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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

EU-Beitrittsprozess der Türkei

Frankreich: Das Tor nach Europa

Die Zeit des größten Beitrittsgegners in Europa Nicolas Sarkozy ist vorüber. Der EU-Beitritt der Türkei kommt nun mit der Übernahme der französischen Präsidentschaft durch den Sozialisten François Hollande ein Schritt näher.

VONHakan Demir

Ist seit Februar 2011 Redakteur beim MiGAZIN. Er studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Trier.

DATUM24. Mai 2012

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RESSORTAktuell, Ausland

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Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte bei seinem Amtsantritt 2007 lautstark verkündet, dass die Türkei nicht zu Europa gehört und seitdem eine entsprechende Politik gegen sie verfolgt. Während seiner Amtszeit stiegen überdies die Umfragewerte in Frankreich gegen einen EU-Beitritt der Türkei auf 70 Prozent.

Änderung der französischen Außenpolitik?
Doch nun könnte alles anders kommen: Der sozialistische Präsident François Hollande scheint eine „gemütliche“ Person zu sein, wenn man dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül glaubt. Gül und Hollande trafen sich am Rande des NATO-Gipfels in Chicago. Nach Berichten der türkischen Ausgabe von „Euractiv“ soll Gül den französischen Präsidenten Hollande gefragt haben, welchen Sinn die Blockade des Beitritts der Türkei für Frankreich habe. Obwohl über die Antwort von Hollande nichts veröffentlicht wurde, glaube ich sie zu kennen: Es macht überhaupt keinen Sinn!

Gute wirtschaftliche Beziehungen
Denn beide Staaten unterhalten gute wirtschaftliche Beziehungen und hatten im vergangenen Jahr ein Handelsvolumen von fast zwölf Milliarden Euro. Darüber hinaus sind mehr als 350 französische Unternehmen in der Türkei und tragen dort maßgeblich zum wirtschaftlichen Wachstum bei. Außerdem fordern Seit Jahren der französische Arbeitgeberverband MEDEF und die türkische TÜSIAD den Beitritt der Türkei, doch leider stießen sie bislang auf taube Ohren.

Dabei geben die Beziehungen zwischen der Türkei und Frankreich auch in politischen Angelegenheiten wenig Anlass zu Besorgnis, wenn man denn die Armenier-Problematik lösen könnte. Denn unter Sarkozy versuchte Frankreich mehrmals vergeblich, die Leugnung des Genozids an den Armeniern unter Strafe zu stellen und sorgte damit für diplomatische Verstimmungen zwischen beiden Staaten.

Mit einem Sozialisten an der Macht kann die Türkei nun eine offenere, vorurteilsfreie Politik erwarten. Hollande hatte bereits bei der Verkündung seines Kabinetts seine kulturelle Offenheit und Weitsicht bewiesen, als er fünf Ministerien mit Franzosen mit Migrationshintergrund besetzte.

Es bleibt zu hoffen, dass unter Hollande Frankreich seine Blockadepolitik gegenüber der Türkei aufgibt, sodass sie, ebenso wie die mittel- und osteuropäischen Staaten zuvor, endlich eine faire Möglichkeit des Beitritts erhält.

Andere EU-Mitglieder könnten dem Beispiel Frakreichs folgen. Denn das Land besitzt genug Macht, andere Mitglieder von seinem Standpunkt zu überzeugen.

Angesichts der wirtschaftlichen Rezession in vielen EU-Mitgliedern stellt die Türkei mit ihrem stetigen wirtschaftlichen Wachstum und günstiger demographischer Struktur eine angenehme Zukunftsperspektive dar. Man muss jetzt nur noch lernen, dies zu erkennen.

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4 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Per Lennart Aae sagt:

    Nur zwei kurze Hinweise:

    Sehr geehrter Herr Demir, es heißt in Ihrem Artikel:

    „Angesichts der wirtschaftlichen Rezession in vielen EU-Mitgliedern stellt die Türkei mit ihrem stetigen wirtschaftlichen Wachstum und günstiger demographischer Struktur eine angenehme Zukunftsperspektive dar. Man muss jetzt nur noch lernen, dies zu erkennen.“

    Die wirtschaftliche Rezession in den südlichen EU-Ländern hat nicht ihre Wurzeln in der ursprünglichen eigenen nationalen und regionalen Soziökonomie, sondern gerade im EU-Wahn und ganz allgemein in einem hemmungslosen Globalismus. Das Gleiche gilt für die KOMMENDE Rezession in Deutschland, dann nämlich, wenn die trügerische Illusion einer ständigen Expansion und dauernder (ökonomisch unsinniger) Exportüberschüsse verflogen ist. Soll diese Illusion nun durch die Aufnahme der Türkei in die EU noch mehr Nahrung erhalten – und das unvermeidliche Ende womöglich noch dicker werden?

