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Migration und Integration in Deutschland

Es wird selbstverständlich sein, dass jemand Mehmet heißt und nicht Hans – wir halten das aus.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Deutsche Presse-Agentur (18.01.2013)

Buchtipp zum Wochenende

Zwischen-Existenzen, die auf der Suche nach Heimat und Identität den kulturellen Zwischenraum für sich entdecken

Mit der Suche nach einem Thema für eine Dissertation fing es an. Anıl Kaputanoğlu, der seine Magisterarbeit im Bereich „Gender Studies“ gemacht hat, wollte nun promovieren. Er schrieb „Hinfahren und Zurückdenken“ – rezensiert von Rukiye Cankıran.

Studiert hat Anıl Kaputanoğlu Germanistik und Soziologie in Karlsruhe. Ja, das sind Fächer in denen man vom Hundertsten ins Tausendste kommt und im Grunde genommen nie wirklich zu Ende diskutieren kann, da ja in den Diskussionen immer neue Themen angerissen werden und man dann wieder ins Detail gehen könnte bis ins Unendliche.

Anıl Kaputanoğlu ,1966 in Pforzheim geboren, kam an die Universität Hamburg und folgte dem Rat seiner Professorin, die ihm das Thema für die Promotion vorschlug: „Zur Konstruktion kultureller Zwischenräume in der türkisch-deutschen Gegenwartsliteratur“, es ist der Subtitel der Arbeit. Er hat fast zehn Jahre gebraucht, um fertig zu werden. Es lag auch daran, dass er viel arbeiten musste in dieser Zeit. Aber es hat sich gelohnt. „Hinfahren und Zurückdenken“ ist der Titel des Buches und behandelt auf fast 350 Seiten ein Thema, das hiesige Literaturwissenschaftler immer mehr interessiert. Die grundsätzlichen Gedanken zum Thema interessieren auch immer mehr Menschen in Deutschland: „Kulturelle Zwischenräume“, die Fachleute nennen es global „Cultures Inbetween“. Das Buch ist ein Werk voll mit wertvollen theoretischen Details zu diesen Konstrukten, abgehandelt am Beispiel literarischer Werke von Autoren, die ihre Wurzeln in der Türkei haben.

Anıl Kaputanoğlu beschäftigt sich linguistisch mit diesem Thema, die methodische Grundlage für seine Arbeit bieten englische, amerikanische und französische Autoren, die sich mit „Post Colonial Studies“ beschäftigt haben. Autoren aus klassischen Zuwanderungsländern mit Kolonialgeschichte, die verschiedene Aspekte beschreiben, wie zum Beispiel wirtschaftliche Abhängigkeiten oder eine Definition von Identität bei Grenzüberschreitungen. Zwar ist die Zuwanderung in Deutschland von anderen Aspekten wie z.B. Gastarbeiteranwerbung aus der Türkei geprägt. Der historische und soziale Hintergrund ist also ein ganz anderer als in England oder Frankreich. Dennoch werden Migrationsthemen wie Identität oder Heimat in Deutschland emotional ähnlich diskutiert und auch in der türkisch-deutschen Literatur verarbeitet.

Anil Kaputanoğlu hat sich einige dieser Werke genauer angesehen und analysiert. Von Alev Tekinay behandelt er das Werk „Nur der Hauch vom Paradies“,Themen sind die kulturelle Selbstsuche und die Bildungsgeschichte der zweiten Generation. Er geht auf die Gedächtnisgeschichte der Migranten zwischen Herkunfts- und Zielland ein. Der Protagonist geht einen interkulturellen Bildungsweg mit einer vervielfältigten Identität in einem dritten Raum.

Mit Güney Dals Werk „Europastraße 5“ behandelt Anıl Kaputanoğlu die Begriffe „Fremde und Heimat“, geht auf die „naive Mutter“ und den „despotischen Vater“ der ersten Gastarbeitergeneration ein. Die nationale Identität wird als hybrider Ort der Vielfalt dargestellt. Die Romanfiguren werden mit ihren Lebensgeschichten in kulturellen Zwischenräumen verortet. Güney Dal konzentriert sich in seinem Werk auf die Folgen der Arbeitsmigration.

