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Migration und Integration in Deutschland

Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren.

Hessischer Integrationsminsiter Jörg-Uwe Hahn (FDP), Frankfurter Neue Presse, 7.2.2013

Mikrozensus 2010

Fast jede Dritte Familie mit Migrationserfahrung

Fast jede Dritte Familie in Deutschland hatte im Jahr 2010 einen Migrationserfahrung – sie leben in großen Städten, haben mehr Kinder und weniger Geld als Familien ohne Migrationserfahrung.

Familien mit Migrationserfahrung gehören in Deutschland längst zum Alltagsbild. Im Jahr 2010 lebten 2,3 Millionen Familien mit Kindern unter 18 Jahren, bei denen mindestens ein Elternteil ausländische Wurzeln hatte. Gemessen an allen 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern entspricht dies einem Anteil von 29%. Gegenüber dem Jahr 2005 hat sich der Anteil der Migrationsfamilien damit um 2 Prozentpunkte erhöht.

Laut Mikrozensus leben sie überwiegend im Westen Deutschlands: Der Anteil der Migrationsfamilien an allen Familien lag im Jahr 2010 im früheren Bundesgebiet mit 32% mehr als doppelt so hoch wie in den neuen Ländern (einschl. Berlin) mit 15%. Die tiefere regionale Gliederung zeigt, dass Familien mit Migrationserfahrung überdurchschnittlich oft in Ballungsgebieten leben. So liegt ihr Anteil in Großstädten ab 500.000 Einwohnern bei 43%. Dagegen hat in kleinen Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern nur rund jede 8. Familie (12%) einen Migrationserfahrung.

Vielfalt deutlich sichtbar
Den größten Anteil der Migrationsfamilien machen mit 21% die Familien aus, in denen mindestens ein Elternteil einen türkischen Migrationserfahrung hat. Zugewanderte Familien aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter überwiegend Spätaussiedler, bilden mit 16% die zweitgrößte Gruppe. Es folgen die Familien mit Wurzeln auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien (9%) sowie aus den ehemaligen südeuropäischen Anwerbeländern Portugal, Spanien, Italien und Griechenland (8%).

Ungeachtet der Heterogenität und Vielfalt der Migrationsfamilien sowie der damit verbundenen unterschiedlichen Prägungen stellt man allerdings einige wesentliche Unterschiede fest, wenn man Familien mit und ohne Migrationserfahrung miteinander vergleicht.

Ehe hoch im Kurs
So ist die traditionelle Familienform der Ehepaare unter den Migrationsfamilien mit 80% deutlich stärker verbreitet als unter den Familien ohne Migrationserfahrung (69%). Nur 14% der Familien mit Zuwanderungsgeschichte waren alleinerziehende Mütter und Väter (ohne Migrationserfahrung: 21%). Weitere 5% waren Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern (ohne Migrationserfahrung: 10%).

Familien mit Migrationserfahrung haben häufiger 3 und mehr Kinder
Unterschiede zeigen sich auch beim Vergleich der Familien mit und ohne Migrationserfahrung hinsichtlich der Kinderzahl: In Familien mit Zuwanderungsgeschichte leben häufiger drei und mehr minderjährige Kinder im Haushalt als in Familien ohne Migrationserfahrung. So betreuten im Jahr 2010 rund 15% der Familien mit Migrationserfahrung drei und mehr minderjährige Kinder. Dieser Anteil betrug bei den Familien ohne Migrationserfahrung nur 9%.

Unabhängig vom Migrationsstatus überwiegen die Familien, die nur ein im Haushalt lebendes minderjähriges Kind versorgten. Der Anteil lag bei den Familien mit Migrationserfahrung allerdings niedriger (47%) als bei den Familien ohne Migrationserfahrung (55%).

