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Migration und Integration in Deutschland

Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979
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Brückenbauer

Geht mir nicht auf’n Sack!

Habe lange überlegt, wat für’n Thema ich wohl bearbeiten sollte. Dann ist mir ständig der Gedanke „Geht mir nicht aufn Sack!“ durch den Kopf gegangen, und nu hab ich ne Überschrift. Besser geht´s leider nicht.

VONArmin Suceska

 Geht mir nicht auf’n Sack!
Der Autor ist 1981 in Herdecke geboren und in Wetter aufgewachsen. Als Sohn bosnischer Gastarbeiter hat er nach seinem Abitur u.a. als „militärischer Sprachmittler“ der Bundeswehr am S-FOR Einsatz in Bosnien teilgenommen. Sein Diplom in den Sozialwissenschaften hat er 2008 an der Ruhr Universität Bochum erhalten. Momentan arbeitet er als Coach in einem Wittener Unternehmen. Auf kommunaler Ebene ist er ehrenamtlich tätig in seiner Gemeinde als Sekretär und als gewählter Vertreter des Wittener Integrationsrats. Darüber hinaus ist er Vorstandsmitglied des Dachverbands der bosnischen Gemeinden in Deutschland (IGBD) und dessen Vertreter in NRW. Er schreibt für das Forum der Brückenbauer, ein multieth- nisches und multikonfessio- nelles Netzwerk von Führungskräften aus Migrantenverbänden, die sich in vielen Kommunen, auf Länder- und Bundese- bene für Integration engagieren. Hervorgegang- en ist das Forum aus dem Teilnehmerkreis des Leadership-Programms der Bertelsmann Stiftung für junge Führungskräfte aus Migrantenorganisationen. Das Forum versteht sich als visionärer, multiperspekti- vischer Impulsgeber zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der allen Menschen klar ist: „Es geht um die eine Gesellschaft, in der wir alle leben! Es geht um unsere gemeinsame Zukunft!“

DATUM3. Mai 2012

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Doch wer geht mir aufn Sack, vor allem womit? Ich bin ja froh, dass dies kein Baseballschläger ist oder ein Fußball oder nur Fuß. Es sind eher die Themen, die ich regelmäßig mitkriege, die gehen mir mächtig aufn Sack. Themen, die sich angeblich mit der Integration von Personen mit Migrationshintergrund beschäftigen.

Mir geht schon aufn Sack, dass es „mit Migrationshintergrund“ heißt. Dabei redet man fast immer von Muslimen. Gibt endlich Butter bei den Fischen und sacht doch einfach die Muslime. Habe nie mitbekommen, dass jemand über Franzosen oder Spanier spricht. Und die Italiener hält man, wenn man sie nicht reden hört, oft für wat Südländisches, „Marroks oder sowat.“ Zumindest bei den Kalabresen, die ich kenne.

Weiter geht mir aufn Sack, dass egal wie gut ich ne Aussage wissenschaftlich belege, diese von Stammtischtypen einfach wechgewischt wird und vom noch dümmeren Publikum beklatscht wird. Am liebsten würde ich dem Publikum dies mit gleicher Münze heimzahlen. Doch dann würde es wieder heißen „gewalttätiger Muslim“.

Mir geht auch aufn Sack, dass ich meine Religion erklären muss. Nicht wenn einer mal höflich fragt, dem antworte und erläutere ich mein Tun gerne. Aber nicht wenn jedes beschissene Jahr mich die gleichen Typen und Typinnen auf mein Fasten anhauen. Am liebsten würd ich sagen, dat sie mir damit nicht mehr aufn Sack gehen sollen. Doch dann erinnere ich mich, dat Geduld der wahre Weg eines Muslims ist und halte mich zurück.