In Aysel Özakıns „Die blaue Maske“ geht es um Exil, Herkunft und Geschlechterdifferenzen. Die Protagonistin erlebt im Zusammenhang mit ihrer Biografie, dass Konzepte von Nation und Heimat nicht statisch sein müssen. „Die Brücke vom Goldenen Horn“ von Emine Sevgi Özdamar beschreibt die Erlebnisse einer jungen Frau aus Istanbul, die als Gastarbeiterin bei Telefunken in Berlin arbeitet. Özdamar gelingt eine Erzählweise, die über die Handlungs- und Figurenebene hinausgeht und die Sprache in den Vordergrund stellt. Sprach- und Wortspiele sind für den Leser ein Genuss, was Metaphern und sprachschöpferische Ästhetik angeht. Es gelingt Anıl Kaputanoğlu sehr gut, die verschiedenen Ebenen des Denkens und Fühlens zu beschreiben und dieses Geschehen für den Leser sehr geschickt in Worte zu fassen und in den von ihm präsentierten kulturellen Zwischenräumen festzuhalten.

Bis in die 90er Jahre wurde die türkisch-deutsche Literatur nur unter sozialen Aspekten betrachtet. Die literarische Moderne wurde nicht gesehen, es gab nur inhaltliche Auseinandersetzungen. Erst sehr spät sind die literarischen und sprachlichen Besonderheiten in den Vordergrund gerückt. Anıl Kaputanoğlu spricht von nationalen, kulturellen und biografischen Räumen, die in der sogenannten Migrantenliteratur behandelt werden. Für ihn bedeuten „kulturelle Zwischenräume“ Konflikte, die ausgetragen werden oder Ambivalenzen.

Für Anıl Kaputanoğlu sind diese Gegebenheiten in jedem Fall produktiv, für ihn ist der „Zustand des Verhandelns, also der Weg“ wichtig. Er bewegt sich auf einer theoretischen Ebene der Diskussion, die die Opfer-Thematik in der Migrantenliteratur überwunden hat. Der Theoretiker kann dieses Opfer-Phänomen nicht ertragen. Er beschäftigt sich mit der Ästhetik der Sprache. Die Autoren, mit denen er sich beschäftigt hat sind Alev Tekinay, Aysel Özakin, Emine Sevgi Özdamar und Güney Dal. Am meisten gefällt ihm die Sprache von Emine Sevgi Özdamar, die die Worte zersetzt, verfremdet und damit immer in Bewegung hält.

Der deutsche Leser ist zunächst mit ihr überfordert, da sie Klischees überträgt ohne zu erklären. Sie montiert Partikel ab und fügt sie anderswo zusammen. Es ist ein literarisch-ästhetisches Verfahren, ein sehr eigensinniges Translationsverfahren. Der Albtraum eines Übersetzers, der ja gelernt hat, dass man so frei wie möglich und so wörtlich wie nötig übersetzen soll. Özdamar macht genau das Gegenteil, sie übersetzt ihre Metaphern und Sprichwörter Wort für Wort und irritiert den Leser, der mit kulturellen Besonderheiten der Türken nicht vertraut ist. Für Anıl Kaputanoğlu ist genau das der Reichtum der Autorin. „Sie bietet dem Leser Orientalismus, sie produziert Klischees und geht auch tiefer in die Struktur der Sprache.“ Genau diesen Schwebezustand in der Sprache bewundert Anıl Kaputanoğlu.

Denn hier werden die Klischees von nationalen Stereotypen sprachlich zersprengt. Stabile Fremdbilder zerfließen im Erzählen, die stabile Struktur einer Sprache wird zerredet. All das findet Anıl Kaputanoğlu sehr innovativ. In den letzten Jahren beschäftigen sich auch andere Wissenschaftler mit dieser sprachlichen Herausforderung, mit der Analyse solch neuer Literatur. Es ist die nächste Ebene, wenn man zunächst die Inhalte und kulturellen Besonderheiten erfasst hat.

