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Imageproblem

Keine Geschlechtergerechtigkeit in der „Men’s mosque“

Auf der heute stattfindenden Deutschen Islam Konferenz werden sich die Teilnehmer unter anderem mit „Geschlechtergerechtigkeit“ unter Muslimen beschäftigen. Auch Anja Hilscher sieht das Problem, betrachtet es aber aus einer anderen Perspektive.

VONAnja Hilscher

DATUM19. April 2012

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RESSORTAktuell, Meinung

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„Men’s mosque“. Zu Deutsch:„Männermoschee“. Diese dekorativen Lettern prangten, völlig schamlos und etwa in Schriftgröße 48, auf dem Schild. Gefühlsmäßig ein Pleonasmus. Doppelt gemoppelt also. So etwas wie ein „weißer Schimmel“. Denn praktisch jede Moschee ist ja mehr oder weniger eine „Männermoschee“, heutzutage. Manchmal – gepriesen seien die Architekten für ihre Großherzigkeit! – mit mehr oder weniger winzigen, runtergekommenen Fraueneckchen, die mir oft unversehens Tränen der Dankbarkeit in die Augen treiben. Manchmal aber nicht mal das. Wie eben bei dieser „Männermoschee“ auf dem Flughafen von Maskat.

Oman! Mein erstes „echtes islamisches Land“ – ganz schön cool. Echt aufregend für eine Muslima wie mich, die bis dato nur „unislamische Länder“ gekannt hatte. Solche, wo keiner hungern muss, Gerechtigkeit herrscht und Frauen beten dürfen. Während ich also auf meinen Flug wartete, nahte die Gebetszeit. Ich hätte gerne gebetet. Also machte ich mich auf die Suche nach einer geeigneten Örtlichkeit. Irgendwann stand ich vor einer Tür mit der Aufschrift „Men’s Mosque“. Mein typisch abendländisches, logisch-lineares Denken und völlig unislamischer Gerechtigkeitssinn suggerierten mir, wo eine „Männermoschee“ sei, müsse unfehlbar auch eine „Frauenmoschee“ sein. War aber nicht – ich fand jedenfalls keine.

Mein Blutdruck stieg merklich. Da ich zu Unbeherrschtheit und (wirklich unislamischem) unkontrolliertem Sarkasmus neige, dachte ich: „Lieber mal schnell wegbeten, die bösen Gefühle, bevor ich mir hier gleich mal irgendeinen Unschuldigen zur Brust nehme!“

Kurzerhand ging ich also einfach hinein, in die „Männermoschee“. Ich verrichtete in dem ohnehin leeren Raum mein Gebet zügig in einem Eckchen und verzog mich dann schnell, wobei ich etwas Schüchternheit vortäuschte. Nicht ganz umsonst, denn ich war beobachtet worden. Mit ausgesuchter Höflichkeit wurde ich von einem Flugbegleiter auf mein Vergehen hingewiesen. Ich muss schon sagen: Frau wird von Glaubensbrüdern in der Regel sehr freundlich diskriminiert. Viel freundlicher als in Brandenburg. Nun denn. Durch die Gnade Allahs durfte ich diesen ersten „echt islamischen Flughafen“ jedenfalls bald verlassen. Übrigens gibt’s in Brüssel, wenn ich mich recht erinnere, auf dem Flughafen auch eine Moschee. Eine ziemlich schöne, wo auch Frauen rein dürfen …

Tatsache ist, dass der Islam ein in seinen Ausmaßen nicht zu verachtendes Image-Problem hat, zu dem Muslime selbst fleißig beitragen. Um genau zu sein, ein so dolles, dass man das Wort, wenn es nicht längst existierte, dringend für den Islam erfinden müsste. Das Image des Islam ist, de facto, so hundsmiserabel, dass man einfach stutzig werden muss. „Da stimmt doch was nicht!“ sagt sich jeder, der ein bisschen Gerechtigkeitssinn hat. So schlimm kann das doch unmöglich wirklich sein! Stimmt auch. So schlimm ist er gar nicht, der Islam. Es ist bekanntlich nicht alles Gold, was glänzt. Umgekehrt aber auch nicht.„Die Wahrheit liegt im Staub. Die Menschen sind nur meist zu faul, sich zu bücken!“ hat ein kluger Mensch mal gesagt. Das war schon immer so. Jesus, alaihi salam, kam vor 2000 Jahren ja auch nicht, wie erwartet, mit Trara und himmlischen Heerscharen vom Himmel gefahren. Stattdessen ritt er, ein einfacher Zimmermann, auf einem ziemlich staubigen, kleinen Esel durch den Hintereingang. Und provozierte, was das Zeug hielt. Signifikant lebensverlängernd war es deshalb nicht, Christ zu werden, damals. Und imageträchtig auch nicht. Ungefähr genauso wenig, wie heute Moslem zu sein. Das Prinzip ist immer das Gleiche.

