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Fussball

Der Grundstein für viele Gomez‘, Özils und Khediras

Viele junge Talente träumen davon, so wie Gomez, Özil oder Khadeira zu werden. Ihr Weg dahin ist aber lang und hürdenreich. Ein Besuch bei einem Fußballturnier in Berlin zeigt, wie die Kids unterstützt werden.

DATUM22. Juni 2012

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RESSORTGesellschaft, Leitartikel

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Gomez, Özil und Khedira: Drei Fußballer mit Migrationshintergund. Heute Abend kicken sie bei der EM 2012 im Dress der Deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland um den Einzug ins Halbfinale. Viele junge Talente träumen auch davon, irgendwann einmal im Team von Joachim Löw mitkicken zu können. Ein Team, wo nicht die Herkunft zählt, sondern der Weg ins Finale. Doch sie brauchen Unterstützung und viele Helfer, die sie fördern. Ein Besuch bei einem Fußballturnier in Berlin zeigt, wie der Grundstein für viele weitere Özils, Gomez‘ & Co. gelegt wird.

„In erster Linie müssen die Eltern integriert werden“
Murat Aktaş hat alle Hände voll zu tun, ist ein gefragter Mann. Junge Männer in Fußballtrikots klopfen ihm auf die Schulter, stellen Fragen, verschwinden nach kurzen Wortwechseln in Richtung der Fußballplätze der großen Sportanlage am Poststadion in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs. Frauen mit und ohne Kopftücher stehen hinter den aufgebauten Ständen mit Essen, Kuchen, Kaffee und Getränken. Es gibt eine Bühne für das Musikprogramm und eine große Hüpfburg für den sportlichen Nachwuchs. Zum sechsten Mal feiert der Berliner Athletik Klub (BAK) den Müsiad Cup, ein Sportfest für die ganze Familie mit mehr als 40 Fußballmannschaften und einem Volleyballturnier der Frauen. Murat Aktaş ist Jugendleiter beim BAK. „Ich habe drei eigene Kinder und dann noch 380 hier im Verein“, sagt er lächelnd. Jeden Tag fährt er nach der Arbeit hierher und bleibt oft bis spät abends, kümmert sich um Spielerpässe, organisiert Elternabende und Vereinssitzungen, ist Ansprechpartner für die Jugendlichen, Trainer und Eltern, erstellt Spielpläne und organisiert Turniere wie den Müsiad Cup.

Für ihn ist Fußball ein wichtiger Teil seines Lebens, wie für die mehr als 200 ehrenamtlichen Mitglieder der 407 Vereine des Berliner Fußball Verbandes (BFV). Mit 130.000 Mitgliedern ist er der größte Sportverband Berlins ist, der sich mit Blick auf die Zahlen seiner besonderen Verantwortung bewusst ist, wenn es um das Thema Integration geht. Ein Drittel der Mitglieder hat einen Migrationshintergrund. Bei den unter 19-Jährigen ist es gut die Hälfte. In manchen Teams sind Spieler und Spielerinnen aus mehr als zwanzig verschiedenen Ländern aktiv und es gibt rund 40 sogenannte „ethnische Vereine“ mit Mitgliedern aus nur einem Herkunftsland. Diese soziale und kulturelle Vielfalt bereichert das gemeinsame Vereinsleben und die Verbandsarbeit. Und verlangt gleichzeitig von allen Engagierten viel Geduld, Toleranz, Respekt und Kompetenz im Umgang mit auftretenden Problemen. Dazu gehören sprachliche Unsicherheiten, Berührungsängste mit der Vereinsbürokratie und interkulturelle Konflikte.