Oh mein Gott, da fällt mir auch das Essen ein. Mir geht es extrem aufn Sack, wenn dat Thema Essen aufkommt und die Leute einfach zu dämlich sind, einfachste Sachen zu verstehen. Da heißt es dann z.B. „Inna Kantine jibbet heute lecker Schwein. Kommste mit?“ oder „Gemischtes Hack darfste doch? Wa? Is ja halb Rind“ oder „Das bisschen Schwein dazwischen sieht doch keiner“. Leute, geh mir einfach nicht aufn Sack!

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass nicht alle unsere Mitbürger so dämlich sind. Ich denke da an meine Jungs (Italiener, Spanier, Griechen, Portugiesen, Schotten, Kroaten und so einige BioDeutsche). Die wissen wie man mit uns Muslimen umgehen muss und wir, wie mit ihnen umzugehen ist. So würde keiner von denen solche Fragen stellen. Die gratulieren auch regelmäßig zu Bajram, der Schotte mit nem „Happy Bajram“. Aber dies ist wahrscheinlich der Gettoisierung geschuldet; meine Gegend war die Schwarzkopfhochburg der Stadt. Daher finde ich die Geschichte mit MultiKulti auch sehr amüsant: in jener Gegend ging dies perfekt, trotz babylonischer Sprachverhältnisse. Nur mit den BioDeutschen, da klappt es nicht so. Weshalb wohl?

Aber das ist auch ein Thema dat mir voll aufn Sack geht. Sprache ist der Schlüssel zur Bildung, der Schlüssel zur Integration. Labbert doch keinen Scheiß! Wenn dem so wäre, hätte Özil nicht den Integrationspreis erhalten dürfen. Derjenige ist integriert der für Deutschland unterwegs ist, dann kann er auch ruhig Probleme beim Ablesen haben. Die Balkanboxer haben die Lunte gerochen und heißen Huck und Sturm. Das gefällt dem Deutschen, die sind integriert. Und im Publikum wundern sich die deutschen Zuschauer wenn plötzlich Dino Merlins Lied erschallt.

Was mir aber so richtig aufn Sack geht ist die Aussage „dreckiger Ausländer“. Auch hier ist eigentlich der Muslim gemeint. Diese Bezeichnung hörte ich beim Bund regelmäßig von meinen Kameraden. Wir konnten uns einigen, dass ich sie im Gegenzug „dumme Nazis“ nennen durfte. „Dreckiger Ausländer“… Schon in der Schule waren es immer die Schwarzköpfe die nachm Pissen sich die Hände gewaschen haben. Dies hat sich während der ganzen Schulzeit, beim Bund und während des Studiums wiederholt. Vielleicht ist dies so ne Ausländersache, das Händewaschen. Vielleicht weil wir so dreckig sind? Dies war auch wohl der Grund dafür, dass sich immer alle Schwarzköpfe nachm Sport unter die Duschen gestellt haben und die Deutschen nicht. Oder gab es da wat zu verbergen?

Wat mir auch noch aufn Sack geht, ist dieses ständige Gelabber von „aber in muslimischen Ländern wie in der Türkei…“. Diese Vergleiche. Oh Mann, gehen die mir aufn Sack… Wieso vergleicht man andere Länder mit Deutschland? Wie kommt man auf so n Scheiß? Mir geht es am Arsch vorbei wie etwas in einem anderen Land geregelt wird. Ich kann nur hier wählen, nur hier Einfluss nehmen. Was andere Regierungen mit ihren Völkern tun, geht mir genauso am Arsch vorbei wie es den deutschen Regierungen immer am Arsch vorbei gehen wird. Daher geht mir nicht aufn Sack mit Ländern, die ihr nicht mal auf der Karte finden könnt.

Ach, ich will nicht meine Muslime vergessen. Da jibbet auch n Haufen, der mir aufn Sack geht. Vor allem die Supergläubigen. Wir Bosnier haben auch so einige, die ihre Hose hochkrempeln, wie es einst L.L. Cool J. gemacht hatte. Brüder, von denen viele einst gesoffen haben und nu zum Licht geleitet wurden. Quatscht mich nicht voll von eurer Sicht, solange ich Muslim bin mache ich es wie Usher in „My Way“.

