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Migration und Integration in Deutschland

Demnach waren die Arbeitgeber bestrebt, diejenigen ausländischen Arbeitnehmer zu halten, die sich in mehrjähriger Beschäftigung bewährt hatten, zumal bei ihnen die Anpassungs- und hier vor allem die Sprachschwierigkeiten … überwunden waren.

Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, 1968

Kein Einzelfall, sondern System

Solidaritätskampagne für Mely Kıyak

Es ist wohl einmalig, dass eine Solidaritätskampagne für eine Journalistin gestartet werden muss, um sie zu unterstützen – gegen rechte Hetze. Denn genau das wird seit Wochen gemacht – systematisch.

DATUM4. Juni 2012

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Mely Kıyak war Thilo Sarrazin in einem ihrer Kolumnen in der Frankfurter Rundschau persönlich zu nahe getreten. Das löste eine Welle der Entrüstung aus. Kıyak sah das ein und bedauerte öffentlich, dass sie unwissentlich auf eine körperliche Beeinträchtigung von Sarrazin hingewiesen hat. Die Frankfurter Rundschau reagierte ebenfalls und nahm den Text von ihrer Website. Doch die Welle wurde größer und größer und schaffte es sogar groß in die Bild-Zeitung: „Diese Journalistin muss sich bei Sarrazin entschuldigen“, lautete die Schlagzeile.

Für Çiçek Bacik, Sprecherin vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg (TBB), ist klar, „wo der Schuh drückt“, wenn man sich die „Ausdrucksweise der Kritik“ näher betrachtet. Auf der anderen Seite habe sich bis heute niemand für die unzähligen rassistischen Beleidigungen entschuldigt, „die unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ungestört verbreitet werden. Wer darf was, wann sagen? Wer genießt die schützende Hand der kulturellen Hegemonie und wer nicht? Diese Fragen müssen wir uns stellen“, so Bacik. Hinter dieser Einschüchterungskampagne stecke System.

Und damit hat sie nicht unrecht. Es ist bereits Regel, dass Autoren, die gegen rechte Hetze anschreiben, mit Hunderten und Tausenden Leserbriefen beleidigt, beschimpft und offen bedroht werden. Jeder, der es wagt, einen der berühmten Rechtspopulisten anzugreifen, bekommt puren Hass zu lesen und zu spüren. Kurz nach Veröffentlichung eines solchen Artikels, sind Hassmails und Drohbriefe vorprogrammiert.

Das System ist einfach gestrickt. Rechte Internetblogs liefern in Hetzschriften die Vorlage und rufen in Foren und Kommentarseiten dazu auf, dem „Gutmenschen“ mal gehörig die Meinung zu sagen. Private Wohnanschrift, E-Mail, Telefonnummer und/oder die Redaktionsmail werden als Dienstleistung gleich mitgeliefert, um es der eigenen Gefolgschaft so einfach wie möglich zu machen. Vorformulierte Schreiben sind ebenso keine Seltenheit. Bemerkenswert daran ist – Daniel Bax formuliert es zutreffend – wie egal Meinungsfreiheit wird, die diese Hetzer sonst für sich beanspruchen. Einzig das Ziel zählt: unliebsame Stimmen zum Schweigen bringen.

Um dem entgegenzuwirken, starten das KulturForum zusammen mit zahlreichen Medienvertretern und Künstlern eine Solidaritätskampagne für Mely Kıyak und „verurteilen die rassistischen Kommentare und Aufrufe der Bild-Zeitung und rechtsextremer Internetforen, allen voran Politically Incorrect (PI)“. Das Berliner Ballhaus Naunynstraße und die Initiative Fans & Friends of Mely Kıyak veranstalten am 8. Juni 2012 ab 20 Uhr einen Abend „LIEBE MELY KIYAK… – Ein Abend für unsere Lieblingskolumnistin: Wider die Hetzkampagne!“ mit Lesungen und Diskussion.

