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Migration und Integration in Deutschland

Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Integration im 16:9 Format

Rumination über die Nationalhymne

Die erhitzte Debatte um das Singen der Nationalhymne nach dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft wird wohl in die deutsche Geschichte der schwachsinnigsten Verschwörungstheorien eingehen.

VONMartin Hyun

 Rumination über die Nationalhymne
Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der DEL und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

DATUM10. Juli 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Zumeist konservative Politiker ohne sichtbaren sportlichen Hintergrund lag die Ursache des Scheiterns der deutschen Mannschaft an der Nichtbeteiligung einiger Spieler mit Migrationshintergrund beim Singen der Hymne. Politiker lobten hingegen, die Sangeskraft der italienischen Squadra Azzurra, allen voran ihres Capitanos, Gianluigi Buffon. Als ich Buffon sah, der mit geschlossenen Augen und aus vollem Herzen sang, glaubte ich in keiner Sekunde an einem Sieg der Italiener. Ich dachte nur daran, dass Italien so wundervolle Tenöre hervorgebracht hat wie Aldo Bertolo oder ein Luciano Pavarotti, während Buffon mit seiner Gesangkunst alle musikalischen Erfolge des Landes zu Nichte macht.

Bis auf den ehemaligen Olympia-Turner Eberhard Gienger haben fast alle Politiker, die sich zu Wort gemeldet haben, keinen sportlichen Hintergrund oder eine nahezu sportliche Profilaufbahn vorzuweisen. Denn gerade im Mannschaftssport lernt man Demut, sich hingebungsvoll für das Fortkommen der Mannschaft einzusetzen, Fairness, Disziplin und mehr mit Taten als mit Worten zu glänzen. Doch die Politiker verhalten sich wie Diven, eigenwillig und immer auf ihr persönlichen Erfolg bedacht, so wie ein Cristiano Ronaldo sich bei seinen Freistößen inszeniert. Einem korpulenten Sigmar Gabriel oder einem Peter Altmaier fiel es sicherlich schwer, sich aus der Hymnen-Debatte rauszuhalten und das aus Selbstschutz. Denn sobald Gabriel oder Altmaier ihre Münder aufgemacht hätten, wäre die Debatte in eine Figuren und gesunde Ernährung Diskussion umgeschlagen. Also blieben sie stumm, wie Özil, Boateng, Podolski und Khedira bei der Hymne.

In unserer einleitenden Strophe steht etwas von „Einigkeit und Recht und Freiheit“, drei Säulen, die das Fundament unseres freiheitlich-demokratischen Einwanderungslandes ausmachen. Doch beim Nichtsingen der Hymne gibt es keine Einigkeit, Recht und Freiheit und die Entscheidung darüber, selbst zu bestimmen. Bei einer Nationalmannschaft müssen alle Spieler singen, schließlich seien sie Botschafter Deutschlands und es sollte eine Ehre sein, das Trikot mit dem Bundesadler überzuziehen, so die Argumente der Politiker. Wenn die Fußballer unsere Botschafter sind, dann könnten wir doch das Auswärtige Amt und sein strenges Auswahlverfahren der Diplomatenschule abschaffen, dachte ich mir. Das würde den Steuerzahler um einiges entlasten.

Auch die Bundestagsabgeordneten sind mehr oder weniger vom Volk gewählte und demnach so etwas wie Nationalspieler. Wenn den Abgeordneten doch so viel an der Hymne liegt, so sollten sie es im Plenum des Bundestags, Bundespräsidialamt, Bundesrat und auch den politischen Dienststellen der Länder und Kommunen einführen. Denn es sollte doch so sein, dass jede Beschließung und gesetzliche Abmachung mit so viel Eifer und Sorgfalt begangen wird, wie ein Fußball-Länderspiel, bei der Fairness und das Gemeinwohl und nicht das persönliche Wohlbefinden oberste Priorität haben. Sind die Politiker nicht auch Botschafter Deutschlands? Ist es etwa keine Ehre für die Politiker im Bundestag mitzuspielen?

