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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Zielgruppe Jugend

Rechtsextreme im Social Web

Rechtsextremismus im Internet trägt längst ein modernes Gewand, und Jugendliche sind zu einer wichtigen Zielgruppe geworden. Doch mit welchen Themen werden sie angesprochen und welche Gegenstrategien gibt es?

VONGlaser, Schneider

Stefan Glaser, Dipl. Pädagoge und Politikwissenschaftler, geb. 1969; Leiter des Bereichs Rechtsextremismus und stellvertretender Leiter von „jugendschutz.netChristiane Schneider, Dipl. Sozialpädagogin, geb. 1979; stellvertretende Leiterin des Bereichs Rechtsextremismus bei „jugendschutz.net“.

DATUM12. Juni 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Rechtsextremismus im Internet ist vielschichtig und multimedial. Die Online-Präsenzen bilden einen Querschnitt an Ideen und Aktionen ab, wie sie seit Jahren in den Pamphleten und Taten rechtsextremer Protagonisten in Erscheinung treten. Einzelne Neonazis, lose Gruppierungen, Kameradschaften, die NPD, Szene-Versandhändler – sie alle nutzen die unterschiedlichen Internetdienste zur Vernetzung und Mobilisierung oder Verbreitung von Hetze und Propaganda. Auch in der Diskussion um die vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) verübten Morde spielten das Internet und insbesondere die Online-Angebote aus der Neonaziszene um den militanten „Thüringer Heimatschutz“ eine wichtige Rolle. Im Blick war dabei vor allem die Bedeutung des Mediums für die szeneinterne Netzwerkbildung; zu wenig Beachtung erfuhr es jedoch als in die Breite wirkendes Propagandainstrument, mit dem Rechtsextreme ihre rassistischen und antidemokratischen Botschaften tarnen, jugendgemäß verpacken und den Nährboden schaffen, auf dem Menschenverachtung gedeihen kann.

Jugendliche Medienwelt und Alltagsrassismus
Die Versuche Rechtsextremer, Jugendliche zu ködern, sind vielfältig. Sie können sich mit dem Internet auf ein ständig wachsendes Medium stützen, das bei der Zielgruppe immer beliebter wird. Während Mitte der 1990er Jahre etwa 100.000 Seiten mit deutscher Länder-Domain (.de) existierten, sind es inzwischen knapp 15 Millionen.1 Experten gehen davon aus, dass es weltweit inzwischen mehr als 610 Millionen Websites gibt.2 Hinzu kommen unzählige Einzelbeiträge in Sozialen Netzwerken, auf Videoplattformen und Blogs, die täglich „gepostet“, kommentiert und „geteilt“ werden. Facebook hat inzwischen mehr als 22 Millionen deutsche user,3 und Youtube verzeichnet weltweit pro Minute einen upload von 48 Stunden Filmmaterial.4 Laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 sind über 73 Prozent der deutschen Bevölkerung im Netz, damit hat sich die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdoppelt.5 Insbesondere bei Jugendlichen nimmt das Internet in puncto Freizeitgestaltung einen zentralen Stellenwert ein: 99 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen laut JIM-Studie 2011 das Netz, für beinahe neun von zehn Jugendlichen (88 Prozent) stellt es nach Musik hören (90 Prozent) die wichtigste Medienbeschäftigung dar.6 Vor allem die Dienste des Web 2.0 liegen hoch im Kurs: Dem Branchenverband Bitkom zufolge sind 92 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in einem Sozialen Netzwerk angemeldet, davon verfügen 71 Prozent über einen Account bei Facebook, 85 Prozent zählen sich selbst zu den aktiven Nutzern.7

Das Internet ist somit auch aus rechtsextremer Sicht mehr denn je ein ideales Rekrutierungsfeld, um junge Menschen anzusprechen und für die eigenen Inhalte zu gewinnen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Studie EU Kids Online zufolge im Jahr 2010 zwölf Prozent der 11- bis 16-jährigen user angaben, im Internet Erfahrungen mit Gewalt und Hass gemacht zu haben. Nimmt man nur die 15- bis 16-Jährigen, steigt die Quote sogar auf 20 Prozent.8 Auch die JIM-Studie 2010 belegte, dass mehr als 25 Prozent der 12- bis 19-Jährigen bereits mit rechtsextremen Inhalten konfrontiert wurden.9

Rechtsextreme Agitation richtet sich gegen Feindbilder. Gespeist aus rassistischer Ideologie, einem übersteigerten Nationalismus und Einstellungen, welche die Gleichwertigkeit von Menschen negieren, werden bestimmte Gruppen diskriminiert, verächtlich gemacht und nicht selten zu Freiwild erklärt. Antisemitismus, Antiziganismus, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit sind wiederkehrende Motive, die in rechtsextremen Texten, Kampagnen und Medienangeboten ihren Niederschlag finden. Dabei wird keinesfalls immer offen zu Mord und Totschlag aufgerufen, vieles läuft unterschwellig und knüpft an Alltagsrassismus und Vorurteile an.

