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Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Trauergottesdienst nach dem Terroranschlag im norwegischen Oslo und Utoya, 2011

Die Reform des Islam?

Ein Vergleich zwischen Orient und Okzident

In unserer Universitätsbibliothek sah ich neulich ein interessantes Buch, dessen Autor die These vertritt, dass die europäischen Muslime einen grundlegenden Wandel bräuchten.

VONFatih İhsan Çiçek

 Ein Vergleich zwischen Orient und Okzident
Der Autor studiert Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Derzeit engagiert er sich sozial sowie politisch an verschiedenen Projekten und Institutionen. Er ist Gründungsmitglied der Plattform DIB-Integrationsblogger, setzt sich im Presseteam des Zahnräder Netzwerks ein und schreibt als freier Autor für verschiedene Publikationen.

DATUM30. April 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Interessant fand ich jedoch, dass dieses auch die heutigen Probleme der europäisch-muslimischen Minderheit aufgriff. Diese These war nichts Neues für mich, da man selbst in vielen Kreisen in der Politik immer wieder hört, dass der Islam eine Reform brauche. Das nicht zuletzt auch durch den Orientalismus begünstigte Überlegenheitsgefühl dieser Kreise und ihre Versuche eines Paradigmenvergleichs zwischen der islamischen und der europäischen Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes populistischer Natur und das Resultat unaufgeklärter Köpfe. Zu unterscheiden ist hier jedoch, ob diese Reform politischer, gesellschaftlicher, moralischer oder wissenschaftlicher Natur sein soll. Mit der Überlegung, dass die Offenheit zum wissenschaftlichen Forschen die Grundlage für gesellschaftspolitischen Wandel bereitstellt, versucht dieser Artikel erst mal kurz zwei völlig unterschiedliche Geographien und ihre jeweilige Haltung gegenüber der Koexistenz zwischen Religion und Wissenschaft historisch, gesellschaftspolitisch und teilweise theologisch zu vergleichen.

Das Christentum hat im Mittelalter Konfrontationen und dialektische Konflikte mit der Wissenschaft und dem freiheitlich rationalen Denken dulden müssen. Die Katholische Kirche reduzierte die Religion auf die Liebe und betrachtete die Natur fortan als einen Schleier, der den Menschen von Gott trennt, vertrat vielmehr das geistige Wesen des menschlichen Seins und schottete sich von der materiellen Welt ab.1 Die Suche des Westens nach dem „Besseren“ bzw. das Streben nach der Perfektion brachte viele politische, kulturelle und religiöse Reformbewegungen wie den Pietismus, die Reformation, den Puritanismus, sowie geistige Emanzipationen in den Köpfen der Menschen wie den Protestantismus Webers, den „religious doubt“, die Aufklärung oder den kartesianischen Dualismus Descartes‘ hervor. Dieser Prozess wurde durch den Machtverlust von Auferlegung, Dogma und Druck gegen Ende des Mittelalters vereinfacht.

Nach Peter Watson erlebte Europa neben eben jenen Entwicklungen – sei es dem Wandel der Religion, der Sprache, dem öffentlichen Raum oder der Stellung Europas als politische Macht – den wichtigsten Wandel überhaupt seit dem Advent des Christentums: das religiöse Zweifeln.2

Das europäische Revolutionszeitalter war nicht zuletzt ein Aufstand gegen den psychischen und politischen Druck der katholischen Kirche (die Inquisition, den Despotismus der Könige und Feudalherren, die Verfolgung, bis hin zur Exekution von Wissenschaftlern).

Während das europäische Abendland nach dem 5. Jh. allmählich in ein dunkles Zeitalter fiel, erlebte der Orient seine Blütezeit. Doch mit der Aufklärung und besonders durch das dualistisch-rationale Paradigma wurde dem Verstand auf Kosten der christlich-moralischen Tugenden, ethischen Werte und Spiritualität neue Räume freigegeben. Der revolutionäre Eifer an (auf Rationalität basierendem) wissenschaftlichem Fortschritt war zweifellos das extreme Gegenstück zum finsteren Mittelalter. Der Okzident hatte nun eine neue Religion, die des Humanismus, sagt Cemil Meric. Der moderne Mensch wurde zu einem „sturen, eigensinnigen, egoistischen Menschen, der einzig und allein darauf ist, seine materiellen und fleischlichen Gelüste zu befriedigen und seine persönlichen oder bestimmte nationale Interessen, die zufällig mit seinen eigenen übereinstimmen, durchzusetzen.“, so Ali Ünal3. Der Erste und Zweite Weltkrieg, der Kolonialismus, das NS-Regime sowie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind nur einige der Erfahrungen, die dieser Prozess mit sich brachte.

