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Sigmar Gabriel (SPD-Chef), dpa, 7. Oktober 2010

Kısmet

Traumwelten

Ich fragte mich: Wie fühlt man, spürt man, sieht man, wenn die Sprache nicht ganz eindeutig ist? Während ich nachdenklich im Bett blieb, holte sie schon ihr Rüya Tabiri, das Traumdeutungsbuch, und fragte mich, was ich gesehen hatte.

VONFlorian Schrodt

 Traumwelten
Der Autor studierte Politikwissenschaften und arbeitete als freier Journalist. Seitdem er Teil einer türkischen Familie ist, ist sein Leben geprägt von neuen Erfahrungen. Ob im Alltag oder in den Erzählungen seiner Schwiegereltern, diese persönlichen Erlebnisse sind für ihn der Schlüssel zu einer interkulturellen Schatztruhe. Geschichten, die das Leben schreibt, oder das Schicksal. Alles ist Kismet, wie seine Familie sagen würde.

DATUM1. August 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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„In welcher Sprache träumst du eigentlich?“ In Erwartung einer Antwort drehte ich mich zu meiner Freundin, schaute in ihre noch verschlafenen Augen und streichelte ihr sanft durch ihr lockiges Haar. Sie überlegte und überlegte und sagte: „Ich weiß es wirklich nicht.“ Ich fragte mich: Wie fühlt man, spürt man, sieht man, wenn die Sprache nicht ganz eindeutig ist? Während ich nachdenklich im Bett blieb, holte sie schon ihr Rüya Tabiri, das Traumdeutungsbuch, und fragte mich, was ich gesehen hatte.

Zwei Stunden später saßen wir zum Frühstück bei meinen Schwiegereltern. Damals war ich überrascht, dass meine Träume auf der Couch beim Essen im Kreis der Familie diskutiert wurden. Heute genieße ich es, die Bilder der Nacht zu rekonstruieren und die Blaupausen meiner Sehnsüchte auszumalen. Was die Zukunft wohl bringen mag? Mein Schwiegervater tippte mir auf die Schulter und riss mich damit aus meiner Tagträumerei. Im Fernsehen lief ein Western – „Todeszug nach Yuma“. Er erzählte mir, wie er den Film vor einer halben Ewigkeit, damals noch im Original unter dem Titel „Zähle bis drei und bete“, in Istanbul gesehen hatte. Vor vielen Jahren träumte Baba als Junge von der weiten Welt. Amerika, das war seine Sehnsucht. Angerregt wurden diese Träume durch seine Leidenschaft für das Kino. Noch heute liebt er vor allem Western. Seit Jahrzehnten ist er nun in Deutschland, die USA hat er nie betreten. Trotzdem attestiere ich ihm gerne Pioniergeist und Kühnheit, wenn er von seinem Leben erzählt. Nahezu Filmreif. Wie in ganz verwegenen Träumen.

Früher wurde er König der Straße genannt. Geboren wurde er in Samsun am Schwarzen Meer. Die weitere Geschichte ist nicht ganz unkompliziert. Das Schicksal führte jedoch dazu, dass er in Istanbul bei seiner Tante aufwuchs. Hierher kam er mit kaum einem Jahr. Er hat es seit jeher geliebt, unter Menschen zu sein. Schon als Junge von gerade einmal acht Jahren verdiente er sich sein erstes Geld, in dem er Gemüse und Obst vom Markt zu den Käufern trug. In der Schule war er eigentlich nie. Die Zeiten waren eben andere. Seine Geschäftstüchtigkeit brachte ihn nicht nur seinen Spitznamen, sondern bald auch ernstzunehmende Perspektiven. Er heuerte in einer Werkstatt an, wo er zunächst für Botengänge eingesetzt wurde. Auf Bildung hat er allerdings nie verzichtet, zumeist autodidaktisch. Sein Geld investierte er nicht nur in Kinokarten, sondern ebenso in Bücher. Er brachte sich selbst lesen und schreiben bei. So wie er es 30 Jahre später in Deutschland wieder tat. Vor 70 Jahren war sein kleiner Bildungsschatz keine Selbstverständlichkeit, zudem hatte er Fleiß und handwerkliches Geschick, weshalb er mit 13 eine Ausbildung zum Dreher erhielt. Auch weil er seinem Chef bei der Liebeskorrespondenz mit seiner Angebeteten helfen konnte. Er hatte schon immer eine lyrische Ader, noch heute schreibt er wundervolle Gedichte. Seine Tugenden verhalfen ihm bald zu einer Position als Firmeninhaber mit 25 Mitarbeitern. In seinen Träumen hätte er sich bestimmt nicht ausmalen können, dass er irgendwann einmal den größten Teil seines Lebens in Deutschland verbracht haben würde. Vielmehr träumte er von Kindesbeinen an von dem Leben seiner Kinohelden. In seinen kühnsten Träumen sah er sich in einem Cadillac. Aber das Schicksal führte ihn nicht über den Teich, sondern nach Deutschland. Ein Kompromiss, der seiner wirtschaftlichen Situation und auch familiären Umständen geschuldet war. Der Traum vom Wilden Westen wurde abgelöst durch den Traum eine stolze Familie zu haben. Er war nicht im Land der großen Freiheit gelandet, sondern im Land der großen Akribie. Er muss sich trotzdem gefühlt haben wie zu den ersten Einwanderungstagen der USA: Nicht mit dem Schiff, mit dem Zug war er gekommen. Ihn erwartete jedoch nicht die Prärie, aber umso mehr die Gefühlswüste der deutschen Bürokratie. Ihm lauerten keine Indianer auf, sondern die Pfeilspitzen der deutschen Konformität drangsalierten ihn. Ganz Idealist, ließ er sich nicht von seinem Traum abhalten, sich durchzuschlagen. Anfangs mit Entbehrungen, weil ein Großteil seines Geldes in die Heimat ging, um die Familie zu unterstützen.

