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Migration und Integration in Deutschland

Die Zerteilung der Arbeit in kurze und ständig zu wiederholende, gleichförmige Handgriffe ermöglicht es, Arbeiter ohne Qualifikation und ohne Kenntnis der deutschen Sprache einzusetzen; die Art der Arbeit erfordert es vielleicht sogar.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

TV-Tipps des Tages

02.05.2011 – Migranten, Integration, Frankreich, Ausländer, Rassismus, Belgien

TV-Tipps des Tages sind: Lebenslinien: Musik ist ihr Leben, ihr Ventil, ihre Bestimmung. Hülya, Tochter türkischer Einwanderer, wird 1975 in der Oberpfalz geboren; alpha-Campus DOKU: Baustelle Integration? Der Weg zum Wir-Gefühl; Was ist bloß mit Frankreich los? Pommes und Palaver: Belgische Impressionen

Lebenslinien
Dokumentation– Musik ist ihr Leben, ihr Ventil, ihre Bestimmung. Hülya, Tochter türkischer Einwanderer, wird 1975 in der Oberpfalz geboren. Dort wächst sie auch auf – als viertes unter zehn Kindern. Hülya besucht das Gymnasium, wird erst Klassen-, dann Schulsprecherin. Sie passt sich an und ist äußerlich nicht zu unterscheiden von den Jugendlichen ihrer Generation. Sie bringt sich das Gitarre spielen selbst bei, singt und komponiert, hat erste kleine Erfolge in Clubs und auf Provinzbühnen. Der Vater, dem der Lebenswandel der Tochter missfällt, wirft sie raus.

Zwei Jahre schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, dann zieht sie freiwillig zu den Eltern zurück. Die Großfamilie hat ihr gefehlt. Die Auftritte mit ihrer Band gehen weiter. Der zunehmende Erfolg auf der Bühne aber verunsichert sie mehr und mehr. „Nach jeder Tournee fiel ich in eine Depression“, sagt sie. Sie beginnt, sich mit dem Koran zu befassen, betet jetzt fünfmal am Tag, auch wenn sie auftritt. Es hilft ihr. Gegen die Eitelkeit, die aufkommt, wenn ein Saal voller begeisterter Fans vor ihr ausflippt, gegen die Erwartungen, die auf ihr lasten, gegen die Oberflächlichkeit der Musikbranche, gegen die ganze Zwiespältigkeit des Künstlerlebens. Eines Tages setzt sie das Kopftuch auf. Damit brüskiert sie viele – ihre Band, ihre Familie, ihre Musikerfreunde. Sie tut es freiwillig. Sie will ihren Weg mit Allah gehen, einen Weg der Demut. Und das Kopftuch hat für sie auf diesem Weg eine besondere Bedeutung. Hülya engagiert sich öffentlich für einen aufgeklärten Islam und für die Aussöhnung der Religionen. Sie ist gegen Zwang und passt in keine Schublade. Zum muslimischen Heimchen am Herd taugt sie nicht. Sie gibt Konzerte mit Liedern auf Deutsch, Englisch und Türkisch, alle selbst geschrieben und komponiert. Mit Kopftuch sitzt sie auf der Bühne und singt – eine junge zierliche Frau mit einer großen klaren Stimme. Sie ist überzeugt: Es ist Allahs Wille, dass sie da oben auf der Bühne sitzt und singt.

Hintergrundinformationen:
Ein Film von Andrea Morgenthaler. 13:00-13:45 • BR

alpha-Campus DOKU
Dokumentation – Baustelle Integration? Der Weg zum Wir-Gefühl 16:00-16:30 • BR-alpha

Was ist bloß mit Frankreich los?
Auf den Spuren der Klischees. Wie geht Frankreich mit seinen Ausländern um, warum setzt das Land hartnäckig auf Atomstrom, obwohl es doch beste Möglichkeiten hätte, Sonne, Wind und Wasser zu nutzen? Was gewinnen die Franzosen mit ihren vielen Streiks? Oder schaden sie sich nur selbst?

Frankreich, das Land des guten Essens und des Rotweins, der eleganten Frauen und charmanten Liebhaber – es ist ein ziemlich romantisches Bild, das viele Deutsche von unserem Nachbarn haben. Aber ist es auch ein realistisches Bild?

