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Migration und Integration in Deutschland

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Wolfgang Schäuble, Rede zur Amtseinführung des Beuauftragten für Auslandsdeutsche, Februar 2006

Ein Besuch

Einst Kirche, jetzt alevitisches Gemeindezentrum

Seit der Eröffnung des Alevitischen Gemeindezentrums im Stadtteil Mönchengladbach-Rheydt ist das Interesse an der muslimischen Einrichtung riesengroß. Denn zuvor befand sich in dem Gebäude eine evangelisch-methodistische Kirche. Der mediale Grundtenor lautete: „Kirche wird Moschee“ – selbst in seriösen Medien. Was aber steckt wirklich dahinter?

VONCanan Topçu

 Einst Kirche, jetzt alevitisches Gemeindezentrum
Die Autorin studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Hannover, absolvierte ein Volontariat bei der Hannoverschen Allgemeine Zeitung und arbeitete 13 Jahre lang bei der Frankfurter Rundschau. Als freiberufliche Journalistin, Moderatorin und Referentin konzentriert sie sich auf die Themen rund um Integration, Migration und Islam. An der Hochschule Darmstadt ist sie im Fachbereich Media als Dozentin tätig. Sie war Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz unter Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Mitglied im Beraterkreis Integration von Muslimen des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Vorbereitungsausschuss für die bundesweit stattfindende Interkulturelle Woche. Mehr unter schreibenundsprechen.eu

DATUM10. Juli 2012

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Im Schwimmbad schnappt Mine Kızılkaya immer wieder Gespräche über den Kirchenverkauf an Muslime auf. „Wer mich kennt, spricht mich aber auch direkt an“, erzählt die 59-Jährige, die in der örtlichen Badeanstalt arbeitet. Die aus der Türkei stammende Alevitin lebt schon seit vielen Jahren in Mönchengladbach und versteht die Aufregung um die neuen Räume ihrer Gemeinde nicht.

Weihbischof: „Eine Zumutung“
Angefangen hat alles vor vier Wochen mit der Einweihungsfeier des „Cem-Hauses“. Seither vergeht kaum ein Tag, an dem dort nicht Journalisten auftauchen. Über die Eröffnung berichtete ein Massenblatt mit dem Titel „Erste christliche Kirche jetzt muslimisches Gotteshaus“. Auch eine Nachrichtenagentur kolportierte die „Umwandlung einer Kirche in eine Moschee“ und zitierte den Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke mit den Worten: „Das ist schon eine harte Zumutung.“

Hintergrund der Berichte: Die evangelisch-methodistische Kirche in Möchengladbach-Rheydt hatte ihre nicht mehr genutztes Gemeindezentrum an den Alevitischen Kulturverein verkauft. Dass ein Cem-Haus nicht mit einer Moschee gleichzusetzen ist, ging in den Medien und der sich anschließenden öffentlichen Debatte völlig unter. Ein „Cem Evi“, wie es im Türkischen genannt wird, ist kein heiliger Ort, sondern eine Stätte für Versammlungen und der Lehre. Dort finden religiöse Zeremonien ebenso wie Aussprachen statt, wird Streit geschlichtet, aber auch Feste gefeiert.

Vor Ort, an der Scharmannstraße im Mönchengladbacher Stadtteil Rheydt, lässt sich auf den ersten Blick die Aufregung über die Umnutzung einer Kirche „als muslimisches Gotteshaus“ nicht nachvollziehen. Auch weil es sich nicht um ein Gebäude mit Kirchenanmutung handelt. Über den Eingang des dreistöckiges Hauses aus Backstein, der Architektur nach in den 1920er Jahren erbaut, hängt ein Schild mit dem Schriftzug „Alevi Kültür Merkezi – Alevitisches Kulturzentrum e.V.“.

Vereinsvorsitzender Ismail Emre führt durch die neuen Gemeinderäume und berichtet dabei von den Umbauarbeiten, die nach dem Kauf der Immobilie vor zwei Jahren vorgenommen worden. „Vieles haben wir in Eigenarbeit gemacht“, sagt der 40-Jährige nicht ohne Stolz. Dass mit bescheidenen Mitteln renoviert wurde, ist unschwer zu erkennen. Erneuert hat der rund 120 Mitglieder zählende Verein in den rund 240 Quadratmeter großen Räumlichkeiten nur das nötigste. Auf frische Farbe ist an vielen Wänden verzichtet worden.

Im Souterrain gibt es einen Seminarraum und Toiletten, im Erdgeschoss befindet sich der Aufenthaltsraum mit Teeküche. Im hinteren Teil befindet sich das, was mit einem Tabubruch verbunden wird: ein großer Saal mit hoher Decke, in der die evangelisch-methodistische Kirche ihre Gottesdienste gefeiert hat. Nunmehr versammeln sich dort Aleviten und halten ihre religiösen Zeremonien ab. In der Empore, die jetzt vom Divanen umrahmt wird und wo Bilder von Ali und anderer Heiliger hängen, befand sich der Abendmahlstisch.

