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Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier – als Wirtschaftsflüchtling. Den kriegen wir nie wieder los

Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, PresseClub Regensburg, 15.9.2016

MediAwareness

Im Westen nichts neues

Nicht zum ersten Mal veröffentlicht das Nachrichtenportal derwesten.de einen Artikel, in dem „die Türken“ nicht gut wegkommen. Darüber und ähnliche Themen geht es in der neuen MediAwareness-Kolumne – heute mit Kim-Carina Hebben.

VONKim-Carina Hebben

 Im Westen nichts neues
Die Autorin, geboren 1989, studiert an der Ruhr-Universität Bochum Medienwissenschaft und Germanistik im Master. Neben dem Studium arbeitet sie als Studentische Hilfskraft in der Professional School of Education in Bochum. Zusammen mit weiteren Kommilitonen betreibt sie den Blog "MediAwareness", der die Tonalität in der deutschen Medienlandschaft kritisch beäugt. Entstanden ist der Watchblog im Rahmen eines Seminars über Migration und Vielfalt in den Medien und wird inzwischen ehrenamtlich von Studierenden weitergeführt.

DATUM13. August 2012

KOMMENTARE5

RESSORTAktuell, Meinung

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Bereits im Mai erschien ein Beitrag zum Thema „Zivilcourage“, in dem ein vom Journalisten nicht weiter kommentiertes Zitat den Leser dazu verleitet anzunehmen, dass türkische Jugendliche eine potenzielle Gefahr darstellen würden:

„‘Am Dienstag haben zwei junge Männer – ich glaube, es waren Türken – in meinem Hauseingang geraucht. Ich habe sie freundlich gebeten, das zu unterlassen. Einer der Männer sagte daraufhin frech, dass er das dürfe, weil er hier wohne. Das stimmt aber nicht. Schließlich bin ich die Vermieterin der Wohnungen hier im Haus, ich kenne meine Mieter.’ Petra B. hakte nicht nach, aus Furcht.”

In diesem Artikel hätte der Journalist die Aussage der Geschäftsfrau entschärfen müssen. Auch wenn es sich um ein Zitat handelt, hätte die Angst vor den Türken implizit nicht ohne weitere Erläuterung oder Stellungnahme stehen gelassen werden dürfen. Der paraphrasierte Zusatz, dass die Vermieterin aus Furcht nicht weiter nachfragte, gibt Grund zu der Annahme, dass der Journalist der gleichen Meinung ist. So hat der Artikel eine negativ-konnotierte Tonalität gegenüber “Türken”, die durch die journalistische Arbeit hätte vermieden werden können.

Alte Gewohnheiten
In einem neu veröffentlichten Artikel vom 31. Juli findet sich ein ähnliches Muster. In dem Beitrag geht es um einen Prozess, in dem geprüft werden soll, ob der Verdächtige in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden muss. Die Schilderung der Geschichte beginnt neutral, es wird vom Verdächtigen als „der 30-jährige Gladbecker“ oder dem „Zweckeler“ erzählt. Doch mit zunehmend brutalen Details der Taten wird der Verdächtige nicht nur als „der Türke“ eingeführt, sondern auch durch explizite Augenzeugenberichte schlecht dargestellt: „Er hatte so hasserfüllte Augen“. Zusätzlich wird der Verdächtige in gebrochenem Deutsch zitiert, wodurch seine Aussage abermals negativ konnotiert wird und unglaubwürdig erscheint: „So ein Typ bin ich nicht, so mit Steine werfen und so.“ Dies ergänzend wird weiter beschrieben, dass der mutmaßliche Täter die Sonderschule nur mit einem Abgangszeugnis verlassen habe.

Die letzte, durch den Journalisten betonte, Diskriminierung verkündet, dass der 30-Jährige eine lange Drogenkarriere hinter sich habe: „Nur ‚Gras‘, also Cannabis, habe er geraucht. Wenn in den Akten etwas anderes stünde, dann liege das daran, dass er Türke sei.“ Mit diesem Konjunktiv verstärkt der Journalist ein bestehendes Klischee. Die Wortwahl lässt hier keinen Zweifel, dass der Verdächtige auch der Schuldige sein soll. Diesbezüglich ist zu beachten, dass die Auswahl der Zitate ein subjektiver Selektionsprozess des Verfassers ist.