Der TBB unterstützt die Solidaritätskampagne ebenfalls und ruft „alle rassismuskritischen Menschen in Berlin dazu auf, an diesem Abend teilzunehmen“. Diesem Aufruf schließen wir uns, die MiGAZIN Redaktion, an – für alle Mely Kıyaks. (red)

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40 Kommentare
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  1. AI sagt:

    Die Dame wurde in Deutschland sozialisiert, sie spiegelt die hiesige Gesellschaftsdebatte wieder. Sie mag sich nicht diplomatisch ausgedrückt haben. Sie leistet vielleicht der allgemeinen Verrohung in den Medien vorschub. Sie tritt aber in die Fussstapfen derjenigen, die diese Debatte erst auf dieses Niveau brachten. Das genau ist der Unterschied zwischen den Onkel Toms und denen die hier Zuhause sind.

  2. Annika Hansen sagt:

    geht es noch ganz wohl? Die Entgleisungen dieser Dame haben bei ihr schon System. Ihre sogenannten Kolumnen strotzen nur so von Beleidigungen und Ausfällen. Doch mit der Sarrazin-Beleidigung ist sie eindeutig zu weit gegangen. Wer Wind säht, wird Sturm ernten , nachzulesen im alten Testament. Das Echo mag teilweise unter der Gürtellinie gewesen sein. Aber es darzustellen, dass die Dame nur mit rassistischen Beleidigungen überschüttet wurde, ist zu einseitig. Sie buhlt nur wieder um Aufmerksamkeit. Ihre Entschuldigung war ein Witz, sie hat sie auch nur benutzt, um wieder einmal ordentlich herumzujammern, wie schlecht und gemein die Welt doch zu ihr ist. Na ja, die Aufmerksamkeit der muslimischen und türkischen Verbände ist ihr gewiss. Aber ob die Deutschen sich einen Dreck um sie scheren ist fraglich. Die Rassismus- und Nazikeule stumpft sich ab und irgendwann hat man nicht einmal mehr ein müdes Lächeln dafür übrig.

  3. MoBo sagt:

    @ Annika Hansen:

    „Doch mit der Sarrazin-Beleidigung ist sie eindeutig zu weit gegangen. (…) Die Rassismus- und Nazikeule stumpft sich ab und irgendwann hat man nicht einmal mehr ein müdes Lächeln dafür übrig.“

    Dann könnte man doch auch bei Sarrazin-Beleidigungen einfach ein müdes Lächeln dafür übrig haben, oder? Ich denke, dass eine Minderheit gegenüber Rassismus stärker geschützt werden muss als eine Medienpersönlichkeit wie Sarrazin vor Beleidigungen.

    „Die Aufmerksamkeit der muslimischen und türkischen Verbände ist ihr gewiss. Aber ob die Deutschen sich einen Dreck um sie scheren ist fraglich.“

    Die Autorin ist selbst Deutsche, warum sollten sich dann nicht „die Deutschen“ für sie interessieren? „einen Dreck“ um sie scheren klingt glatt so, als wünschen sie ihr nichts Gutes. Oder wollen Sie damit eher aussagen, dass Türken sich eher um Dreck kümmern und Deutsche eher sauber sind? Jedenfalls ist die Wortwahl sehr unglücklich.

    Warum sollten sich nur Muslime und/ oder Türken um rassistische Äußerungen scheren? Geht das etwa andere nicht an? Können sich auch nicht-muslimische Deutsche ohne türkischen Migrationshintergrund mit der nicht-Türkin Kiyak solidarisieren ohne ihr Land zu verraten?

  4. pepe sagt:

    Kann mich jemand aufklären? Was war an der Aussage von Mely rassistisch?

    Lol, wenn ein Möchtegernanthropologe ein Buch voll mit irren Fakten und Pseudowissenschaft publiziert und 1.4 Millionen Menschen dieses Buch kaufen und die Hörsaale füllen, wo dieser Pseudowissenschaftler seine lächerlichen Vorträge hält, dann ist das eigentlich in Ordnung, denn schließlich gehört es sich in einem freien Land, die eigene Meinung zu äußern, auch wenn es sich dabei um rassistische Theorien handeln kann. Aber wenn jemand gegen den Aufsteller solcher Theorien wehrt, dann ist das nicht mehr in Ordnung oder wie?

