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Das Inbetween-Sein der Diaspora

12.000 Meter, über den Wolken, Flug von Berlin nach Beirut. Die Frau links vor mir bewegt beim Start des Flugzeugs die Lippen, öffnet ihre Handflächen und wispert leise, dann streicht sie sie übers Gesicht – ein Bittgebet für gesegneten Flug und sichere Ankunft.

VONVykinta Ajami

1978 in Litauen geboren, hat an der Universität Klaipeda (Litauen) und an der Freien Universität Berlin, Germanistik, Linguistik und Arabistik studiert. Schreibt als freie Journalistin und Auslandskorrespondentin für verschiedene Medien und engagiert sich in Berlin für interkulturellen Dialog, Antidiskriminierung und Antirassismus.

DATUM7. August 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Zwei Männer vorne rechts, deren lautstarke Unterhaltung ich nicht überhören kann: „Woher kommst du?“ „Hast du Kinder?“ „Du bist also frisch verheiratet, herzlichen Glückwunsch!“ Ab jetzt spricht er ihn mit „Bräutigam“ an. Sie kennen sich nicht, würde ich meinen. Es ist Beirut, das sie verbindet. Libanons Berge, das Mittelmeer, der Zederbaum in der weiß-roten Fahne, aber auch das Schwarz-Rot-Gold. Sie sprechen über das Leben in Deutschland, über Libanon, Wetter und über den deutschen Fußball. Ihre Sätze fangen arabisch an, die meisten von ihnen enden wieder Deutsch. Zwischendurch fällt mal ein deutsches „Ach so“.

Als was landen sie und andere hier in Beirut und als was, wenn sie wieder in Berlin zurück ankommen, geht mir durch den Kopf. Als was leben denn die Menschen um mich herum, die von Berlin nach Beirut fliegen?

In der Heimat angekommen werden viele hier und da ein deutsches Wort in ihre arabische Muttersprache hineinmischen, aus Gewohnheit. Sie werden sich über die Fahrweise der Einheimischen aufregen und werden das Chaos auf den Straßen vermissen, sobald sie wieder in Berlin gelandet sind.

Dann werden sie, dieselben Menschen, über das deutsche Sommerwetter und im Sommer darauf wieder über die mediterrane Hitze in der Heimat klagen. Sie werden sich die ersten Tage über die ununterbrochenen Besuche der Verwandten, Freunde, Nachbarn und Bekannten freuen und spätestens eine Woche darauf die europäische Ruhe vermissen – der übliche Zwiespalt der Diaspora.

3 Flugstunden, 2 Kontinente und das Leben zwischen ihnen. Das Leben zwischen 2 Welten ist alles andere als einfach, aber auch alles andere als langweilig und einseitig. Es ist eine vom Leben gebotene Herausforderung, die es auf beste Art und Weise zu meistern gilt.

Eigentlich ist das Sitzen auf 2 Stühlen ein Privileg, wenn es nicht durch sich selbst oder die äußeren Umstände zum Nachteil gemacht wird. Denn schnell kann sich das Leben in der Diaspora zu einem unbequemen Dazwischen entwickeln. Dann wird es unstabil und unsicher, so wie das Sitzen nicht auf, sondern zwischen zwei Stühlen.

Diaspora fordert Umdenken und Zurechtkommen. Es ist ein Zustand der ununterbrochenen Umstellung, des Sich-Neu-Einstellens, des Umdenkens, wie ich sie im Flugzeug erlebe. Die Dynamik der Zwiespalt schlägt einen negativen Weg ein, wenn die Vielfalt als nur ein lästiger Migrationshintergrund angesehen wird. Dabei ist die Vielfalt und der Zwiespalt ein Training der besonderen Fähigkeiten und Eigenschaften, eine Ausbildung vom Leben höchstpersönlich, zu einem hochmodernen Zustand des Inbetween-Seins, ein Zustand, dass das „Dazwischen“ zum „Mittendrin“ macht.

Deutsche in Libanon und Libanesen in Deutschland. Ewige Ausländer oder ständige Einheimische? Die echte Identität kann nur jeder selbst benennen. Da ist nur etwas für alle gemeinsam: Diaspora ist geprägt von Vielfalt und Dynamik. Vielfalt als Ergebnis der Kunst, zwei Welten in einem Leben zu vereinen. Und Dynamik, das immer aufs Neue zu tun.

Die Inbetweeners vereinen die Welten, in denen sie leben. Aus dem dahintersteckenden Potenzial können Menschen beider Welten unendlich schöpfen, wenn man ihnen ihre Hintergründe in positiver und offener Weise zulässt. Oder es verspielen, indem man die dahinter steckende unglaubliche Dynamik in die Statik der Assimilationsvorstellungen drängt.

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