MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Die Komiker-Nation

Deutschland debattiert Beschneidungen

„Ich will nicht, dass Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in dem Juden nicht ihre Riten ausüben können. Wir machen uns ja sonst zur Komiker-Nation.“ Das hat die Kanzlerin mal was richtig erkannt.

VONJörg Lau

Der Autor ist außenpolitischer Korrespondent im Hauptstadtbüro der Zeit.

DATUM17. Juli 2012

KOMMENTARE20

RESSORTAktuell, Meinung

QUELLE Zeit Online

SCHLAGWÖRTER ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Die Muslime hätte sie allerdings gerne einbeziehen können. Tut sie aber bezeichnender Weise nicht. Denn Ausgangspunkt der Debatte war ja der Fall eines vierjährigen Muslims. Dass die Oberstaatsanwältin, die den Fall in Köln vor Gericht brachte, auch gegen einen weißbärtigen Mohel vorgegangen wäre, kann ich mir nicht vorstellen. Noch fällt es schwer, sich auszumalen, dass wir demnächst wegen Körperverletzung einen Rabbiner in der Synagoge verhaften.

Nein, wohl eher nicht. Aber einem syrischstämmigen Arzt kann man eben schon mal die Instrumente zeigen. Es fällt in Deutschland einfach leichter, Muslime über ihr “Barbarentum” zu belehren als Juden.

Jedenfalls noch.

Nun hat man es aber mit der Rabbinerkonferenz und dem Zentralrat der Juden in schönster Einheit mit den islamischen Verbänden zu tun bekommen, und da hört dann der Spaß auf. Eine rechtliche Klärung muss nun her, um Juden das Verbleiben hier zu ermöglichen. Recht hat sie, die Kanzlerin.

Davon dürfen dann die Muslime, die den Anlass für das irre Theater gegeben haben, gerne mit profitieren, ohne dass die Kanzlerin sich nun freilich als deren Schutzpatronin erwischen lassen will.

Deutschland. Zum Auswandern schön.

Ich habe mich lange gegen die Auffassung gewehrt, Islamophobie und Antisemitismus hätten bedeutende Überschneidungsflächen (no pun intended). Ich gebe hiermit offiziell auf. Es ist ein und das Gleiche.

Heute morgen im Deutschlandfunk hören zu müssen, wie wohlmeinende deutsche Ärzte gleich zwei Weltreligionen freundliche Angebote machen, sich endlich bitte, bitte auf das zivilisatorische Niveau des Kölner Landgerichts hinaufhieven zu lassen, das war dann doch sehr erhellend. Jüdische Teilnehmer verwahrten sich gegen die Unterstellung, sie seien traumatisiert. Es half nichts. Der deutsche Therapeut wußte es besser.

Leserbriefschreibern und Kommentatoren quillt der gesunde Menschenverstand aus den Tasten, dass es keine, aber auch gar keine akzeptable Begründung für die “Verstümmelung” von Knaben durch Vorhautentfernung gebe.

Religiöser Analphabetismus wird mit erstaunlichem Stolz als Common Sense spazieren geführt. Irre, was man so alles an Vergleichen hört: Abtreibung, Ohrfeige, kosmetische Ohrenkorrektur… Das großmütige Angebot, man könne Beschneidung verbieten, aber straffrei lassen, wie eben die Abtreibung. Und dem Vorschlagenden fällt gar nicht mehr auf, dass damit eine Ritualhandlung aufgrund eines religiösen Gebots, die der Aufnahme eines neuen Lebens in die Gemeinschaft dient (und der Feier des Bundes mit Gott), auf die gleiche Stufe mit der Beendigung menschlichen Lebens gestellt wird. Und wie das wohl bei den Betroffenen ankommt, dass ihre Handlung mit einer Tötung verglichen wird.

Ach was, es geht womöglich gar nicht um die Juden und die Muslime. Es ist wieder einmal eine – diesmal knisternd pornographisch aufgeladene – Orgie der Selbstbestätigung ausgebrochen. Der faszinierte Blick auf den beschnittenen Schlong lässt uns in Gewissheit erstarren, dass wir aufgeklärten Mehrheitsmenschen den Längsten haben.

