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Der Glaube ist nicht der Haschkeks für den Sinnsucher

Der verfemte Gläubige ist eine feste Figur in den öffentlichen Debatten unserer Tage. Da er sich den üblichen Zuschreibungen verweigert, verweisen ihn die Hüter der reinen Gesinnung auf den Hinterhof – wer aber darf im Schaufenster der Zivilisation begafft werden? Es sind dies die prahlenden Analphabeten des Glaubens, die Kirmeskasper der Islamkritik, das Dutzend der Unbegabten, die Freiheitlichen der Religion. Sie schreien und schimpfen, sie zischen und spucken, und doch nennt man sie: die Aufklärer.

Gern stellen sie sich in den Dienst jener, die fremde Art mit der Abart gleichsetzen. Die Aufklärer bekommen einen bösen Mund, wenn man sie der Denunziation überführt. Und doch sind sie im Ton wie in den Mitteln vulgär. Auf die Vernunft können sie sich nicht beziehen, ihr Furor speist sich aus den Ressentiments wider den Eingottglauben. Wer ihre Bücher gelesen, und ihre Auftritte erlebt hat, weiß: Lärm und grollende Laute ersetzen keine Schwachstellenanalyse. Sie geizen nicht mit negativen Sensationen, denn die Tagespopularität geht ihnen über alles. Die Anfeindung des Moslems garantiert fünf Sekunden Ruhm. Sie gründen Kampfvereine, die Mitglieder – sechseinhalb ergrimmte Jakobiner – brüten über den nächsten medienwirksamen Coup. Ist ihnen bewusst, dass sie sich wie Sektenanhänger gebärden?

Andere hartleibige Damen und Herren ziehen die Kandidatur für eine Partei vor, die bis vor kurzem mit Fremdenskepsis beim Wahlvolk punktete. Das deutsche Märchen von Aufstieg durch Eingliederung hat die Klassenstreber mobilisiert. Es sind dies leider nicht die Besten und die Tüchtigsten, aber die Verschmitzten, die wissen, wie man sich das Lob der Mächtigen verdient. Am Leichnam der Gottesliebe wurden viele Grabreden gehalten, und noch heute gibt man dem Kaiser mehr, als ihm zusteht. Ihm schmeicheln manche in der Abwehrschlacht gegen die Muselmanen mit sentimentalen Traktaten. Viele Verleger heißen Frauen willkommen, die über böse Moslemmänner herziehen – mittlerweile ist eine eigene Frau beißt Moslem-Sparte entstanden. Früher reiste die Bürgerdame zu anatolischen Hirten, und ließ sich Märchen erzählen. Heute muß die Dame nur ein Buch vollmachen mit Islamverfluchung. Wer hat es erfunden? Frau Oriana Fallaci – ihr Faschistenkrawall wurde zum Feminismus hoch gefiedelt. Ihre Geistesschwestern in Deutschland haben verstanden: Moslemschelte ist ein einträgliches Geschäft. In den letzten Jahren sind viele Schläfer erwacht, so auch die Drittklassigen im Kultursektor. Die Zeichnung eines Mameluckenkopfs mit Turban wurde zum Banner der Aufklärer-Sturmkohorte. Stümper konnten ihre Kritzeleien an den Mann bringen, wenn sie denn auf den richtigen Titel setzten. Bald entstand ein eigener Geschäftszweig, die Prophetenbeleidigung machte Memmen munter. Die Saison der Tomatenpfl ücker ist vorüber, und das Feld abgeerntet. Die großen Gefechte stehen uns aber bevor, es drängen die Blutherren des Kulturkampfes in die vordere Reihe.

Muss man sich mit diesen Phänomenen befassen? Unbedingt. Hierbei handelt es sich um die Übergriffe eines moralisch verfassten Bürgertums – es weiß unter sich nicht nur den Klassenfremden. Es markiert den Fremdgläubigen als ein verachtenswertes Subjekt, als hergezogenes Gesindel, als Niederster unter den Niederen. Der horizontale Hass von einfachen Leuten gleicht dem Gemümmel der Greise. Nur der vertikale Hass bringt wahre Erleichterung. Die Herren setzen auf diese Politik der Ablenkung. Wer schert aus, wer spielt nicht mit, wer verbraucht sich nicht in Nachhutgefechten? Der von allen Seiten befehdete junge Gläubige deutschen Sinnes, der deutsche Moslem. Von ihm und von seinen selbsternannten Feinden ist in diesem Buch die Rede. Die Angstgegner scharen sich um längst erloschene Lagerfeuer, sie brüllen Flüche in die kalte Nacht. Das alles verdrießt den jungen Moslem nicht. Seltsam: Den Anekdotentanten, die sonst von freiem Leben schwätzen, fallen im Anblick von Muslimas mit Schamtuch nur Norm und Standard ein. Bekämpft man die Männertyrannei, wenn man junge Frauen zur Ordnung ruft? Im kleinen Nähzirkel wird die Likördamenfeministin gefeiert; es packt sie aber die kalte Wut, weil sich die von ihr Beleidigten und Beschimpften nicht von Gebell beeindrucken lassen. Tatsächlich sind die Mediengeschöpfe der Islamdebatte traumatisiert: In den Armeleutevierteln gelten sie als verbissene Spinner. Manch ein nützlicher Idiot wird, so seine Zeit des Ruhms vergangen ist, mit einem Gefühl der Verbrauchtheit ins Ungefähre starren.

Auf die Aufklärung beziehen sich heute also fast nur dumme Frauen und Männer. Wer aber kämpft mit dem scharfen Schwert der Kritik? Es sind dies sowohl die nicht organisierten Moslems, als auch die Gläubigen in den Moscheeverbänden. Sie wissen: Der Glaube ist nicht der Haschkeks für den Sinnsucher. Und also lehnen sie den Wahn einiger Konvertiten ab. Sie wissen: Der landvölkische Spiritismus der Anatolier und der Sekteneifer der Araber sind fatale Abweichungen vom Glauben. Sie wissen: Islam bedeutet Hingabe und nicht Unterwerfung. Die freien jungen Muslimas und Moslems müssen endlich, ohne Gängelung durch Außenstehende und Übelmeinende, zusammen kommen. Eren Güvercin schlägt völlig zu Recht eine alternative Islamkonferenz vor – das wird ein schöner Anfang sein. Was bringt also die Zukunft? Deutsche Moslems werden den deutschen Islam leben. Wer auf des Gläubigen Anpassung im Sinne einer Abkehr von Gottes Wort setzt, verliert sein Wettgeld.