Bei brisanten Entscheidungen, bei der die Politiker oft nach dem Gewissen der Partei handeln, gaukeln sie den Menschen vor „an Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen“ zu sein. Dasselbe gilt auch für Sportler. Sie sind nicht weisungsgebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. Es liegt frei in ihrer Entscheidung, ob sie bei der Nationalhymne singen oder nicht. Ich empfand eine gewisse Doppelmoral bei den Aussagen der Politiker. Einerseits forderten sie einen Protest der Spieler und des DFB wegen der Menschenrechtsverletzung gegenüber der ehemaligen ukrainischen Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko, andererseits versuchten sie das Selbstbestimmungsrecht der eigenen Nationalspieler, massiv zu beschränken.

Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann ging sogar so weit, dass er den Ausschluss aller Spieler, die keine Lust haben die Hymne mitzusingen, forderte. Hermann sagte, dass die Spieler „gefälligst in ihrem Verein bleiben sollten.“ Das hörte sich in meinen Ohren an wie: Wenn es dem Fußballer hier nicht gefällt, dann soll er doch zurück in sein Land gehen. Was hätte Herrmann wohl gemacht, wenn alle Spieler so stumm geblieben wären wie die deutsche Mannschaft von 1974? Ausweisung, Flucht, Vertreibung oder die Abschaffung der Ablösesumme?

Dieses Land ist trotz Bekenntnisses, ein Einwanderungsland zu sein, noch weit davon entfernt „unser aller“ Land zu sein. Es ist eine Einbildung zu glauben, gleich zu sein, wie die Einheimischen. Ein deutscher Pass, die Beherrschung der Sprache und eine höhere Bildung machen aus einem noch lange keinen „guten“ Deutschen.

Als ich kürzlich mit meiner Freundin in Oranienburg am Bahnhof ankam, fiel mir ein Nazi auf, vor allem sein schwarzes T-Shirt mit der weißen Aufschrift: „Aryan Blood brothers (Arische Blutsbrüder)“. Ich schaute dem Nazi tief in die Augen, um ihm meine Abscheu zum Ausdruck zu bringen. Der Nazi tat dasselbe. So lange solche Idioten frei mit so einem T-Shirt herumlaufen dürfen, solange wird es nie „unser“ Land, unsere Heimat werden – allenfalls eine Wartehalle, die einen füttert und bei Regen Obdach gewährt. Nur wenige schaffen den Sprung per Zufallsgenerator in die Gesellschaft. Doch die allermeisten sind nur dabei, statt mittendrin.

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13 Kommentare
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  1. Thomas R sagt:

    Ein gelungener Artikel. Etwas polemisch aber rundum gut beobachtet. Die Diskussion um die Hymne war so was von überflüssig. Als hätten wir keine andere Sorgen!

  2. Pete sagt:

    Der Autor hat Recht. Es obliegt jedem selbst, ob er oder sie die Nationalhymne singt oder eben nicht. Daraus einen Zwang zu machen, wie die Politiker es zum Teil fordern, ist einer Demokratie unwürdig.

  3. Gerdie Vogts sagt:

    Der Skandal um die Vernichtung bzw. Vertuschung der NSU-Akten zeigt mir wieder, wie fern wir davon sind, Minderheiten in Deutschland als „gleichwertig“ anzusehen. Es ist bedauerlich, das die Gesellschaft für ein „wirkliches“ Mit- und Füreinander noch nicht bereit sind. Deshalb ist es richtig, wenn Nationalspieler wie Özil und Khedira bei der Nationalhymne nicht ihre Münder aufmachen. Vielleicht ist es auch ein politisches Statement – wer weiß. Jedenfalls, da stimme ich mit dem Autor überein, soll jeder selbst entscheiden ob er die Hymne singt.