Problematisch wird es jedoch dann, den Fall des europäischen Abendlandes, abgesehen von seinen kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Hintergründen auf die islamische Welt zu übertragen und von ihr dieselben strukturellen Gesellschaftsentwicklungen zu erwarten, um ihr auf einer Augenhöhe zu begegnen. Denn der Islam hat in der Zeit des europäischen Mittelalters die Menschen erst recht zum Forschen angeregt. Doch wie war diese religiös-wissenschaftliche Koexistenz möglich?

Wichtig hierbei ist, das Verhältnis zwischen dem Universum, dem Menschen und dem Koran aus islamischer Perspektive zu betrachten. Gott habe mit dem Menschen ein Lebewesen erschaffen, der dazu in der Lage ist, seine Attribute („al-Esma al-Husna, die 99 Namen und Attribute Allahs im Koran) zu widerspiegeln. Zu jenen gehören „der Allwissende“, „der Sprechende“ oder „der Wollende“. Gott manifestiere seine Eigenschaften auf diesen drei Bereichen. Insofern seien das Universum, der Mensch bzw. das gesellschaftliche Leben und der Koran, das Wort Gottes, Ausdrücke ein und derselben Wahrheit. Daher beständen prinzipiell kein Widerspruch und keine Unvereinbarkeit zwischen den Wahrheiten des Korans (der Gottes Attribut „Sprache“ entstammt) und den Wahrheiten, die dem objektiven Studium seines Gegenstücks, des erschaffenen Universums, entspringen (das aus seinen Attributen „Kraft“ und „Wille“ hervorgeht). Das „Buch der Offenbarung“ (der Koran) und das „Buch der Schöpfung“ (die Natur) sollten zeitgleich gelesen werden. Eben aus diesem Grund waren viele muslimische Philosophen und Wissenschaftler des späten Mittelalters wie Al-Khawarizmis (Algorithmus der Mathematik), Al-Farabi, Ibn Sina, Ibn al-Haytham, Al-Biruni, Al-Ghazali zugleich auch Mystiker, Sufiker oder Theologen.4 Das Zusammenwirken des Verstandes, der Vernunft und des Herzens und ihre Integrität ist hier essentiell. Der Mensch soll diese Attribute Gottes erkennen, seine eigenen Antriebskräfte wie Verlangen, Zorn und Verstand disziplinieren und durch Selbstkritik, Bittgebete, den Rezitationen der Namen Gottes, Beharrlichkeit, Geduld, Dankbarkeit seinem Schöpfer dienen. Gemäß den sozioökonomischen Grundsätzen des Islam soll der Mensch Konfrontation, Korruption, Anarchie und Terror vermeiden und somit in dieser und in der kommenden Welt sein Glück finden. Hier finden sich zweifelsohne auch die Grundlagen für demokratische und menschenrechtliche Werte wieder. Ich möchte nicht noch tiefer in die theologische Erörterung der Stellung der Wissenschaft im Islam eingehen; dies würde den Rahmen des Artikels sprengen.

Dem Leser wird auffallen, dass die Idee, Religion und Wissenschaft gälten als zwei im Widerspruch zueinanderstehende Disziplinen, der Haltung des Abendlandes zu Religion und Wissenschaft zu verdanken ist.