Wie es richtig geht
Wie ein Journalist mit verallgemeinernden oder fremdenfeindlichen Aussagen umgehen sollte, lässt sich jedoch auch auf derwesten.de finden. Ebenfalls am 31. Juli ist ein Beitrag der Serie „Märkte in Marl“ erschienen, der zeigt wie es richtig geht. Hier wird die etwas unbedachte Aussage eines 65-jährigen Marktverkäufers angemessen eingebettet. Während der Verkäufer sich beklagt, „die Türken sind treue Kunden, aber sie kaufen insbesondere bei ihren Landsleuten“, kommentiert der Journalist: „Hamm ist der Stadtteil mit dem größten Ausländeranteil, doch die türkischen Mitbürger finden nicht den Zugang.“

Auffällig an diesen drei Beispielen ist, dass Artikel, die Gewalt oder Angst behandeln, offenbar eher dazu verleiten, die Tonalität des gesamten Beitrags in eine tendenziell ausländerfeindliche Spur verlaufen zu lassen, wohingegen das „Klönen und Kaufen“ auf dem Markt nicht Anlass zu den gängigen Klischees bietet. Die Bezeichnung „die Türken“ scheint jedenfalls als gängige Floskel zur Berichterstattung zu gehören.

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5 Kommentare
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  1. Torgey sagt:

    Mit den hier aufgeführten Kritikpunkten habe ich so meine Probleme. Ich wäre sonst der Erste, den es stört, wenn mit Begrifflichkeiten/Labels wie Türke/Deutscher usw. falsch umgegangen wird. Zu häufig finden sich auch in der „seriösen“ Presselandschaft Türken/innen, die eigentlich Deutsche sind. Aber: Die hier aufgeführten Argumente, die „Fremdenfeindlichkeit“ nachweisen sollen, finde ich etwas schwach.
    1. Das oben aufgeführte Zitat wurde nicht kommentiert, so what? Das ist aber auch nicht unbedingt die Aufgabe eines Journalisten, zumal, wenn wie hier das Zitat für sich spricht. Ja, die Frau pauschalisiert, ja, sie hat offensichtlich Angst vor „Türken“. Journalisten haben aber keinen Erziehungsauftrag, sie müssen nicht die Dinge grade rücken, die ihre Interviewpartner von sich geben.
    2. Die angeführten Beispiele aus dem Artikel vom Juli sind ansich nicht wirklich tendenziös, soweit es sich um Fakten (Schulabschluss, Nationalität, Zitate in schlechtem Deutsch) oder Aussagen von Zeugen („hasserfüllte Augen“) handelt. Soweit hier nur Aussagen aus dem Prozess referiert werden, handelt es sich lediglich um eine Widergabe. Es ist beispielsweise nicht tendenziös/rassistisch zu sagen, dass ein Angeklagter oder Täter Türke (so es denn stimmt) ist. Es ist es nur, wenn quasi dahingehen ein direkter Zusammenhang herbeifantasiert wird, sozusagen er ist Täter weil er Türke ist.
    3. Bei dem Zitat zum Drogenkonsum sind die Sätze in den Konnjunktiv gesetzt, weil es sich um indirekte Rede handelt. Das sagt rein gar nichts über die Glaubwürdigkeit aus. Sie in direkte Rede zu setzen hieße, sie von einem indirekten Zitat in eine (für den Journalisten/dieJournalistin unhaltbare) Tatsachenbehauptung umzuändern.

    Schließlich überzeugt mich auch ihr best-practice-Beispiel nicht: Das Türken nur bei Türken kaufen, ist bewiesenermaßen ein Vorurteil. Ich kenn mich jetzt in Hamm nicht aus, bezweifle aber, dass der Aussage des Journalisten eine fundierte Kenntniss hinsichtlich des lokalen Kaufverhaltens von Türkischstämmigen oder Türken zugrunde liegt. Was soll daran jetzt besser sein?

  2. Sinan A. sagt:

    Wie Hetze funktioniert, kann man tatsächlich besser erläutern, und zwar so, dass Bösmenschen nur schwer meckern können. Ich nehm mal bewusst ein lustiges Beispiel.

    Ist die Biene Maja eine Rassistin?
    http://kurzlink.de/welt-online

    Unser geliebtes Online-Portal von Springers WELT bringt hier zwei Themen zusammen, die wirklich gar nichts miteinander zu tun haben. Zum einen die Nachricht, dass neue Folgen der Kinderserie „Biene Maja“ produziert werden. Und zweitens eine wissenschaftliche Einschätzung über den Autor Waldemar Bonsels, dessen Buch vor genau 100 Jahren die Vorlage lieferte.

    Dass der Text von Waldemar Bonsels von 1912 nicht mehr dem heutigen Sprachgebrauch entspricht, ist ziemlich naheliegend. Möglicherweise ist auch der Autor selbst nicht ganz unzweifelhaft, das weiß ich nicht.

    Nur hat die Buchvorlage selbstverständlich überhaupt nichts zu tun mit der Fernsehserie aus den 1970ern, die beliebt ist bei alt und jung, Deutschen wie Nicht-Deutschen, die dem sozial-liberalen Geist dieser Zeit entspricht. Jeder kennt die Biene Maja, jeder mag sie. Keine Betriebsfeier ohne Biene-Maja-Karaoke. Nur WELT-ONLINE berichtet scheinheilig „ZDF hält an ‚Biene Maja‘ fest“ als sei das irgendwie problematisch, von irgendjemandem in Frage gestellt worden.