Weiterbildungskurse vermitteln interkulturelle Kompetenz
Auch gesamtgesellschaftliche Probleme zeigen sich auf dem Spielfeld in Form von rassistischen und fremdenfeindlichen Pöbeleien. Beleidigungen und handgreifliche Auseinandersetzungen kommen in schweren Fällen vor das Sportgericht, meistens können Schiedsrichter, Trainer und Mitspieler vermittelnd eingreifen. Um sie dabei zu unterstützen, können sie an Weiterbildungsangeboten teilnehmen. „Wenn es Bedarf gibt, melden sich die Interessierten bei mir und können sich für einen Kurs anmelden. Das läuft ganz unbürokratisch ab“, erklärt Mehmet Matur, Vorsitzender des Ausschusses für Integration und Migration. In den Kursen lernen die Aktiven, wie sie eine Gruppe führen, wie sie besser mit den unterschiedlichen Mentalitäten und Lebenswelten umgehen oder auch wie sie Sponsoren gewinnen, eine Veranstaltung moderieren oder einen Vortrag halten.

Mehmet Matur ist in der Turniersaison jedes Wochenende auf den Fußballplätzen unterwegs, hat für jeden Spieler, Trainer und Vorsitzenden ein offenes Ohr. Und achtet darauf, dass an jedem Essenstand auch Pute und nicht nur Rind- und Schweinefleisch angeboten wird. Auch während der Woche ist er telefonisch rund um die Uhr erreichbar. Gemeinsam mit seinen Kollegen im Ausschuss organisiert er das jährliche Integrationsfest, die Verleihung des Integrationspreises und trifft sich alle sechs Monate mit Vertretern aller Vereine, um den Kontakt und den Austausch untereinander und zum Verband zu verbessern. Manchmal fragt sich der Geschäftsmann und dreifache Familienvater selbst, woher er die Kraft nimmt. Auch für ihn ist der Fußball mehr als Sport, seine persönliche Geschichte ist eng mit ihm verwoben und sein Engagement sieht er als gesellschaftliche Aufgabe. „Als ich 1970 im jungen Alter von zehn Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland kam, war vieles fremd für mich, nicht nur die Sprache. Damals eröffnete mir mein Fußballverein ganz neue Perspektiven und Kontakte: Fußball hat mir Deutschland näher gebracht“.

Der Nachwuchs für die ehrenamtliche Arbeit fehlt
Es gibt aber auch Frust darüber, dass die ehrenamtliche Arbeit nicht genügend gewürdigt wird, es zu wenig ehrenamtlichen Nachwuchs gibt und dass das Geld immer knapper wird. So wie bei Jürgen Martens, der seit zwölf Jahren im Neuköllner Verein Schwarz-Weiss an der Spitze aktiv ist und auch Mitglied im Ausschuss für Integration und Migration ist. Gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen und vielen Helfern ist er an drei Tagen jeden Morgen um sechs Uhr aufgestanden, um sich beim 12. Anti-Gewalt Cup darum zu kümmern, dass der Rasen bespielbar ist, jede Begegnung einen Schiedsrichter hat und kein Kind auf dem Platz verloren geht. Jedes Jahr wird es schwieriger, neue Sponsoren zu finden und in den letzten zwei Jahren wurden die Gelder im Bezirks-, Sport- und Grünflächenamt weiter gekürzt. „Wir kommen hier alle gut miteinander aus. Natürlich gibt es auch mal Konflikte, aber das ist doch völlig normal. Integration ist für uns selbstverständlich. Zermürbend ist eher, dass sich die Vereinsarbeit auf immer weniger Schultern verteilt, weil es eben auch Arbeit ist“. Und es ärgerlich ist, wenn einfach ein ganzer LKW mit Kunstdünger vor einem Turnier am Rande des Spielfelds abgeladen wird, ohne sich mit der Vereinsleitung abzusprechen. „Um Kosten zu sparen, werden von dem Ämtern externe Firmen beauftragt. Da findet zu wenig Kommunikation statt“, bemängelt Jürgen Martens, der aber auch stolz erwähnt, dass die erste Männermannschaft gerade den Aufstieg in die Bezirksliga geschafft hat.

