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Durch die Möglichkeit der Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer in solchen [einfachen, manuellen] Positionen hat sich die Chance der deutschen Arbeiter, sich beruflich weiterzuentwickeln und in der Betriebshierarchie aufzusteigen zweifellos verbessert.

Bundesanstalt für Arbeit, Repräsentativuntersuchung ’72 über die Beschäftigung ausländischer Arbeitnehmer…, 1973

Ali konkret

Nach dem Beschneidungsurteil ist vor dem Beschneidungsurteil

Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst, Stopp des rituellen Schächtens von Tieren und nun Beschneidungsverbot. Das ist ein weiterer direkter Eingriff des Staates in die religiöse Praxis von Muslimen, meint Ali Baş in seiner neuesten MiGAZIN Kolumne.

VONAli Baş

 Nach dem Beschneidungsurteil ist vor dem Beschneidungsurteil
geb. 1976 in Ahlen/Westfa- len, arbeitet als Lehrer für Englisch und Politik in Dortmund. Baş promoviert in Münster in Erziehungswis- senschaft und engagiert sich seit 2002 bei Bündnis 90/Die Grünen, wo er Sprecher des Kreisverbandes Warendorf und als Kreistagsmitglied für Schul- und Integrationspolitik zuständig ist. Baş ist Mitgründer und Sprecher des "Arbeitskreises Grüne MuslimInnen NRW", der sich auf politischer Ebene mit Themen rund um Muslime in der deutschen Gesellschaft auseinandersetzt.

DATUM3. Juli 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wer in das Wohnzimmer von Familie Osmani schaut, der wird wie in Deutschlands Wohnzimmern üblich, viele Bilder der Familie vorfinden: Hochzeitsfotos, Aufnahmen von Familienfeiern, Urlaubsbilder. Eigentlich ganz unauffällig, wenn da nicht die Fotos von Sohn Hassan wären, in glitzernden Uniform, etwas gequält lächelnd und mit einer silbernen Schärpe versehen mit der Aufschrift „Maşallah“, dem klassischen Ausruf für höchstes Lob bei Muslimen. Hassan ist mit seiner ganzen Familie auf dem Bild zu sehen, die sichtlich stolz in die Kamera schaut. Er hatte gerade zuvor die Beschneidung hinter sich gebracht.

Stolz ist Familie Osmani vor allem darauf, dass Hassan jetzt nicht nur ein „richtiger Mann“ geworden ist, sondern auch, weil man damit dem Beispiel des Propheten Mohammed gefolgt ist, so wie es Tausende andere Jungen aus muslimischen Familien in Deutschland auch erlebt haben.

An der Lebenswirklichkeit vorbei
Wenn es nach dem jüngsten Urteil des Kölner Landgerichtes geht, soll mit dieser Praxis bald Schluss sein. Denn nach Auffassung der Richter hat die „körperliche Unversehrtheit“ des Kindes Vorrang vor Elternwillen und Religionsfreiheit und daher gehören Ärzte, die diese kleine OP durchführen, bestraft. Vielmehr soll sich der Junge nach den Vorstellungen des Gerichtes mit 18 Jahren selber entscheiden, ob er die Beschneidung will oder nicht. Ein aus der Sicht der Richter nobler Gedanke, der aber an der Lebenswirklichkeit der Betroffenen komplett vorbei geht, über deren Konsequenzen sich große Teile der Gesellschaftsmehrheit natürlich keine weitere Gedanken machen müssen.

Nach dem Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und den Forderungen nach einem Stopp des rituellen Schächtens von Tieren kommt mit dem Beschneidungsverbot ein weiterer direkter Eingriff des Staates in die religiöse Praxis von Muslimen, die übrigens in noch gravierenderer Weise auch die jüdische Gemeinschaft trifft, bei der die Beschneidung sogar zwingende Voraussetzung für die Aufnahme in die Gemeinschaft ist. Dass die Religionsgemeinschaften Sturm laufen, ist daher kein Wunder.

Empörte Mehrheit
Auch die Berichterstattung über das Kölner Urteil zeigt, dass die religiös distanzierten bis ablehnenden Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft wenig Verständnis für derartige Rituale haben und daher die Beschneidung ablehnen, so wie es auch spontane Umfragen hierzu zeigen. Befragt wurde allerdings mal wieder nur die „Mehrheit“.

