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Ägypten

Von den Gewinnern der Revolution

Am ersten Tag der Präsidentschaftswahlen in Ägypten ist Kairo eine Stadt der politischen Diskussion. Im Café, beim Einkaufen, auf der Taxifahrt – der politische Diskurs ist allgegenwärtig. Eine Atmosphäre mit Vorbildcharakter für Europa.

VONKatharina Pfannkuch

 Von den Gewinnern der Revolution
Die Autorin hat in Kiel Islamwissenschaft (B.A.) sowie in Leipzig Arabistik (M.A.) studiert und Berufserfahrung u.a. in einer internationalen Kanzlei in Dubai/VAE gesammelt. Seit 2008 arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für Zeitschriften wie die afrikapost, Africa Positive und Arab Forum (v.a. zum Thema Islamic Finance) und hat während ihrer Zeit in Leipzig in der Redaktion der Zeitschrift des Orientalischen Instituts, al-Ain, mitgearbeitet. Momentan promoviert sie zum Thema Islamische Versicherungen im deutschen Rechtsraum.

DATUM24. Mai 2012

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RESSORTAktuell, Ausland

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Ein Donnerstagabend in Kairo – normalerweise sind die lauten und grell beleuchteten Straßen voll von Menschen, die auf dem Weg in eines der vielen Cafés oder Restaurants sind, die sich mit Freunden im Kino treffen oder die einfach durch die Straßen der Stadt flanieren, bevor am Freitag das Wochenende beginnt. Vor allem die Jugend der Stadt ist an diesen Abenden unterwegs.

Doch an diesem Donnerstagabend ist es ruhig im Zentrum von Kairo, nur wenige Menschen spazieren in der Gegend zwischen Tahrir-Platz und Mustafa Kamil-Platz umher. „Gleich geht es los“, sagt Ahmad, Angestellter in einer Wechselstube, und deutet auf den Fernseher, der direkt neben der Kasse steht, „das will niemand verpassen“. Die Rede ist vom ersten TV-Duell in der ägyptischen Geschichte, das sich zwei der verbleibenden Präsidentschaftskandidaten liefern – fünf Stunden lang, live, mit festen Regeln. Zwei Ecken weiter, nahe dem Talaat Harb-Platz, reiht sich ein Café an das nächste. Hier eröffnet sich ein Bild, das man in Europa allenfalls erblickt, wenn Fußballspiele während der WM übertragen werden: In nahezu jedem Café sind Bildschirme aufgebaut worden, vor denen das überwiegend junge Publikum gespannt darauf wartet, dass das Duell beginnt. Politisches Public Viewing – eine ägyptische Erfindung. „So etwas gab es noch nie“, sagt eine junge Frau am Nebentisch. Auch sie ist neugierig darauf, wie Amr Musa, zuvor Generalsekretär der Arabischen Liga und ehemaliger Außenminister unter Hosni Mubarak, und Abdel Moneim Abul Futuh, ehemals Mitglied der ägyptischen Muslimbruderschaft, diese noch nie da gewesene Situation bewältigen werden. Noch während das Duell läuft, werden die ersten Kommentare auf facebook und Twitter gepostet – wer argumentiert überzeugender, wer tritt sympathischer auf?

Auch knapp zwei Wochen nach diesem historischen Fernsehduell, am ersten Tag der Präsidentschaftswahlen, gibt es in der öffentlichen Meinung keinen eindeutigen Sieger. Der zweite Blick jedoch offenbart gleich mehrere Gewinner, die ihren Sieg nicht nur aus dieser historischen Fernsehdebatte davontragen. Von den Demonstrationen im Januar des vergangenen Jahres, die zum Rücktritt Hosni Mubaraks am 11. Februar 2011 führten, über die Parlamentswahlen im Frühjahr 2012 und dem – für das westliche Publikum überraschenden – Erfolg der islamistischen Parteien bis hin zur gegenwärtigen, in höchstem Maße politisierten Atmosphäre in Ägypten: All diese Entwicklungen sind Ergebnisse vom Willen zur politischen Partizipation, von Einsatzbereitschaft, von Lernfähigkeit, von Mut zur Veränderung, von Begeisterung an der politischen Diskussion – sie sind Ergebnisse gelebter Demokratie. Nicht nur die ägyptische Bevölkerung geht nach jahrzehntelanger Unterdrückung als Sieger aus den Entwicklungen seit der Revolution hervor, auch die europäischen Gesellschaften könnten ein Gewinner der Umbrüche am Nil sein – wenn sie zu Selbstreflexion und Empathie bereit sind.

Die europäische Öffentlichkeit neigt dazu, sich ihrer demokratischen Natur so gewiss zu sein, dass sie die langwierigen Kämpfe um demokratische Strukturen, die über Jahrhunderte ausgefochten wurden, gerne ausblendet. Das eigene Modell, die eigenen Maßstäbe und die eigenen Konnotationen von Begriffen wie Demokratie, Säkularismus und Laizismus werden herangezogen, um so genannte Demokratisierungsprozesse in anderen Gesellschaften zu bewerten. Dies ist auch im Falle Ägyptens nicht anders. Dabei bleiben die Analysten und Experten oft an der Oberfläche und bewerten das, was offensichtlich ist: Wie viele Parteien wurden seit der Revolution gegründet, wie groß ist der Zulauf der islamistischen Bewegungen, wie viele Frauen spielen eine Rolle in der politischen Öffentlichkeit? Es sind Fragen wie diese, auf die der westliche, sich seiner der Aufklärung und des Humanismus verpflichteten Sozialisierung gewisse Beobachter keine zufriedenstellenden Antworten findet, wenn er die Oberfläche der gegenwärtigen politischen Landschaft Ägyptens betrachtet.

