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Zwickauer Zelle

Im Untergrund, aber nicht allein

Schon lange vor ihrem Abtauchen war die Radikalisierung der „Zwickauer Zelle“ offensichtlich. Im Untergrund konnte sie auf die Unterstützung eines bundesweiten braunen Netzwerks bauen – weitgehend unbehelligt.

VONAndrea Röpke

 Im Untergrund, aber nicht allein
Die Autorin, Jahrgang 1965, ist Politologin und freie Journalistin. Ihr Spezialgebiet: Nationalsozialismus und Rechtsextremismus. Neben den diversen Fernsehmagazinen wie Monitor, Spiegel-TV und Panorama wurden ihre aufwendigen Inside-Recherchen im Neonazi-Milieu auch in der Taz, Süddeutsche-Online und in Fachportalen wie Blick nach rechts veröffentlicht. 2009 erhielt sie den Preis der Lutherstädte "Das unerschrockene Wort" und wurde von der US-Botschaft in Berlin im Rahmen des "International Women of Courage Award" geehrt.

DATUM15. Juni 2012

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RESSORTLeitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: APuZ im April 2012

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Bett, Waschbecken und Toilette, rechts von der Tür. Die Zelle ist etwa zehn Quadratmeter groß. Persönliche Gegenstände sind nicht erkennbar. Durch das kleine vergitterte Fenster ist eine Kontaktaufnahme zur Nachbarzelle theoretisch möglich, diese Möglichkeit wird von der Justizvollzugsanstalt Köln toleriert. Denn die Insassin Beate Zschäpe befindet sich in Einzelhaft, aber nicht in Isolationshaft. Ende November 2011 wurde sie von Sachsen nach Nordrhein-Westfalen verlegt. Seitdem verbringt sie täglich 23 Stunden in ihrer Zelle. Sie sei „abgespannt, ermüdet und gereizt“, klagen ihre Anwälte. Zschäpe wird nur hinaus oder hinein gebracht, wenn sich sämtliche anderen Gefangenen in ihren Zellen befinden. Sie gilt als gefährdet, aber auch als „abgeklärt“. Die 37-Jährige redet meistens nur mit ihren beiden Verteidigern. Besuch bekommt sie kaum. Bei ihrer Einlieferung bestand sie sofort auf den Fernseher, der ihr „von Rechtswegen“ zustünde. Auch bemängelte sie, dass die Zelle „recht kalt“ sei, sie bekam eine wärmere zugeteilt. Beate Zschäpe, geborene Apel, hat 13 Jahre lang im Verborgenen gelebt. Im Herbst muss sie sich als mutmaßliche Rechtsterroristin vor dem Bundesgerichtshof verantworten.

Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe wirft ihr vor, gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 1998 die rechtsterroristische Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gegründet zu haben. Dieser werden nach derzeitigem Ermittlungsstand unter anderem neun Morde an Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft in mehreren deutschen Städten zwischen 2000 und 2006 sowie der Mord an einer Polizeibeamtin im April 2007 in Heilbronn zugerechnet. Die rassistisch motivierten Terroristen suchten ihre Opfer nach Informationen von „Der Spiegel“ vor allem nach bestimmten Kriterien aus. Sie konzentrierten sich demnach auf „unarische“ Männer im zeugungsfähigen Alter.

Als mutmaßliches Mitglied der „Zwickauer Terrorzelle“ soll Zschäpe für die Bildung einer terroristischen Vereinigung und besonders schwerer Brandstiftung angeklagt werden. Nach dem Tod ihrer beiden Mitstreiter am 4. November 2011 in Eisenach befand sie sich vier Tage lang quer durch die Republik auf der Flucht. Dann stellte sie sich mit den Worten: „Ich bin die, die sie suchen“ auf einer Polizeiwache ihrer Heimatstadt Jena. Seitdem schweigt sie.