Mit heiligem Ernst beschäftigt sich ein Land wie Deutschland zwei Wochen lang mit anderer Leute Geschlechtsorganen. Man fasst es nicht. Andererseits: Deutsche wollen die Unversehrtheit jüdischer und muslimischer Penisse per Gesetz garantieren. Irgendwie ein Fortschritt, oder? Wäre da nicht die peinliche Pointe, dass zu diesem Zweck die Eltern und die Ärzte, die an “barbarischen Bräuchen” festhalten, kriminalisiert werden.

Alle sollen so werden wie wir. Darum gehts es letztlich. Ja, warum auch nicht: Es gibt ja nun wirklich keinen Grund, anders zu sein oder anderes zu glauben, denn wir sind das zwar nicht das auserwählte, aber das aufgeklärte Volk. Indem wir ihre Religion kriminalisieren, geben wir den Juden und den Muslimen eine Chance, sich endlich nach Jahrtausenden von ihren archaischen Praktiken zu distanzieren.

Wir Deutschen sind die Guten: Eine Komiker-Nation im Einklang mit sich selbst.

Komisch nur, dass keiner lacht.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

20 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. NASA sagt:

    Schon irgendwie komisch, wenn in dieser „Komiker-Nation“ sich 95% der Menschen an die geltenden Gesetze halten können. Und für die restlichen 5% muss man nun ein spezielles Gesetz beschließen, damit deren Religion straffrei gegen das GG verstoßen kann. Oh ja! Wir sind eine Komiker-Nation!
    Warum erlauben wir nicht gleich den Pfarrern ungestraften Sex mit Kindern? Ist ja auch schon länger Tradition!?

    Ich weiß warum keiner lacht!

  2. carsten sagt:

    Deutschland hat jetzt die Chance zu beweisen, dass es seine Lehre aus dem 3.Reich gelernt hat. Für die Menschlichkeit gegen Beschneidungen

  3. Lynx sagt:

    @carsten
    Für die Menschlichkeit gegen die Beschneidung des Rechts auf freie und ungestörte Religionsausübung.

  4. Banjar sagt:

    …sorry, aber hier geht es nicht um Herkunft oder Religion! Und es geht auch nicht um Gleichschaltung. Deutschland hat mit Sicherheit ein großes unbewusstes Rassismus & Fremdenfeindlichkeitsproblem, ja – aber dieses ständige Ihr / Wir / Deins / Meins bringt uns doch auch nicht weiter, oder?
    Erwachsene Menschen sollen mit ihrem Körper machen dürfen, was sie wollen. Sie sollen glauben dürfen an wen oder was sie wollen. Meinetwegen.
    Doch hier geht es um die Unversehrtheit von Kindern. Und diese ist höher zu bewerten als die Religionsfreiheit. So sieht es auch das Gericht. Ich bezweifle einfach, dass ein Kind FREI entscheiden kann ob es da wirklich mitmachen will.
    Konsequenterweise gehören in diesem Zuge eigtl. auch die Kommunion und die Konfirmation verboten!
    😉

  5. Gero sagt:

    @ lynx…Rechts auf freie und ungestörte Religionsausübung….bei der die Gebote Allahs über den (menschengemachten) Gesetzen des Landes stehen…

    Das haben Sie vermutlich gemeint, Lynx. Ich darf Sie also noch einmal an Ihren Posting von vor einiger Zeit erinnern, das so ging:

    Zitat Lynx: Heute versucht man in der BRD von den Muslimen ein Bekenntnis zum „wunderbaren“ Grundgesetz zu fordern, dieses über den Koran und die Schari´a zu stellen und bestimmten Stellen im Koran abzuschwören. Wer dazu nicht bereit ist, gilt als Verfassungsfeind …
    ________________

    Wie sieht Ihrer Meinung der Islam aus, der “zu Deutschland gehört”. Könnte es sein, dass dieser Islam sich nicht an die Grundwerte dieses Landes (Menschenrechte, Demokratie, Verfassung, Grundgesetz) gebunden sieht?

    Ich freue mich immer noch über Ihre Stellungnahme zu obiger Aussage,
    Gero

    PS: Man beruft ich auf Menschenrechte und GG, solange dies zur eigenen Agenda passt…

  6. Hugo sagt:

    Was ist eigentlich mit der Religionsfreiheit des Kindes ? Es geht hier nich um Haare oder Nägel schneiden sondern um ein Stück Organ was nicht wieder nachwächst !! Und ich kenne persönlich Türken die zu mir meinten sie wünschten sie wären nicht beschnitten. Guckt mal in den USA wieviele Opfergruppen es gibt und sogar über Methoden nachdenken wie man die Vorhaut wiederherstellen kann.