Doch unter dieser Oberfläche verbergen sich Antworten – diese sind teils widersprüchlich, teils überraschend. Der deutsch-ägyptische Publizist Hamed Abdel-Samad hat vor Kurzem in einer so knappen wie beeindruckenden Rede anlässlich der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises an das deutsche Publikum appelliert, mehr Empathie bei der Betrachtung der Entwicklungen in Ägypten aufzubringen. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn das Blickfeld erweitert wird. Empathie kann erst dann aufgebracht werden, wenn auch solche Stimmen Gehör finden, die die gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche, die sich innerhalb Ägyptens vollziehen, benennen.

Stimmen wie jene der Aktivistin Mona Prince, die den gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf mit einer entwaffnenden Klarheit als Farce abtut, sich aber gleichzeitig auf ihre eigene Präsidentschafts-Kandidatur für die kommenden Wahlen vorbereitet. Auf der Dachterrasse eines Restaurants mitten in Kairo schildert die junge dynamische Frau mit lauter und heiserer Stimme ihre Sicht der Lage. Während sie ihre Zigarette ausdrückt und nach ihrem Glas Wein greift, erklärt Mona Prince etwa, dass sie den Erfolg der islamistischen Parteien bei den Parlamentswahlen für eine positive Entwicklung hält, obwohl die Agenda der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit sowie der Partei des Lichts ihrer persönlichen Meinung komplett widerspricht: „Die Menschen lernen daraus – sie sind unzufrieden mit der Partei, die sie gewählt haben und spüren so zum ersten Mal ihre eigene Verantwortung für die Zukunft ihres Landes. Das ist Demokratie!“ Trotz solcher Rückschläge im Demokratisierungsprozess Ägyptens lässt sich die Aktivistin ihren Optimismus und ihre Begeisterung für die Revolution nicht nehmen.

Auch die Stimme von Adel Saad Amiri, einem koptischen Schriftsteller, verdient Gehör, um das Ausmaß der gesellschaftlichen Veränderungen in Ägypten zu erfassen. Der ältere Herr spricht leise und bedacht, wenn er schildert, wie sich die inoffizielle Zensur jahrzehntelang auf die ägyptische Gesellschaft ausgewirkt hat: „Die Menschen wurden nicht als Erwachsene wahrgenommen, sondern wie Kinder behandelt. Nicht sie trafen die Entscheidung, was sie lesen, hören oder sehen sollten, sondern der Staat. Über allen schwebte immer die große Vaterfigur Mubarak“. Nun müssten sich die Ägypter langsam daran gewöhnen, dass sich ihre Emanzipation durch alle Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens zieht. „Netzwerke wie facebook erleichtern und beschleunigen diese Entwicklung ungemein“, sagt Amiri. Der Sechzigjährige ist selbst ein aktiver Nutzer des Netzwerks. Doch auch Amiri, der die Revolution als positives und identitätsstiftendes Ereignis wahrgenommen hat, benennt Rückschläge: „Seit den Zusammenstößen zwischen Militär und Kopten in Maspiro im vergangenen Oktober, bei denen fast 30 Kopten ums Leben kamen und mehrere hunderte verletzt wurden, fühle ich mich zum ersten Mal in meinem Leben als Kopte in Ägypten nicht mehr sicher“. Stimmen wie diese sind es, die deutlich machen, wie komplex das post-revolutionäre Ägypten ist – nicht nur für den Beobachter, sondern auch und gerade für jene, die in diesem Ägypten, das sich gerade neu erfindet, leben und die es gestalten. Und Stimmen wie diese sind es, die man in Kairo überall hören kann – vom Taxifahrer über die Putzfrau bis hin zur Studentin – sie alle haben eine Stimme, und sie alle haben etwas zu sagen.

Wer genau hinhört, der erkennt die Gewinner der vor einem Jahr begonnenen Revolution: Es sind die Ägypter, die genug Geduld, Energie und Optimismus aufbringen, um weiterhin für ihre ganz eigene Version von Demokratie zu kämpfen. Die Ägypter, die schon jetzt ein Vorbild für die jungen, politikverdrossenen Bevölkerungsschichten Europas sind. Die Ägypter, die gezeigt haben, dass sie den politischen Willen der Mehrheit durchsetzen konnten, ohne dabei ideologische Hilfe der vermeintlichen Pächter der Demokratie annehmen zu müssen. Und auch die Europäer können gewinnen – wenn sie sich vom politischen Bewusstsein, vom Mut und vom Durchhaltevermögen der Ägypter inspirieren lassen und wenn sie in der Lage sind, Anerkennung aufzubringen für das, was mutige Menschen in Ägypten vor einem Jahr geleistet haben und was die Ägypter noch immer Tag für Tag leisten.

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