Medialer Shitstorm unter Führung von Necla Kelek
Plötzlich sind Tausende Familien, die die Beschneidung ihrer Söhne durchführen lassen, an den Pranger gestellt, um sich den Shitstorm einer Necla Kelek und diverser Boulevardmedien reinziehen zu müssen.

Allerdings muss man sich die Frage stellen, ob das in den betroffenen muslimischen und jüdischen Communities mit der Kontroverse um die Beschneidung tatsächlich auch so gesehen wird. Fakt ist, dass die Beschneidung quer durch alle Schichten, religiösen Zugehörigkeiten und politischen Weltanschauungen in den Communities hoch akzeptiert ist und kaum ein Mann bisher auf die Idee gekommen ist, seine Eltern auf ungefragtes Entfernen der Vorhaut zu verklagen bzw. unter psychischen Störungen leiden muss.

Minderheit sucht das Problem
Kurz gesagt: Die aktuelle Diskussion zeigt, dass vor allem große Teile der Mehrheitsgesellschaft ein Problem mit etwas haben, was in der betroffenen Minderheit nicht als solches betrachtet wird. Wer glaubt, dann die Minderheit mit seiner Interpretation des Freiheitsbegriffes beglücken zu müssen, begibt sich auf gesellschaftspolitisches Glatteis, was das Vertrauen der Minderheiten in diesen Staat weiter beschädigen könnte, wenn man die jüngsten Debatten um Integration oder die Aufklärung der NSU-Mordserie betrachtet.

Keine Beschneidung der Religionsfreiheit
Die Religionsfreiheit zählt zu den großen Errungenschaften unserer Gesellschaft, welche durch das Grundgesetz garantiert wird. Auch genießen Eltern in unserem Land nicht umsonst viele Rechte, welche die Erziehung ihrer Kinder in ihrem Sinne regeln.
Das bedeutet auch, dass eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft mit Handlungen von Minderheiten klarkommen muss, die nicht unbedingt dem Mainstream entsprechen müssen, sofern sie keine Gefahr für Leib und Leben darstellen.

Vielmehr muss rechtlich sichergestellt sein, dass eine Beschneidung nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen darf und nicht illegal geschehen darf.

Es gilt auch hier: nach dem Beschneidungsurteil ist vor dem Beschneidungsurteil.

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24 Kommentare
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  1. Andreas sagt:

    Und wieder einmal fällt auf, dass die Religionsfreiheit offensichtlich nicht als das verstanden wird, was sie eigentlich bedeutet, nämlich die freie Wahl, ob und welche Religion man annehmen möchte. Die Ausübung der Religion geschieht dagegen im Rahmen der jeweiligen Gesetze und wird durch diese gegebenenfalls eingeschränkt. Auch sind Kinder nicht Eigentum der Eltern und das Erziehungsrecht der Eltern steht deutlich hinter dem Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit zurück. Und nicht zuletzt gilt die Religionsfreiheit natürlich auch für eben diese Kinder, die sich sehr wohl auch gegen die Religion ihrer Eltern entscheiden können. Auffällig ist auch, dass die Beschneidung von Jungen geradezu unverantwortlich verharmlost wird. Auch Ärzten passieren Kunstfehlern und Komplikationen passieren gar nicht so selten. Auch sind die Folgen für das sexuelle Lustempfinden nicht zu unterschätzen, wie man hier nachlesen kann:

    http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Beschneidung_von_Jungen_und_M%E4nnern.html

    Letztendlich sollte ein Junge wohl das Recht haben selber zu bestimmen, was unwiderruflich mit seinem Körper passiert. Das ist eigentlich so selbstverständlich, dass man sich nur wundern kann, dass dies noch immer nicht akzeptiert wird. Und Religionen die tatsächlich ein Stück Haut zum Kernbereich ihrer Religion und Tradition zählen, sollten sich vielleicht mal etwas ernsthafter mit sich selbst beschäftigen, ob da nicht vielleicht noch etwas mehr von Bedeutung ist. Dass ein jüdisches Leben ohne Beschneidung nicht möglich seien soll hat auf jeden Fall etwas sehr ärmliches an sich.

