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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Brückenbauer

Damit wir nicht gehen!

Warum das Verlassen der „neuen“ Heimat für viele „Migranten“ mittlerweile eine reale Option geworden ist und was geschehen muss, damit diese Option verfällt…

VONMehdi Chahrour

 Damit wir nicht gehen!
Der Autor (23) studiert Rechtswissenschaften an der FU-Berlin. Sein Schwerpunkt ist internationales Recht. Er ist Mitgründer des Vereins "Muslime aller Herkünfte deutscher Identität (M.A.H.D.I.-e.V.)", Mitglied der Jungen Islam Konferenz und in vielen Projekten ehrenamtlich engagiert, wie zum Beispiel im Arbeitskreis Zukunft des Sozialen des Bildungswerks der Heinrich-Böll-Stiftung. Er schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multiethnisches und multikonfessionelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundesebene für Integration engagieren. Hervorgegangen ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspektivischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM5. Juli 2012

KOMMENTARE29

RESSORTAktuell, Meinung

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Vorab sei Folgendes klargestellt: Wir sind keine feigen Menschen, Drückeberger oder Egoisten, die gesellschaftlichen Diskursen nicht standhalten können. Wir sind auch keine Parasiten, die von den Früchten einer Gesellschaft profitieren und ihr dann den Rücken kehren und ein neues gütiges System suchen. Wir verkennen auch nicht, dass dieses (immer noch auch unser) Land viele wunderbare und positive Seiten hat.

Aber langsam vergeht uns der Spaß.

Wir haben es satt, ein beliebig verschiebbares Gut zu sein, das nach egoistischer Interessenlage von Politikern als Variable für alle Probleme herhalten muss.

Wir haben es auch satt, dass Doppelmoral als Staatsräson und als politisches Instrument kaum Kritik erfährt. Vieles ist hinnehmbar, das Messen mit zweierlei Maß ist jedoch eine Beleidigung für gerechte Gemüter. So werden Menschen muslimischen Glaubens als „radikal-islamistisch-fundamentalistisch-extremistisch-fanatisch“(in einigen Fällen auch zu Recht) an den Pranger gestellt, andererseits sind radikal-salafitische Regime, die das bahrainische Volk beispielsweise massakrieren, strategische Bündnispartner einer freiheitlich-demokratischen Republik.

Und die Doppelmoral in Bezug auf Migranten kennt scheinbar keine Grenzen. So ist die Freiheit zwar eines der wichtigsten Rechtsgüter, Migranten und speziell den Muslimen wird sie jedoch häufig bewusst und gezielt verwehrt, wenn es z.B um das Tragen des Kopftuches als Lehrerin geht.

Einen faden Nachgeschmack hinterlassen auch die Rolle der Behörden im Rahmen der Aufklärung der NSU-Morde. Nach und nach stellt sich heraus, dass staatliche Behörden die Aufklärung bewusst erschwert und eigentlich schon unmöglich gemacht haben. Zusammenleben braucht Vertrauen und dieses Vertrauen schwindet. Angesichts dieser Tatsachen verwundert es nicht, dass viele Migranten bereits an die Rückkehr in eine Heimat denken, die vielleicht niemals mehr war, als ein Urlaubsort. Ein größeres Armutszeugnis kann es für die deutsche Integrationspolitik nicht geben.

Damit wir nicht gehen, muss Doppelmoral gerechter Prinzipienpolitik weichen.

Damit wir nicht gehen, muss behördliche Schikane durch Transparenz und Gleichbehandlung ersetzt werden.

Damit wir nicht gehen, muss der Mensch in den Mittelpunkt politisch-gesellschaftlicher Gestaltungsprozesse und mit ihm die Würde aller Menschen.

Abschließend möchte ich das wiedergeben, was ein lieber „deutsch-deutscher“ (schlimmes Wort) Mitbürger mir nach einer Podiumsdiskussion sagte: „Jetzt müssen Sie erst recht hier bleiben, denn nur so können wir gemeinsam Rassismus bekämpfen“.

Und ich sagte ihm: „Wir bleiben, jetzt erst recht“.

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29 Kommentare
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  1. Lynx sagt:

    Für einen Muslim ist es nicht angebracht, um jeden Preis bleiben zu wollen, sondern man hat auf sein eigenes geistliches Wohlbefinden als auch auf seine anderen Familienmitglieder, insbesondere seine Kinder, Rücksicht zu nehmen. Nach Ansicht der islamischen Gelehrten ist es eigentlich nur dann angebracht, in einem solchen Land zu bleiben, wenn man dort Wissen erwirbt, das man nicht im Land der Muslime erwerben kann, und das die Muslime benötigen, oder um den Islam zu verbreiten und die zum Islam konvertierten Einheimischen in ihrer neuen Religion zu unterweisen. Vielleicht könnte man hier noch den gemeinsamen Kampf gegen den Rassismus hinzufügen, aber dann sollte der Einzelne, der sich zum Bleiben entschlossen hat, auch seine ganz Kraft dieser Aufgabe widmen und dies nicht zum Vorwand für sein Bleiben nehmen.
    Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in seiner Heimat zum Fremden gemacht zu werden. Ein deutscher Name, rein deutsche Herkunft, aber durch den Übertritt zu einer „Ausländerreligion“ ist man in den Augen seiner Landsleute selbst zum Ausländer geworden. Diese falsche Vorstellung vom Islam als etwas Fremden aus den Köpfen der Leute zu nehmen, bedarf großer Anstrengungen, die noch dadurch erschwert werden, daß das politische System mit seiner Scheindemokratie deren Verwurzelung fördert.