    So funktioniert Hetze. Ein absolut positives Bild wird mit Vorwürfen verknüpft, und der Schuldige ist schnell gefunden. Der Gutmensch, wer sonst? Jetzt will uns der Gutmensch sogar unsere Biene Maja weg nehmen. Deutschland schafft sich ab, denkt der Bösmensch und schreibt sich in Rage.

  3. hochachtungsvoll sagt:

    @Torgey
    Das Problem liegt dabei, dass die Journalisten die Freiheit haben, es auch zu kommentieren und den Leser in eine bestimmte Richtung zu lenken.
    Man hätte diese Sachen auch gar nicht aufschreiben können. Das, was du „kommentarlos“ nennst, wurde schon in sich manipuliert. Ein paar andere Adjektive benutzt, einige Sachen weggelassen und man hätte nicht das Gefühl, dass man alle Türken damit meint.

    Ich finde diesen Artikel sehr gut und gebe der Autorin in jeder Hinsicht Recht.

  4. El-Sid sagt:

    Liebe Frau Hebben,

    es drängt sich die Frage auf: In welchen Kontexten halten Sie es für erforderlich, Zitate zu „entschärfen“? Was würden Sie davon halten, wenn Presseorgane Mitglieder der rechtsextremen Pro-NRW als „Mitglieder einer national-konservativen Bürgerpartei“ bezeichnen und nicht als das, was sie sind (nämlich rechtsextrem)? Man könnte in diesem Fall schließlich im Sinne einer „sensiblen“ Berichterstattung argumentieren, dass man, obwohl es sich um eine rechtsextreme Partei handelt, keinesfalls den Eindruck erwecken will, dass man vor Pro-NRW Angst haben muss. Oder was ist mit der Hamas? Darf man noch Artikel 7 der Charta der Hamas zitieren, in dem die Vernichtung von Juden zur unbedingten Pflicht erhoben wird? Hier könnte ja der Eindruck entstehen, dass Juden vor Hamas-Mitgliedern Angst haben müssten.

    Grundsätzlich spricht zwar nichts dagegen, Medien hinsichtlich ihrer Tonalität kritisch zu beobachten. Beobachtet man die Medienkritiker allerdings ebenfalls kritisch, so lässt sich schnell der Hang zu Zensur und zu Sprachtilgung bzw. –beugung feststellen. Ihr Artikel ist dafür ein schönes Beispiel. Warum das so ist, darüber lässt sich streiten; es entsteht allerdings der Eindruck, dass keinesfalls über das berichtet werden soll, was nicht sein darf: nämlich dass jemand Angst vor Türken hat. Aber genauso wie jemand Angst vor Atomkraftwerken, Rechtsextremen oder fanatischen Evangelikalen haben darf, darf man auch Angst vor Türken haben, zumal, wenn wie in dem geschilderten Fall ein Bedrohungsszenario damit verbunden war. Ob diese Angst gerechtfertigt ist, steht auf einem ganz anderen Blatt, im Allgemeinen ist sie das natürlich nicht, dies lässt sich aber auch ohne massive Eingriffe in die Berichterstattung erreichen.

    Dass der Schuss mit solcherart „Neusprech“ auch gewaltig nach hinten los gehen kann, zeigt ein Blick über den Ärmelkanal, wo sich mittlerweile massiver Widerstand gegen die Verwendung des Begriffs „Asians“ für alle Menschen aus Nah- oder Fernost regt, vor allem aus den Communities der Hindus und Sikh. Ähnliches gilt hierzulande für den Begriff „Südländer“, bei dem ich mich immer frage, wo dieses sagenumwobene „Südland“ eigentlich liegt.

  5. Torgey sagt:

    @hochachtungsvoll: Das sehe ich anders. Journalisten sollten eben so es sich vermeiden lässt überhaupt nicht lenken. Das wäre dann Manipulation.
    Wer „meint“ denn alle Türken? Worauf beziehen Sie sich? Zumindest aus dem Artikel von Frau Hebben geht eben überhaupt nicht hervor, dass sich die beteiligten Journalisten den Vorwurf einer solchen Verallgemeinerung schuldig gemacht haben.
    Wenn Sie sich auf die Dame im ersten Zitat beziehen, die meint bedauerlicherweise alle „Türken“. Das anders darzustellen wäre Tatsachenverdrehung.

    In unseren Medien gibt es zahlreiche Beispiele für tendenziöse Berichterstattung. Die oben genannten Auszüge sind es aber – zumindest in dieser Darstellung – eben nicht. Das Vorhaben, aufmerksam gegenüber solchen Geschichten zu sein, finde ich großartig, entsprechend finde ich das Engagement der Autorin auch toll, aber in diesem Fall deutlich übers Ziel hinausgeschossen.



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