Moderne Autoren wie Feridun Zaimoğlu haben das Kanak Deutsch salonfähig gemacht. Die Sprache transportiert eine neue, junge Einwandererkultur, die dynamisch ist, die nur mit der Kenntnis beider Kulturen möglich ist. Nur im Rahmen dieser kulturellen Vielfalt und dem Reichtum des gedanklichen Zwischenraumes, der beide Identitäten verbindet, macht diese Sprache Sinn. Kennt man eine der beiden Räume nicht, wird man Schwierigkeiten haben, den Sinn und Inhalt zu verstehen. Gewissermaßen kann man Zaimoğlu an dieser Stelle mit Özdamar vergleichen.

Autoren wie Orhan Pamuk, der in seinen Romanen verwickelte Stories behandelt und diese mit seinen erzählerischen Spiralen beschreibt sind weitere Vertreter der „Kulturellen Zwischenräume“. Zwar lebt er in der Türkei und gehört nicht zur „Deutschen Migrantenliteratur“, dennoch ist sein Werk mit denen, die Anıl Kaputanoğlu analysiert, vergleichbar. Er verarbeitet die Orient-Okzident-Thematik und hat sowohl sprachlich als auch kulturell Zugang zu mehreren Welten, die er sehr kunstvoll beschreibt. Die Vielfalt, die in den Büchern Raum findet, ist also nicht abhängig von Ort und Zeit, sondern vielmehr davon, dass sie vorhanden ist, gelebt wird, und mit den Worten von Anıl Kaputanoğlu „Umkartierungen von Kultur“ bewirkt. Das Erleben, der Austausch und vor allem die Veränderung sind von großer Bedeutung, bis hin zu einer Veränderung, die nicht mehr in vorhandene Territorialbezüge passt, sondern einen neuen theoretischen Raum erfordert, nämlich diesen „Kulturellen Zwischenraum“, vielleicht ist es ein Übergangsort, vielleicht aber auch ein immer weiter existierendes Konstrukt. Das hängt von der jeweiligen Entwicklung ab.

Diese Gedanken könnte man in dem Werk von Anıl Kaputanoğlu zu den „Zwischen-Existenzen“ zählen. Es handelt sich um offene Identitäten, die immer produktiv sind, nicht abgeschlossen. Anıl Kaputanoğlu beschreibt „Zwischen-Existenzen“ als sprachliches Hilfsmittel, um etwas zu bezeichnen in einer Biografie oder einem Kollektiv, das nicht eindeutig ist. Normalerweise benötigt man stabile Begriffe wie „die Türken“ oder „die Muslime“, aber diese existieren nicht mehr in eindimensionaler Form. Vielfalt lebt von der Mischung, vom Vermischt-Sein, also einer nicht vorhersehbaren Veränderung.

Für Anıl Kaputanoğlu hat das biografische Erzählen kein Ende. Die 350 Seiten seiner Arbeit hat seine Professorin mit Gut benotet, der Leser hingegen findet in seinem Buch eine exzellente linguistische Darstellung der Suche nach dem „Sowohl-als-auch“ und erfährt, dass gleichzeitig verschieden Orte besetzt werden können und man solch ein Dasein hybride Persönlichkeit nennt. Insbesondere der zweiten und dritten Zuwanderergeneration dürfte dies ein Herzthema sein. Immerhin, in der Literatur hat dieses Gefühl des Dazugehörens seinen Raum bekommen.

Anıl Kaputanoğlu
Hinfahren und Zurückdenken
Zur Konstruktion kultureller Zwischenräume in der türkisch-deutschen Gegenwartsliteratur
Verlag Königshausen & Neumann GmbH, Würzburg 2010

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