Vor dem Präsidentschaftswahlkampf hat sich „WDR weltweit“-Autor Tom Theunissen zusammen mit der in Deutschland lebenden Französin Nathalie Licard und dem ARD-Korrespondenten in Frankreich, Michael Strempel, auf Spurensuche gemacht:Was denken die Deutschen über die Franzosen? Und ist „der Franzose“ so, wie man ihn sich hierzulande vorstellt? 18:00-18:30 • PHOENIX

Pommes und Palaver
Belgische Impressionen – Frittenbuden sind in Belgien vom Verschwinden bedroht. Doch viele sind mehr als nur ein Schnellimbiss, tags wie nachts sind sie Schauplatz für außergewöhnliche Begegnungen von Menschen, die sich sonst nicht unterhalten würden: Hier treffen sich einsame Herzen, Polizisten im Dienst, Nachtschwärmer, streunende Jugendliche, Sportler nach dem Training oder auch Obdachlose. Jede Frittenbude hat ihre eigenen Rituale und Gewohnheiten, und, je nach Sprache, Umfeld und Persönlichkeit des Budenbesitzers auch ihre eigenen Spezialitäten. Der Dokumentarfilm beschreibt den Alltag von drei „Fritkots“ in der Wallonie, in Brüssel und in Flandern.

Die „Fritkots“ sind fester Bestandteil der belgischen Kultur und Landschaft. In der Auslage findet man neben den obligaten Pommes frites auch Frikadellen, Poulicrok (ein panierter Hühnchenspieß), Tsigane (ein pikanter Spieß), den jeweiligen Buden-Spezial-Burger, Mitraillette (Baguette mit Fleisch, Pommes und Soße) und andere typisch belgische Imbisse. Das Nonplusultra ist eine Frittenbude, wo die Soßen noch hausgemacht sind – aber dementsprechend länger ist auch die Warteschlange. Manchmal steht man eine halbe Stunde an, bis man die leckeren Fritten bekommt, die von Hand geschnitten und in zwei verschiedenen Ölbädern gebacken werden. Eine wunderbare Gelegenheit, alle möglichen Leute kennenzulernen.

Bei der Frage, was Belgien wesenseigen ist – und zwar ganz Belgien -, stellt man schnell fest, dass es die einfachen Dinge sind. Bei denen regionale und sprachliche Differenzen ausgeblendet werden und nur noch das Miteinander zählt. Auf der Suche nach einem Ort, der dieses „belgische Miteinander“ symbolisiert und den es ungeachtet der Regionen und Sprachen im ganzen Land gibt, fielen automatisch die belgischen Frittenbuden auf.

Fritkots sind aus dem Städtebild Belgiens nicht wegzudenken, doch sie haben zwei mächtige Feinde: die Städteplaner der großen Städte, denen sie ein unästhetischer Dorn im Auge sind, und die EU-Gesetzgeber, die die Hygiene der Fritkots bemängeln und unrealistische Auflagen verhängen. Aber bislang hat die Fritkot überlebt.

Das Beispiel der unbesiegbaren „Frite Flagey“ machte Furore: Sogar die Fernsehnachrichten berichteten darüber, es gab zahlreiche Blogs und Zeitungsartikel. Die geplante Schließung dieser Kult-Frittenbude missfiel der Öffentlichkeit. Eine Lobbygruppe bildete sich, die Unterschriften aus aller Welt sammelte und damit bewies, dass die Fritkot für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgt.

Denn hier gibt es keine Diskriminierung, jeder in Belgien mag diesen Ort: Reiche und Arme, waschechte Belgier und Eingebürgerte. Man liebt die Fritte für das, was sie ist: ein einfacher und unkomplizierter Imbiss, den man mit den Fingern isst und bei dem man sich mit jedem unterhalten kann. An der Fritkot kommen die Leute unweigerlich ins Gespräch, entweder mit dem Budenbesitzer oder untereinander. Der Ort ist klein, man steht in der Warteschlange, die Akzente vermischen sich. Hier holen sich Einsame ein bisschen Wärme, stärken sich Reisende, holen sich Familien ein billiges Abendessen, entspannt man sich mit Freunden oder Kollegen. Außerdem erfüllt die Bude Straßen oder Wohnviertel mit Leben, die sonst wie leer gefegt wären. Das ist Belgien, wie man es mag, ein ganz besonderer Melting Pot. 05:00-06:00 • arte

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