  2. alphaomega sagt:

    “ Nach Ansicht der islamischen Gelehrten ist es eigentlich nur dann angebracht, in einem solchen Land zu bleiben, wenn man dort Wissen erwirbt, das man nicht im Land der Muslime erwerben kann, und das die Muslime benötigen, oder um den Islam zu verbreiten und die zum Islam konvertierten Einheimischen in ihrer neuen Religion zu unterweisen.“

    Das ist aber kein schönes Bild was sie da vom Islam zeichnen. Das klingt so, als ob Muslime nicht hier normal leben könnten und sich integrieren , weil es ihnen vom Islam verboten wird, kurz darauf schreiben sie dann das hier:

    “ Es ist ein merkwürdiges Gefühl, in seiner Heimat zum Fremden gemacht zu werden. Ein deutscher Name, rein deutsche Herkunft, aber durch den Übertritt zu einer „Ausländerreligion“ ist man in den Augen seiner Landsleute selbst zum Ausländer geworden.“

    Wundert Sie das noch, nach der oben genannten Behauptung? Nach ihrer Beschreibung hab ich das Gefühl bekommen der Islam wäre eine Art zeugen jehovas.

  3. Cengiz K sagt:

    Gute Kommentare von Mehdi Chahrour als auch von Lynx.. Gut geschrieben..

  4. Songül sagt:

    Und ich sage: Ich packe meinen Koffer und nehme den (armen) Genitiv mit. Was nimmst Du mit?

    @Lynx

    Meine Mutter behauptete einmal, die Konvertiten seien zumeist fanatisch.
    Bin froh, dass sie Ihre Ausführungen nicht gelesen hat …
    Und überhaupt, nennen Sie mir doch bitte ein islamisches Land. Kein pseudoislamisches bitte …

  5. Andreas Weber sagt:

    „Wir bleiben, jetzt erst recht“.

    Und der Artikel begann so vielversprechend. Schade.

  6. Michael Klein sagt:

    @Andreas Weber!
    Wie soll man Ihre Worte verstehn? DAss Sie hoffen, dass Migranten nach und nach unser Land verlassen? Das hätten Sie wohl gerne, nicht wahr???

  7. El-Sid sagt:

    @Mehdi Chahrour:

    Lassen Sie die Kirche bitte im Dorf. „Doppelmoral als Staatsräson“, „Menschen muslimischen Glaubens“, die „an den Pranger gestellt“ werden, „behördliche Schikane“ usw. usw. Wenn man Ihre Ausführungen liest, meint man glatt, hierzulande würde systematischer Staatsterror betrieben werden. Und wenn Sie in Ihrem Beitrag das Kopftuchverbot exemplarisch aufgreifen, um zum Generalangriff auf die auf schikanösen Zustände in Deutschland zu blasen, übersehen Sie dabei, dass Debatten zum Wesenskern einer funktionierenden Demokratie gehören und dass es berechtigte Einwände gegen das Kopftuch im öffentlichen Dienst gibt. Darüber zu diskutieren ist kein Verbrechen.

    Es gibt massenhaft säkulare Zuwanderer, die gerade deshalb hier leben, weil die Religion eben keine zentrale Rolle spielt. Interessant ist allerdings, dass diese Gruppe bei Ihnen keinerlei Erwähnung findet. Genauso wenig übrigens wie die Migranten, die vor religiösem Terror und Unterdrückung hierher geflohen sind. Nicht jeder Zuwanderer wünscht sich noch mehr Religion und noch mehr religiöse Zugeständnisse und nicht jeder Zuwanderer – mich eingeschlossen – teilt das düstere Bild, das Sie entwerfen.

    Sie können also keinesfalls für eine große Mehrheit der Migranten sprechen. Damit aber nicht genug: Mit Ihren Verbalattacken gegen angebliche Diskriminierung insbesondere muslimischer Zuwanderer heizen Sie die ohnehin aufgeladene Stimmung nur weiter völlig unnötig an und tun auch religiösen Migranten keinen Gefallen, weil Sie damit das Vorurteil vom stets nörgelnden und nie zufriedenen Zuwanderer weiter kultivieren und diesem das Bild vom engstirnigen kleinkarierten Deutschen gegenüberstellen. Mit der Integrationsdebatte haben Ihre Ausführungen freilich nichts mehr zu tun, eher mit Konfrontation, bei er es gilt, Forderungen dadurch Nachdruck zu verleihen, dass man die deutsche Gesellschaft pauschal unter Intoleranz-Verdacht stellt.
    Niemand bestreitet, dass die deutsche Einwanderungspolitik verbesserungswürdig ist. Von einem Apartheid-Staat, der zielgerichtet Einwanderer diskriminiert, sind wir aber weit entfernt. Insofern sind Beiträge wie der Ihre für die Sache der Migranten wenig hilfreich, wenn nicht sogar schädlich – und um Ihre eigenen Wort aufzugreifen: Wenn ich sowas lese, vergeht mir der Spaß.