So schürte beispielsweise die NPD in den vergangenen Jahren immer wieder klischeebehaftet und reißerisch Angst und Ressentiments gegenüber „kulturfremden Ausländern“ und initiierte Proteste gegen Minarette und Moscheen, mithin den Islam und hier lebende Muslime. Slogans wie „Islamunterricht stoppen“ sollen in die Mitte der Gesellschaft wirken, diffuse Ängste vor der „fremden“ Religion ansprechen und letztlich Bürgerinnen und Bürger gegen Integrationsmaßnahmen aufhetzen. In Nordrhein-Westfalen richtete sich die rechtsextreme Partei im Landtagswahlkampf 2010 mit einem islamfeindlichen Wettbewerb über das Internet auch gezielt an Jugendliche: Die Kampagne „Wir oder Scharia“ suggerierte, die Deutschen seien bedroht durch eine „zunehmende Islamisierung“. So war die Rede von „ganzen Stadtteilen (…), die man als Deutscher gar nicht mehr betreten“ dürfe und in die sich sogar die Polizei „nur noch zugweise und schwer bewaffnet“ hineintraue.10 Schülerinnen und Schüler wurden dazu aufgefordert, Videos, Lieder oder Grafiken gegen „die Gefahr“ zu erstellen und auf der zugehörigen Website hochzuladen. Dem Sieger der rassistisch motivierten Aktion winkten 300 Euro Preisgeld.

So wenig neu das ideologische Gerüst und die damit verbundenen Vorstellungen von Rechtsextremen sind, so sehr hat sich das Erscheinungsbild der Szene modernisiert. Jugendliche sind zu einer wichtigen, wenn nicht der wichtigsten Zielgruppe geworden. Aktivisten locken inzwischen mit Events, Lifestyle-Elementen und multimedialen Anspracheformen. Das Internet hat ihr Agitationspotenzial um die Dimensionen Anonymität, zeit- und grenzenlose Verfügbarkeit sowie schier unendliche Vernetzungs- und Verbreitungsmöglichkeiten erweitert. Dabei werden die Jugendlichen dort angesprochen, wo sie sich ohnehin vorwiegend bewegen: in Sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen. Als länderübergreifende Einrichtung für den Jugendschutz im Internet beobachtet „jugendschutz.net“ diesen Trend seit Jahren und untersucht die rechtsextreme Internetnutzung im Hinblick auf potenzielle Gefährdungen für Kinder und Jugendliche. Erkenntnisse aus der Arbeit sowie Erfahrungen und Empfehlungen, die sich aus der Frage nach effektiven Gegenstrategien ergeben, werden im Folgenden vorgestellt.

  1. Vgl. Denic, Domainentwicklung (5.3.2012).  []
  2. Vgl. Netcraft, February 2012 Web Server Survey (5.3.2012).  []
  3. Vgl. All Facebook, Facebook Nutzerzahlen (5.3.2012).  []
  4. Vgl. Youtube, Statistik (5.3.2012).  []
  5. Vgl. ARD-ZDF Onlinestudie (5.3.2012).  []
  6. Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest (Hrsg.), JIM-Studie 2011, Stuttgart 2011 (5.3.2012).  []
  7. Vgl. Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Hrsg.), Jugend 2.0, Berlin 2011 (5.3.2012); ders. (Hrsg.), Soziale Netzwerke. Zweite, erweiterte Studie, Berlin 2012 (5.3.2012).  []
  8. Vgl. Sonia Livingstone et al., Risks and safety on the internet, London 2011 (5.3.2012).  []
  9. Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverband Südwest (Hrsg.), JIM-Studie 2010, Stuttgart 2010 (5.3.2012).  []
  10. NPD, „Wir oder Scharia“ (5.3.2012).  []
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4 Kommentare
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  1. pepe sagt:

    Alltagsrassismus kann doch sowohl von Linken als auch von Rechten ausgehen!

  2. Al-Dschabir sagt:

    Soll man sich da noch wundern, wenn schon der Innenminister und andere Politiker medial über Muslime herfallen? Ist doch leider mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und gehört schon zum guten Ton den Islam zu kritisieren. Man bekommt sogar Preise dafür, siehe Ayan Hirsi Ali, die extremistische Islamhasserin.

    Dazu ein guter Artikel:

    Wie Ayaan Hirsi Ali Breiviks Massenmord erklärt
    von
    Stefan Buchen
    18. Mai 2012

    http://www.cicero.de/comment/22055

  3. Mathis sagt:

    Was mir Sorgen macht,ist der fast völlige Kontrollverlust der Eltern, was die Internetaktivitäten ihrer Sprösslinge angeht.Eltern sollten ihren Kindern erst dann Zugang zum Internet bieten, wenn sie sich selbst damit auskennen und wissen, was „dort“ los ist. Medienkompetenz steht aber wohl eher nicht auf der Erziehungsagenda der meisten Familien.
    Warnungen dürfen allerdings nicht einseitig die Neonazi-Szene betreffen, sondern desgleichen Islamistenforen, Videos von Hasspredigern aller Sorten etc. beleuchten. Ansonsten ist die Warnung leider lediglich tendenziös statt seriös.

  4. erdogan sagt:

    @Al-Dschabir

    Bei uns kriegen ja auch Menschen wie Bushido ein Integrationpreis. Glaub mir in Deutschland läuft so manches ganz gewaltig schief.



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