  4. Crom sagt:

    Interessant wie nun aus der Debatte um die Nationalhymne schon eine Verschwörungstheorie gemacht wird. Wie der Autor dazu kommt bleibt ein Rätsel, aber gut.
    Giovanni Zarrella hat es bei Markus Lanz im ZDF zutreffend zusammengefasst. Er wies darauf hin, dass gesunder Patriotimus, ausgedrückt durch das Singen der Nationalhymne, die letzten 1-2 Prozent mehr an Willen, Motivation und Leistungsbreitschaft aus einem Spieler herrauskitzeln kann. Und dieser Faktor kann man Ende, in einem Spiel zweier gleich starker Teams, den Unterschied über Sieg und Niederlage ausmachen. So wie eben in einem Spiel zwischen Deutschland und Italien, weniger in einem Spiel gegen eine klassenbessere Mannschaft wie Spanien.
    Das die Diskussion nach der Niederlage gegen Italien aufgekommen war, ist also durchaus verständlich und ein jemand wie Zarrella sieht es genauso.
    Ansonsten wundert mich die Empörung des Autors doch sehr. Er tut ja fast so als wären Gesetze zum Mitsingen der Nationalhymne erlassen worden, mit entsprechendem jahrelangen Gefängnisstrafen bei nicht mitsingen. Dazu passt auch das der Autor allen ernstes die Diskussion um das Singen der Nationalhymne mit dem Fall Timoschenko in einen Topf wirft. Das ist eine Ungeheuerlichkeit und ein solcher Vergleich lässt an der Fähigkeit des Autors Sachverhalte objektiv zu betrachten und zu vergleichen zweifeln.

    „Wenn die Fußballer unsere Botschafter sind, dann könnten wir doch das Auswärtige Amt und sein strenges Auswahlverfahren der Diplomatenschule abschaffen, dachte ich mir.“

    Ja auch Fußballer sind durchaus Botschafter dieses Landes und ihr Verhalten kann das Deutschlandbild im Ausländ prägen, positiv wie negativ. Das liegt daran das Fußball die beliebteste Sportart der Welt ist und viele hundert Millionen sie verfolgen.

    „Dieses Land ist trotz Bekenntnisses, ein Einwanderungsland zu sein, noch weit davon entfernt „unser aller“ Land zu sein. Es ist eine Einbildung zu glauben, gleich zu sein, wie die Einheimischen“

    Einheimische singen normalerweise die Nationalhymne mit, das tun sie nicht nur in Deutschland sondern in anderen Ländern auch. Wer sich selbst bewusst abgrenzt, z.B. weil er „Einigkeit und Recht und Freiheit“ nicht mitsingen will, der braucht sich nicht wundern das er nicht als Deutscher wahrgenommen wird.

    „Ich schaute dem Nazi tief in die Augen, um ihm meine Abscheu zum Ausdruck zu bringen. Der Nazi tat dasselbe. So lange solche Idioten frei mit so einem T-Shirt herumlaufen dürfen, solange wird es nie „unser“ Land, unsere Heimat werden“

    Der böse Blick eines Nazis reicht für den Autor also aus, um sich von Deutschland zu distanzieren oder es gar abzulehnen. Gilt das eigentlich auch für den bösen Blick eines Salafisten wie Pierre Vogel? Für mich ist das Beispiel mit dem Nazi eine Ausrede, offensichtlich hat der Autor mit Deutschen und Deutschland ein größeres Problem als er zugeben will.
    Und mich erinnert das Ganze an Deutsche, die alle Türken ablehnen, nur weil sie vielleicht schonmal in Kreuzberg waren und sie dort von einem Türken mit 3 Halbmonden auf dem T-Shirt mit einem bösen Blick und den Worten: „Ey, was gugst du so!“ begrüßt wurden.
    Sry, aber mir gefällt dieser Artikel gar nicht, er ist polemisch, bestärkt eher Resentiments und bringt uns kein Stück weiter.