  2. Joseph sagt:

    Ein leider sehr oberflächlicher und unkorrekter Artikel (z. B.: „Nach dem Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst und den Forderungen nach einem Stopp des rituellen Schächtens von Tieren kommt mit dem Beschneidungsverbot ein weiterer direkter Eingriff des Staates in die religiöse Praxis von Muslimen, …“), der weder sachlich klärt, noch die Problematik differenziert behandelt.
    So wird denjenigen, die von dem Kölner „Beschneidungs-Urteil“ getroffen sind, nicht genutzt.
    Bedauerlicherweise wird kaum – bisher auch nicht durch MiGAZIN – zu einer fundierten, nachvollziehbaren Überzeugung beigetragen, die die religiöse Bedeutung und Zeitgerechtheit darstellt, so dass Zweifel an oder Gegnerschaft zui Bescheidung bei vielen Menschen bestehen bleiben.

  3. Socke sagt:

    Die Diskussion wird langsam langweilig…
    Das recht auf freie Ausübung der Religion ist im Grundgesetz festgeschrieben.
    Darüber hinaus gibt es aber eben nichts.

    Die einzigen die die Beschneidung wollen sind die Eltern !!!
    Bitte sagen sie mir warum ein -unbeschnittener- Junge nicht beten kann?
    Warum kann er sich nicht „gottgerecht“ verhalten?

    Jetzt noch einen Vergleich zur NSU und schwupps – sind die Muslime wieder die „armen verfolgten“ die von der „Mehrheitsgesellschaft“ nicht akzeptiert werden.
    Ich merke schon, die Auflklärung ist in Deutschland noch lange nicht zu Ende und es wird wohl noch einige Zeit dauern bis die Menschheit als Ganzes es geschafft hat sich von der Geißel der Religionen zu befreien.
    Bis es soweit ist – dürfen sie gerne beten an wen sie wollen, nur sollte die Entscheidung einem jeden selber überlassen sein und keine Auswirkungen auf den Körper von unschuldigen Kindern haben.

    Es gibt genug Länder in denen das mit der „Freiheit“ nicht der Fall ist (in der Türkei gilt man z.B. von Geburt an als Muslim, ob man einer ist oder nicht, vollkommen egal! Und wenn ich mir die mehrheitlich islamisch geprägten Länder anschaue ist es mit der „Freiheit“ dort in der Regel auh h nicht weit her. Vielleicht sind diese Urteile gerade vor diesem Hintergrund aktuell besonders wichtig.
    Zeigen sie doch – Relegion ist okay, aber es gibt deutliche Grenzen hier in Deutschland, diese sind zu akzeptieren – egal ob es eine Minderheit ist – oder irgendwan nmal eine Mehrheit sein sollte. Und vielleicht sollte ndie Muslime daher auch einmal nicht gleich medial durchdrehen sondern sachlich an die sache rangehen. Das würde vielleicht den vorurteilen entgegenlaufen und zeigen: „Schaut, wir akzeptieren das Urteil, wir sind in der Lage uns zu entwickeln“.

  4. Ali sagt:

    Das muss Ihnen nicht gefallen, was da steht. Es würde uns allen gut tun, anstatt über Minderheiten zu lästern ihnen mal zuzuhören. Kommt mal vom hohen Ross runter. Ein Hoch auf die Meinungsfreiheit!

  5. Ali sagt:

    Also das soll kein eingriff in die Religionsfreiheit sein?
    Ausgerechnet diese Rituale werden verboten unter dem Deckmantel man wolle diese Kinder schützen?
    Das ist doch ein Witz, ich meine beim Thema Abtreibung z.B sieht man es als Selbstverständlich an wenn die Mutter(oder Eltern) einfach keine Lust aufs Baby haben, huch ein „Unfall“ ist passiert….aber keine Sorge der Doktor und die Gesetzte sind ja schon da….wird Abgetrieben!!! Und die „Mehrheit“, was sagen die dazu?
    Ja wir leben in einer Demokratie, jeder hat das Recht selbst zu entscheiden ungeborenes abzutreiben, ABER eine Beschneidung….SOWAS ist doch unmenschlich und die „Mehrheit“ ja dagegen….schade echt es gibt ja mehr Abtreibungen als Beschneidungen…Der nächste Mega Witz, Rauchen ist ab 18, Alkohol ab 16..oder umgekehrt? Hängt ja vom Bundeland ab die diese Jugend damit „schützen“ will. Hauptsache der Komsum wird angekurbelt….bald kommt jemand mit einer Statistik das beschnittene Männer weniger Zigaretten und Alkohol konsumieren als nicht beschnittene…schwups schon hamwa den MIesepeter warum es nicht aufwärts geht mit der Konjuktur…HA!