Wissen Sie – es ist eigentlich ganz einfach. Laut Koran hat Allah viele Namen. Gott ist die Wahrheit. Gott ist das Leben. Gott ist die Gerechtigkeit. Der Frieden. Vor allem aber die allumfassende, grenzenlose Barmherzigkeit, die mit Mutterliebe vergleichbar ist. Das sind die allgemein anerkennten Basics des Islam. Ein Islamverständnis, dass mit diesem Gottesbild nicht vereinbar ist, kann man getrosten Herzens in die Tonne treten. Nicht einmal schlimme Fundis werden Sie für diese Behauptung als Ketzer bezeichnen. Man darf nur nicht den Fehler begehen, allzu konkrete Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Konkret werden ist, glaube ich, immer gefährlich. Trotzdem: Jetzt mal ehrlich! Glauben Sie wirklich, unser Gott will, dass Frauen am Beten gehindert werden?? (Bei der Beantwortung dieser Frage dürfen auch Muslime übrigens ruhig Ihr Gewissen zu Rate ziehen. Nur keine falsche Bescheidenheit! Laut Sure 91 existiert das nämlich …)

Imageproblem, das Buch von Anja Hilscher, erscheint am 23. April 2012.

Zwischen tatsächlicher Lehre und real existierendem „Islam“, der großenteils gar keiner ist, klafft mitunter eine riesige Lücke. Wenn der Islam Gerechtigkeit gebietet, und zudem der Prophet Mohammad, saws, seine Anhänger anwies: „Hindert Frauen nicht am Moscheebesuch!“ dann ist es definitiv unislamisch, eine „Männermoschee“ einzurichten und das dann auch noch stolz in fetten Lettern aufs Schild zu schreiben. Komisch irgendwie – in den meisten nichtdeutschen Kulturen ist man doch sonst nicht so direkt. Hätte man sich nicht auf die altbewährte Taktik beschränken können, Frauen durch unterschwellige Demütigungen rauszumobben? „Men’s Mosque“… wirklich echt ein dicker Hund! Manchmal bin ich nicht ganz sicher, ob ich das Schild nicht nur geträumt habe…

Das Image des Islam ist, wie gesagt, komplett ramponiert. Ab und zu machen Muslime den Versuch, es auf die ein oder andere Weise aufzumöbeln. Das dahinter stehende Motiv ist aber möglicherweise nicht immer die schiere Frömmigkeit. Denn kaum gibt man zu, dass man muslimischen Glaubens ist, steckt man ja auch selbst drin, in den hintersten, staubigsten, klebrigsten Ecken der Islam-/Moslemschubladen. Und das ist, kann ich Ihnen sagen, alles andere als ein Spaß. Es gibt zahlreiche geistige Schubladen, in die man als „Moslem“ gesteckt werden kann – düster und schmuddelig sind sie aber alle.

„Moslems“ sind manchmal einfach harmlose Unterschichtler oder sogar Analphabeten, die alltägliche Demütigungen gewohnt sind und klaglos hinnehmen. Bereitwillig haben sie sich ihre Gesundheit als Putzfrau oder am Fließband ruiniert. Da Demut als Tugend gegenwärtig aber eher nicht so hoch im Kurs steht, ist ihr Image trotzdem mies.

„Moslems“ – das sind auch die (oft gebildeten) Hardcores, Islamisten oder sogar gewaltbereiten Fanatiker, die die Rechte und Freiheiten, die ihnen der deutsche Staat bietet, schamlos ausnutzen. Wenn sie selbige nur auf legale Weise einfordern, kann man noch dankbar sein.

Moslems“ – das sind unters Tuch gezwungene Hauptschülerinnen und gewaltaffine, halbwüchsige Versager, die tuchlose Mitschülerinnen terrorisieren. Ihre größte intellektuelle Leistung besteht darin, die „Deutschenfeindlichkeit“ erfunden zu haben.

Und dann gibt es noch die besonders obskure Kategorie der Islamkonvertiten – ein aus zwei Wörtern bestehendes Kompositum, das in keiner Weise dazu angetan ist, Vertrauen einzuflößen. Gemeinhin geht man davon aus, dass die weiblichen unter ihnen, also Islamkonvertitinnen, in der Regel einer besonders intensiven Gehirnwäsche unterzogen wurden.

Das sind die zur Verfügung stehenden Schubladen für uns Muslime – und mir persönlich gefallen die alle nicht. Falls Sie nie drin gesteckt haben, in so einer Schublade, kann ich es Ihnen nur durch einen Vergleich mit den Dickens’schen Beschreibungen schmutzstarrender, finsterer Gassen in einem Londoner Armenviertel veranschaulichen. Gassen, in denen das pure Elend herrscht. Kennen Sie Dickens? Nicht? Falls Sie verstehen wollen, warum wir Muslime (samt unserer Religion) da raus wollen, aus diesen Schublade, rate ich Ihnen: Lesen Sie Dickens!

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