    „Günstige demographische Struktur“, die auch für uns eine „angenehme Zukunftsperspektive“ biete? Sie unterstellen offenbar, daß die jungen, gut ausgebildeten Menschen aus der Türkei verstärkt nach Deutschland kommen werden, wenn dieses Land Mitglied in der EU ist. Sie sprechen aber von einem Land, das mehr als zweieinhalb mal so viel Fläche pro Einwohner hat als Deutschland (*) und angesichts seines „stetigen wirtschaftlichen Wachstums“ sicherlich gerade seine talentierten und gut ausgebildeten jungen Menschen dringend selbst braucht. Ist Ihnen das bewußt?

    Per Lennart Aae

    P.S. Gute Fläche, keine Wüste! Ich habe die meisten Teile der Türkei mit dem Fahrrad bereist.

  2. Krupunder sagt:

    Dass die Menschen in Europa mit großer Mehrheit gegen einen EU Beitritt der Türkei sind, das ist Ihnen sicherlich recht egal, oder?

  3. andres sagt:

    Das globale Wirtschaftsschneeballsystem mal ordentlich aussen vor gelassen, sollte auch die Türkei angesichts ihrer Größe und Bedeutung genau überlegen was sie eigentlich will.
    Ein Beitritt zur EU wäre nur von politischer Bedeutung und nicht von wirtschaftlicher, mal von evtl. Strukturhilfen abgesehen.
    Mir geht es hier zuviel um emotionale Gründe, wie die Suche nach einer Heimat und Geborgenheit, als um sachliche Fakten, die ein dauerhaftes Zusammengehen ermöglichen.
    Das betrifft nicht nur die Türkei, sondern auch die EU in ihrer jetzigen Form.
    Ein Kontinent, der glaubt durch Investitionen aus dem Ausland, eine Supermacht darstellen zu können, ist über die Pubertätsphase nicht mal annähernd herausgekommen und das gilt auch für die Möchtegernsupermacht Türkei.
    Mit diesem ideologischen Brei wird das nichts mit der EU, ob nun mit der Türkei oder ohne!
    Schluss mit solchem Schmarrn, wie die jugendliche türkische Bevölkerung, die andere Länder entweder sozial durchfüttern oder kostenlos ausbilden darf und von denen sich die Türkei die Rosinen rauspickt nur weil die meisten Türken zwar in Europa die weltoffene Toleranz anprangern, aber selber ihren provinziellen Kulturgewohnheiten fröhnen.
    Dieses europäische „wir sind alle Freunde aber eigtl. Egoisten, drücken uns nur freundlich aus“ bringt die EU zum bersten und ist der Hauptgrund für die momentane Krise!
    Schluss damit!
    Das ist kein Essay gegen Türken im allgemeinen, sondern gegen die pubertäre Herangehensweise an europäische Themen.

  4. Sanne sagt:

    @andres:
    Zu Ihrem Kommentar „Schluss mit solchem Schmarrn, wie die jugendliche türkische Bevölkerung, die andere Länder entweder sozial durchfüttern oder kostenlos ausbilden darf und von denen sich die Türkei die Rosinen rauspickt „.
    Solche Leute wie Sie vergessen gerne den großen Beitrag der „Gastarbeiter“, die das Nachkriegs-Deutschland mit aufgebaut haben zum Teil unter grober Mißachtung von Arbeitsschutz-Maßnahmen (Günther Wallraff läßt grüßen). Mein Vater ist mit gerade 48 Jahren einem Krebsleiden erlegen, welches ganz eindeutig auf diese Verhältnisse zurückzuführen ist.
    Ich selbst und viele meiner Mitschüler mit Migrationshintergrund bekamen in der Schule Steine in den Weg gelegt wo es nur ging.
    Man wollte uns lieber als Arbeiter, nicht als Akademiker. Viele meiner Leidensgenossen, die ihr Abitur und Hochschulabschluß geschafft haben leiden heute noch psychisch unter diesem systematischen Mobbing.
    Und dann kommen Leute wie Sie mit, die solchen Schmarrn von sich geben.
    Haben Sie sich jemals gefragt, weshalb ausgerechnet die gut ausgebildeten jungen Migranten aus Deutschland fliehen? Und weshalb kein gut ausgebildeter Mensch nach Deutschland kommen will – sei es zum Studieren oder Arbeiten? Dann denken Sie mal scharf nach!

    Mit freundlichen Grüßen



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