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Migration und Integration in Deutschland

Bei dem Lebensalter der ausländischen Arbeitnehmer wirkt sich das z. Z. vor allem für die deutsche Rentenversicherung sehr günstig aus, weil sie weit höhere Beiträge von den ausländischen Arbeitnehmern einnimmt, als sie gegenwärtig an Rentenleistungen für diesen Personenkreis aufzubringen hat.

Ludwig Kattenstroth, Staatssekretär im Arbeitsministerium, März 1966, Bundesvereinigung der Dt. Arbeitgeberverbände, 1966

Ein Porträt

Rolltreppe aufwärts

Entgegen allen statistischen Beteuerungen und Lehrerweisheiten schafft Yunus Gezer das, was keiner ihm zutraut. Er überwindet die Trinität des Schulsystems: Von der Haupt- über die Realschule wechselt er aufs Gymnasium und beginnt daraufhin ein Studium, das er erfolgreich mit einem Diplom beendet.

Es ist eine kleine Wohnung mit einer weißgetünchten Fassade im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Die Mansarde ist 50 Quadratmeter groß, mit zwei Zimmern, spartanisch eingerichtet, hier und da liegen noch Hemden provisorisch auf den Stühlen. Eine türkische Teekanne wartet bereits auf dem Glastisch vor einer langen weißen Couch. Yunus Gezer schüttet mir einen Apfeltee ein und nimmt gegenüber auf dem schwarzen, gepolsterten Ohrensessel Platz. Ich setze mich.

Er trägt einen dunkelblauen Anzug, T-Shirt, keine Krawatte. An den Schläfen ist er bereits vollends ergraut, obwohl er erst vergangenes Wochenende das 27. Lebensjahr vollendete. Zwischen diesen Schläfen ruht jedoch ein junges, freundliches Gesicht, das aufmerksam erzählt und antwortet.

Gezer stammt aus einer türkischen Migrantenfamilie und ist das dritte von insgesamt vier Kindern. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Remscheid auf: der Vater Metallarbeiter, die Mutter Hausfrau. Diese Konstellation führt dazu, dass er häufig an Klassenfahrten und Ausflügen nicht teilnehmen kann.

Noch bevor er auf die Hauptschule wechselt, erlebt er den fremdenfeindlichen Brandanschlag von Solingen, bei dem fünf Menschen sterben. Mit seiner Mutter fuhr er damals zu dem Ort.

„Ich war neun Jahre alt und fragte meine Mutter, warum sie starben. Sie antwortete nicht. Ich konnte es nicht begreifen, wieso Menschen verbrannten.“

Später erfährt er, dass es Neo-Nazis waren, die in Fremdenhass Menschen mordeten und dies auch in jüngster Zeit tun, doch jetzt noch unverfrorener als damals; gleichsam in aller Öffentlichkeit, von Gesicht zu Gesicht.

Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen, dass dieses Ereignis sich in sein Gedächtnis einbrannte, vielleicht gar in das kollektive Gedächtnis in Deutschland lebender Türken. Doch heute geht es nicht um Fremdenfeindlichkeit. Dies ist die Geschichte von Yunus Gezer und der Blick auf seinen erstaunlichen Lebensweg.

Ob er denn von seinen Eltern Druck gespürt habe, als er auf die Hauptschule kam? Meine suggestive Frage fällt mir schnell auf, doch sie ist ausreichend, um andere Fenster in seine Vergangenheit zu öffnen.

Sein Vater sei sehr enttäuscht gewesen, dass er auf die Hauptschule gegangen ist. „Als ich klein war, traute man mir nichts zu“, sagt er lakonisch. „Ich habe irgendwie das Gefühl, dass besonders die Väter, die den geringsten Bildungsabschluss haben, ihren Kindern das meiste abverlangen. Quasi als Vergeltung für die eigene Bildungsschwäche“, stellt er fest.

Gezer spricht zu dieser Zeit kein gutes Deutsch. Denn Zuhause wird ausschließlich Türkisch gesprochen. So bleibt Deutsch zunächst seine schwierige Stiefmuttersprache.

Herr Moritz, ein fürsorglicher Direktor der Hauptschule, entdeckt schnell seine Begabung für Mathematik und fördert ihn. „Er war ein Glück für mich. Ich verstand mehr und mehr und meine Noten wurden zunehmend besser, sodass ich mir schnell die Frage stellte, ob ich nach der siebten Klasse auf die Realschule wechseln sollte.“

Es gibt jedoch auch Gegenstimmen. Seine Englischlehrerin prophezeit ihm eine erfolglose Zukunft, sobald er die Schule wechselt. „Du wirst es nicht schaffen“, ruft sie dem Siebtklässler zu.

Gezers Wunsch zu wechseln, lag nicht ausschließlich an den guten Noten. Er erkannte, dass seine engsten Freunde Drogen nehmen und Straftaten begehen.

„Es kam oft vor, dass Leute nicht zur Schule kamen, weil sie einen Gerichtsprozess hatten“, sagt er und sinkt tief in seinen Sessel.

Auch Gezer hätte auf die schiefe Bahn geraten können. „Der Wendepunkt war, als mir ein guter Freund einen Joint anbot. Ich lehnte ab, es war schließlich eine Droge“, erinnert er sich.

