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Analyse

Zur Rolle der Schule bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus

Zivilgesellschaftliche Initiativen haben bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus zunehmend an Bedeutung gewonnen. Wichtigster Ort der Primärprävention bleibt neben der Familie jedoch die Schule.

VONProf. Hans-Gerd Jaschke

 Zur Rolle der Schule bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus
Hans-Gerd Jaschke Dr. phil. habil., geb. 1952; Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR).

DATUM11. Juli 2012

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RESSORTLeitartikel, Meinung

QUELLE APuZ

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Der Schule wurde nach dem Zweiten Weltkrieg immer eine herausragende Rolle zugewiesen, wenn es darum ging, „den Anfängen zu wehren“, „die Vergangenheit aufzuarbeiten“, oder die „Erziehung zur Mündigkeit“ (Theodor W. Adorno) sicherzustellen. Hier war der augenscheinlich natürliche und notwendige Ort der Aufklärung, der Information und der Läuterung und: „Die Deutschen“, so der Historiker Peter Steinbach, „mussten nicht zuletzt durch den Schulunterricht gezwungen werden, sich ihrer Vergangenheit zu stellen“.1 Die Schule sollte Demokratie als Gegenbild der Diktatur vermitteln und auch eine Institution der staatsbürgerlichen Erziehung sein. Insbesondere der politischen Bildung kam die Funktion zu, all dies zu leisten, womit die anderen Fächer mehr oder weniger von den Zwängen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen entlastet waren. Die prominente Rolle von Schule und politischer Bildung basiert auf den weithin geteilten Annahmen, dass einerseits rechtsextreme Einstellungen und Verhaltensdispositionen in der Adoleszenz gelernt und verfestigt werden, dass andererseits die Schule alle Heranwachsenden erreicht und dass sie über die didaktischen Mittel verfügt, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Es ist rückblickend schwer zu beurteilen, inwieweit die politische Bildung an Schulen diesen großen Erwartungen gerecht geworden ist oder auch nicht. Es gibt eine Fülle an wissenschaftlicher Literatur und didaktischen Handreichungen gegen Rechtsextremismus, reflektierte Praxiserfahrungen und nicht zuletzt qualifizierte Pädagogen, trotzdem: Rechtsextremismus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist weiterhin ein drängendes Problem, sowohl auf der Ebene von Einstellungen, Meinungen und Orientierungen wie auch auf der Ebene der rassistisch motivierten Gewaltbereitschaft. So finden sich auf Seiten der rechten Gewaltbereiten überwiegend Täter zwischen 14 und 25 Jahren. Auch die Wähler rechtsextremer Parteien sind mehrheitlich männlich und unter 30 Jahre alt. Diese Entwicklungen sind nicht neu, sie sind seit mehr als 20 Jahren bekannt, und sie sind Ausgangspunkte der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus. Von daher liegt es nahe, der Schule und der politischen Bildung eine bedeutsame Rolle zuzubilligen bei der Herausbildung rechtsextremer Protestbereitschaft wie auch umgekehrt bei der Prävention.

Auffällig in der breiten gesellschaftlichen Debatte nach dem Bekanntwerden der Blutspur des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) Ende 2011 war die Fokussierung auf die Pannen der Sicherheitsbehörden: Mittlerweile untersuchen parlamentarische Untersuchungsausschüsse des Deutschen Bundestages, des Thüringer Landtages und des Sächsischen Landtages deren Versäumnisse. Die Schule hingegen blieb bislang weitgehend außen vor. Ihre Rolle bei der Gewalt von rechts blieb nahezu unerwähnt, ihre Möglichkeiten bei der Prävention werden kaum diskutiert. Stattdessen setzen große Teile der Öffentlichkeit auf Innere Sicherheit, mehr Polizei, schärfere Gesetze und ein NPD-Verbot oder aber auf die außerschulische, zivilgesellschaftliche Bildungs- und Beratungsindustrie. Zwischen diesen Aktivitätsfeldern scheint der Rechtsextremismus als Thema im Schulunterricht mehr und mehr zu verblassen. Sind die Erwartungen an die Schule geringer geworden? Welche Bedeutung hat sie heute in der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus? In den folgenden Überlegungen vertrete ich die These, dass die pädagogische Arbeit mit „Normaljugendlichen“ in der Schule für die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus weiterhin eine überragende Bedeutung hat, denn: Weder zivilgesellschaftliche Initiativen und außerschulische Bildung noch das Politikfeld innere Sicherheit reichen an die Ursachenbekämpfung heran. Als Teil der primären Prävention ist die Schule neben der Familie der Ort, an dem die Weichen für demokratische oder nicht-demokratische Orientierungen Jugendlicher gestellt werden.

(Schul-)Pädagogische Möglichkeiten
Die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten ist ein zentraler pädagogischer Auftrag. In der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus und auch dem historischen Vorläufer Nationalsozialismus gehen die gesellschaftlichen Erwartungen an die Schule darüber hinaus: Schule soll gegen den Rechtsextremismus „immunisieren“; sie soll moralische Standards und soziale Kompetenzen vermitteln, die dazu führen, dass Jugendliche für rechtsextremes Gedankengut nicht empfänglich sind. Sie soll mithin in den Prozess der politischen Überzeugungsbildung von Jugendlichen eingreifen und Partei nehmen für Demokratie und Menschenrechte und gegen Rassismus und Nationalismus. Das Thema Rechtsextremismus in der Schule ist also nicht nur Wissensvermittlung, sondern es umfasst auch vielfältige Aspekte des sozialen Lernens.

Politische Einstellungen und Überzeugungen bilden sich etwa im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Sie sind bei Jugendlichen noch nicht verfestigt und in aller Regel zugänglich für Interventionen. Politische Äußerungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen haben häufig vorläufigen und experimentellen Charakter, mit ihnen werden Grenzen und Handlungsspielräume ausgetestet. Untersuchungen zeigen, dass auch 14- bis 17-Jährige hohe Anteile an rechtsextremen Einstellungen aufweisen, die über dem Durchschnitt der Bevölkerung liegen.2 Die Behandlung der Thematik Rechtsextremismus im Unterricht hat daher unmittelbar praktische Bezüge, auch dann, wenn es innerhalb oder außerhalb der Schule kaum direkte rechtsextreme Provokationen gibt. Denn die Einstellungs- und Orientierungsebene der Schülerinnen und Schüler muss sich nicht in rassistischen oder rechtsextremen Handlungen äußern, sie kann auch hinter vielfältigen Formen des angepassten Verhaltens verborgen bleiben. Bei der Behandlung des Themas Rechtsextremismus im Schulunterricht lassen sich im Wesentlichen vier verschiedene Zugänge unterscheiden.

  1. Peter Steinbach, Holocaust und Schulunterricht, in: Tribüne, (2008) 187, S. 94.  []
  2. Vgl. Richard Stöss, Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2010, S. 61ff.  []
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