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Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Ein Fremdwoerterbuch

Das Tabu

Nichts. Es ist eine merkwürdige Stille am Telefon. Er, nennen wir ihn Yunus, schweigt. Dann ringt er nach Worten. „Wie bitte?“ Er räuspert sich. „Wie kommst du da drauf?“, fragt er. „Also, das sagen ja viele, aber … Ich bin nicht so. Bin ich nicht.“ Die Stimmung ist angespannt. Ich entschuldige mich.

VONKübra Gümüşay

 Das Tabu
Die Autorin ist Kolumnistin bei der taz, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Publikationen und betreibt den Blog ein-fremdwoer- terbuch.com. Sie studiert Politikwissenschaften in Hamburg und zuvor an der SOAS in London. Kübra ist Gründungsmitglied von Zahnräder, einem Netzwerk von engagierten und aktiven Muslimen in Deutschland.

DATUM16. August 2012

KOMMENTARE9

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung taz

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Ich entschuldige mich für die unangenehme Situation, in der wir uns beide jetzt befinden. Yunus ringt nicht nur mit Worten, er ringt mit sich. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sage ich. „Kein Problem“, beeilt er sich. Obwohl offen und geradeheraus so etwas zu fragen, sei ja doch schon ziemlich komisch, fügt er hinzu und lacht vorsichtig. Ich stimme ihm zu und entschuldige mich noch einmal.

„Du bist natürlich nicht die Erste“, erklärt er. „Meine Mutter hat mich groß gezogen – ohne Vater. Deshalb bin ich so, wie ich bin, und manche Leute sprechen mich halt schon darauf an. Sie sagen, das liege daran, dass ich so höflich spreche.“ Er pausiert. „Aber das ist doch etwas Gutes. Höflich sprechen ist doch gut. Ich verstehe das nicht. Und ich bin ja wirklich nicht, also …“ Er verhaspelt sich. „Du musst mir nichts erklären. Egal was ist, das ist deine Privatsache, das geht mich überhaupt nichts an. Das anzusprechen war falsch von mir“, sage ich. „Ja, stimmt. Ich muss nichts erklären“, wiederholt Yunus.

Yunus und ich hatten uns zufällig auf einer islamischen Veranstaltung kennengelernt. Ob ich ihm mit ein paar beruflichen Tipps helfen kann, hatte er gefragt. „Klar“, hatte ich gesagt. Wochen später telefonierten wir.

Er hat da ein kleines Projekt vor, das Thema verrät er nicht. Ich dränge nicht, frage nicht nach. Irgendwann ahne ich aber, worum es gehen soll. Ich warte ein bisschen. Wir sprechen weiter. Ich bin mir jetzt sicher. „Habe ich recht?“, frage ich. Er ist überrascht. „Ist ja naheliegend“, erkläre ich, „so wie du das beschrieben hast.“ – „Ja, stimmt, so kommt man sehr schnell drauf“, sagt er nachdenklich.

Ein schwieriges Thema habe sein Projekt, denn man spreche nie darüber. Das Thema sei ein Tabu. Yunus war bei Imamen. Die seien keine Hilfe gewesen, ganz im Gegenteil. Die einen sagten ihm, das sei eine Krankheit, das müsse behandelt und geheilt werden. Die anderen sagten, sie wüssten auch nicht weiter. Das müsse man selbst lösen, selbst entscheiden. Das sei halt eine harte Prüfung, da müsse man durch.

Tabu. Stille. Es war nichts und es ist nie etwas gewesen.

Eine sehr harte Prüfung, denn es ist absolut verboten.

Entweder oder. Es gibt kein Dazwischen, kein Beides. Zumindest keines, das akzeptiert wäre. Etwas, worüber sich Gelehrte einig wären. „So ein Mensch könnte ja einfach sagen: Dann bin ich halt nicht mehr religiös!“, sagt Yunus. Einfach den einfachen Weg könnte „so ein Mensch“ wählen.

Aber was ist, wenn „so ein Mensch“ glaubt? Wenn „so ein Mensch“ tief im Herzen glaubt und weiter glauben will?