Seine Freunde hatten indes längst die Zügel der Selbstbestimmung abgegeben: Sie konsumierten viel und gerieten in einen Sumpf, aus dem man sich nicht mehr selbst befreien kann.

„Mir durfte das nicht passieren. Aber mit Klauen und Drogen kommt man auf der Hauptschule schneller in Berührung, als man denkt.“

Zu dieser Zeit dreht sich die große Schallplatte des Lebens nicht so schnell, wie Gezer es will. Der Direktor der Realschule äußert seine ernsten Bedenken, will Gezer nicht annehmen, aus einer Art väterlicher Fürsorge heraus, die eher schadet als hilft.

Für einen Moment stockt sein Leben, liegt vollends in der Hand einer Person. Endlich: Sein Vater kommt zur Hilfe und greift glücklich in die Geschichte ein. Mit gebrochenem Deutsch und anatolischer Direktheit überzeugt er den Direktor. Gezer kann in die achte Klasse der Realschule wechseln.

„Es war das erste Mal, dass sich mein Vater so offen für mich einsetzte und mir das Gefühl gab, dass ich für ihn wichtig bin.“ Als er diese Worte spricht, wischt er sich zugleich schnell eine kleine Träne aus dem rechten Augenwinkel, die sich kurz löste und erzählt dann weiter.

Sein Gesicht ziert wieder ein Lächeln, sobald er seine Jugendzeit auf der Realschule beschreibt. Er mischt die Geschichten und Gesichter in seinem Kopf wie Spielkarten, ab und zu stockt er, scheint die Bilder der Karten wieder zu erkennen und erzählt weiter.

„Sich auf der Realschule einzuleben, war zunächst schwierig“, sagt er. Die anderen Schüler wollen ihn nicht voll akzeptieren, schließlich kam er von einer Hauptschule.

In der achten Klasse schreibt er ein Diktat, das einen Befreiungsschlag bedeutet. Die Klasse hat drei Schüler mit Migrationshintergrund. Sie gehören zu den Besten. Gezer ist Zweitbester. Die Deutschlehrerin ist ebenso erstaunt wie enttäuscht. Zum Rest der Klasse sagt sie, dass sie sich schämen sollen.

Endlich ist er angekommen. Der Hauptschüler und Migrant hatte es ihnen allen gezeigt. Nach der wichtigen zehnten Klasse, will er sogar das Abitur machen.

Das Gymnasium fällt ihm ebenfalls schwer. Es hat ein ganz anderes Tempo, an das sich Gezer erst gewöhnen muss. Hier fährt der Zug der Weisheit schneller an ihm vorbei. Doch auch diese Prüfung meistert er. „Ich war überglücklich, das Abitur gemacht zu haben. Es war nicht sehr gut. Aber es reichte, um zu studieren und das tat ich dann auch.“

Das anschließende Studium rast an ihm vorbei, Klausuren und Hausarbeiten wechseln sich ab, Freundschaften werden geschlossen und beendet, er lernt und feiert. Am Ende steht das auch von der Politik gehuldigte Diplom. Es soll als Sprungbrett in die Zukunft dienen. Doch weit gefehlt: Gezer springt zu kurz, stürzt gar.

Nach dem Studium bewirbt er sich über achtzigmal. „Ich habe geglaubt, dass ich nun alles erreichen kann mit dem Diplom.“

Er hatte sich geirrt. Die Wirtschaft war verunsichert, trotz Fachkräftemangel stellte man nicht ein. „Ich war verzweifelt. Die Politik will, dass wir bessere Ausbildungen machen und am Ende reicht es dann doch nicht.“ Mit dem „Wir“ meint Gezer die Migranten, die bei gleicher Qualifikation rein statistisch achtmal mehr an Bewerbungen als ihre deutschen Konkurrenten schreiben müssen, um überhaupt erst zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Als er es nicht mehr für möglich hält und sich schon mit dem Gedanken eines Lebens als Kellner arrangiert, flattert doch schwermütig eine Zusage ins Haus. Es ist ein türkischer Arbeitgeber in Deutschland. Deutsche Arbeitgeber finden indes seinen Bildungsweg zu holprig, zu unstet.

„Man braucht schon jemanden mit Vitamin B, aber weder meine Eltern noch ich hatten gute soziale Netzwerke.“ Gezer deutet auf meinen Notizblock, dessen letzte Seite sich gerade füllt und in der Tat ist Yunus Gezers Geschichte für mich zu Ende erzählt.

Sie erinnert mich inzwischen an das Zitat von Hermann Hesse: „Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen.“ Zu den Schwachen zählt Yunus Gezer sicher nicht.

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2 Kommentare
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  1. Mel sagt:

    So viele Geschichten, die sich immer wieder gleichen.
    Häufig spielen ein/e unterstützender Lehrer/in und ein – wenn auch kurzes, aber dennoch – beherztes und mutiges Auftreten der Eltern zur richtigen Zeit eine große Rolle.

    Was auch allen parallelen Geschichten gemein ist, ist das Fünkchen Zufall, dass den Anstoß gibt und ein Initialerlebnis des Erfolgs (trotz erheblicher Hindernisse und sogar absichtlicher Behinderungen), das die Wendung bringt. Und zu guter Letzt :ein langer langer Atem.

    Da trifft das vom Autor gewählte Zitat Hesse’s „Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen.“ mehr als zu.
    Aber leider hat dabei der Zufall noch ein zu großes Mitspracherecht .

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