  7. Lynx sagt:

    Einige haben offensichtlich noch nicht verstanden, daß das Argument mit der körperlichen Unversehrtheit der Kinder bezüglich der religiösen Beschneidung ein Scheinargument ist, da die überwiegende Mehrzahl der männlichen Muslime – es wird eine Umfragezahl von 97 bis 99 Prozent genannt – nach Erlangen der Volljährigkeit damit einverstanden ist, als Kind mit dem Willen der Eltern beschnitten worden zu sein. Allerdings ist die Beschneidung bei einem Erwachsenen weitaus schwieriger, unangenehmer und kostspieliger als bei einem kleinen Kind. Wegen diesem verschwindend kleinen Prozentsatz von Muslimen und Juden, die nach Erreichen der Volljährigkeit die an ihnen im Kindesalter vollzogene Beschneidung als unerwünschte Körperverletzung sehen könnten, macht das Gericht mit seinem Urteil einen derartigen Wirbel und mutet der nahezu hundertprozentigen Mehrheit die Beschwernis zu, sich erst als Erwachsene beschneiden zu lassen. Dieses Gerichtsurteil ist so gesehen doch ein richtiger Schildbürgerstreich. Sind die Deutschen also eine Schildbürgernation?

  8. Eva sagt:

    In sämtlichen Blogs und in Kommentaren im Internet sammelt sich der Schmutz und die Hetze der Antisemiten und Islamphobiker: aus den zum größten Teil angepassten und integrierten Zuwanderern und den meist sekulären Juden in unserem Land werden fanatische Anhänger von Wüstenreligionen, Eltern mutieren zu Genitalverstümmeler, die ihre Kinder auf ewig entstellen und sie ihrer Sexualität berauben. Dabei geht es nur um eine Beschneidung, keine Aputation von irgendwelchen Körperteilen… Hier lebt eine neue Ritualmordlegende auf. Das ist widerlich und wirklich nicht zum Lachen.

  9. Socke sagt:

    @Lynx – „die überwiegende Mehrheit“ ist aber eben nicht „alle“. Das bedeutet bei uns – wir müssen auch auf diese Minderheit Rücksicht nehmen.

    Nur weil ganz viele einer Meinung sind bedeutet dies nicht, dass sich die Minderheit dem anpassen muss – das könnte nämlich auch ins Auge gehen.

  10. Juergen sagt:

    Ich reise viel und halte mich oft und lange in fremden Ländern auf, auch in solchen, in denen der Islam zur Staatsreligion erklärt ist. Grundsätzlich und ganz gleich wo ich bin, muss ich mich an die dort geltenden Gesetze halten. Dabei spielt es weder eine Rolle, welcher Religion oder Lebensphilosophie ich angehöre, noch ob mir diese Gesetze gefallen. Ob die einzuhaltenden Regeln demokratisch, diktatorisch, Staatsdoktrin oder vom Klerus durchgesetzt sind – dies alles hat mich nicht zu interessieren. Wenn ich mich dort aufhalten will, muss ich ein Visum beantragen und darin unterschreibe ich, dass ich die Gesetze der Region für die Dauer meines Aufenthaltes beachten werde, sonst drohen Konsequenzen. Ich unterschreibe das gerne, denn ich möchte ja vorrangig erst einmal dort sein. Warum sollten diese weltweit angewandten Bestimmungen nicht auch für Menschen gelten, die sich in Deutschland aufhalten möchten? Auch mit einem deutschen Pass gefällt mir hier vieles nicht. Bei jeder Wahl kann ich nur ein wenig mitreden. Was dann daraus gemacht wird, unterliegt nicht mehr meinem Einfluss. Im Ausland hingegen habe ich Null Einfluss. Das ist aber zu akzeptieren, oder man muss sich als Aufenthaltsort das Land wählen, wo einfach alles passt. Auch als Vielreisender habe ich diesen Staat allerdings bisher nicht finden können.


Seite 1/212»

Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...