  6. aloo masala sagt:

    Interessant am Beschneidungsurteil ist, dass wieder einmal offengelegt wird, wie Teile der deutschen Gesellschaft tatsächlich ticken. Es zeigt sich, dass die häufig bemühte Floskel von der „christlich-jüdischen“ Tradition nichts als ein verlogener Versuch ist, um die Unterschiede zwischen nicht-muslimischen und muslimischen Bürgern zu betonen.

    Denn das Beschneidungsurteil bedeutet, dass man fundamentale Riten der jüdischen Identität schlicht als verächtlich empfindet. Jude ist, wer beschnitten ist. Wäre Gauck ein ehrlicher Typ, müsste er sagen, dass weder das Judentum, noch Juden oder gar Muslime ein Teil Deutschlands sind.

  7. alphaomega sagt:

    @aloo masala
    “ Es zeigt sich, dass die häufig bemühte Floskel von der “christlich-jüdischen” Tradition nichts als ein verlogener Versuch ist, um die Unterschiede zwischen nicht-muslimischen und muslimischen Bürgern zu betonen.“

    Es ist ja nicht so, als wäre diese Behauptung das Resultat einer Umfrage gewesen. Diese Behauptung hat einfach ein opportunistsicher Redenschreiber für einen opportunistischen Bundespräsidenten geschrieben (Wulff), der dies dann einfach vorgelesen hat. Natürlich ist es komplett falsch, denn schliesslich wird nicht in einem einzigen Wort erwähnt, dass die meisten Menschen in Deutschland wohl nicht an irgendeinen Gott glauben.
    Eigentlich gibt es seit der aufklärung nur noch eine aufklärerische Tradition in Deutschland.

    „Wäre Gauck ein ehrlicher Typ, müsste er sagen, dass weder das Judentum, noch Juden oder gar Muslime ein Teil Deutschlands sind.“

    Aber das wird er nicht tun, da weder die Muslime noch die Juden mit Ehrlichkeit umgehen können, schliesslich gehts nicht um Ehrlichkeit sondern darum, was im Koran oder auf irgendeiner Schriftrolle steht und zur absoluten Wahrheit über alles und jeden gemacht wird.

  8. Zara sagt:

    Interessant am Beschneidungsurteil ist, dass wieder einmal offengelegt wird, wie Teile der deutschen Gesellschaft tatsächlich ticken. Es zeigt sich, dass die häufig bemühte Floskel von der “christlich-jüdischen” Tradition nichts als ein verlogener Versuch ist, um die Unterschiede zwischen nicht-muslimischen und muslimischen Bürgern zu betonen.

  9. Jan sagt:

    Ich finde es nicht nachvollziehbar, wieso etwas, das in der betreffenden Community akzeptiert wird, deshalb automatisch kein Problem darstellen können soll. Mit dieser Argumentation ist jede Form der Körperverletzung oder Einschränkung von Menschenrechten begründbar, solange sie in der betreffenden Gruppe nur aus religiösen oder traditionellen Gründen üblich ist.
    Im übrigen finde ich bezeichnend, dass die Gegner des Urteils immer gern die Religionsfreiheit ins Felde führen – schützt das Urteil doch vor allem auch die Religionsfreiheit des Kindes.

  10. Zensus sagt:

    Herr Bas macht viel Lärm um Nichts. Es ist nämlich ganz einfach:
    Deutschland ist ein Rechtsstaat und kein Kalifat.
    In einem Rechtsstaat haben sich alle an die Gesetze zu halten.
    In einem Rechtsstaat entscheidet die Mehrheit.
    So einfach ist das in Deutschland.


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