanisch annähernd so gut wie die Muttersprache beherrschen, dann müsse man von rund 641 000 Menschen ausgehen, die hierzulande des Spanischen mächtig seien.

Problem: Spanisch lernen liegt im Trend – immer mehr Universitäten richten daher Professuren mit dem Schwerpunkt Hispanistik oder Lateinamerikanistik ein. Doch die können den Andrang der Studierenden nicht bewältigen und machen mit Numerus Clausus die Schotten dicht.

Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) sieht in Spanisch eine der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt, deren Verbreitung und Sprecherzahl weiter zunimmt. Dessen ungeachtet steht Spanisch hierzulande in den Schulen erst in der Sekundarstufe I oder in der Oberstufe als Fach zur Wahl. In der Regel wird Spanisch als zweite oder dritte Fremdsprache nach Englisch, Französisch oder Latein gewählt. Die Nachfrage nach Spanischunterricht steigt zwar, aber Versuche, Spanisch aufzuwerten, etwa indem es in der Grundschule als Fremdsprache eingeführt wird, hat die Bildungs­­verwaltung bisher ausgebremst: Kein Geld, keine Lehrer, heißt es.

„Völlig überlastet“
Die Romanistik-Lehrstühle waren hierzulande traditionell fest in der Hand der Frankreich-Spezialisten. „Es gibt eine Konkurrenz zwischen dem Französischen und dem Spanischen als Schulsprache“, erklärt Andrea Rössler, Professorin für die Didaktik der romanischen Sprachen von der Universität Hannover. Rössler, die auch Vorsitzende des Deutschen Spanischlehrerverbands ist, hat ein Nord-Süd-Gefälle ausgemacht: Spanisch wird als Schulfach schwerpunktmäßig nördlich des Mains unterrichtet. Das heißt in Baden-Württemberg oder Bayern spielt das Fach eine eher geringe Rolle, in Berlin, Nordrhein-Westfalen und den Hansestädten sind die Bedingungen für Spanisch als Schulsprache viel günstiger.

Doch mittlerweile macht der Aufschwung der spanischen Sprache auch vor Deutschlands Süden nicht mehr Halt. „An der Universität Heidelberg beobachten wir ein deutlich zunehmendes Interesse an der spanischen Sprache, sowohl in der Romanistik als auch in der Übersetzungswissenschaft“, sagt Óscar Loureda. Nur ein Drittel der Bewerber für den Master-Studiengang Übersetzungswissenschaft Spanisch konnten zugelassen werden. Im entsprechenden Masterstudium würden von 120 Bewerbern nur 20 bis 25 aufgenommen. Selbst dort also, wo die Gallo-Romanistik bisher dominierte, steigt die Nachfrage nach Spanisch an. Die Folge: „Die Spanisch-Lehrstühle sind völlig überlastet“, sagt Loureda. Es gebe eine Tendenz zum Numerus Clausus an vielen Hochschulen.

Die Hispanistik hat sich laut Andrea Rössler in den letzten zehn Jahren immer weiter als eigenständiges Fach ausdifferenziert. Sichtbar wird das daran, dass immer mehr Romanistik-Institute Spanisch in ihr Studienprogramm aufnehmen. Ein Lehrstuhl für Hispanistik ist ein Magnet für eine Hochschule, zieht er doch eine große Zahl von Studenten aus dem In- und Ausland an, ist Rössler überzeugt. Immer mehr Universitäten richten deshalb Professuren mit dem Schwerpunkt Hispanistik oder Lateinamerikanistik ein.

Selbstbewusste Didaktik
Auch die Didaktik des Spanischen erlebt einen Aufschwung. So sind in den letzten Jahren erste Titel – „Prinzipien und Methoden des Spanischunterrichts“ (2008) sowie „Fachdidaktik Spanisch: Tradition, Innovation, Praxis“ von Lutz Küster und Andreas Grünewald (2010) – erschienen, die sich ausschließlich mit der spanischen Sprache, der Geschichte ihrer Didaktik und einem zeit-gemäßen Spanischunterricht beschäftigen. Damit tritt diese Schulsprache erstmals aus dem Windschatten des Französischen heraus, indem sie, wie es bei Küster und Grünewald heißt, selbstbewusst Bedeutung und Facettenreichtum des Spanischen formuliert.

Im Bachelorstudium hat sich die Studienzeit auf sechs Semester verkürzt. Statt wie früher zu zwei Auslandsaufenthalten in Magisterstudiengängen reiche die Studien-
zeit häufig nur noch für einen, erläutert Andrea Rössler. „Das ist zu wenig Zeit, eine Fremdsprache auf sehr ho-hem Niveau zu lernen“, sagt die Hispanistin. Wenn man von Anfang an als Regelstudienzeit sieben oder acht Semester festlegen würde, wäre den Studierenden viel Druck genommen. Weiter fordert die Vorsitzende des Deutschen Spanischlehrerverbandes, dass Lehramtsstudenten von Spanisch-Spezialisten ausgebildet werden sollen. Dazu müssten etwa mehr Spanisch-Lektoren für längere Zeit angeworben werden.

Solange die Länder nicht mehr Mittel freigeben, steht der Kessel weiter unter Druck, bleiben die Spanisch-Lehrstühle überlastet.

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