  5. ruedigerhajo sagt:

    Irgendwas muss ich falsch gemacht haben, oder der Zufallsgenerator hat es gut mit mir gemeint. Deutschland ist seit 26 Jahren meine Heimat , gerade auch weil hier Idoten T-Shirt tragen drüfen mit denen sie ihre Dummheit zur Schau stellen und nicht gleich alles verboten wird.

  6. pepe sagt:

    Pierre Vogel hat keinen bösen Blick.

  7. Cengiz K sagt:

    Ich frage mich, wie diese Diskussion verlaufen würde, wenn Özil, Boateng & co., das Deutschlandlied mitgesungen hätten! Verkehrte Welt?

  8. A. Chladek sagt:

    Der Artikel von Herrn Hyun gefällt mir.
    Ich glaube ebenfalls nicht, dass an der Intensität, mit der eine Hymne gesungen wird oder nicht, die Haltung zur Nation festgemacht werden sollte. Und schon garnicht lässt sich daran der Grad der Integration messen.
    Dennoch taucht hier eine fast typische deutsche Eigenart auf: das Mitsingen der Hymne ist eine „Äußerlichkeit“ – also eine Formalität. Eine Formalität wiederum hat in Deutschland ein so hohes Gewicht, dass ein Verstoß gegen sie mindestens eine Verunsicherung erzeugt, wenn nicht gar Ablehnung und Wut. Die Form als Haltung und als Ausdruck des „Sich-Beherrschens“ ist eine deutsche Grundfeste. Wir Deutschen schauen nicht auf den Inhalt – wir schauen zunächst auf die äußere Form. Und wenn die schon nicht stimmt, haben wir ein Problem. So sind wir, wir Deutschen – formvollendet und manchmal etwas inhaltsleer.
    Und als abschließende Anmerkung sei noch gesagt, dass die deutsche Hymne ja keineswegs ein so klarer Ausdruck eines deutschen Bekenntnisse ist, sondern der Prozess ihrer Auswahl ja durchaus umstritten war. Es gab ja viele verschiedene Musikstücke, die im Laufe der Zeit „Hymnencharakter hatten.

  9. alphaomega sagt:

    @cengiz k
    Dann würden unsere türkischen Freunde den guten özil wohl, als nestbeschmutzer bezeichnen und auspfeifen. Wir kennen das schon!

    Das eigentliche Problem ist das mangelnde Rückgrat der „neu-deutschen“ sich zu Deutschland zu bekennen und das mangelnde Rückgrat der Deutschen diejenigen aus der Mannschaft zu schmeissen, die nicht mit singen wollen. Dass man so etwas, als Nation einfach mal akzeptiert ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Zeichen der Toleranz der Deutschen gegenüber den neu-deutschen.

    Cool finde ich das überhaupt nicht, wenn die Italiener ein Spiel schon beim singen der Nationalhymne gewonnen haben. Eher peinlich! und das haben wir Özil,boateng und Co zu verdanken.

  10. R. Koenen sagt:

    Was zur Hölle ist an einem gesunden Patriotismus, den ich von allen Zuwanderern einfordere, so verkehrt?
    Er ist Ausdruck für das Angekommensein in einem Land, für ein Zugehörigkeitsgefühl, das Voraussetzung für die Akzeptanz durch die Ursprungsbevölkerung ist.
    So wie die paar Nazis die Zuwanderer abstoßen und beunruhigen, so geht es nicht nur mir bei ständig jammernden, klagenden und fordernden Migranten.

    Und noch eins:
    Die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes erwerben zu können, ist immer ein Geschenk, keine Selbstverständlichkeit. Das sollte nicht aus den Augen verloren werden, wenn man eine „Willkommenskultur“ erwartet.
    Es gibt auch eine “ Ankommenskultur“, nämlich ein eigenes Bemühen um Integration, denn, auch wenn das von der linksdominierten Politikklasse anders gesehen wird, Integration ist eine Bringschuld!
    Dann klappst auch mit den neuen Nachbarn!


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