Die Vereine nehmen ihre Integrationsarbeit ernst. „Besonders für die Kinder ist die Integration das Wichtigste. Aber in erster Linie müssen die Eltern integriert werden“, sagt Mehmet Ali Han, Vorsitzender des Berliner Athletik Klub. Unter den 900 Mitgliedern des Weddinger Vereins sind 70 Prozent arbeitslos und leben viele von Hartz IV. Gemeinsam mit dem Job Center und dem Bildungswerk Kreuzberg unterstützt der Verein Jugendliche bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und gewinnt Sponsoren, die auch die Vereinsbeiträge von Hartz IV Empfängern übernehmen. Soziales Engagement, das auch durch sportliche Erfolge gestützt wird. Seit 2011 spielt die erste Herrenmannschaft wieder in der Regionalliga und ist nach Hertha und Union die drittbeste Mannschaft, weshalb Mehmet Ali Han selbstbewusst sagt „Wir vertreten Berlin“.

Aktuelle Projekte fördern Mädchen mit Migrationshintergrund
Gerade wenn es darum geht, Mädchen für den Fußball zu begeistern, ist es wichtig, die Eltern einzubeziehen. „Es nützt nichts, wenn die Mädchen auf dem Fußballplatz oder in der Schule stolz darauf sind, Fußball zu spielen, wenn die Eltern sie zu Hause nicht unterstützen“, sagt die hauptamtliche Projektleiterin im Berliner Fußball-Verband für Integration, Breschkai Ferhad. Aktuell gibt es zusammen mit dem Türkischen Bund Berlin Brandenburg (TBB) ein Projekt, gefördert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das sich besonders um Mädchen mit Migrationshintergrund kümmert. Der Anteil türkischer Mädchen, die in Sportvereinen engagiert sind, liegt überproportional niedriger im Vergleich zu deutschen Mädchen, aber auch verglichen mit dem Engagement türkischer Jungen. 68 Prozent der türkischstämmigen Jungen im Alter von 15 Jahren treiben Sport in einem deutschen Verein, bei den Mädchen sind es nur 20 Prozent. Kultur und Religion sollen nicht ignoriert, sondern konstruktiv in das Vereinsleben eingebracht werden. Dazu gehört, dass Mädchen getrennt von den Jungen trainieren und spielen und auf dem Platz ein Kopftuch getragen werden darf. Für Eltern gibt es Schulungsangebote, wo es um Fragen geht, wie sie ihr Kind beim Fußball unterstützen oder sich konstruktiv in das Vereinsleben einbringen können.

Murat Aktaş, der Jugendleiter vom BAK hat sich dafür stark gemacht, dass türkische Mädchen in seinem Verein auch mit Kopftuch spielen dürfen. Er hat mit vielen Eltern gesprochen und die Verantwortlichen im Verein davon überzeugt, dass es wichtig ist, auf die kulturellen und religiösen Besonderheiten Rücksicht zu nehmen. „Ein Argument war, dass die Mädchen sich in der Hektik des Spiels mit dem Tuch die Luft abschnüren könnten“, erinnert er sich. Jetzt ist es erlaubt und auch seine Tochter spielt begeistert Fußball. (br/bk)

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Ein Kommentar
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  1. Optimist sagt:

    Schön zu wissen, daß es solche Menschen wie Murat Aktas, Mehmet Matur usw gibt. Das sind m.E. Menschen, die Integration praktizieren.

    Das Einzige, was mir etwas seltsam vorkommt, ist das Spielen mit Kopftüchern. Jeder sollte so, wie er will, aber seien wir doch mal realistisch, ist das nicht etwas übertrieben und welchen Sinn macht ein Kopftuch, immerhin sind die Haare das Letzte, wo ich bei einer Frau hinschaue, wenn sie Sport treibt und auf und ab hüpft, um es mal durch die Blume auszudrücken.



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