  5. Desire sagt:

    Pepe, sich mit Argumenten und Fakten zu wehren ist in Ordnungn.
    Aber nicht, wenn man keine vorzuweisen hat, beleidigend werden. Das ist armseelig.

  6. ProToleranz sagt:

    Wer wie Frau Mely Menschen mit einem körperlichen Gebrechen als menschliche Karrikatur beschimpft, offenbart ein erschreckend niedriges moralisches Niveau, und zwar egal ob der Adressat der Diffamierung Müller, Maier oder Sarrazin heißt. Geradezu erbärmlich auch die Rechtfertigungsversuche dieser Entgleisung durch MIGAZIN. Frau Mely und das MIGAZIN leisten damit der Integration und Verständigung einen Bärendienst. Offenbar ist es so, dass wenn man keine sachlichen Argumente hat, dann zum Mittel der persönlichen Diffamierung greift.

  7. Cengiz K sagt:

    Jawohl, Frau Kiyak sagt die Wahrheit..

  8. Lutheros sagt:

    Was hat so eine Aussage mit „Wahrheit“ zu tun und mit Meinungsfreiheit?

    In einer Sachdebatte wird einem Gegner sein körperliches Erscheinungsbild vorgeworfen. Und dass nennt ihr Journalismus? Würden sich Sarrazins Aussagen ändern und sie anders sein, wenn er keine körperliche Gebrechen hätte? Was Frau Kiayak veranstaltet ist Geschrei – und keine Auseinandersetzung mit einem Gegner.

    Und als wenn dies nicht schon schlimm genug wäre: Sie bringt die persönlichen Folgen einer Krankheit als Argument in einer Sachdebatte. Und ihr verteidigt dies? Und dann wundert ihr euch, wenn der Stammtisch, der Witze über die Größe von Türken macht, nicht ausstirbt? Schämen solltet ihr euch, soetwas noch zu verteidigen!

  9. pepe sagt:

    Die Doppelmoral einiger Kommentatoren spricht Bände: Wenn Sarrazin Millionen von Menschen als unterentwickelte oder vielmehr als für die Dummheit prädestinierte Kreaturen bezeichnet, dann ist das nicht so schlimm, wie wenn Mely, die ja von Sarrazins Thesen betroffen wurde, sich über Sarrazins physische Mängel lustig macht.

    Meiner Meinung nach ist Melys Artikel nichts als eine Bagatelle, welche erst durch die von Blogs wie PI-News angestiftete Terrorkampagne an Bedeutung gewann.

  10. Annika Hansen sagt:

    @Mobo

    Sarrazin wurde nicht aus der SPD ausgeschlossen und ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft bezüglich der Rassismus- und Volksverhetzungsvorwürfe wurde als gegenstandslos eingestellt. Das sollte man nicht vergessen, bevor man wieder die Keule auspackt, um Sarrazin und seine Befürworter damit zu bearbeiten.

    Die Dame ist also Deutsche, da hat sie aber nicht viel Ahnung von deutscher Geschichte und Verantwortung. Wahrscheinlich hat sie noch nie etwas von der nationalsozialistischen Rassenhygiene und den Nürnberger Rassegesetzen gehört. Geistig und körperlich Behinderte wurden als unwertes Leben betrachtet und getötet. Mit ihrer Aussage über Sarrazin „lispelnde, stotternde, zuckende“ weist sie ausdrücklich auf seine Behinderung hin. Mit der Verwendung von „Menschenkarikatur“ qualifiziert sie ihn als unwertes Leben ab.

    Wenn man sich mit der Dame solidarisiert, dann befürwortet man ausdrücklich ihre Aussagen. Tun Sie das?


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