  8. Gero sagt:

    Danke Sl-Sid, für dieses mutige Statement. Sie treffen mit Ihrer Analyse den Nagel auf den Kopf:

    „…und tun auch religiösen Migranten keinen Gefallen, weil Sie damit das Vorurteil vom stets nörgelnden und nie zufriedenen Zuwanderer weiter kultivieren und diesem das Bild vom engstirnigen kleinkarierten Deutschen gegenüberstellen“

    Das kann man nur unterstreichen. ich wünschte mir, wir hätten mehr von Ihnen, El-Sid.

    Es gibt Fremdenfeindlichkeit in Deutschland (das wird von niemandem bestritten), die Deutschen sind jedoch nicht per se fremdenfeindlich.

  9. human rights sagt:

    @ El-SId und @ Gero :Das nennt man dann wohl Oberschichten-Rassismus.

    @ El-Sid :Angebliche Diskriminierung gegen Muslime ? Also neben der Bild finden Sie auch den Spiegel und schauen Sie mal auf die Titelblätter der vergangenen Jahre .
    Oder schauen Sie mal in verschiedene wissenschaftliche Studien vom Bund zum Thema Muslime , hier finden Sie erklärt, dass es Diskriminierung gibt oder trauen sie der Wissenschaft nicht?

    Und @ Mehdi Chahrour : Bleiben Sie, Bleiben Sie und Bleiben Sie.

  10. Gerald sagt:

    Danke,
    auch an ihren Kommentar @ Gero.
    Sie bestätigten für mich die wohl wichtigste These Herrn El- Sids“Mit der Integrationsdebatte haben Ihre Ausführungen freilich nichts mehr zu tun, eher mit Konfrontation…“ Und bringt damit für mich, selbstironischwerweise, den Kern seins Kommentars zum Ausdruck. Eine der wohl unwissenschaftlichsten und lückenhaftesten Analysien, die ich je lesen musste. Aber Ihnen beiden sei verziehen.
    Denn wir haben es hier mit einem viel subtileren Problem zu tun. Sie Antworten auf eine Kolumne, die in ihrem Stil bewusst versucht herauszufordern im Sinne ihrer schönenen Ausführung “ Darüber zu diskutieren ist kein Verbrechen.“ was sie so treffend als Wesenskern einer funktionstüchtigen Demokratie erklären, völlig kommunikationsuntauglich.
    Der Text besitzt nicht den Anspruch höchster Wissenschaftlichkeit,übertrifft jedoch traurigerweise die Ihres Kommentars stark. Sie bleiben in ihrer Analyse viel zu oberflächlich.

    Der einzige exakte Punkt, den sie aus dem Text des Autoren aufgreifen, ist die Frage der Kopftuchdebatte und werfen im selben Atem/ Schreibzug dem Autor eine Pauschalisierung in seiner Kolumne vor. Gleichzeitig sprechen sie jedoch am Gegenüber vorbei, was ohnehin diskussionsunförderlich ist und werfen mit halben Relativierungen, die jeglicher Fakten entbehren, um sich. Und schießen mit Ihren Vorwpürfen über einen proklamierten „Apartheid-Staats“ völlig am Ziel vorbei.
    Am meisten vermisst der Leser, Ihre Äußerungen zu den jüngsten und für uns allesamt erschütternden Ereignisse der NSU- Morde und dem kollektiv Versagen unserer inneren Sicherheit, hier des Verfassungsschutz.
    An Sie Herr Gero sei für die Zukunft gesagt, dass bei der Bewertung einer Analyse die Tiefe ihrer Argumentationsbezüge der wahrscheinlich entscheidenste Punkt ist. Hier gilt immer noch das altbekannte Muster „These-Begründung-Beleg“ und eine Analyse, die die Beispiele nicht nur nicht berücksichtigt, ja zu höhnisch ignoriert und damit den zermürbten Gegenüber bloß verlacht, statt die Probleme zu erkennen und zu benennen. Ich finde, verzeihen sie meine Unsachlichkeit.
    Es mehr als traurig, wie wir der jüngsten Vergangenheit begegnen. Ich gebe Ihnen recht Herr El-Sid, der Autor spricht nicht für eine große Mehrheit der Migranten, nein nicht nur, sondern für jeden aufgeklärten Menschen in diesem Land. Ihr Kommentar hat mich sehr nachdenklich gemacht:
    Was meinen Sie, Herr El-Sid, „heizen“ oder doch schweigen?!


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