Und in diesem Zusammenhang fällt mir die Koran-Verteil-Aktion ein. Und hier gehen mir nicht die Jungs aufn Sack, die diesen verteilt haben, sondern eher die Medien, die ihnen die Plattform gegeben haben. So dämlich. Auch das dies noch auf der Islamkonferenz thematisiert wurde. Tse.

Wo wir schon dabei sind, die geht mir auch noch aufn Sack. Wat soll das werden? Eine Ansammlung von Personen, die alle auf ein Foto wollen? Glaubt wirklich jemand, dass die Basis wat davon mitkriegt? Dat einzig gute an der DIK war die neulich abgegebene Erklärung: gegen häusliche Gewalt und Zwangsheirat. Da können ja die bosnischen Männer endlich mal aufatmen.

Ich hab das Gefühl, dass ich hier noch so einiges auflisten könnte. Erschreckend. Meine Sichtweise mag sehr subjektiv, sogar sehr pauschalisierend sein, aber auf Objektivität lege ich keinen Wert mehr, das können andere tun. Und mit meiner subjektiven Wahrnehmung möchte ich abschließend der besten Fußballmannschaft Deutschlands zur Titelverteidigung gratulieren.

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11 Kommentare
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  1. Sugus sagt:

    Was mir permanent auf den Sack geht, ist die Verdrehung der Wirklichkeit;
    diejenigen, die sich nach dem Sport nicht geduscht haben, waren in meiner Klasse die Ausländer, von wegen „Schamgefühl“ und so.

  2. Optimist sagt:

    Cooler Beitrag!!! Mir geht es ganz ähnlich. Ich bin auch über den Punkt hinaus, daß ich mich noch für irgendwas rechtfertigen würde. Die ganzen sinnlosen, diffamierenden Aussagen und Einstellungen gehen mir voll aufn Pin. Mittlerweile hat es bei mir dazu geführt, daß ich kaum noch an neuen Freundschaften mit Bio-Deutschen interessiert bin, weil ich keine Lust habe, mich für irgendwas zu rechtfertigen oder dämliche und unnütze Diskussionen zu führen. Immer wieder Vorurteile auf niedrigstem Niveau, da hat man irgendwann keine Lust mehr drauf. Unter „meinesgleichen“ muss ich mich für nichts rechtfertigen und kann einfach so sein, wie ich bin. Oh, da reden manche plötzlich wieder über Parallelgesellschaften. Mir doch egal, ich verbringe meine Freizeit lieber mit Menschen, die keine Unterschiede zwischen Nationalitäten usw machen und mich in ihrer Gesellschaft so aufnehmen, wie ich bin.

  3. Albrecht Hauptmann sagt:

    „Mittlerweile hat es bei mir dazu geführt, daß ich kaum noch an neuen Freundschaften mit Bio-Deutschen interessiert bin“

    Ich bin schon lange ein Befürworter von Segregation und Parallelgesellschaft. Wozu dieses Vermischenwollen? Jede Sau frisst aus ihrem Trog, sagte meine Großmutter immer. Belassen wir es doch einfach dabei, wäre das nicht toll?

  4. Andreas Scholz sagt:

    Boah glaubse? Tegtmeier is echt schon viel zu lange tot.

  5. Zensus sagt:

    Ich möchte Optimist Recht geben. Jeder sollte seine Zeit dort verbringen, wo er sich wohlfühlt. Das ganze Gequatsche von Integration und Teilhabe ist doch reines Politikergewäsch.
    Dieses „Aufdensackgehen“ beruht auf Gegeneseitigkeit, es ist wie der Bosnier gesagt hat. So what?
    Jedem seine Welt, finde ich gut.

