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Wie eine winzige Gruppe Deutschland in Atem hält

Vor ein paar Jahren traf ich in München auf der Straße auf den Stand einer missionarisch tätigen Christengruppe. Sie versuchten mich auf ihre kostenlose Lektüre aufmerksam zu machen und mit mir über ihre Glaubensinhalte zu reden. Ich durchschaute ihre missionarischen Ziele schnell und fühlte mich unwohl und eingekesselt. Trotzdem habe ich sie nicht abgewiesen, ein wenig mit ihnen gesprochen und ihre Lektüre sowie eine Bibel erhalten, in die ich kaum reingeschaut habe.

Etwas später hat mir einer meiner deutschen Freunde eine Bibel zum Geburtstag geschenkt, die ich dann zum großen Teil mit starkem Interesse gelesen habe. Worauf ich hinaus will: Auf die richtigen Umstände einer Weitergabe kommt es an – wer verschenkt wann, wo und auf welche Art und Weise.

Seit zwei Wochen ist die Koran-Verteilung von Salafisten das Thema in Deutschland. Im Lichte meiner eigenen Erfahrungen frage ich mich, wie sich wohl Christen fühlten, wenn ihnen ein Koran angeboten wird. Nach eigener Aussage haben Salafisten bisher dreihunderttausend Korane verteilt. Erklärtes Traumziel: 25 Millionen. Allein schon die Dimension erzeugt Angst. Hinzu kommt ihre mehr als Misstrauen erzeugende Rhetorik. Als ob die seit dem 11. September grassierende Islamangst nicht verbreitet genug wäre, gießt die Aktion Öl ins Feuer, gewürzt mit einer reißerischen Berichterstattung.

Ein Verbot der Verteilaktion, wie es Viele fordern, finde ich dennoch falsch. Laut Grundgesetz dürfen auch Salafisten den Koran verteilen. Ob die Aktion klug ist, ist eine andere Frage. Die Salafisten erliegen dem Irrtum, sie könnten durch massenweise Versorgung der Bevölkerung mit dem Koran Fehlmeinungen, Vorurteile und Ängste, wie sie gegenüber dem Islam in der Bevölkerung präsent sind, zurückdrängen und so für ein besseres Bild ihrer Religion in der Gesellschaft sorgen. Sie verkennen aber, dass sie das Gegenteil bewirken.

Daher freut es mich, dass sich die muslimischen Zentral- und Einzelverbände und Vereine einstimmig gegen diese Aktion geäußert haben, ohne das Verschenken heiliger Bücher – ob nun Koran, Bibel oder Thora – abzulehnen. Das wurde in Politik und Öffentlichkeit wohlwollend wahrgenommen. Insofern ist die einheitliche Haltung der muslimischen Gruppen gegenüber den Salafisten richtig gewesen und als vertrauensbildend einzustufen.

Denn auch aus der Historie lässt sich etwas Vergleichbares nicht herleiten – weder aus der frühislamischen Epoche, auf die sich die Salafisten berufen, noch aus der relativ späteren Zeit der osmanischen Herrschaft. So haben die Osmanen mindestens vier Jahrhunderte auf der Balkanhalbinsel geherrscht und in ihrer stärksten Zeit vom 15. bis 17. Jahrhundert wäre es ihnen ein leichtes gewesen, eine ähnliche Aktion durchzuführen. Mehr als genug Zeit, Macht und Mittel hätten die Sultane sicher gehabt. Sie taten es aber nicht. Insofern kann man die Aktion der Salafisten als postmodernen bezeichnen.

Und die Mittel der Moderne wissen Sie zu nutzen. Es sind deutschlandweit maximal fünftausend Personen, die Deutschland seit zwei Wochen in Atem halten. Trotz ihrer geringen Zahl haben sie innerhalb kürzester Zeit eine größere Bekanntheit erreicht, als die großen muslimischen Verbände, obwohl diese seit mehr als zwanzig Jahren etabliert sind. Viele Leute wie ich fragen sich daher, ob das das Ziel der Aktion war. Wenn ja, haben sie es erreicht – dank rechtsunkundiger, hysterischer Politiker und der Medien.