Zwei Jahre hatte er seine Lieben nicht gesehen, bis auch seine Frau nachkommen durfte. Die beiden erstgeborenen Töchter kamen wiederum zwei Jahre später. Für seine Frau, meine Anne, muss die Ankunft in Deutschland eher einem Albtraum geglichen haben. Eine ewig lange Zugfahrt, keine Heizung, keine Toilette. Und dann eine Untersuchung, die sicherlich Pferde auf dem Markt im amerikanischen Hinterland ähnlich erlebt haben dürften. Die Freude, ihren Mann endlich wieder in den Armen halten zu dürfen, wich dem tristen Alltag! Meine Schwiegereltern waren gekommen, um sich etwas aufzubauen. Gerne gesehen waren sie nicht. Waren es nicht die Vermieter, dann war es der deutsche Beamtenapparat, der ihnen das Leben erschwerte. Auf dem Ausländeramt konnte schon ein falscher Blick genügen, um die Arbeitserlaubnis zu verlieren. Quittiert wurde dieser Status mit einem roten Stempel. Willkür wie im Wilden Westen. Von ihren Träumen und Zielen ließen sich meine Schwiegereltern nie abhalten, sie lamentierten nicht und hegten keinen Groll, blieben stattdessen immer neugierig und voller Tatendrang. Meinem Schwiegervater kam entgegen, dass er stets Kontakt zu Menschen suchte, so konnten einige Probleme gelöst werden. Eine Hand wusch die andere. Und so half er auch beim Lösen von Problemen. Kaum der Sprache mächtig, versuchte er sich bei der Arbeit als Übersetzer für seine italienischen Kollegen. Diese Sprache hatte er sich rudimentär selbst angeeignet. Noch heute ist einer seiner liebsten Phrasen „Parlo tedesco“. Türkische Mitarbeiter unterstützte er bei der Korrespondenz nach Hause – auch gerne einmal ein Liebesgedicht. Bei den meisten Chefs brillierte er durch Engagement, weshalb er auch deren Wertschätzung erfuhr. So erschloss er sich seine neue Welt. Basiswissen in Englisch lernte er im Übrigen einige Jahre später obendrein, um seinen Kindern ein Vorbild zu sein und damit die Wichtigkeit dieser Sprache zu unterstreichen.

Sehr viele Arbeitsstunden später war er ein gemachter Mann mit einer wundervollen Familie. Zwar ohne Cadillac, aber mit einem VW-Bus, im Volksmund Bulli genannt. Er war einer der ersten, der einen solchen besaß. Und in der hiesigen Republik machte ein solcher Wagen etwas her. Zudem eignete er sich auch viel besser für die Ausflüge mit der Familie. Denn seinem Drang nach der weiten Ferne ging er auch als Familienvater nach. Er lernte Land und Leute kennen und lieben. Seine Entscheidung der Vernunft hierher zu kommen wuchs umso mehr zu einer Entscheidung des Herzens, je mehr seine Familie wuchs. Meine Freundin war das erste von zwei Kindern, das hier geboren wurde. So wurde dieses Land auch zur Erfüllung seiner Träume. Gut situiert, geschätzt bei Kollegen und Freunden und mit einer Familie, der er Perspektiven bieten konnte.

