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Debatte

Wer wohin gehört

Wer hat eigentlich unsere Politiker jemals danach gefragt, wer oder was zu Deutschland gehört? Ständig äußern sie sich dazu, aber ich kann mich nicht recht entsinnen, dass wir sie überhaupt dazu befragt hätten.

Ob der Islam zu Deutschland gehört, oder die Muslime? Das Judentum und die Juden? Die Christen und das Christentum? Wer fragt eigentlich danach oder woher kommt dieses Bedürfnis bei unseren Politikern, sich immer wieder ausgerechnet zu dieser Frage – die keine ist – mit Inbrunst und Verve zu äußern und dann auch noch darüber zu streiten? Was sollen alle diese Glaubensfragen? Opium fürs Volk?

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagt Jesus laut Neuem Testament. Also der gehört schon mal nicht zu Deutschland. Denn das ist wohl von dieser Welt, auch wenn mancher seiner Mächtigen schon so weit entrückt scheint, dass das Reich Jesu ihm näher sein mag als die Stammkneipe von Herrn Meyer oder die Teestube von Herrn Gürek.

Was zu Deutschland gehört ist seit den Zwei-Plus-Vier-Verträgen von 1990 zum Glück eigentlich restlos geklärt, selbst für die Wiedergänger der Vertriebenenverbände. Die Details zum Grenzverlauf dürften sich bei den Vermessungsämtern erfragen lassen. Weder der See Genezareth noch Mekka oder der Ganges werden sich darin finden lassen. Wer zu Deutschland gehört, kann man den Melderegistern entnehmen – inklusive Glaubensbekenntnis, das aber nur zu steuerlichen Zwecken. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, sagt Jesus laut Neuem Testament dazu.

Welche Gebäude wo stehen dürfen, also zu Deutschland gehören oder nicht, oder abgerissen werden müssen, wissen die Bauämter. Unsere Moscheen dürften mehrheitlich den aktuellen Bauvorschriften entsprechen und von der zuständigen Behörde ordentlich genehmigt, also baurechtlich gesehen ziemlich deutsch sein. Beim Kölner Dom wäre ich mir da nicht so sicher. Die Synagogen haben wir ja vorsorglich alle abgerissen, weil sie ihre Baugenehmigungen nicht vorweisen konnten. Da kennen wir Deutschen ja kein Pardon, es geht alles mit Recht und Ordnung einher. Selbstverständlich helfen wir unseren jüdischen Mitbürgern tausend Jahre später, nun dem deutschem Baurecht entsprechende Gebetsstätten zu errichten. Das Kapitel können wir also abschließen.

Mich würde an Glaubensfragen jedenfalls mehr interessieren, was unsere Politiker glauben, wie wir aus Ali, Irina und Kevin tüchtige Ingenieure machen – meinetwegen deutsche. Wie wir ihre Schulen sanieren, ihre Universitäten ausstatten? Bei der anhalten Umverteilung von gemeinschaftlich Erarbeitetem in private Taschen, also einem anhaltenden Raubbau am Gemeinwesen? (lateinisch privare = rauben). Die wenigen Begünstigten dieses Systems müssen dann ihren Überschuss investieren und so uns mit ihrem sinnlosen Überfluss an der falschen Stelle von einer Finanzkrise zur nächsten jagen. Das gehört definitiv zu Deutschland – leider, aber keiner der Mächtigen spricht darüber, dass das nicht zu Deutschland gehören sollte.

Mich interessiert, was die Politiker glauben, wie sie mich und meine Nachbarn vor Mordanschlägen brauner Banden schützen können. Das ist meine Gretchenfrage für die Innenminister. Ach Friedrich, wie hältst Du’s mit der NSU, würde ich Margareten hauchen lassen, wenn ich Goethe wäre. Wie verhindert man Brandanschläge auf Moscheen, Kirchen und Synagogen? Wie beendet man die von Extremisten gegenseitig provozierte Gewalt? Die christlichen Kirchen habe ich nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Mir ist eigentlich nicht bekannt, dass islamistische Extremisten Anschläge auf christliche Gotteshäuser verübt hätten. Dass sie auf die Provokationen von Pro NRW hereinfallen, spricht allerdings nicht für ihre Intelligenz. Aber dass ausgerechnet Dummheit nicht zu Deutschland gehören würde, hat meines Wissens noch keiner unserer Politiker behauptet — das spricht immerhin in gewisser Weise für sie.

Mich interessiert jedenfalls weder, ob der Islam nach Meinung eines Politikers zu Deutschland gehört, noch seit wann oder ab wann oder warum nicht. Das ist so interessant wie die Frage, wann wir Germanen christianisiert wurden, also nur für historisch interessierte Menschen von Bedeutung. Interessanter wäre da noch die Frage, wie es die PR-Abteilung der römischen Staatskirche seinerzeit eigentlich geschafft hat, das heidnische Sonnenwendfest zu integrieren und mit Weihnachten den größten eigenen Religionszinnober daraus zu zimmern?

Davon könnte man immerhin lernen, auch das Fastenbrechen oder Jom Kipur so zu integrieren, dass keiner mehr die sinnlose Frage danach stellt, wohin das alles eigentlich gehört und wohin nicht. Wir könnten Weihnachten zu einem wandernden Fest machen, dass immer mit dem Fastenbrechen zusammen fällt, sodass die Muslime bald glauben, dass sie selbst traditionell schon immer eigentlich Weihnachten feiern. Das hätte zudem den Vorteil, dass die Christen auf der Südhalbkugel auch mal weiße Weihnachten hätten.
Ich muss Schluss machen, der Vatikan ruft an, ob ich die PR dort übernehmen will. Dabei bin ich Protestant und weiß gar nicht, woher die meine Gedanken kennen …