Vielleicht mal hierzu ein konkretes Alltagsbeispiel: In Istanbul fand Ende letzten Jahren ein koranwissenschaftliches Symposium statt. Es trug den Titel „Der Koran und wissenschaftliche Tatsachen“.5 Das 20. Jahrhundert ist reich an Koranwissenschaftlern, die den Koran mit der Wissenschaft zu vereinen versuchten und somit aktiv für eine Reform im wissenschaftlichen Sinne appellierten; darunter könnte man prominente autoritäre Namen wie Muhammad Abduh, Muhammad Asad oder Said Nursi zählen. Doch interessant ist nun, dass die islamische Welt sich nun auf einer völlig anderen Stufe befindet: Der Koran wird als wissenschaftliche Inspiration für neue Projekte, Experimente und naturwissenschaftliche Arbeit empfunden. „Die Erforschung des naturwissenschaftlichen Wunders des Korans trachtet danach, ausgehend von der göttlichen Botschaft neue wissenschaftliche Erkenntnisse aktiv zu entwickeln”6, schreibt Maximilian Friedler. Das sind zwar mutige und gewagte Versuche, aber es zeigt zweifellos ein starkes Selbstbewusstsein religiös motivierter wissenschaftlicher Kreise in der Türkei, aber auch eine gewisse Motivation.

Was hat dies alles – übertragen auf den Islam in Deutschland – zu bedeuten? Muslime brauchen weder eine Reform noch eine seelische Aufklärung. Muslime brauchen eine neue innermuslimische Debattenkultur. Sie stehen mitten in Europa vor einer großen Herausforderung. Die Entscheidung vor dem Schmelzen oder einer zur Gesellschaft beitragenden Inklusion, die das Wahren der eigenen Identität nicht ausschließt. Themen wie Schwimmunterricht, Liebe, Scheidungsrecht, Partnerwahl, Polygamie, Erbrecht, gesellschaftliche Teilhabe, Leitungsanspruch, Diskriminierung und Gewalt in der Familie, so genannte „Ehrenmorde“ und viele andere Frauen- und Familienfragen sollten offensiv in Vorträgen, Seminaren und Konferenzen aufgegriffen werden und somit eine einheitliche Konsensbildung angestrebt werden. Diese gegenseitige Beratung sollte von – ich betone – muslimischen Theologen, Philosophen und Religionspädagogen geführt werden, um “Islamkritikern” den Wind aus den Segeln zu nehmen und Verschwörungstheorien in Themenbereichen wie “Ehrenmorde” oder “Geschlechterungleichberechtigung” vorzubeugen. Die nichtmuslimische herabschauende, reformerwartende Diskussionsszene in Deutschland hat sich bereits als nicht nützlich erwiesen.

  1. ZIE-M  []
  2. The German Genius – Europe´s third renaissance – the second scientific revolution – and the twentieth century“)   []
  3. Ali Ünal, Zeitgenössische Themen im Spiegel des Islam, Fontäne Verlag, 2009  []
  4. Die Fontäne  []
  5. Uluslararasi Kuran ve Bilimsel Hakikatler Sempozyumu. Istanbul, 14-15.05. 2011  []
  6. Die Fontäne  []
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6 Kommentare
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  1. Couperinist sagt:

    Tritt da nicht auch ein wenig an muslimischen Minderwertigkeitskomplexen zutage ? Der Tenor des Artikels lautet: WIR brauchen keine Reform, UNSERE Religion ist DIE Religion der Wissenschaft, perfekt. Und natürlich liegen auch das Demokratieprinzip und die Menschrechte im Islam bereit, selbstverständlich.

    Aber wenn das so ist, wieso zeigt sich das dann eigentlich nicht in der Wirklichkeit, weder heute, noch vorgestern ? Grau ist alle Theorie, wo ist die Praxis ?

    Mich beschleicht der Eindruck, dass es zu einem großen Teil gekränkte kulturelle Ehrgefühle und dadurch entstandener Trotz sind. Da scheint definitiv Wut auf das Abendland durch. Kulturkampf.

  2. Jemand sagt:

    Der Autor hat völlig recht, dass Themen wie „Schwimmunterricht, Liebe, Scheidungsrecht, Partnerwahl, Polygamie, Erbrecht, gesellschaftliche Teilhabe, Leitungsanspruch, Diskriminierung und Gewalt in der Familie, so genannte „Ehrenmorde“ und viele andere Frauen- und Familienfragen“ offen von den europäischen Muslimen diskutiert werden müssen. Aber das ist nicht Neues, das wussten wir auch schon vorher!