  6. Murat Ö. sagt:

    Weltklasse! Der Artikel spricht auch mir aus der Seele. Ich hab einfach die Schnauze voll über Themen sprechen zu müssen, die mich einfach nicht tangieren. Integration, Multikulti, Deutsch-Türke… das sind mittlerweile alles Unworte für mich, die ich nicht mehr hören kann (will). Ich bin nicht integriert, ich war schon immer so! Multikulti ist real und darüber diskutier ich nicht! Deutsch-Türke? Ich bin Türke mit nem deutschen Pass! Thats it…
    Mehr hat niemanden, die nicht aus meinem näheren Umfeld stammen und mich persönlich kennen, zu interessieren! Weder meine Gesinnung, noch meine Herkunft, noch meine Religion. Und das gilt im Übrigen nicht nur für BioDeutsche, sondern auch für die mittlerweile sich anhäufenden „Elite-Kanacken“ und „Über-Moslems“, die mich in ihrem Sinne integriert wissen wollen! Geht mir nicht aufn Sack!

  7. Armin sagt:

    Liebe Leser,

    ich bin überrascht und erfreut. Die Kommentare hier und in einem sozialen Netzwerk sind überwiegend positiv. Bin von wat anderem ausgegangen. Das ich hier pauschalisiere, generalisiere und überspitzt die Sachen wiedergebe ist mir klar, dies tat ich auch bewusst. Mich überraschte nur, dass anscheinend viele Migranten so denken (beziehe ich auf die Rückmeldungen). Ansonsten kann ich mich den meisten Kommentatoren hier anschließen: jedem das Seine (mir das meiste 🙂 )

    beste Grüße ausm Pott
    Armin

  8. Songül sagt:

    Lieber Armin,

    Gratulation! Der Artikel verlangt nach einer persönlichen Premiere: meinem ersten Kommentar im Netz.

    Kann mich jedem Punkt nur anschließen: Mir geht es auch tierisch auf den …..uuups

    Es scheint, ich kann mich nur zu 99% anschließen.

    P.S.: „Da können ja die bosnischen Männer aufatmen“ fand ich besonders gut.

  9. Fab sagt:

    „Mir geht es am Arsch vorbei[,] wie etwas in einem anderen Land geregelt wird. Ich kann nur hier wählen, nur hier Einfluss nehmen. Was andere Regierungen mit ihren Völkern tun, geht mir genauso am Arsch vorbei[,] wie es den deutschen Regierungen immer am Arsch vorbei gehen wird.“

    Sehr geehrter Herr Suceska, ist das jetzt ein implizites Argument gegen „Mehrfachstaatsbürgerschaften“?

    Im Übrigen: „Geht mir nicht auf’n Sack!“-Attitüden können durchaus zur Bequemlichkeit führen, die daraufhin Unwissenheit sprießen lassen könnte, womit Sie sich dem Typus, der wohl nicht auf eine bestimmte mehr oder weniger ethnische Gruppe festgelegt ist, nähern würden, dem Sie es so übel nehmen, dass er Ihnen laufend Hackfleisch empfiehlt. Herzlichen Glückwunsch, das ist auch eine Art Blaupause zur Integration.

  10. Merowinger sagt:

    Wenn man etwas will z.B sich integrieren, dann schafft man es auch!Der Wille ist entscheidend.
    Thema Schweinefleisch:
    Letztes Jahr gab es in der Grundschule meines Sohnes ein Grillevent.
    Dort haben sich die moslemischen Eltern darüber beschwert, dass auf einem Grill Schwein und Rind lag.Völlig zu recht!
    Dieses Jahr haben wir 2 Grill aufgestellt.Jetzt beschwerten sich die moslemischen Eltern sie stehen zu nah beieinander.
    Das ging mir auf dem Sack!Im übrigen haben die Kinder Weingummi gegessen welches aus ……. besteht :-/
    Alles sehr suspekt!
    Jeder soll es für sich entscheiden!Aber „Jeder“ soll uns mit seiner Entscheidung nicht auf dem Sack gehen!


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