Die Eingangstür des Alevitischen Kulturzentrums e.V. in Mönchengladbach und Umgebung

Die Eingangstür des Alevitischen Kulturzentrums e.V. in Mönchengladbach und Umgebung

Lange Zeit nach Käufer gesucht
Nach dem letzten Gottesdienst, den die evangelisch-methodistische Kirchengemeinde dort im Juni 2009 feierte, wurde der Saal geräumt und die Immobilie zum Verkauf gestellt. Eine Entscheidung, die nach den Worten von Superintendent Rainer Bath zwangsläufig aus dem Schwund an Gemeindemitgliedern resultierte. „Lange Zeit haben wir nach geeigneten Käufern gesucht“, berichtet er. Andere Kirchengemeinden hätten aber kein Interesse an der Immobilie gehabt.

Durch Vermittlung des Laienpredigers Klaus Thimm wurde das baufällige Gebäude schließlich für rund 70.000 Euro an die örtliche Alevitische Gemeinde verkauft. „Nach eingehender Prüfung“, berichtet Bath. „Es ist eine Einzelfallentscheidung, und den Ausschlag hat schließlich gegeben, dass wir in der alevitischen Gemeinschaft einen Partner im interreligiösen Dialog sehen, der sich von typischen muslimischen Gemeinschaften deutlich unterscheidet.“

Besonders die Betonung des Liebesgebots, die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und die Gleichstellung von Mann und Frau seien wichtige Kennzeichen, mit der sich Aleviten von vielen anderen Gruppierungen im Islam deutlich abhebten. Dazu gehöre auch die sich vom Moscheeverständnis des Islams unterscheidende Haltung zum eigenen religiösen Gebäude.

Die immer wieder an der evangelisch-methodischen Kirche (EmK) geäußerte Kritik, mit dem Verkauf des Gotteshauses an eine muslimische Gemeinschaft einen Tabubruch begangen zu haben, kann Superintendent Bath nicht nur aus den genannten Gründen nicht nachvollziehen. Er weist auch darauf hin, dass seine Kirche nicht an den internen Beschluss der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) gebunden sei, keine Kirchen an muslimische Gemeinden zu verkaufen. Es gebe auch keine Vereinbarung zwischen der EKD und der EmK.

Viele Gäste bei der Einweihung
Zur Einweihungsfeier des Cem-Hauses kamen Anfang Juni viele Gäste – der Bürgermeister, Lokalpolitiker, Vertreter der evangelisch-methodistischen Kirche, nicht aber Vertreter anderen Kirchen, berichtet Feramuz Solmaz. Der 56-Jährige ist der geistige Oberhaupt der Alevitischen Gemeinde und kann, wie alle anderen in seiner Gemeinde, die Aufregung nicht nachvollziehen. Seine Gemeinde sei froh, nach mehrmaligen Ortwechseln nunmehr eine eigene Stätte für religiöse Feiern und andere Versammlungen zu haben.

Feramuz Solmaz‘ Vision ist, dass das Cem-Haus im Mönchengladbach-Rheydt wie die in der Türkei ein rund um die Uhr offenes Haus sein wird. Ein Haus, in dem jeder willkommen ist. Es wird wohl bei der Vision bleiben. Vorerst ist es nur an Wochenenden geöffnet. Angeboten wird derzeit Saz-Unterricht (ein Saiteninstrument), für die Jüngeren gibt es eine Unterweisung in die alevitische Religion. Und im Aufenthaltsraum treffen sich vor allem die älteren Gemeindemitglieder zum Plausch bei Tee und Gebäck. Mine Kızılkaya und ihr Mann gehören zu den regelmäßigen Besuchern. Für sie hat dieser Ort noch eine ganz andere Bedeutung: Es trägt zum Wurzelschlagen bei.

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5 Kommentare
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  1. Lynx sagt:

    Ein Cem-Haus ist keine Moschee!!! Und die anatolischen-bektaschischen Aleviten sind keine Muslime, sondern eine eigene Religionsgemeinschaft. Laut Anton Josef Dierl, einem Deutschen, der zum Alevismus konvertiert ist, liegen die Ursprünge dieser Religion nicht im Islam, sondern in Glaubensvorstellungen früherer heidnischer Religionen, die in Anatolien beheimatet waren. Erst später nahm der Alevismus islamische Elemente auf und zog sich zur Tarnung in einer überwiegend muslimischen Umgebung ein islamisches Gewand über (Anton Josef Dierl, Geschichte und Lehre des anatolischen Alevismus-Bektaşismus, Dağyeli Verlag, Frankfurt/Main, 1985).
    Die Aleviten behaupten, ihre Religion sei Islam ohne Schari´a. Das geht aber nicht, da nach islamischem Selbstverständnis z. B. die fünf Pfeiler, wie das fünfmal tägliche Gebet, das Fasten des Monats Ramaḍān und das Entrichten der wohltätigen Abgabe unabdingbare Pflichten für jeden Muslim sind. Es gibt keinen Islam ohne Schari´a!!!
    Man sollte endlich damit aufhören, die Aleviten als islamische Sekte oder gar als Muslime einzuordnen.