    Diese Themen werden auch schon diskutiert. Der wichtigste Name hierbei ist sicherlich Tariq Ramadan, der jedoch wie auch andere muslimische Intellektuelle von der muslimischen Community in Deutschland und das ist in unserem Fall die türkische Community nicht beachtet wird. Diese lesen weiterhin Said Nursis Thesen die inzwischen überholt und für die heutige Jugend nicht angemessen und verständlich sind. Insgesamt richten sie ihren Blick zu sehr in die Türkei und benehmen sich auch in Deutschland so, aber die Probleme der Muslime in der Türkei und Deutschland sind nicht die gleichen und unsere Probleme können nicht aus der Türkei gelöst werden. Je schneller ihr das begreift, desto schneller wird sich die Situation der Muslime in Deutschland auch verbessern!

    Dr. Murad Hofmann formulierte es passend in einem kürzlich auf islam.de erschienenem Interview: „Der größte Teil der Muslime in Deutschland sind Türken. Und der größte Teil von ihnen ist bis heute nicht integrationsbereit, sondern glaubt immer noch, dass Deutschland ein Land ist, das ihnen erlaubt, Geld zu verdienen, das sie in der Türkei anlegen wollen, um dort ihren Ruhestand zu verbringen. Das heißt, die Rückkopplung eines großen Teils türkischer Menschen in Deutschland an die Türkei ist stärker als eine entsprechende Rückkopplung bei Bosniern oder arabischen Muslimen hierzulande. Und die Öffentlichkeit nimmt dies wahr. Dass es eine türkische Pressevielfalt in Deutschland gibt, ist ja ein Zeichen dafür, dass es an Integration zumindest hapert, sonst wäre es doch nicht möglich, dass man türkischsprachige Zeitungen in Deutschland drucken muss.“

  3. Cengiz K sagt:

    …Da scheint definitiv Wut auf das Abendland durch. Kulturkampf….

    wer wird denn da gleich anfangen zu projizieren? Neidisch?

    lesen Sie mal den Teil
    „Problematisch wird es jedoch dann, den Fall des europäischen Abendlandes, abgesehen von seinen kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Hintergründen auf die islamische Welt zu übertragen und von ihr dieselben strukturellen Gesellschaftsentwicklungen zu erwarten, um ihr auf einer Augenhöhe zu begegnen.“

    und posten Sie dann auf ein neues! Ansonsten beschleicht EinEn das Gefühl, Sie hätten den Artikel nicht gelesen..
    Der Tenor, den Sie meinen zu hören, kommt wohl genauso von dem kleinen Mann, der in Ihrem Kopf sitzt, und Ihnen sagt, was Sie denken sollen..

    Zum Artikel selbst: Guter Artikel, sehr durchdacht und wohlfeil formuliert: der Hauptadressat ist scheinbar der neue europäische Islamophobe vom Dienst, regt aber auch andere Leser nicht minder zum Reflektieren an.. Danke dafür..

  4. Rubrum sagt:

    @Jemand
    Es ist viel einfacher: Religion geht in einem säkularen Rechtsstaat nur ohne jeden, wie auch immer gearteten, weltlichen Hoheitsanspruch. Göttliches Recht, das beansprucht zu bestimmen, wie die Gesellschaft funktionieren soll, ist inakzeptabel.
    Wenn das von Muslimen ohne wenn und aber bejaht und befolgt wird, erübrigt sich jede weitere Diskussion.

  5. Zensus sagt:

    Dieser Artikel macht Mut. Sollte solcherlei Denken im Felde des Islam allgemeingültig sein, muß sich der Westen keine Sorgen bezüglich der eigenen Vorherrschaft zur Glaubensgemeinschaft des Islam machen.
    So wird diese kulturellreligiöse Strömung weitere 500 Jahre als Handaufhalter und Bittsteller die südsizilianische Küste ansteuern.

  6. Björn Eriksson sagt:

    Ihr Artikel? Im unüberschaubaren Dickicht von Abermillionen Zeilen der letzen Jahrzehnte einer der darin so selten vorzufindenden zielführenden Texte.



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