„So ein Mensch“ sei ratlos, sagt Yunus. Und traurig auch. Die Leute sprächen nicht darüber. Die meisten fänden das krank. „Ich will ja natürlich nicht sagen, dass das normal ist“, sagt Yunus. „Aber das gibt es halt. Es gibt solche Muslime.“

„Und du?“, frage ich. Schon während ich die Frage stelle, bereue ich sie. Nichts.

Es ist eine merkwürdige Stille am Telefon. Er, nennen wir ihn Yunus, schweigt.

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9 Kommentare
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  1. vulkansturm sagt:

    Der Artikel ist genauso verkrampft und verklemmt, wie ihre Reaktion.
    Augenscheinlich geht es um Homosexualität im Islam.
    Da helfen Sie diesen Mann nicht, wenn Sie auf seine Beklemmung genauso beklemmt reagieren. Sie sollten ihn daraufhinweisen, das es muslimische
    Imame und Organisationen gibt, für die Homosexualität nicht Sünde ist und daß Homosexualtität seit seit Jahrhunderten Bestandteil islamischer Kultur ist..
    Schauen Sie mal bei Wikipedia unter „Homosexualität im Islam“ nach.
    In Deutschland gibt es u.a. den liberal-islamischen Bund, der sich auch für Toleranz gegenüber Homosexuellen einsetzt.
    Und verweisen Sie auf die Webseite des LSVD:
    http://lsvd.de/708.0.html und
    Zumindest für Türken gibt es in Deutschland Homosexuellengruppen:
    http://lsvd.de/746.0.html
    In Berlin gibt es die Beratungsstelle Miles für homosexuelle Migranten:
    http://www.berlin.lsvd.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=22&Itemid=64

  2. Songül sagt:

    Ich finde Frau Gümüsay’s Reaktion überhaupt nicht verklemmt, viel eher taktvoll und sensibel.
    Vor allem aber mutig. Denn immerhin hat sie ein Tabuthema aufgegriffen, wenn auch ohne ein einziges Mal das Schlagwort niederzuschreiben.
    Worauf Frau Gümüsay ihren Bekannten hinweisen sollte bzw.möchte, sollte man ihr überlassen.

  3. Jeanne sagt:

    Der Artikel ist ein geglückter Versuch sich mit Respekt und Emphatie einem Thema zu nähern, das viele Menschen (Männer und Frauen) umtreibt. Der erste Kommentar zeigt, wie viel Unverständnis und Ärger es auslöst in Deutschland, einen so demokratischen und liberalen Land, Scham zu empfinden, obwohl sich doch so viele outen und „Tabus“ brechen und es ja bereits starke Netzwerke gibt.
    Mir sagt Kübra Gümüsay was anderes: als Migrant/In mit und in zwei Kulturen sozialisiert, bleibt es oft und lange ein innerer und sehr schmerzhafter Kampf den einen richtigen Weg zu finden. Denn es scheint es gibt nur einen. Entweder oder. Kein beides. Ich bin aber der Meinung, dass beides möglich ist. Es ist anstrengend, bedarf viel Zeit, Mut und sensible Menschen wie Kübra, die einen verstehen.

  4. vulkansturm sagt:

    Es ist weder sensibel, noch zeugt es von Empathie, wenn man nicht spürt, daß ein Mensch in dieser Situation nichts dringender braucht, wie ein klares Feedback, daß er so okay ist, wie er ist, und daß das mit seinem Glauben vereinbar ist. Die Verklemmung und Angst nur zu verstärken ist nicht taktvoll, sondern in so einer Situation potentiell tödlich. Das heißt nicht, daß man ihm dazu raten müsste, sich zu outen oder sich politisch zu engagieren.
    Aber die Selbstakzeptanz zu fördern ist wichtig. So wie das Gespräch wiedergegeben wurde ist es ein stummer Schrei nach Akzeptanz.

