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Amnesty Bericht

Das leidige Thema mit dem Kopftuch

Der Bericht von Amnesty International über die „Diskriminierung von Muslimen in Europa“ wiederholt nur Altbekanntes. Besonders betroffen sind Frauen. Das schizophrene dabei: Ausgerechnet die „Befreier“ und „Beschützer“ sind das größte Übel.

VONZeyneb Sayılgan

 Das leidige Thema mit dem Kopftuch
Islamwissenschaftlerin, promoviert derzeit im Bereich Christlich und Islamische Theologie an der Georgetown Universitaet in Washington DC. Als Dozentin leitet sie Seminare über Christlich-Islamischen Dialog, religiösen Pluralismus und Islam. Sie lebt und arbeitet als "Chaplain-in-Residence" auf dem Campus. Als waschechtes "Meenzer Mädche" ist sie in der Fassenachthochburg Mainz geboren bevor sie vor fünf Jahren in die USA zog. Nach ihrem Islamwissenschaft Studium in Mainz absolvierte sie einen zweiten Master im Bereich Christlich-Islamische Beziehungen am Hartford Seminary im Bundesstaat Connecticut. Ihre Eltern kamen als kurdische Gastarbeiter 1977 aus Ostanatolien nach Deutschland. Nach der Hauptschule gelang es ihr und ihren fünf Geschwistern, das Abitur zu erlangen und neben ihrem Studium als freie Journalistin bei HIT Radio FFH, SAT.1, und der Mainzer Rhein Zeitung zu arbeiten. Die Autorin ist aktiv im interreligiösen Dialog tätig und referiert an Kirchen, Schulen und anderen Einrichtungen.

DATUM25. April 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat ihren Bericht zur „Diskriminierung von Muslimen in Europa“ veröffentlicht. Eigentlich enthält der Bericht nichts Neues. Die Islamophobie bleibt weiter auf dem Vormarsch und unsere nichtmuslimischen Mitbürger stecken ihre muslimischen Mitmenschen eifrig in Schubladen.

Diskriminierungen in der Arbeitswelt und im Schulleben aufgrund des Kopftuchs sind traurigerweise immer noch nicht passé. Selbstbewusste, gebildete muslimische Frauen, bekommen das Label des unmündigen und rückständigen Individuums aufgedrückt – das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung.

Befreier
In dieser Gruppe befinden sich die sogenannten „Befreier“. Jene, die muslimische Frauen befreien wollen, vor allem vom Kopftuch, den islamischen Zwängen, der Gehirnwäsche, die ihnen verpasst wurde und von ihren Vätern und Brüdern, die sie manipulieren und kontrollieren. Ironischerweise fällt diesen „Befreiern“ oft nicht auf, dass auch sie munter zur Unterdrückung der muslimischen Frau beitragen.

Ein Beispiel unter Tausenden ist meine Freundin (geboren in Deutschland, graduierte mit Exzellenz in Zahnmedizin), die mir kürzlich von ihrem Vorstellungsgespräch berichtete: Als die Praxisinhaberin sie sah, hieß es, sie könne es nicht verantworten, eine Zahnärztin mit Kopftuch anzustellen. Sonst würde sie ja die Unterdrückung der Frau im Islam unterstützen und das könnte sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren und nicht vor ihren Patienten rechtfertigen.

Man versperrt also muslimischen Frauen den Weg zur Arbeitswelt und damit jegliche Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe, kann sich im selben Atemzug aber darüber aufregen, dass Frauen unterdrückt werden oder sich nicht integrieren? Schizophrenerweise sind unsere „Befreier“ nicht selten auch unsere größten Unterdrücker.

Beschützer
Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit. Neben den Unterdrückern gibt es auch die „Beschützer“. Das sind all jene, die muslimische Frauen beschützen wollen – mit dem Kopftuch. Eine muslimische Frau sei wie eine Perle, ein Diamant, eine Rose, lautet oft die Begründung. Und ein Schatz müsse beschützt werden.

Damit wird die Frau zum Objekt, das vor den schlechten, lüsternen Blicken der Männer in Gewahrsam gebracht werden muss. In ihrem Gutwillen unterscheiden sich diese „Beschützer“ kaum von den „Befreiern“: Muslimische Frauen werden diskriminiert, bedroht oder körperlich verletzt. Laut Amnesty International gehören diese Menschenrechtsverletzungen in sogenannten „islamischen“ Ländern wie Afghanistan oder Saudi-Arabien zum Alltag. Frauen, die sich nicht „korrekt“ anziehen, werden auf offener Straße verbal angegriffen und beleidigt oder im Extremfall durch selbst ernannte Wächter der Moral gewaltsam gezüchtigt. Das stellt sich mir die Frage, was aus dem prophetischen Prinzip geworden ist: „Der Beste unter euch ist derjenige der Frauen am besten behandelt?“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Prophet solche Maßnahmen im Kopf hatte.