  2. AI sagt:

    @Lynx: Nach Quellenlage haben Sie recht. Aber worauf ein Alevit seinen Glaubensschwerpunkt legt müssen Sie dem/der jeweiligen AlevitIn schon selbst überlassen. Und das Sie christl. und jüdische als heidnische Glaubensinhalte betiteln ist auch interessant. Letztendlich sagt der anatol. Alevismus nicht, dass die Pflichten nicht wichtig seien: Sie werden unwichtig, wenn Sie nicht aus dem Herzen kommen.

  3. Gero sagt:

    @lynx: „Es gibt keinen Islam ohne Schari´a!!!“
    ____________
    Lieber Lynx,
    klären Sie uns doch endlich mal auf , was es mit der Sharia so auf sich hat. Sie selbst sind ja offensichtlich davon überzeugt, dass Muslime die „islamische Rechtsordnug“ (= Sharia), die in wesemtlichen Teilen vom deutschen Grundgesetz und den Allgemeinen Menschenrechten abweicht, über das hiesige Gesetz zu stellen haben.

    Zitat lynx aus früheren posts:
    Heute versucht man in der BRD von den Muslimen ein Bekenntnis zum „wunderbaren“ Grundgesetz zu fordern, dieses über den Koran und die Schari´a zu stellen und bestimmten Stellen im Koran abzuschwören. Wer dazu nicht bereit ist, gilt als Verfassungsfeind und wird von Aktivitäten im öffentlichen Leben ausgeschlossen.

    Wie sieht Ihrer Meinung der Islam aus, der “zu Deutschland gehört”. Könnte es sein, dass dieser Islam sich nicht an die Grundwerte dieses Landes (Menschenrechte, Demokratie, Verfassung, Grundgesetz) gebunden sieht?

    Also los, lynx, ich warte schon lange auf Ihre Antwort.

    Gero

  4. Zara sagt:

    Besonders die Betonung des Liebesgebots, die Toleranz gegenüber Andersgläubigen und die Gleichstellung von Mann und Frau seien wichtige Kennzeichen, mit der sich Aleviten von vielen anderen Gruppierungen im Islam deutlich abhebten. Dazu gehöre auch die sich vom Moscheeverständnis des Islams unterscheidende Haltung zum eigenen religiösen Gebäude.
    —-
    Das sehe ich genauso, hätte aber nicht gedacht auf dieser Seite sowas zu lesen, ich bin positiv überrascht.

    Hier eine schöne Rede einer couragierten Frau:

    http://www.youtube.com/watch?v=8U7_2wDpNE8

  5. Songül sagt:

    @lynx

    Lesen Sie die Artikel auch, bevor Sie kommentieren?
    Sie wollen also Aleviten, die sich selbst als Muslime betrachten, den Glauben absprechen?
    ———————-

    „Dass ein Cem-Haus nicht mit einer Moschee gleichzusetzen ist, ging in den Medien und der sich anschließenden öffentlichen Debatte völlig unter. Ein “Cem Evi”, wie es im Türkischen genannt wird, ist kein heiliger „Ort, sondern eine Stätte für Versammlungen und der Lehre. Dort finden religiöse Zeremonien ebenso wie Aussprachen statt, wird Streit geschlichtet, aber auch Feste gefeiert.“
    ———————
    Ich sehe keinen Unterschied zu einer Moschee…

    „Dazu gehöre auch die sich vom Moscheeverständnis des Islams unterscheidende Haltung zum eigenen religiösen Gebäude.“
    ———————

    Das da wäre …?

    „Er weist auch darauf hin, dass seine Kirche nicht an den internen Beschluss der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) gebunden sei, keine Kirchen an muslimische Gemeinden zu verkaufen. Es gebe auch keine Vereinbarung zwischen der EKD und der EmK.“
    ————————–
    (Was es doch für interessante Beschlüsse gibt …)
    Waum nicht gleich so?
    Der gebotene Betrag passte, ganz einfach.
    Das Gefasel von Einzelfallentscheidung und Betonung des Liebesgebots, Toleranz von Andersgläubigen und Gleichstellung von Mann und Frau als wichtige Kennzeichen von Aleviten hätte er sich sparen können.

    Diese sind wichtige Kennzeichen des Islams – nur wollen es nicht alle verstehen / wissen!



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