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Migration und Integration in Deutschland

[Es würde im Interesse der deutschen Arbeiter liegen, wenn wir sie zu Fachkräften ausbilden.] Dafür müssen wir natürlich dann die relativ primitiveren Arbeiten … von ausländischen Arbeitskräften besorgen lassen.

Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Ausländische Studierende

Vorurteile und Diskriminierungen schrecken ab

Der Fachkräftemangel bestimmt zunehmend die Migrationspolitik. Dabei sind gut qualifizierte Studienabsolventen bereits im Land. Nur gelingt es Deutschland nicht, diese zu halten. Das ist das Ergebnis einer aktuellen SVR-Studie.

Internationale Studierende sind potenzielle hoch qualifizierte Zuwanderer: sie sind jung, gut ausgebildet und mit Land und Leuten bereits vertraut. Doch bislang gelingt es nicht ausreichend, sie nach dem Studium als Fachkräfte im Land zu halten. Der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat die Bleibeabsichten von Studierenden aus Nicht-EU-Staaten in fünf europäischen Ländern untersucht.

Für die Studie „Mobile Talente? Ein Vergleich der Bleibeabsichten internationaler Studierender in fünf Staaten der Europäischen Union“ wurden 6.239 Studierende an 25 Universitäten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden im Rahmen einer Online-Erhebung befragt. In dem Forschungsprojekt wurde u.a. untersucht, welche Motive bei der Entscheidung ausschlaggebend sind, nach dem Abschluss eine Arbeit im Studienland zu suchen. Um eine besonders hohe Aussagekraft zu haben, wurden ausschließlich Master-Studierende und Doktoranden befragt, die ein höheres Interesse haben, nach dem Abschluss im Studienland einen Job zu finden als Bachelor-Studierende.

Große Kluft zwischen Bleibeabsicht und Verwirklichung
Und die Studie zeigt: Zwischen der Bleibeabsicht und ihrer Verwirklichung liegt eine tiefe Kluft. Zwei Drittel der Befragten würden gerne im Studienland bleiben. Tatsächlich bleiben nur rund ein Viertel in Großbritannien, Deutschland und den Niederlanden bzw. ein Drittel in Frankreich. „Die Diskrepanz zwischen Bleibeinteresse und realisiertem Verbleib weist auf erhebliche Hürden hin“, sagte die Direktorin des SVR-Forschungsbereichs, Dr. Gunilla Fincke. „Die Untersuchung zeigt deutlich, dass keines der fünf Länder die Potenziale der internationalen Studierenden ausschöpft.“

Zugleich zeigen sich in den untersuchten Ländern gegenläufige Tendenzen: Während Deutschland eine überfällige Liberalisierung einleitet, ist in Großbritannien und den Niederlanden derzeit ein gegenläufiger Trend zu beobachten. In Großbritannien wird der Verbleib nach dem Studium erschwert, in den Niederlanden werden die Zulassungskriterien für internationale Studierende verschärft. Wie die Studie zeigt, werden solche politischen Entscheidungen von internationalen Studierenden genau beobachtet.

Chancen auf dem Arbeitsmarkt wichtig
Die beiden wichtigsten Motive für den Verbleib im Studienland sind die guten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und der Wunsch, internationale Berufserfahrung zu sammeln. „Das Studium im Ausland und erste Berufserfahrungen werden als ‚Gesamtpaket‘ gesehen“, sagte Fincke. „Dabei werden die Arbeitsmarktchancen in Deutschland besonders positiv eingeschätzt. Diese günstige Ausgangssituation sollte genutzt werden, um internationale Studierende stärker als bisher als Fachkräfte zu gewinnen.“

Der überwiegende Teil der bleibewilligen Studierenden will nur zeitweilig im Studienland bleiben. Nur wenige Befragte – zwischen 5,3 Prozent in Großbritannien und 12,5 Prozent in Deutschland – planen, länger als fünf Jahre im Studienland zu bleiben. Die verbreitete Annahme, dass internationale Studierende von vornherein ein Sprungbrett zur dauerhaften Einwanderung in ein hoch entwickeltes Land suchen, erweist sich damit als falsch.

Informationsmangel über die rechtlichen Möglichkeiten
Der direkte Vergleich zwischen Bleibe- und Rückkehrwilligen zeigt, dass erstere schon häufiger Arbeitserfahrungen in dem jeweiligen Land gesammelt haben, in der Tendenz jünger sind und seltener Kinder haben. Auch bei Studienfächern und Herkunftsländern werden Unterschiede deutlich: Studierende der Ingenieur- und Naturwissenschaften wollen häufiger bleiben als Sozial- und Geisteswissenschaftler. Studierende aus asiatischen Ländern (vor allem aus China und Indien) sowie Osteuropa wollen eher bleiben als Studierende aus Nord- wie Südamerika und Afrika. Eher bleiben diejenigen, die besser über die rechtlichen Regelungen informiert sind, besser Deutsch sprechen und zufriedener mit ihren Studienbedingungen sind.