Deswegen, liebe Befreier und liebe Beschützer, Hände weg vom Körper der muslimischen Frau! Sie hat die Hoheit und das Recht auf freie Selbstbestimmung und kann über ihren Körper und ihr Leben frei entscheiden. Dies ist ihr universales gottgegebenes und ein in der UN-Charta verwurzeltes Menschenrecht.

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4 Kommentare
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  1. Gülsüm sagt:

    Danke für den Artikel! Ich stimme Ihnen voll und ganz zu!

  2. andres sagt:

    Stimme dem voll zu, zeigt er doch die Schizophrenie sämtlicher Diskriminierung, die eben auch durch good will entstehen kann,….aaaaaaber, leider bildet sich die Meinung einer Gesellschaft aus den Erlebnissen der Mehrheit dieser.
    Kleines Beispiel:….ich war als Biodeutscher einmal mit einer Kopftuchdame aus dem Libanon aus, die ich eigtl. als sehr westlich und aufgeschlossen kennengelernt hatte und war deshalb sehr erstaunt daß ich im näheren Gespräche leider sämtliche Klischees von ihr bedient bekommen habe, wie das der Mann der Versorger wäre, ob ich Manns genug wäre mich mit Ihrem wohl recht garstigen Bruder in manngerechter Weise auseinanderzusetzen, also in allem ein total geschlossenes Gesellschaftsbild und das von einer Frau die sonst sehr offen und tolerant war, zumindest auf den ersten Blick.
    Nicht das ich das jetzt verallgemeinern würde, aber dieses Denken herrscht eben noch bei Vielen und führt zu der Annahme das Kopftuchfrauen so wären.
    Die selbstbewussten und freien Musliminnen sind , denke Ich, noch in der Minderheit und müssen kämpfen….leider!

  3. Torgey sagt:

    @Andres:
    Ich verstehe zwar, was Sie meinen, muss da aber doch mal etwas differenzierend widersprechen: Das die Mehrheit der kopftuchtragenden Frauen konservativ eingestellt ist, erklärt sich – trotz aller Gegenbeispiele – von selbst.

    Ohne da jetzt genaue Zahlen zu kennen, würde ich auch vermuten, dass die Mehrzahl aller kreuztragenden Menschen (in Form von Ketten u.ä.) auch eher konservativ ist – trotz aller auch hier existierenden Gegenbeispiele.

    Abgesehen von der anekdotischen Beweisführung für das durchschnittliche Weltbild der kopftuchtragenden Frau, wie sie es hier darlegen (etwas überspitzt formuliert 😉 ), ist das auch nicht wirklich Gegenstand der im Artikel aufgeführten Problematik. Denn gleich ob eine Frau nun ihr Geld selber verdient oder einem sehr traditionellen Familienbild anhängt und es nicht tut: Die Entscheidung ein Kopftuch zu tragen, muss ihre eigene sein. Weder „Beschützer“ noch „Befreier“ sollten auf diese persönliche Entscheidung Einfluss nehmen dürfen. Das ist keine Frage ob nun „westlich“ oder nicht, sondern eine Frage der Entscheidungsfreiheit.

  4. Bruno.M sagt:

    „Diskriminierungen in der Arbeitswelt und im Schulleben aufgrund des Kopftuchs sind traurigerweise immer noch nicht passé.“

    Das betrifft allerdings nicht nur Kopftuchträgerinnen. Ich trug früher lange Haare und lief in zerfetzten Bluejeans rum. Nach dem Fachabi fing der ernst des Lebens an. Als Hippie wollte mich keiner, das merkte ich schnell, fühlte mich aber in keinster Weise diskriminiert. Also ließ ich mir die Haare schneiden und kaufte mir ein par gesellschaftsfähige Klamotten zum anziehen. Und so ergatterte ich entsprechend meiner Ausbildung einen sehr guten Job. Nach Feierabend zog ich meine alten Jeans wieder an.
    Es ist doch selbstverständlich das Arbeitgeber mit Publikumsverkehr wie z.B. Ärzte oder Banken auf das Erscheinungsbild eines Bewerber achten.
    Keine Bank wird den Kunden zuliebe einen Punk oder Hippie hinter dem Schalter beschäftigen wollen. Das ist doch keine Diskriminierung. Auch habe ich in solchen Positionen auch noch nie Ordensschwestern oder buddhistische Mönche in ihren Kutten gesehen.
    Es ist halt was anderes als wenn man sich als Putzfrau oder Fensterputzer bewirbt. In dieser Branche ist es egal wie man aussieht, hauptsache man erledigt die Arbeit.



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