Novembertage 2011
Schwer bewaffnet hatten sich die beiden Neonazis Böhnhardt und Mundlos am Vormittag des 4. November 2011 nach einem Banküberfall in Eisenach in einem angemieteten Wohnmobil verschanzt, als die Polizei anrückte. Beide wurden kurze Zeit später mit Kopfschüssen tot aufgefunden, die Ermittler gehen von Selbstmord aus. Beate Zschäpe hörte in ihrer Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße vom Tod der beiden Männer. Gegen 15 Uhr brachte sie dann ihre beiden Katzen Heidi und Lilly in Körben zur Nachbarin und setzte das Obergeschoss des Hauses, in dem das Trio seit vier Jahren lebte, in Brand. Eine 83-jährige Hausbewohnerin fiel den Flammen beinahe zum Opfer. Zschäpe floh zu Fuß in Richtung der Bahngleise nach Osten. Kurz vor halb vier rief sie mit ihrem roten Mobiltelefon einen engen Vertrauten an: Andre E., der als Komplize der „Zwickauer Terrorzelle“ inzwischen auch in Untersuchungshaft sitzt. Gemeinsam mit seiner Ehefrau stellte er der NSU nicht nur Pässe und Ausweise zur Verfügung, sondern besuchte sie auch oft mit seinen beiden kleinen Söhnen. Auf Fotos posieren Susann E. und Beate Zschäpe lachend in AC/DC-Shirts. Im Gegensatz zu anderen Zwickauer Bekannten schien die Freundin Susann E. über die reale Identität Zschäpe sehr wohl aufgeklärt zu sein. Das Ehepaar war Teil eines braunen Unterstützer-Netzwerkes mit dessen Hilfe der NSU operieren konnte. Auf der Flucht entsorgte Zschäpe ihr Handy und machte sich auf den Weg nach Eisenach. Am kommenden Tag wurde sie in der Nähe des Fundortes der Leichen ihrer „Kameraden“ gesehen. Nach jahrelanger Funkstille rief sie die Eltern von Mundlos und Böhnhardt an, um sie kurz und knapp über den Tod ihrer Söhne zu informieren, stellte sich dabei als „Uwes Beate“ vor. Den Eltern von Uwe Böhnhardt sagte sie Recherchen des Norddeutschen Rundfunks zufolge noch, dass sie sich nicht stellen, sondern weggehen wolle. Dann legte sie auf. Die Böhnhardts hatten ihren Sohn und seine Freunde bis 2002 noch heimlich getroffen, dann war auch der letzte familiäre Kontakt des Trios abgerissen. Mit einem Bahnticket, auf dem handschriftlich „Susann E.“ eingetragen war, fuhr Zschäpe über Hannover nach Bremen. Warum sie ausgerechnet den Fluchtweg nach Norddeutschland einschlug, ist unklar. In Bremen war sie am 6. November gegen vier Uhr nachts, am frühen Morgen danach erreichte sie Braunschweig. Dort habe sie sich etwas länger aufgehalten, wird sie später bei ihrer Festnahme sagen. Unklar ist bisher, ob sie jemanden traf. Immerhin wohnen in Niedersachsen einige Bekannte des Trios. Auf dem Rückweg nach Thüringen fuhr Zschäpe über Magdeburg und Halle an der Saale.

Kurze Zeit später fanden Personenspürhunde der Polizei, sogenannte bloodhounds, Spuren von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unmittelbar in der Nähe des Wohnhauses eines Bundesvorstandsmitgliedes der NPD in Eisenach. Sie kannten sich von früher. Eine Zeugin sagte aus, die flüchtige Frau einen Tag vor dem Banküberfall in der Stadt ebenfalls in der Nähe der Wohnung des NPD-Mannes gesehen zu haben. Vieles ist bisher ungeklärt; so auch die Frage, inwieweit Beate Zschäpe in die Morde, Anschläge und über ein Dutzend Banküberfälle direkt involviert war.

Unauffällige Frau von nebenan
„Es ist durchaus denkbar, dass der Gruppe noch weitere Straftaten zuzurechnen sind“, räumte Generalbundesanwalt Harald Range bei einer Pressekonferenz am 1. Dezember 2011 in Karlsruhe ein. Auch der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, konstatierte: „Noch gibt es zahlreiche Lücken.“ Daran hat sich nicht viel geändert. Vor allem Zschäpe gibt Rätsel auf. Sie gilt als „durchsetzungsfähig“ und betont bei einer ersten Vernehmung, Mundlos und Böhnhardt hätten sie nie zu etwas gezwungen. Den inzwischen fünf weiteren festgenommenen mutmaßlichen Unterstützern der Terrorzelle soll sie sogar angeblich die Order weitergeleitet haben, den Mund zu halten. Während ihrer Zeit im Verborgenen wurden Komplizen von dem Trio immer wieder misstrauisch „gecheckt“, aber auch mit Geld und Urlauben belohnt. Zschäpe soll dabei für die finanziellen Angelegenheiten zuständig gewesen sein. „Sie hatte das Geld“, erinnern sich auch Urlaubsbekanntschaften.

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