Mehr Kinder, weniger Geld
Trotz durchschnittlich mehr Familienmitgliedern haben Migrantenfamilien häufiger ein niedrigeres Familiennettoeinkommen als Familien ohne Migrationserfahrung. Während im Jahr 2010 mehr als die Hälfte (62%) der Familien mit Migrationserfahrung mit weniger als 2 600 Euro im Monat auskommen mussten, waren es bei den Familien ohne Migrationserfahrung nur 44%. Insbesondere in der Einkommensklasse von 1 300 bis 2 600 Euro lag bei den Familien mit Migrationserfahrung der Anteil deutlich höher (49%) als bei den Familien ohne Migrationserfahrung (33%). Umgekehrt waren die Anteile der Familien ohne Migrationserfahrung in den beiden oberen Einkommensklassen höher als bei den Familien mit Migrationserfahrung.

Dementsprechend sind Migrationsfamilien deutlich häufiger auf Transferzahlungen zur Finanzierung des überwiegenden Lebensunterhalts angewiesen als Familien ohne Migrationserfahrung. Für 17% der Familien mit Migrationserfahrung stellten im Jahr 2010 staatliche Transferzahlungen die Haupteinkommensquelle dar. Bei den Familien ohne Migrationserfahrung lag dieser Anteil mit 8% nur etwa halb so hoch. Generell ist jedoch festzustellen, dass sich auch die Migrationsfamilien in der überwiegenden Mehrzahl (79%) hauptsächlich über ihre eigene Erwerbstätigkeit finanzieren (Familien ohne Zuwanderungsgeschichte: 88%).

Erwerbsbeteiligung
Arbeit und Karriere auf der einen, Familienleben und Kinderbetreuung auf der anderen Seite: beides miteinander zu verbinden, stellt für viele Eltern – unabhängig von ihrem Migrationsstatus – eine besondere Herausforderung dar. Nachfolgend werden nur Familien mit Vater und Mutter im erwerbsfähigen Alter und jüngstem Kind unter 15 Jahren betrachtet, da ältere Kinder in der Regel kaum mehr auf häusliche Betreuung angewiesen sind.

Während bei 59% der Paarfamilien ohne Migrationserfahrung beide Elternteile, also sowohl der Vater als auch die Mutter, aktiv erwerbstätig waren, traf das lediglich auf 39% der Paare mit Migrationserfahrung zu. Bei ihnen war die eher „traditionelle Rollenverteilung“ – das heißt ausschließlich der Vater geht einer beruflichen Tätigkeit nach – mit 40% deutlich häufiger verbreitet als bei den Paarfamilien ohne Migrationserfahrung (28%). Fast doppelt so hoch war bei den Paaren mit Migrationserfahrung der Anteil derjenigen Paare, bei denen sich weder Mutter noch Vater am Erwerbsleben beteiligten (15% gegenüber 8% bei den Paaren ohne Migrationserfahrung).

Wenn beide Partner einer Erwerbstätigkeit nachgehen, zeigten sich im Jahr 2010 beim Umfang der Erwerbsbeteiligung nur relativ geringfügige Unterschiede in Abhängigkeit vom Migrationsstatus: Auch bei den Paaren mit Migrationserfahrung war die Vollzeittätigkeit des Vaters in Kombination mit einer Teilzeittätigkeit der Mutter mit 69% der Fälle das mit Abstand häufigste Modell (Paare ohne Migrationserfahrung: 72%). Bei 23% der Paare – ob mit oder ohne Migrationserfahrung – waren beide Partner vollzeittätig. Die übrigen Konstellationen spielten für Paare mit und ohne Migrationserfahrung nur eine untergeordnete Rolle. (hs)

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Ein Kommentar
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  1. Reibebecher sagt:

    @ Redaktion

    Ich gehe davon aus, das ich die Zahlen dieses Mikrozensus im Net finde, und werde mich damit beschäftigen. Eine Vorabfrage: Wird bei diesem Zahlenmaterial nach Herkunftsland/Gruppe/Mig-Hintergrund aufgesplittet ?
    Denn nur so läßt sich ein differenziertes Bild erstellen. WENN ja, warum wurde das hier bei Migazin dann nicht projeziert ?



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