Download: Die Studie „Mobile Talente? Ein Vergleich der Bleibeabsichten internationaler Studierender in fünf Staaten der Europäischen Union“ kann kostenfrei heruntergeladen werden.

Die Studie identifiziert aber auch Hürden: es fehlt vor allem an Informationen über die rechtlichen Möglichkeiten, nach dem Abschluss im Studienland zu bleiben. In Deutschland waren diese nur einem Viertel der Befragten bekannt; zudem beklagten viele einen Mangel an englischsprachigen Informationsmaterialien. Im Gegensatz dazu waren die rechtlichen Regelungen in den Niederlanden und Großbritannien mit 37,9 Prozent und 42,4 Prozent am bekanntesten. Dies könnte damit zusammenhängen, dass es in diesen Ländern einen eigenen Aufenthaltstitel für die Übergangsphase nach dem Studium gibt. In allen Ländern empfand ein erheblicher Teil der Studierenden den Zugang zu Informationen über rechtliche Regelungen als „schwer oder sehr schwer“. Deutschland belegt mit 31,7 Prozent einen Platz im Mittelfeld.

Diskriminierung: Deutschland nach Frankreich
Diskriminierungserfahrungen können sich darauf auswirken, wie wohl sich Studierende im Studienland fühlen. Nach Frankreich (39,9 Prozent) schneidet Deutschland beim Thema Diskriminierung am zweitschlechtesten ab: 39,4 Prozent der Befragten erklärten, sie hätten Vorurteile oder Diskriminierung gegen Ausländer erfahren. Im Vergleich fiel die Diskriminierungserfahrung in Großbritannien mit 27,4 Prozent am geringsten aus.

Studierende bringen in der Regel sehr gute Voraussetzungen als hoch qualifizierte Zuwanderer mit. Doch ein Studienaufenthalt allein beseitigt nicht alle Hindernisse, vor denen Zuwanderer generell stehen, wie z.B. mangelnde Kenntnisse der Landesprache oder fehlende berufliche Netzwerke. „Die Integration internationaler Studierender am Arbeitsmarkt ist kein Selbstläufer“, sagte Fincke.

Liberalisierungen richtig aber unzureichend
Bei der Vorstellung erster Ergebnisse der Studie für Deutschland hatte der SVR-Forschungsbereich im November 2011 daher gefordert, u.a. die stark eingeschränkten Arbeitszeiten während der Phase der Jobsuche nach dem Studienabschluss zu lockern. Dies sieht nun der Gesetzentwurf für die Umsetzung der Hochqualifiziertenrichtlinie vor. Zudem sollen Absolventen künftig 18 Monate statt bisher 12 Monate Zeit haben, einen angemessenen Job zu finden. „In Deutschland sind damit die Weichen für eine überfällige Liberalisierung der Regelungen für internationale Hochschulabsolventen gestellt. Der Gesetzentwurf muss schnell verabschiedet werden“, erklärte Fincke. Damit es gelingt, internationale Studierende als hoch qualifizierte Zuwanderer – auch dauerhaft – im Land zu halten, bleibe aber noch einiges zu tun.

So sieht es auch der Bundesverband ausländischer Studierender (BAS). „Wer ausländische Studierende nach dem Studium halten will muss handeln, nicht reden“, so Peixin Xian, Sprecherin des BAS. Die aktuell geplanten rechtlichen Änderungen bezeichnet sie im Gegensatz zur SVR als „völlig unzureichend und Stückwerk“. Xian weiter: „Erschreckend, aber für den BAS leider nicht überraschend, ist auch die Tatsache, dass 39,4 Prozent der Befragten erklärten, sie hätten Vorurteile oder Diskriminierung gegen Ausländer erfahren.“

Immer noch keine Gleichstellung
Johannes Glembek, Geschäftsführer des BAS, ergänzt: „Vor allem ist eine weitestgehende Gleichstellung mit deutschen Hochschulabsolventen notwendig.“ Noch immer seien Praktika oder Volontariate für ausländische Absolventen nicht möglich. Auch dass die Promotion bisher nicht als gleichwertiger Abschluss im Vergleich zum Bachelor oder Master gesehen werden und Absolventen, die „nur“ ihren Doktor in Deutschland gemacht haben, keine gesicherte Möglichkeit zur anschließenden Arbeitssuche haben, sei ein Skandal.

„Ebenfalls müssen die Ausländerbehörden flächendeckend zu Stellen werden, die nicht den Eindruck vermitteln, sie würden einen Aufenthalt verhindern wollen. Immer noch haben viele ausländische Studierende Angst davor, den Gang zur Ausländerbehörde anzutreten. Hier wäre jedoch eine gute Stelle, um über Arbeitsmöglichkeiten und Rechte aufzuklären und zu informieren“, so Glembek abschließend. (etb)

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