Und wenn das Fernweh nach den früheren Helden besonders groß war, dann gingen sie eben ins Autokino. Meine Freundin war seinerzeit ein kleines Mädchen. Sie wurde hinten im Bus verschanzt, um nicht an der Alterskontrolle zu scheitern, so dass auch sie beim Weißen Hai mit fiebern konnte. Ein prägendes Erlebnis: Alle meine Familienmitglieder zeichnet eine Vorliebe für diese Tiere aus, wir bleiben oftmals bei entsprechenden Dokumentationen hängen. Apropos Tierwelt: Ich habe in eingangs erwähnter Nacht übrigens von einer Herde Elefanten geträumt. Das soll sehr positiv sein. Mein Schwiegervater träumt heute von einer Reise nach Schweden. Warum? Das wissen wir nicht. Träume sind eben keine Sache des Verstandes, sondern des Herzens. Und schon gar nicht der Sprache. Ich wünsche ihm, dass auch dieser Traum in Erfüllung geht. Inşallah!

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8 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Ayda sagt:

    Lieber Florian,

    wieder sehr interessante Einblicke. Ich freue mich immer wieder auf Ihre Kolumne und hoffe, dass sie uns noch viele schöne Eindrücke schildern werden.

    LG,

    Ayda

  2. Florian Schrodt sagt:

    Liebe Ayda,

    Herzlichen Dank für Ihr Feedback. Freut mich sehr!
    Viele Grüße
    Florian

  3. AI sagt:

    Kann man von Ihnen auch türkische Texte lesen? Sehr schön!!

  4. Songül sagt:

    Hallo Florian,

    Ein indianisches Sprichwort besagt:
    „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist.“
    Wieviele Monde sind Sie schon in den Mokassins ihres Babas gelaufen?

    Ganz besonders beeindruckt bin ich auch diesmal von Ihrer Fähigkeit der Perspektivübernahme und wie gut Sie über die Vita Ihrer Schwiegereltern informiert sind. Glauben Sie mir, was dies betrifft, können sich viele türkische Schwiegersöhne eine Scheibe von ihnen abschneiden. Und sogar die Kinder selbst.

  5. Florian Schrodt sagt:

    Hallo Al, leider nein, dafür beherrsche ich die Sprache leider bei weitem nicht gut genug. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. 🙂 bei Interesse kann ich Ihnen gerne jedoch türkische Gedichte meines Schwiegervaters zukommen lassen und würde mich freuen, wenn Ihnen meine Kolumne alle 2 Wochen hier an dieser Stelle weiterhin zusagt.
    Viele Grüße
    Florian

  6. Florian Schrodt sagt:

    Hallo Songül, wieder einmal vielen Dank für Ihr Feedback. Ich freue mich, dass Sie wieder Interesse hatten, an meinen Erfahrungen teilzuhaben. Es gab und gibt so viele prägende und persönlich lehrreiche Momente, insbesondere in den Geschichten meiner Schwiegereltern, so dass es mir immer wieder ein vergnügen ist, den beiden zuzuhören und in alte Welten einzutauchen, die aber auch mitunter Schlüssel zu Gegenwart sind. Im wahrsten Sinne des Wortes ein enormer Erfahrungsschatz! Bezüglich der Mokassins bin ich übrigens noch etwas unsicher, inwiefern ich darin schon gelaufen bin. 😉
    Viele Grüße
    Florian

  7. kantomas sagt:

    Schön geschrieben. Trifft ins Herz.

    Hoffentlich gibt es in Zukunft mehr Mischehen zwischen Türken und Deutschen. Geschichten dieser Art bringen Menschen näher und bauen Vorurteile ab.

    Ich bin bereit meinen Teil zu leisten. Ich würde meine Tochter einem wie Florian Schmidt ohne zögern anvertrauen.

    Herzlichen Gruß

  8. Florian Schrodt sagt:

    Hallo kantomas, vielen Dank für Ihren kommentar! Schön, dass Sie bereit sind, Vorurteile und Klischees durch ein näheres Miteinander abzubauen! Es ehrt mich sehr, dass Sie mir (als auch „Herrn Schmidt“) Ihre Tochter anvertrauen würden 😉 Ich hoffe, Sie findet Ihr Glück!
    Viele Grüße
    Florian Schrodt



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