  5. vulkansturm sagt:

    @Jeanne
    Was Sie als „Scham bezeichnen ist die existentielle seelische Not eines Menschen, der nicht mit seiner sexuellen Orientierung klarkommt. Diese „Scham“ frißt die Seele auf. Selbst heutzutage im ach so aufgeklärten und toleranten Deutschland liegt die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen 4 – 5 mal so hoch wie bei „normalen“ Jugendlichen. Man kann nur darüber spekulieren, wie hoch diese bei manchen muslimischen Communities liegt.
    @Songül
    Frau Gümüsays Reaktion ist alles andere als mutig. Sie schafft es nicht, ein positives akzeptierend Feedback zu vermitteln. Sie läßt den Mann in seiner seelischen Not in der Luft hängen

  6. Songül sagt:

    @vulkansturm

    Ich verstehe worauf sie hinauswollen, muss Ihnen aber leider mitteilen, dass ich das etwas anders sehe.
    Unsere persönliche Meinung außen vor, sollten wir auch dieses sensible Thema objektiv betrachten.
    Wenn doch über Jahrhunderte hinweg namhafte religiöse Gelehrte der monotheisischen Religionen die Homosexualität als Sünde abhandelten, so werden Sie daran mit drei links nichts ändern können.
    Man kann Respekt und Toleranz einfordern aber keine Akzeptanz erzwingen.
    Wenn die katholische Kirche mich als Sünderin ansieht, weil ich verhüte und Geschlechtsverkehr nicht nur zum Zwecke der Fortpflanzung ausübe, so ist das nun mal so. Ich werde daran nicht zugrunde gehen. Schließlich entscheide ich, wie ich leben möchte. Entweder ich kann mich mit den Geboten und Verboten einer Religion identifizieren und bekenne mich damit zu dieser oder aber ich lasse es sein.
    Mit Pippi Langstrumpfs Prinzip: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“ fährt man in der realen Welt nicht besonders gut.
    Was für uns schon lange eine Selbstverständlichkeit darstellt, wird in Frage gestellt,als rückständig und intolerant bezeichnet und der Schrei nach Modifikation der Religionen ertönt, wenn es um Homosexuelle geht.
    Ich frage Sie, warum sollte dasselbe nicht für Homosexuelle Gültigkeit haben?

  7. vulkansturm sagt:

    Unter der repressiven katholischen Sexualmoral litten nicht nur Homosexuelle, sondern auch Heterosexuelle. Viele Menschen sind dadurch seelisch beschädigt worden. Zum Glück gibt es in diesem Land kaum noch Christen, die diese Aufassungen vertreten. Ohne Akzeptanz kann es kaum Respekt und Toleranz geben. Wie kann ich jemanden respektieren, dessen Verhalten ich als sündig ansehe?

  8. vulkansturm sagt:

    @Songül
    Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihnen sagen würde, man müsste es wohl oder übel respektieren und tolerieren, wenn Frauen Kopftuch tragen, aber man könnte nicht erzwingen, dies zu akzeptieren. Dann wären Sie zurecht empört über soviel Verlogenheit, deratige Pseudotoleranz und fragwürdigem Respekt.

  9. Songül sagt:

    @vulkansturm
    Der Begriff der Toleranz ist ein enger. Wenn ich etwas dulde, muss ich es noch lange nicht gutheißen. Verlogen finde ich daran gar nichts. Im Gegenteil, sogar viel aufrichtiger, wenn man zwar andere Überzeugungen/Lebensphilosophien gelten lässt, ihnen dieselben Rechte einräumt und nicht an den Rand der Gesellschaft drängt, obwohl man diese nicht teilt.
    Wenn ich die Entscheidung einer Frau, das Kopftuch zu tragen, respektiere, respektiere ich ihre ganz persönliche Entscheidung,die zu ihrem persönlichen Glück beiträgt. Ich toleriere ihre Lebensphilosophie indem ich ihr dasselbe Daseinsrecht zuspreche und ihr in allen Lebensbereichen dieselben Rechte zuspreche. Gleichzeitig kann ich das Tragen eines Kopftuches für mich entschieden ablehnen. Wäre ja schön, wenn wir so weit wären. Selbst hier hapert es immer noch.



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